20.03.2017

Landwirtschaft ist der Kampf des Menschen gegen die Natur

Kommentar von Willi Kremer-Schillings

Titelbild

Foto: Kasia Koziatek via Freestock / CC0

Ein Landwirt erklärt, wie sich der Mensch die Natur nutzbar machte, um immer mehr Nahrung aus ihr zu gewinnen.

„Jetzt ist er wohl ganz übergeschnappt“, werden Sie wohl sagen, wenn Sie die Überschrift lesen. Will er sich denn jetzt alle zu Feinden machen? Der Satz ist nicht von mir, sondern war der erste Satz, den mein Professor im Pflanzenbaustudium im ersten Semester in der ersten Vorlesung sagte. Damals, als junger Student, habe ich genau so reagiert wie Sie.
Hinweis: Immer, wenn ein Eingriff in die Natur erfolgte, setze ich dieses Zeichen: *

Ackerbau

Als Arminius in der Schlacht am Teutoburger Wald die römische Armee besiegte, war fast ganz Germanien von Wald bedeckt. Unsere Vorfahren haben dann begonnen, den Wald zu roden*, haben mit dem Holz ihre Häuser gebaut und mit Holz geheizt*. Dann haben sie Äcker angelegt*. Da haben sie aber nicht alles wild wachsen lassen, sondern nur eine Kultur angebaut*. Die Getreide, die angebaut wurden, waren Einkorn, Emmer, Dinkel. Sie haben schnell erkannt, dass einzelne Ähren mehr Körner gebracht haben und haben diese verwahrt, um sie im nächsten Jahr wieder auszusäen. Sie haben selektiert*.

Dann haben sie angefangen, Pflanzen zu entwickeln, die noch besser wuchsen. Sie haben die Pflanzen gekreuzt* und so die Gen-Zusammensetzung nach ihren Zielen verändert* Daraus wurde der heutige Weizen. Dann haben sie Wildpflanzen gesammelt* und auch diese selektiert* und züchterisch bearbeitet*. Aus Knöterich wurde Buchweizen (Ja, Buchweizen ist kein Getreide!). Weil sie feststellten, dass manche Pflanzen unter verschiedenen Umweltbedingungen besser wuchsen, entwickelten sie angepasste Sorten*. So begann die Züchtung, die Veränderung von Genen nach unseren Vorstellungen.

Tierhaltung

Jetzt wurde unseren Vorfahren die Handarbeit auf dem Feld zu mühselig. Im Wald liefen aber Auerochsen, die sie bisher gejagt hatten*. Die haben sie mit Futter in ihre Dörfer gelockt, ihnen Weiden angelegt* und abends in ihre Ställe gesperrt*, um sie vor Wölfen und Bären zu schützen. Dann haben sie die Ochsen vor ein Gerät gespannt, das den Boden tiefer lockern konnte als die alte Handhacke und haben gepflügt*. Als die Kühe Kälber bekamen, haben sie ein Teil der Milch selber getrunken* oder Käse daraus gemacht*. Den hatten sie jetzt als Vorrat für den Winter.

„So entstand die Massentierhaltung“

Mit den Vögeln, die im Wald lebten, haben sie es genauso gemacht: Sie haben sie mit Futter ins Dorf gelockt und ihnen einen Teil der Eier weggenommen*, um sie selber zu essen. Dann haben sie mehr Kühe und mehr Hühner gehalten*, um die Milch und die Eier mit ihren Nachbarn, die keine Kühe und keine Hühner hatten, zu tauschen. So entstand die Massentierhaltung.

Düngung

Bald merkten unsere Vorfahren, dass auf dem Acker, auf dem sie ihr Getreide und ihren Buchweizen anbauten, nach ein paar Jahren immer weniger wuchs. Sie stellten fest, dass die Weiden aber saftig und grün blieben, weil die Kühe dort etwas fallen ließen. Das, was bei der Kuh hinten herauskam, haben sie dann eingesammelt und auf ihre Äcker gebracht*. Auch die Asche von ihren Feuern haben sie dort verstreut*. Jetzt wuchs es besser. Dann hat sich jemand die Mühe gemacht, Kalksteine klein zu reiben und den Kalkstaub auch auf dem Acker verstreut*. Weil da noch andere Nährstoffe drin waren, wuchs es noch besser. Der Kunstdünger (Mineraldünger) war erfunden!

Pflanzenschutz

Die nächsten Jahrhunderte hat man das geerntet, was man anbaute, sofern Wetter, Schädlinge und Krankheiten einem nicht einen Strich durch die Rechnung machten. Um die wachsende Bevölkerung zu ernähren, begann man mit dem Anbau der Kartoffel*, einer Pflanze aus Südamerika. Kartoffeln waren bald das „Futter für die Masse“. Hier trat ein schwerwiegendes Problem mit weitreichenden Folgen zwischen den Jahren 1845 und 1852 auf. Die Krautfäule und Knollenfäule vernichtete in diesem Zeitraum gleich mehrere Ernten; die Knollen faulten und konnten nicht mehr gelagert werden. Infolge der Hungersnot starben eine Million Menschen, zwei Millionen wanderten aus.

„In Ländern der Dritten Welt vernichten immer noch Rost-Epidemien große Teile der Ernte“

Schließlich entdeckte man, dass Kupfer eine Wirkung auf den Pilz hat, der diese Krankheit auslöst. So spritzte man Kupfer* und bekam die Krankheit einigermaßen in den Griff. Kupfer gehört zu den Schwermetallen und reichert sich folglich im Boden an. Ist ja ein Metall! Deshalb waren die Landwirte froh, als weitere, wirksame Pilzbekämpfungsmittel* (Fungizide) entwickelt wurden, die sich zudem noch abbauen.

Noch heute spielen für Mensch und Tier giftige Pilze wie Fusarium und Mutterkorn eine große Rolle, gegen die man bis heute noch kein wirklich wirksames Mittel gefunden hat. In Ländern der Dritten Welt vernichten immer noch Rost-Epidemien (Rost ist auch ein Pilz!) große Teile der Ernte, obwohl es wirksame Mittel dagegen gäbe. Auch Blattläuse und andere Insekten lassen es sich an den Nutzpflanzen gut gehen. Besonders extrem sind Heuschreckenplagen, die zwar in unseren Breiten keine Rolle mehr spielen, aber anderen Bauern stark zusetzen. Hier gilt im Prinzip das gleiche: Es gibt wirksame Insektizide* (Mittel gegen Insekten), die nur dann eingesetzt werden, wenn diese Biester auch auftreten. Und es gibt Herbizide* (Mittel gegen die Pflanzen, die man nicht auf dem Acker haben möchte = Unkräuter = Ackerbegleitflora). Oder will mir einer von euch beim Unkrauthacken helfen? Für all diese Produkte hat man im englischen Sprachgebrauch einen Begriff: Pesticides. Dieses Wort stammt aus dem Lateinischen (pestis, caedere) und bedeutet übersetzt: Seuchen vertreiben. Und das ist doch eigentlich was Gutes, oder?

Was ich sagen wollte: Mein Professor hatte so Unrecht nicht! Und irgendwie stimmt doch die Überschrift, oder?