27.05.2015

„Man lenkt Menschen wie eine Schafherde“

Interview mit Gerd Gigerenzer

Mit dem „Nudging“ möchte der Staat seine Bürger in die vermeintlich richtige Richtung schubsen. Aberarum die Grundannahmen der Nudging-Ideologie sind falsch. Wir brauchen Aufklärung statt Paternalismus.

Novo: Herr Professor Gigerenzer, Sie sind Psychologe und arbeiten als Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Sie sind Autor zahlreicher international erfolgreicher Bücher, in denen Sie sich unter anderem mit Themen wie Bauchentscheidungen, Daumenregeln und Risikowahrnehmungen auseinandersetzen. Sie haben sich immer wieder kritisch in die Debatte um das sogenannte Nudging eingemischt. Was stört Sie daran, wenn Menschen hin und wieder mal einen Schubs in die richtige Richtung bekommen?

Gerd Gigerenzer: Ein Schubs in die richtige Richtung kann nie schaden, aber als eine Philosophie des 21. Jahrhunderts, insbesondere als politische Philosophie, taugt Nudging nicht. Erstmal muss man wissen, was Nudging ist. Nudging bedeutet, dass Menschen gesteuert werden – oft mit Mitteln, denen sich die Menschen nicht bewusst sind. Es geht im Gegensatz zu klassischen ökonomischen Theorien um eine Steuerung ohne Anreize – die die Menschen allerdings nicht stärker oder risikokompetenter machen will.

Dabei ist Nudging nichts Neues. Die Marketing- und Werbeindustrie hat uns schon immer genudgt. Aber sollte deshalb auch der Staat solche Methoden anwenden? Selbst wenn eine Regierung nur hehre Ziele verfolgen sollte, so ist die nächste Regierung, die sich der etablierten Nudging-Methoden bedient, vielleicht schon weniger wohlwollend. So oder so werden die Kompetenzen der Menschen nicht gestärkt. Vielmehr sollen sie wie eine Schafherde gelenkt werden – von der Wiege bis zur Bahre. Aber auch die effektivste Regierung wird mit diesem Ansatz nicht gegen die Milliarden Euro ankommen, die die Industrie jährlich einsetzt, um den Leuten z.B. das Rauchen, eine ungesunde Ernährung oder zu viel Alkohol schmackhaft zu machen. Nudging ist eine beunruhigende Fortsetzung der paternalistischen Politik mit anderen Mitteln. Im 21. Jahrhundert sollten wir eine andere Vision vom Menschen haben als die des Paternalismus.

Sie gelten als einer der weltweit profiliertesten wissenschaftlichen Kritiker der verhaltensökonomischen Schule des Wirtschaftsnobelpreisträgers Daniel Kahneman, auf deren Grundlagen sich viele Nudger berufen. Können Sie für den interessierten Laien skizzieren, worin ihr wissenschaftlicher Dissens im Wesentlichen besteht?

Die Kahneman-Schule geht davon aus, dass es für jedes Problem eine rationale, das heißt die richtige oder die beste Antwort gibt und man diese durch Logik oder Wahrscheinlichkeitstheorie erkennen kann. Das ist ein Irrtum. In den meisten Bereichen unserer Welt haben wir es mit Ungewissheit zu tun. Wo man nicht über genug Daten, Fakten und Statistik verfügt, steht auch nicht automatisch die Lösung parat. Bei den Experimenten von Kahneman wird irgendein formales Prinzip als richtig angenommen. Wenn man dann selbst etwas Vernünftiges tut, was diesem Prinzip widerspricht, dann werden nicht die formalen Modelle, sondern der Otto Normalverbraucher kritisiert – weil er es wagte, eine eigene Entscheidung zu treffen, die nicht zu den Modellen passt. Am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung haben wir in vielen Experimenten gezeigt, wie Verhaltensweisen als irrational dargestellt werden, die in der Regel die vernünftigeren sind. Es zeigt sich: Auch Experten können sich täuschen.

„Nudging geht von inkompetenten Personen aus“


Kommen wir nun zu dem Thema Verbraucherschutzpolitik. Gerade in diesem Zusammenhang wird aktuell viel über den sanften Paternalismus gestritten. So hat sich etwa die Große Koalition vom Leitbild des mündigen Verbrauchers verabschiedet und spricht stattdessen lieber von „realen Verbrauchern“. Können Sie erklären, was das mit Nudging zu tun hat?

Nudging geht von folgenden Annahmen aus: Erstens sind Menschen weitgehend risikoinkompetent, können also nicht richtig mit den Risiken umgehen. Zweitens, was noch wichtiger ist: Menschen verfügen nur über wenige Handlungsmöglichkeiten und sind kaum lernfähig. Das wird meistens nicht direkt gesagt, sondern findet sich in den entsprechenden populären Büchern versteckt. Ganz am Anfang zeigt man etwa eine optische Illusion und dann wird suggeriert, dass unser restliches Denken genauso leicht irregeleitet werden kann, wie durch dieses Bild. Eigentlich ist Nudging der Versuch, die angeblich in unseren Denkapparat eingebauten Verzerrungen auszunutzen, um uns dann – immer zu unserem Besten, natürlich – auszutricksen und in eine bestimmte Richtung zu lenken. Es geht von inkompetenten Personen aus. Unsere Experimente hingegen kommen nicht zu dem Ergebnis, dass Menschen per se so risikoinkompetent sind. Und wenn es doch der Fall ist, hängt es im Wesentlichen mit anderen Faktoren zusammen. So lernen wir in der Schule etwa immer noch nicht, statistisch zu denken. Unsere Kinder lernen im Mathematikunterricht zwar, was für schöne Systeme Geometrie, Algebra und Trigonometrie sind, aber sie sind nicht so nützlich für unser Leben wie statistisches Denken.

Das, was die Bundesregierung seit neustem als „realen Verbraucher“ beschreibt, ist das ein Verbraucher im Sinne der Kahneman-Schule der Verhaltensökonomie?

Das ist zumindest das Menschenbild des Nudgings. Dem kann man etwas entgegensetzen: Schon in der ersten Klasse sollten junge Menschen verbraucherkompetent erzogen werden, also Dinge wie Kochen lernen und auch verstehen, wie die Werbung sie zu manipulieren versucht. Mit früher Verbraucherbildung kann man etwas ändern. Nudging sucht dagegen das Problem im Gehirn des Durchschnittsbürgers. Viele von uns werden allerdings durch Werbung oder andere Interessen von außen beeinflusst. Hier kann auf der einen Seite die Vision eines mündigen Bürgers zu geeigneten Gegenmaßnahmen führen oder auf der anderen Seite manchmal Gesetze.

„Verbraucherschutz sollte weitgehend Verbraucherbildung sein“


Sie wurden vor kurzem in den, von der Bundesregierung gegründeten, Sachverständigenrat für Verbraucherfragen berufen. Können Sie unseren Lesern beschreiben, was die Aufgabe des Rates ist und wie die anderen Ratsmitglieder zum Thema Nudging stehen?

Die Aufgabe des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen besteht in der wissenschaftlichen Beratung der Regierung und der Unterstützung bei politischen Entscheidungen. Wir treffen keine Entscheidungen, sondern versuchen, Analysen für bestimmte Themen zu liefern. Das Thema Nudging ist bis jetzt noch nicht aufgetreten. Ich halte es für vernünftig, dass die Politik zumindest wissen sollte, was die Wissenschaft weiß. Die Politik hat viele Gründe für ihre Entscheidungen, aber zumindest kann sie informiert entscheiden.

Der Sachverständigenrat soll sich auch für die Idee des evidenzbasierten Verbraucherschutzes stark machen. Dagegen lässt sich einwenden, dass die gewählten Repräsentanten die Öffentlichkeit mit Hilfe von Parteiprogrammen, Werten, etc., von ihrem Weg überzeugen sollten und nicht externe Wissenschaftler, die mit ihrer Evidenz Fakten schaffen. Wie stehen Sie zu der Idee evidenzbasierter Politik, unter dem Gesichtspunkt einer Demokratie, wie Sie sich die Menschen im Zeitalter der Aufklärung vorgestellt haben?

Ich bin für evidenzbasierte Politik. Aber Politiker können sich nicht nur nach der Evidenz richten. Sie bekommen Druck von vielen Seiten. Am Ende spiegelt sich auch die Mündigkeit der Bürger in den Entscheidungen der Politiker wieder. Ich denke, Verbraucherschutz sollte weitgehend Verbraucherbildung sein. Bildung ist der beste Schutz. Auf dem Weg zum kompetenten Bürger müssen wir selbst aktiv werden. Nudging hilft hier nicht viel weiter.

Nehmen wir ein Beispiel aus dem Gesundheitssektor, einem der größten Märkte in Deutschland. Die Bürger sind bei vielen Fragen über Jahre hinweg irreführend informiert worden. Es gibt z.B. viele Ärzte, die Maßnahmen ohne erwiesenen Nutzen dafür aber mit erwiesener Schädlichkeit anbieten. Leider wissen das viele Patienten nicht, obwohl es die Informationen dazu gibt. Ein Beispiel: Ein großer Anteil aller Gynäkologen, man schätzt zehn bis 20 Prozent, bietet Frauen sogenannte IGEL-Leistungen an. Dabei handelt es sich um Gesundheitsleistungen, die der Patient selbst bezahlen muss, weil die Krankenkassen dafür nicht zahlen – aus gutem Grund. Dazu gehört ganz prominent eine Ultraschalluntersuchung für die Eierstockkrebs-Früherkennung. Eine große wissenschaftliche Studie hierzu zeigt, dass die Untersuchung die Sterblichkeitsrate nicht senkt, aber durch ungenaue Tests sehr vielen Menschen schadet. Von 100 Frauen, die ein verdächtiges Ergebnis bekommen, hat nur eine auch wirklich Eierstockkrebs, 99 sind falscher Alarm.

Die meisten Verbraucher wissen das nicht. Auch die meisten Ärzte, die diese Maßnahmen propagieren, wissen das nicht. Wir haben ein massives Bildungsproblem. Im Ergebnis werden nach den vorliegenden Studien von diesen 99 Frauen, bei denen gar kein Krebs vorhanden ist, etwa 33 Frauen die Eierstöcke herausgenommen. Erst dann lässt nämlich sich feststellen, ob es sich tatsächlich um Krebs handelt. Hier gibt es entweder die falschen Anreize für die Ärzte, oder es geht um Unwissen, auch Mangel an Bildung, auf der Seite der Gynäkologen. Was können wir in solchen Situationen tun? Sollten die Frauen „genudgt“ werden? Nein, sie müssen aufgeklärt werden, um nicht jedem Ratschlag blind folgeleisten zu müssen, sondern selbst Verantwortung zu übernehmen und mitentscheiden zu können.

„Wir brauchen auch den Mut, um entschlossen durch offene Türen zu gehen“


Das Nudging ist weltweit auf dem Vormarsch. Vorreiter ist ausgerechnet die angelsächsische Welt, mit ihrer ausgeprägten liberalen und aufklärerischen Tradition. Sie haben jahrelang selbst in den USA gelebt. Haben Sie Erklärungen oder zumindest Vermutungen, wieso der sanfte Paternalismus dort seinen Siegeszug antreten konnte? Was können wir für unsere hiesigen Verhältnisse daraus lernen?

Der wohl wichtigste Grund, warum Nudging aus den USA kommt, liegt darin, dass in den USA viele Menschen glauben, dass das öffentliche Bildungssystem gescheitert ist. Es gibt viele Amerikaner, die nicht richtig lesen und auch nicht richtig schreiben können. In so einer Situation erscheint der Paternalismus à la Nudging als eine naheliegende Idee. In Deutschland haben wir eine andere Situation. Unser Bildungssystem ist viel homogener. Wir haben zwar hierzulande eine paternalistische Tradition, aber gerade deshalb auch die Chance, Vorreiter für eine andere Entwicklung zu sein. Wir sollten das Ideal des starken, mündigen und informierten Bürgers anstreben, der sich nicht verängstigen lässt, sondern sich selbst informiert und selbst Verantwortung tragen möchte.

An einer Stelle Ihres Buches, Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft, schreiben Sie von der positiven Freiheit als eigentliche Herausforderung in heutigen demokratischen Gesellschaften. Können Sie das noch etwas genauer erklären?

Man sagt oft, uns würden heute viel mehr Türen offenstehen als früher. Und das ist richtig. Wir haben heute in Deutschland sehr viele Möglichkeiten. Für viele Menschen aus armen Verhältnissen, die vor hundert Jahren noch kaum eine Chance auf Aufstieg hatten, besteht heute diese Möglichkeit. Die Lebenserwartung ist größer, es gibt weniger Kindersterblichkeit und wir haben vor allem mehr Wahlmöglichkeiten. Das sind die Optionen der Freiheit. Positive Freiheit ist aber mehr als freier Zugang. Wir brauchen auch den Mut, um entschlossen durch diese offenen Türen zu gehen. Das heißt, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, Entscheidung selbst zu tragen und nicht die Tür zu wählen, in die jeder andere reingeht. Unsere Demokratie hat uns viele Türen geöffnet und das sollten wir schätzen. Aber durchgehen müssen wir selbst. Das ist die große Herausforderung.

„Ein bisschen mehr Courage, ein bisschen mehr Verantwortung und ein bisschen mehr Nachdenken“


Thema Risikokompetenz. Das ist ein ganz zentraler Begriff Ihrer Arbeit. Was ist das und wie kann sie dabei helfen, den paternalistischen Zeitgeist zurückzudrängen?

Risikokompetenz heißt ganz allgemein, dass wir informiert und entspannt mit Risiken umgehen, im positiven und im negativen Sinne. Risiken können Chancen, aber auch unnötig sein. Einer der größten Killer ist immer noch das Zigarettenrauchen. Warum rauchen junge Menschen Zigaretten? Nicht, weil es schmeckt. Am Anfang schmeckt das niemandem. Man raucht, weil die anderen rauchen, weil man dabei sein möchte. An dieser Stelle ist eine gewisse Kompetenz vonnöten, um zu verstehen, warum man Dinge tut, die keinen Nutzen haben. Oder warum man Angst vor Dingen hat, die einen nicht, oder wahrscheinlich nicht, umbringen.

Ich habe in verschiedenen Ländern gelebt. Jede Kultur fürchtet sich vor anderen Dingen. Aus der Sicht der Amerikaner hat der Durchschnittsdeutsche irrationale Ängste – etwa vor gentechnisch verändertem Mais. Auf der anderen Seite ist es aus der amerikanischen Sicht völlig aberwitzig, wie die Deutschen zu Weihnachten Wachskerzen an ihren Weihnachtsbäumen anbringen können. Ich bin mit einer Amerikanerin verheiratet. Als wir in Chicago lebten und einen Weihnachtsbaum mit Wachskerzen schmückten, haben meine Freunde mich wegen der Brandgefahr für völlig unverantwortlich erklärt. Zur selben Zeit hat mir ein befreundeter Vater sein Weihnachtsgeschenk für seinen 16-jährigen Sohn gezeigt. Unter seinem feuersicheren, elektrisch beleuchteten Weihnachtsbaum lag ein Winchester-Gewehr. Furcht basiert meist nicht auf eigener Erfahrung, sondern auf der Furcht der anderen. Hier wäre Risikokompetenz ebenfalls von Vorteil.

Sie setzen sehr stark auf individuelle Bildung, Informationsvermittlung an den Bürger und die Selbstaufklärung des Bürgers. Reicht das tatsächlich aus, um den hier angesprochenen paternalistischen Zeitgeist wirksam zurückzudrängen oder ist nicht auch politisches Engagement der Bürger erforderlich? Brauchen wir nicht eigentlich sogar einen tiefgreifenden kulturellen Wandel?

Wenn ich nicht informiert bin, dann fürchte ich mich vor den Dingen, wovor sich die anderen fürchten. Unsere emotionale Welt hängt eng mit unserem Bildungsstand zusammen. Es hilft aber auch nichts, dass man nur etwas weiß, sondern man braucht auch Mut dazu, entsprechend zu handeln. Kant hat es in seinem wunderschönen Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was die Aufklärung?“ mit zwei Worten auf den Punkt gebracht: „Sapere aude!“ – habe den Mut, zu Wissen. Mut allein reicht nicht aus, Wissen allein auch nicht. Man braucht beides zusammen. Und das ist auch meine Vision für eine Aufklärung. Sie ist nicht einfach Kognition oder Wissen. Etwas zu wissen und es öffentlich auszusprechen, ist mit Angst verbunden und man braucht dafür Mut. Wenn man keine Angst hat, kann man keinen Mut haben.

Unser emotionales Leben ist zum Teil auch durch systematische Desinformation geprägt. Die Naivität vieler Deutschen im Umgang mit dem Geld vor der letzten Finanzkrise ist ein Beispiel dafür. Damals dachten viele, die Bankberater wollen nur unser Bestes. Dabei bekommt jeder Bankberater alle paar Wochen gesagt, was er zu verkaufen hat. An diesen Produkten verdienen in erster Linie die Banken, nicht die Kunden. Als die Menschen das herausfanden, entstand bei vielen ein Vertrauensbruch. Hier zeigt sich, wie eng Wissen, Vertrauen und Emotion zusammenhängen. Wenn man die Situation eines Bankberaters versteht, wird einem klar, dass man selbst mitdenken muss und die Verantwortung nicht einfach an jemand anderen delegieren kann. Aber Verantwortung macht Angst. Wie Kant meinte: Wir brauchen sowohl Wissen als auch Mut. Damit wären wir auf dem richtigen Weg zur Aufklärung. Ein bisschen mehr Courage, ein bisschen mehr Verantwortung und ein bisschen mehr Nachdenken.