01.09.2008

Gentechnik lindert Armut

Interview mit Norman Borlaug (†)

Der Friedensnobelpreisträger Norman Borlaug im Gespräch über die Zukunftsfähigkeit der globalen Agrar- und der europäischen Angstpolitik.

Das folgende Interview mit Professor Norman Borlaug stammt aus dem Buch Biokost & Ökokult von Dirk Maxeiner und Michael Miersch. Es dokumentiert eine Art zu denken, die in den westlichen Ländern immer seltener wird: Fortschrittsoptimismus. Während das stetige Lamento über die Globalisierung und die Umwälzungen der Moderne Konservative, Grüne und Teile der Linken vereint, spucken Menschen wie Borlaug in die Hände und fragen, wie man die Welt besser machen kann. Dass es möglich ist, hat dieser Mann zur Genüge bewiesen.
Doch während jedes Schulkind die Namen der Massenmörder des 20. Jahrhunderts lernt, ist der Name Borlaug in Europa so gut wie unbekannt. Und selbst in seiner Heimat, den Vereinigten Staaten, ist er nicht sonderlich prominent. Dabei hat wohl kein Mensch mehr Leben gerettet als Borlaug und seine Mitstreiter in der „Grünen Revolution“. Sie entwickelten in den 50er- und 60er-Jahren bessere Anbaumethoden und neue Getreidesorten für die Bauern der Welt. Seit sie eingeführt wurden, blieben die früher üblichen großen Hungersnöte in Asien aus. Millionen Menschen, die sonst verhungert wären, hatten zu essen. Heute erklärt die UN, dass keine der afrikanischen Hungersnöte jüngerer Zeit an Nahrungsmittelmangel lag, sondern alle durch Kriege oder die politische Entscheidungen unfähiger Regierungen ausgelöst wurden.
Norman Borlaug wurde 1914 geboren und wuchs auf einer kleinen Farm in Iowa auf. Dort besuchte er eine ländliche Volksschule mit einem einzigen Klassenzimmer für alle. Als junger Mann hielt er sich mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser. Ein Studium konnte er sich nur leisten, weil die Universität ihn wegen seiner sportlichen Leistungen unterstützte (er war ein erfolgreicher Ringer). Mithilfe der Rockefeller-Stiftung kam er an ein agrarbotanisches Forschungsinstitut in Mexiko, wo er im Team mit anderen bessere Weizensorten entwickelte. Borlaugs Stärke war es, verschiedene Stränge der Forschung zusammenzuführen, damit anwendbare Ergebnisse für die Bauern dabei herauskommen. Die neuen mexikanischen Hochertragssorten führten in Indien zur Erhöhung der Weizenernte von 12 auf 76 Millionen Tonnen in vier Jahrzehnten, in Pakistan von 4,5 auf 21 Millionen Tonnen. Sie werden heute auf 80 Millionen Hektar weltweit angebaut. Seit den 80er-Jahren engagiert sich Borlaug besonders für die Weiterentwicklung der afrikanischen Landwirtschaft. In der Grünen Gentechnik sieht er die konsequente Weiterführung dessen, was er und seine Kollegen mit der Grünen Revolution begonnen haben.

Dirk Maxeiner & Michael Miersch: Professor Borlaug, Sie sind über 90 Jahre alt und blicken auf ein aktives Leben zurück. Genießen Sie Ihren Ruhestand?

Norman Borlaug: Ich bin kein Rentner. Ich bin immer noch beruflich aktiv, als Professor, als Forschungsleiter und als Vorsitzender einer privaten Organisation, die sich für den Ausbau der Landwirtschaft in Afrika einsetzt.

Sie haben ein Leben lang gegen Hunger und Armut gekämpft. Immer noch steht 850 Millionen Menschen nicht genügend Nahrung zur Verfügung. Ist die Grüne Revolution gescheitert?

1960 waren 40 Prozent der Menschheit unterernährt. Wäre es bei dieser Relation geblieben, hätten heute über zwei Milliarden Menschen nicht genug zu essen. Die Grüne Revolution hat die Produktion innerhalb von 40 Jahren verdreifacht. Dadurch sank der durchschnittliche Preis für Getreide um die Hälfte. Heute sind 17 Prozent der Menschheit unterernährt. Das ist weiterhin eine Schande, insbesondere, weil wir die technischen Möglichkeiten und die finanziellen Mittel haben, diese Plage ganz abzuschaffen.

Was läuft falsch? Warum gibt es immer noch Hunger auf der Welt?

Es fehlt der politische Wille. Viele Führer in armen Staaten ignorieren die Nöte der Landbevölkerung, obwohl ihre Länder ganz überwiegend Agrarländer sind. In den reichen Ländern sinkt der Anteil der Entwicklungshilfe am Inlandsprodukt seit drei Jahrzehnten stetig. In relativen Zahlen gerechnet rangieren die USA auf einem der untersten Plätze bei den OECD-Staaten. Unsere Regierung steckt 20 Milliarden Dollar in die Entwicklungshilfe und 500 Milliarden ins Militär. Das sind 56 Prozent der weltweiten Militärausgaben.

Wer genau hungert heutzutage?

Das UN Millenium Development Project geht von 850 Millionen Hungernden aus. Die Hälfte davon sind Bauern in abgelegenen Gebieten mit schlechten natürlichen Bedingungen. 20 Prozent sind Hirten und Fischer. Ebenfalls ca. 20 Prozent sind landlose Kleinbauern, hauptsächlich in den bevölkerungsreichen Ländern Asiens. Der Rest sind städtische Arme. Also lebt die große Mehrzahl der unterernährten Menschen in irgendeiner Form von Landwirtschaft. Und dennoch haben Regierungen und internationale Organisationen ihre Investitionen in Agrarforschung stetig gekürzt. Auch für Infrastruktur und Agrar-Dienstleistungen wird immer weniger ausgegeben.

Kommt die Globalisierung diesen Ärmsten der Armen zugute?

Das Mantra der Globalisierung und derer, die so verliebt in privatwirtschaftliche Lösungen für alles sind, lautet: Die Märkte werden es richten. Die Märkte können aber nicht alle Probleme lösen. Dringend gebraucht werden auch kluge öffentliche Investitionen in die landwirtschaftliche Wertschöpfungskette. In Äthiopien wohnen zwei Drittel der Bevölkerung mehr als einen halben Tagesmarsch entfernt von einer brauchbaren Straße. Wie können sie am Weltmarkt teilnehmen?

Macht nicht auch das schnelle Bevölkerungswachstum in einigen Ländern die Erfolge zunichte?

Rein technisch ist es möglich, eine Weltbevölkerung von zehn Milliarden zu ernähren. Bevölkerungsexplosionen in Entwicklungsländern verringern die Möglichkeiten von Regierungen, sich um das Notwendigste zu kümmern, um Wasserversorgung, Schulen, Krankenhäuser, Elektrizität. Acht von zehn Babys, die in diese Welt geboren werden, beginnen ihr Leben in Armut. Das, was ich das „Bevölkerungsmonster“ nenne, ist ein ernstes Problem für die menschliche Entwicklung und die Umwelt.

Manche Umweltaktivisten sagen, dass steigender Wohlstand die Situation verschlechtert. Geben Sie ihnen recht?

In den reichen Ländern ging die Umweltverschmutzung zurück. Die großen Umweltschäden von heute passieren in den armen, ländlichen Gegenden der Entwicklungsländer. Dort wird in alarmierendem Ausmaß Wald gerodet, Boden ausgelaugt und Wasser verschmutzt. Analphabetismus ist ein Riesenproblem. Die reichen Länder sollten in die Grundschulen der armen Länder investieren, nicht aus Wohltätigkeit, sondern aus Eigeninteresse.

Die UN hat das Ziel gesetzt, die Zahl der unterernährten Menschen bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Ist das realistisch?

Ja und nein. Technisch ist es möglich, politisch sehr unwahrscheinlich – in einer Welt, die eine Billion Dollar ins Militär pumpt und nur 50 Milliarden in staatliche Entwicklungshilfe.

Was wäre die beste Strategie, dieses Ziel zu erreichen?

Wir müssen in randständige ländliche Gegenden investieren. Besonders dringend werden Straßen, Wassermanagement und Agrarforschung benötigt. Wir brauchen wissenschaftlichen Fortschritt inklusive Biotechnologie. Wir brauchen Regierungen, insbesondere in Afrika, die bereit sind, wenigstens zehn Prozent ihres Haushalts in die Entwicklung ländlicher Räume zu investieren. Wir brauchen OECD-Länder, die wenigstens 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe ausgeben. Und wir brauchen in den Entwicklungsländern Politiker und Staatsbeamte, die gegenüber ihrer Bevölkerung rechenschaftspflichtig sind für das Geld, das ihnen anvertraut wurde.

Wie könnte denn so eine Rechenschaftspflicht erreicht werden?

Entwicklungshilfe sollte viel stärker an Leistungsstandards gekoppelt werden. Wenn Regierungen messbare Fortschritte erreichen, etwa im Hinblick auf die Millennium-Development-Ziele, sollten sie mit mehr Entwicklungshilfe belohnt werden. Das Prüfverfahren, das einige Staatschefs in der New Partnership for African Development (NERPAD) eingeführt haben, ist ein Beispiel für bessere Regierungsarbeit. Demokratische Wahlen sind wichtig, denn dann sind die Regierungen den Wählern gegenüber rechenschaftspflichtig. Mehr ökonomische Freiheit ist auch ein Weg zu mehr Rechenschaft, denn der Markt bestraft und belohnt.

Warum haben Sie sich in den letzten Jahren speziell auf Afrika konzentriert?

Afrikas Landwirtschaft hat ein großes Potenzial, weil es das ganze Jahr über nie richtig kalt ist und an vielen Tagen die Sonne scheint. Die Wasservorräte sind auch erheblich, sie müssten nur besser erschlossen werden. Und es ist noch viel Land vorhanden, das zusätzlich kultiviert werden könnte. Doch das Potenzial Afrikas wird vernachlässigt. So extrem vernachlässigt, dass die Nahrungssicherheit in den vergangenen 30 Jahren abgenommen hat und die Umweltzerstörung zunimmt. In relativen Zahlen gibt es nirgends mehr hungrige Menschen als in Afrika südlich der Sahara (in absoluten Zahlen sind es in Asien mehr). Afrika braucht dringend eine technische Revolution in der Landwirtschaft. Es wird wirtschaftlich nicht bergauf gehen, wenn nicht zuerst die Landwirtschaft in Gang kommt. Die Landbevölkerung leidet unter Krankheiten, Tierseuchen und ausgelaugten Böden. Die Wasservorräte, die Infrastruktur und speziell die Straßen und die Energieversorgung sind furchtbar unterentwickelt. Afrika braucht einen Marshallplan. Wenn es einen bekommen würde, könnte es in 20 Jahren wie verwandelt sein. Die alten Schulden an OECD-Länder und internationale Organisationen sollten erlassen und die Entwicklungshilfe verdoppelt werden. Aber all das wird nicht ausreichen, wenn nicht die afrikanischen Regierungen selbst besser handeln als in der Vergangenheit.

Kommen wir mal vom Thema „Entwicklung“ zum Thema „Umwelt“. Die Grüne Revolution hat zu höheren Erträgen geführt. Aber der Preis waren Monokulturen und der Einsatz von mehr Agrarchemikalien.

Als ich vor 92 Jahren geboren wurde, lebten 1,6 Milliarden Menschen auf der Welt. Nun sind es 6,5 Milliarden, und jedes Jahr kommen 75 Millionen neue Erdenbürger hinzu, die essen wollen. Wir können die Uhr nicht zurückdrehen. Mit der Agrartechnik, die 1950 üblich war und die ziemlich dem Bio-Landbau von heute entspricht, bräuchten wir 1,1 Milliarden Hektar Ackerfläche mehr, um die 2,2 Milliarden Tonnen Getreide zu erzeugen, die 70 Prozent der Welternährung sicherstellen. Durch Wissenschaft und Technik haben wir den Ertrag pro Hektar in 50 Jahren verdreifacht. Durch diesen Erfolg musste das Ackerland in gleichen Zeitraum nur um zehn Prozent ausgeweitet werden. Was wäre mit den Wäldern, den Steppen und den Wildtieren geschehen ohne diesen wissenschaftlichen Fortschritt? Alles wäre unter den Pflug gekommen, um das nötige Getreide zu produzieren.

Wäre Bio-Landbau nicht besser für den Planeten?

Unsinn. Das hieße, dass wir den Nutztierbestand verfünffachen oder versechsfachen müssten, um den notwendigen Dünger zu gewinnen, den wir für die Ackerböden brauchen. Der Pflanze ist es schnurzegal, ob der Stickstoff, den sie braucht, aus dem Sack mit Kunstdünger kommt oder aus dem Kuhstall. Ohne Kunstdünger könnte die Landwirtschaft weltweit nur zweieinhalb bis drei Milliarden Menschen ernähren. Das bedeutet, die Hälfte der Menschheit müsste sterben. Ich frage mich, wo die Freiwilligen dafür herkommen sollen.

Was halten Sie von der Grünen Gentechnik? Es ist doch gegen die Natur, Gene von unterschiedlichen Arten zu kombinieren.

Mutter Natur ist Gentechnikerin. Sie hat nur Jahrtausende und länger gebraucht, um die Kreuzungen durchzuführen. Es ist nichts Unnatürliches dabei, wenn man Gene zwischen taxonomischen Gruppen bewegt. Nach zehn Jahren kommerziellem Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen gibt es keinen nachgewiesenen Schadensfall, der durch diese Technologie hervorgerufen wurde. Das ist ein erstaunlicher Sicherheitsrekord, speziell für eine neue Technologie. Stellen sie sich vor, in den ersten zehn Jahren der Fliegerei hätte es keine Unfälle gegeben. Das Problem ist, dass die Reichen und Verwöhnten eine Null-Risiko-Gesellschaft wollen. Aber es gibt kein Null-Risiko in der biologischen Welt. Wir sollten aufhören, so überängstlich zu sein.

Aber es sind doch hauptsächlich die großen Agro-Konzerne, die von der Gentechnik profitieren, weil die Bauern die patentierten Samen immer wieder neu kaufen müssen.

Nein. Wir hätten nicht 102 Millionen Hektar Ackerland mit gentechnisch veränderten Pflanzen auf der Welt, wenn die Bauern keinen Vorteil davon hätten. Ich mache mir aber auch Sorgen über die mögliche Konzentration von Besitzrechten an Pflanzensorten in den Händen relativ weniger Firmen. Wir brauchen mehr gemeinnützige Forschung, damit dies nicht so kommt.

Wie beurteilen Sie das Restrisiko, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel sich doch als gesundheitsschädlich herausstellen?

Möglich ist alles. Ist es wahrscheinlich? Nein.

Einige der neuen Sorten enthalten ein Bakterien-Gen, das sie vor Schadinsekten schützt. Das wird vermutlich zur der Entwicklung von Insekten führen, die gegen das Bakterium resistent sind. Was halten Sie von dieser Gefahr?

Natürlich werden immer sinnvolle Regelsysteme und Wissenschaft gebraucht. Bisher wurde das auch erreicht. Die natürlichen Feinde unserer Nutzpflanzen unterliegen der Evolution. Das ist eine Grundbedingung der Pflanzenzucht, egal ob mit Gentechnik oder ohne. Wenn man nicht schneller ist als sie, bekommen sie die Oberhand. Es gibt immer die Möglichkeit, das Insekten und Krankheitskeime sich verändern und die Pflanze erneut angreifen. Folglich sind neue Genkombinationen und die Erweiterung des genetischen Spektrums wichtige Instrumente eines dauerhaften Pflanzenschutzes. Bei den besagten Pflanzen mit den eingebauten Eigenschaften des BT-Bakteriums wurden mehrere Gene aufeinander ‚gestapelt‘, sodass die Widerstandskraft der Pflanze erheblich zunahm. Weitere neue Kombinationen der BT-Gene werden in Zukunft notwendig sein, um die mutierenden Insekten in Schach zu halten. Außerdem ist es wichtig, dass zwischen den Feldern auch weiterhin Flächen mit den alten Pflanzensorten angebaut werden, damit kein evolutionärer Druck auf die Schadinsekten entsteht, bessere „Waffen“ zu entwickeln.

Was werden die nächsten Entwicklungen der Grünen Gentechnik sein?

Die nächste Generation von gentechnisch veränderten Pflanzen wird verbesserte Nährstoffgehalte haben, etwa weniger Cholesterin, mehr Mineralstoffe und Vitamine. Diese Pflanzen stehen kurz vor der kommerziellen Anwendung. Dann folgen solche, die besser mit klimatischem Stress klarkommen. Das heißt konkret: Verträglichkeit gegenüber Hitze, Kälte, Salzböden und Dürren. Diese Sorten sind noch etwa zehn Jahre von der kommerziellen Anwendbarkeit entfernt.

Und welche Eigenschaften werden aus Ihrer Sicht am dringendsten gebraucht?

Die Funktionen, die ich eben genannt habe, wie Dürreresistenz, werden dringend gebraucht. Entwicklungsländer benötigen solche verbesserten Sorten, damit der jährliche Ernteertrag verlässlicher wird. Sorten, die trotz agroklimatischer Stressbedingungen die Nährstoffe des Bodens besser aufnehmen, würden die Notwendigkeit des Düngens reduzieren. Wenn es gelingt, solche Pflanzen zu entwickeln, wäre das ein Riesendurchbruch und sicherlich ein großer Erfolg. Beständigkeit gegen Dürre, Hitze und Salzböden würde in erster Linie den Kleinbauern zugute kommen, die unter schlechten Bedingungen arbeiten müssen und heute am stärksten von Mangelernährung betroffen sind. Verbesserte Nährstoffeigenschaften haben auch ein hohes Potenzial, aber die Verbraucher in den reichen Ländern werden sie teilweise ablehnen.

Können Sie erklären, warum viele Westeuropäer so ängstlich gegenüber der Grünen Gentechnik sind, und die Amerikaner die Sache viel cooler nehmen?

Im Jahr 2000 habe ich an einem europäisch-amerikanischen Biotechnology Consultative Forum mitgearbeitet, das von Präsident Clinton und Herrn Prodi, dem damaligen Präsidenten der Europäischen Kommission, ernannt worden war. Es sollte das ganze Spektrum von Themen untersuchen, die dazu geführt haben, dass auf beiden Seiten des Atlantiks so unterschiedlich über Grüne Gentechnik gedacht wird. Es gab in dem Gremium Meinungsverschiedenheiten über Regeln und Gesetze und die Notwendigkeit einer Kennzeichnungspflicht. Aber die meisten der 20 Experten aus Europa und Amerika waren sich einig, dass die Grüne Gentechnik zu bedeutenden Fortschritten im 21. Jahrhundert führen würde. Die angesehensten Akademien Nordamerikas und Europas, inklusive des Vatikan, haben erklärt, dass sie die Grüne Gentechnik begrüßen, weil dadurch die Verfügbarkeit und Qualität von Nahrungsmitteln verbessert wird.

Das sind die Wissenschaftler, aber im Rest der europäischen Gesellschaft sind die Vorbehalte doch erheblich.

Es gab schon immer Menschen, die sich gegen den Fortschritt stellten. Überraschend ist allerdings die Heftigkeit einiger Reaktionen, z.B. das Zerstören von Feldern. Das hat mich verwundert, wo doch gerade die Grüne Gentechnik viele Umweltvorteile bringt, zum Beispiel, dass weniger Pestizide eingesetzt werden müssen. Grüne Gentechnik ist keine Hexerei, sondern Pflanzenzucht auf molekularer Ebene. Es ist eine fortschrittliche Methode, um die Kräfte der Natur zum Wohl der menschlichen Ernährung zu nutzen. Die Idee, diese neue Technik zu unterdrücken, bis endgültig bewiesen ist, dass sie vollkommen harmlos ist, ist unrealistisch und nicht klug.

Verstehen Sie die ablehnende Haltung vieler Europäer?

Ich finde die heftige Reaktion vieler Europäer schwer verständlich. Vielleicht liegt es teilweise daran, dass man fürchtet, multinationale Konzerne könnten über Patente Herr über das Getreide werden. Teilweise wurden die Proteste auch von Leuten angeheizt, die den Kapitalismus grundsätzlich ablehnen. Eine generelle Fortschrittsfeindlichkeit spielt sicherlich auch eine Rolle. Reiche Gesellschaften können sich den Luxus leisten, eine Null-Risiko-Mentalität gegenüber dem Fortschritt zu entwickeln, selbst, wenn es sich später als Unsinn herausstellt. Aber die große Mehrheit der Menschen kann sich das nicht leisten und mit Sicherheit nicht die hungrigen Opfer von Kriegen, Naturkatastrophen und Wirtschaftskrisen. Die Debatte um Grüne Gentechnik ist aus meiner Sicht eine Debatte der Reichen auf Kosten der Armen.

Was könnte die Europäer überzeugen, dass Grüne Gentechnik keine sonderliche Gefahr darstellt?

Der unnötige Kampf gegen die Grüne Gentechnik in Europa und anderswo hätte vielleicht vermieden werden können, wenn mehr Menschen besseren Biologieunterricht gehabt hätten. Es gibt eine große Bildungslücke, eine wachsende und beunruhigende Ignoranz gegenüber den Zusammenhängen und Problemen der Landwirtschaft und der Lebensmittelerzeugung. Dieser Bildungsmangel sollte unverzüglich behoben werden.

Sie haben mal geschrieben: „Eine der größten Bedrohungen der Menschheit ist, dass die Welt von einer alles durchdringenden, aber gut getarnten Bürokratie erstickt wird.“ Sehen Sie das immer noch so?

Ja. Bürokratien in Wissenschaft, Verwaltung und Politik verhindern und erschweren Neuerungen und Fortschritt. Sie sind heimtückisch und ruinieren letzten Endes die meisten Organisationen. Nach einiger Zeit sind die Kosten einer Reform zu hoch. Dann muss man ihnen seitlich ausweichen und neue Institutionen gründen.