29.06.2017

Konstruierte Panik um Stickstoffdünger

Analyse von Georg Keckl

Titelbild

Foto: Michael Trolove via Geograph / CC BY-SA 2.0

Statt auf technologischen Erfolgen in der Stickstoffeffizienz aufzubauen, übt sich das Umweltministerium in Panikmache und unrealistischen Planvorgaben.

Das Bundesumweltministerium lieferte vor kurzem ein recht fragwürdiges Bild seines Demokratieverständnisses. Am 31. Mai wurde der von ihm verfasste „Bericht der Bundesregierung zum Stickstoffeintrag in die Biosphäre“ im Bundestag debattiert. Dort kritisierte der Abgeordnete Oliver Krischer (Grüne) das Ministerium: „Wir haben gestern in Ihrem Haus nachgefragt, hätten gern diesen Bericht bekommen, damit man ihn vorher lesen kann. Das war nicht möglich. Insofern ist es ein bisschen lächerlich, das hier zum Thema einer Regierungsbefragung zu machen.“

Interessanter an dem Bericht ist aber ohnehin, was nicht mehr drinsteht: die geplante „Stickstoffminderungs-Strategie“ – in anderen Worten eine Strategie zur Reduzierung sämtlicher Stickstoffemissionen in die Luft und das Wasser, also der Emissionen durch jeden Düngereinsatz und aus Ställen in der Landwirtschaft, durch Motoren, Heizungen, Kraftwerke, Industrieprozesse u.a. Um hier überall Verminderungen zu erreichen, waren Planzielvorgaben für andere Ministerien vorgesehen. Dazu erklärte später der Pressechef des Ministeriums, Nikolai Fichtner, vor der Bundespressekonferenz: „Wir haben das im Ressortkreis nicht durchsetzen können und haben stattdessen diesen Bericht als einen ersten Schritt heute im Kabinett verabschiedet. Der erste Schritt muss aber nicht der letzte Schritt zu dem Thema gewesen sein.“ Diesen Satz kann man als Drohung verstehen.

Eine „Strategie“ mit konkreten Minderungszielen für alle Ressorts hatte auch die Umweltministerin mehrmals im Parlament als die Aufgabe einer neuen Bundesregierung herausgestellt. Tatsächlich liefert der Stickstoff-Bericht der Bundesregierung mit übertriebenem Skandalisierungspotential und einseitig ausgewählten Beispielen ein Horrorszenario, das wohl zur Stützung der Planziele aus dem Bundesumweltministerium dient. Ein Veto-Recht für Kabinettsbeschlüsse besitzt bis jetzt nur der Finanzminister, nämlich den Finanzierungsvorbehalt. Soll das Umweltministerium ein Umwelt-Veto- und Planzielvorbehaltsrecht bekommen?

„Die Hälfte der Menschheit verdankt ihre Nahrungsversorgung den Mehrerträgen durch die Stickstoffdüngung.“

Das Bundesumweltministerium ist überzeugt, dass eine ökologische Verhaltenswende der Gesamtgesellschaft, also aller Menschen, nötig ist, um die Welt vor einer Öko-Apokalypse zu retten. Das will man aber nicht durch Vorschläge und Argumente erreichen, sondern durch Kampagnen nach NGO-Art mit extremen Zuspitzungen und Ausblendung aller störenden Fakten. Die Lesart des Ministeriums zu dieser Desinformations-Strategie lautet „Aufklärung und Information vorantreiben“. – „Dabei stelle die Komplexität der Thematik eine besondere Herausforderung dar. Notwendig sei eine Konzentration auf eindeutige Botschaften, welche die unmittelbare Betroffenheit des Einzelnen, insbesondere bei den Kernthemen Wasser und Luft, betonten“.

Verträgliche Grenzwerte?

Stickstoff dient hier als Angst-Popanz. Da die moderne Landwirtschaft ohne den Einsatz von Stickstoffdünger schwer vorstellbar ist, richtet sich die Kampagne im Kern gegen die Art und Weise, wie in Industriegesellschaften Nahrung produziert wird. Denn naturwissenschaftlich betrachtet, taugt Stickstoff nicht zur Dämonisierung.

Stickstoff ist das zentrale Element für die Bildung von Eiweiß. Unsere Luft besteht zu 78 Prozent aus Stickstoff, der ist aber für das Pflanzenwachstum nicht zu gebrauchen. Es gibt wenige Bakterien, die den Luftstickstoff für ihren Eiweißaufbau nutzen können. Sterben sie ab, werden Pflanzen auf natürliche Art gedüngt – sie kommen über die Fäulnis an diese Stickstoffverbinden. Vor der Erfindung des Haber-Bosch-Verfahrens 1913 zur Herstellung von Kunstdünger war Stickstoff immer das klassische „Minimumelement“, welches das Pflanzenwachstum und damit die landwirtschaftlichen Erträge begrenzte – es sollte z.B. durch Importe von mineralisiertem (Chile-Salpeter) oder trockenem Vogelkot (Guano) als Dünger ausgeglichen werden.

War der erste „Stickstoff-Kunstdünger“ noch teuer, lohnte sich insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg der Einsatz über höhere Erträge immer mehr. Die anfängliche Düngung nach der Methode „viel hilft viel“ wurde mit der Zeit durch effizientere Methoden abgelöst, die hohe Erträge mit einem Minimum an Düngung erreichen. Der Stickstoff im Boden wandelt sich in verschiedene Stickstoffarten um. Bei den Umwandlungsprozessen gibt es Stickstoffverbindungen, die in die Luft ausgasen, und das wasserlösliche Nitrat-Salz, was u.a. auch ins Grundwasser gezogen wird. Allerdings wird das Nitrat im Boden und in Flusssedimenten unter Luftmangel auch wieder bakteriell zu Luftstickstoff zersetzt. Nitrat ist auch ein Nahrungsbestandteil für Menschen, insbesondere in Gemüse. Beim Stickstoff gilt wie bei so vielen Elementen: Die Dosis macht das Gift.

Selbst das Umweltbundesamt bestätigt, dass aktuell die Hälfte der Menschheit ihre Nahrungsversorgung den Mehrerträgen durch die Stickstoffdüngung verdankt. Vom Ministerium wird dieses Argument ebenso wie alle bisher erreichten Erfolge bei der Steigerung der Stickstoffeffizienz und der Minderung von Stickstoffverlusten an Luft und Wasser klein geredet; die „Gefahren“ durch Stickstoff werden dagegen maßlos übertrieben. Die Bundesumweltministerin erklärte vor dem Bundestag: „Unser Ziel ist es, die Emissionen reaktiven Stickstoffs in allen Umweltmedien auf ein verträgliches Maß zu reduzieren.“ Dürfen dieses Maß dann die Eiferer und Kampagnenmacher festlegen?

Abbildung 1: Stickstoffemissionen nach Quellenkategorie (Quelle: Umweltbundesamt)

Wie einseitig der Stickstoffbericht argumentiert, zeigt dieser Satz: „Erhöhte Stickstoffemissionen wirken sich negativ aus in den Bereichen Wasserwirtschaft, Trinkwasserversorgung, Forst- und Landwirtschaft, Naturschutz, Erholung und Tourismus, Gesundheitssystem etc. und beeinflussen die Menschen, insbesondere Kleinkinder (wegen Trinkwasserqualität) oder die Stadtbevölkerung (aufgrund der Luftqualität).“ Die Behauptung, das durch die Stickstoffdüngung entstandene Nitrat im Grundwasser bedrohe Kleinkinder, hat die Substanz von Brunnenvergifter-Verleumdungen im Mittelalter. Es gibt diese Gefahr in Deutschland nicht, es gab sie selbst vor 1987 nicht, als der Grenzwert für Nitrat im Trinkwasser noch bei 90 mg/l lag, fast doppelt so hoch wie heute, und viele Hausbrunnen weit höhere Werte hatten. Die dokumentierten 15 Fälle von „Blausucht“ – Sauerstoffmangel im Blut, der durch erhöhte Nitrat- und Nitrit-Konzentrationen in Lebensmitteln verursacht wird – bei Kindern in der Bundesrepublik seit 1949 entstanden durch falsch behandelte, nämlich wiederaufgewärmte Gemüsebreie.

„Der Bericht der Bundesregierung ist ein Sieg des industriefeindlichen und fortschrittsfeindlichen Öko-Zeitgeistes.“

Die Landwirtschaft und der Wald profitieren vom Stickstoff durch besseres Wachstum. Mit Stickstoff gibt es eindeutig mehr Grün auf der Welt als ohne Stickstoff. Die Umwelt hat durch die höhere CO2-Bindung über mehr Pflanzenmassen auch einen Vorteil. Wären Stickstoffgase so schädlich wie behauptet, hätte es nie Ställe und Landwirte, die darin arbeiten, gegeben, denn in den alten Ställen blühte der Salpeter von den Wänden. So ammoniakgeschwängert war die Luft, dass die Landesherren Lizenzen für die „Salpeterer“ vergaben, die das auskristallisierte Salz von den Wänden kratzen und an die hoheitlichen Schwarzpulverwerke verkaufen durften.

Der Bericht der Bundesregierung über den Stickstoffeintrag in die Biosphäre ist ein Sieg des industriefeindlichen und fortschrittsfeindlichen Öko-Zeitgeistes, der sich unter anderem aus der Reformbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts speist. Heilen kann man das nicht, nur die Zusammenhänge erklären; vielleicht hat es dann die Kampagne nicht so leicht beim medialen Durchmarsch.

Besorgniserregend in diesem Zusammenhang ist die Rolle des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU). Unter den sieben Mitgliedern des SRU ist kein einziges mit Sachverstand für Fragen der Welternährung, die Fach-Ökoscheuklappen sind hochgezogen. So fungiert der SRU in diesem Fall zwar offiziell als wissenschaftliche Zulieferabteilung des Umweltministeriums, letztlich aber nur als Claqueur für die Kampagne. Das Umweltministerium setzt darauf, dass die fachliche Beschränkung des „Sachverständigenrates“ unentdeckt bleibt und die festgelegten Grenzwerte nicht hinterfragt werden. Einmal mehr wird Öko-Ideologie über Vernunft gestellt.

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