16.06.2016

Lassen Sie Afrika in Ruhe!

Kommentar von Gilbert Arap Bor

Titelbild

Foto: Richard Nyberg, USAID (Wikimedia Commons)

In einem offenen Brief an das Europäische Parlament übt ein kenianischer Landwirt Kritik an der EU-Haltung zur Gentechnik.

Im Jahre 1885 trafen sich die europäischen Großmächte in Berlin, um Afrika unter sich aufzuteilen. Sie starteten damit eine düstere Epoche der kolonialen Ausbeutung.

Heute versammeln sich die europäischen Gesetzgeber in Brüssel, um meinen Erdteil erneut zu unterjochen. Diesmal um uns dazu zu zwingen, wissenschaftlichen Innovationen abzuschwören, die die Landwirtschaft weltweit revolutioniert haben.

Die neue Offensive kommt aus dem Ausschuss für Entwicklung des Europäischen Parlaments. Ein dort vorgelegter Entschließungsentwurf „fordert die G8-Staaten nachdrücklich auf, keine GVO-Kulturen in Afrika zu unterstützen“. Er erhielt nur wenig Aufmerksamkeit in der Presse und wurde am 7. Juni angenommen. 1

Als kenianischer Landwirt, der sich täglich damit abmüht, Lebensmittel in einem armen Land anzubauen, habe ich eine kurze Botschaft an die wohlgenährten Politiker, die diese neo-kolonialistische Maßnahme unterstützen: Lassen Sie Afrika in Ruhe!

„Was wir nicht brauchen, sind Lektionen von Europäern, deren Lebensstil für gewöhnliche Afrikaner luxuriös wirkt.“

Ihre Feindschaft gegen gentechnisch veränderte Organismen (GVOs) hat uns schon um eine Generation zurückgeworfen. Unternehmen Sie keine weiteren Schritte, eine neue Generation auszubremsen, indem sie die afrikanischen Regierungen dazu überreden, auf wichtige Pflanzenzuchttechnologien zu verzichten, die für viele Landwirte anderswo selbstverständlich sind.

Hier in Kenia kämpfen unzählige Menschen mit dem Problem der Ernährungssicherung. Sie wissen nicht, wie sie ihre nächste Mahlzeit erwerben können. Ich sehe das jeden Tag. Hier leben 46 Millionen Menschen, die Bevölkerungswachstumsrate ist hoch und urbares Land wird verstädtert – unsere Herausforderungen werden wohl erst größer, bevor es besser wird.

GVOs können eine positive Rolle spielen. Wir könnten mehr Nahrungsmittel auf weniger Land auf ökonomisch und ökologisch nachhaltige Weise anbauen. Landwirte wie ich brauchen Zugang zu landwirtschaftlicher Biotechnologie. Anstatt den Afrikanern vorzuschreiben, auf die Wissenschaft zu verzichten, sollten die Europäer darauf hören, was ihre eigenen Wissenschaftler sagen: die Europäische Kommission und die Weltgesundheitsbehörde (WHO) bestätigen die Sicherheit der GVOs. Genauso wie die Nationale Akademie der Wissenschaften, die führende wissenschaftliche Beratergruppe der USA. Sie veröffentlichte vor kurzem eine umfassende Studie, welche GVO befürwortet.

Wenn das Europäische Parlament Afrika helfen will, dann sollte es unter den Gesetzgebern und den Bürgern weniger entwickelter Länder wissenschaftliche Kenntnisse verbreiten, damit wir bei der Produktion von Bedarfsgütern unabhängig werden, besonders bei denen, die den afrikanischen Landwirten dabei helfen, die Nahrungsversorgung zu sichern.

Was wir nicht brauchen, sind Lektionen von Europäern, deren Lebensstil auf gewöhnliche Afrikaner luxuriös wirkt. Sie wollen, dass unsere Landwirtschaft primitiv bleibt, mit Technologien die bereits vor Beginn des 21. Jahrhunderts veraltet waren.

„Das Letzte was wir brauchen, ist eine Bande reicher Staaten, die unseren Fortschritt missbilligen“

Nur eine Handvoll afrikanischer Länder haben GVOs akzeptiert, darunter Burkina Faso, Sudan und Südafrika. Dabei könnten wir in den nächsten Jahren einen Boom erwarten.

Kenia ist bereit für GVOs. Wir verfügen über das notwendige Regelwerk, das von der Nationalen Biosicherheitsbehörde koordiniert wird. Die ersten Feldversuche mit genmanipuliertem Mais sind im Gange und weitere mit Baumwolle werden bald beginnen. Noch können wir GVOs weder anbauen, vermarkten oder einführen, aber wir sind kurz davor, diese Beschränkungen aufzuheben. Sind sie erst einmal weg, kann sich mein Land über eine neue Waffe im Kampf gegen den Hunger freuen.

Das Letzte was wir brauchen, ist eine Bande reicher Staaten, die unseren Fortschritt missbilligen, ohne unsere schwierige Situation zu verstehen. Wenn es Afrika nicht gelingt, moderne Anbaumethoden einzusetzen, dann erwartet meinen Erdteil ein Desaster. Wir werden weder das Potenzial der grünen Revolution noch das der gentechnischen Revolution ausschöpfen können. Die Landwirte werden mehr und mehr Herbizide und Pestizide verwenden und dabei unsere Einnahmen senken und die Biodiversität gefährden. Die Kosten für die Pflanzenproduktion werden steigen und somit auch die Lebensmittelpreise. Mehr Menschen werden hungern.

Dies ist die schlechte Zukunft, auf die wir uns nach dem Entwurf des Europäischen Parlaments einstellen sollen.

Zum Glück der Beschluss nicht bindend. Das Europäische Parlament kann keinem Mitglied der G8 seine Politik aufzwingen. Zumindest nicht Kanada und den Vereinigten Staaten, die ihn mit Sicherheit umfänglich ablehnen werden. Doch darum geht es nicht. Afrika ist daran gewöhnt, von Europa politische Führung und wirtschaftliche Chancen zu erwarten. Egal was das Europäische Parlament entscheidet, die Entscheidung wird ein bedeutendes Signal aussenden. 2

Wollen wir hoffen, dass es das Richtige ist.