01.09.2003

Eine Agrarwende zum Guten?

Essay von Reimar von Alvensleben

Agrarökonomen haben die Agrarpolitik meistens kritisch begleitet. Auch die neue, so genannte Agrarwende löst viele der alten Probleme nicht. Sie wird vielmehr zu neuen führen. Eine Kritik von Reimar von Alvensleben.

Der alten Agrarpolitik hat man nicht zu Unrecht vorgeworfen, sie sei Klientelpolitik. Aber auch die neue Agrarpolitik ist Klientelpolitik, nur hat die Klientel gewechselt: sie ist jetzt im Umfeld der Umwelt- und Tierschutzverbände zu verorten. Zugleich sind die alten Klientelen (speziell deren Interessenverbände) von Freunden zu Feinden erklärt worden, denen mitunter mafiose Strukturen unterstellt werden. Wer in dieser Weise Feindbilder aufbaut, muss damit rechnen, selbst zum Feindbild zu werden. Die neue Agrarpolitik hat zu starken Polarisierungen geführt. Fruchtbare Dialoge zwischen Landwirtschaft und Naturschutz sind abgebrochen worden. Die „Agrarwende“ hat demzufolge große Akzeptanzprobleme in der Landwirtschaft.

„Die Formel Klasse statt Masse ist irreführend, denn sie impliziert die Forderung, die deutsche Landwirtschaft solle sich nicht durch Kostenführerschaft, sondern durch Qualitätsführerschaft im internationalen Wettbewerb behaupten. Eine solche Strategie ist unrealistisch.“

Hierzu hat die Verwendung von unbestimmten Kampfbegriffen beigetragen, die zwar medienwirksam, zugleich aber diffus und undifferenziert sind. Dazu zählen „Klasse statt Masse“, „Agrarfabriken“, „industrielle Landwirtschaft“, „Massentierhaltung“, „Öko- versus konventionelle Landwirtschaft“ und „Preisdumping“. Solche Begriffe sollten aus dem Vokabular einer seriösen Auseinandersetzung mit der Agrarpolitik gestrichen werden. Nicht Schwarz-Weiß-Gemälde, sondern einzig differenzierte Analysen auf der Basis klarer Begriffe können den komplexen Zusammenhängen der Agrarpolitik gerecht werden.

Klasse statt Masse?

Die Formel Klasse statt Masse ist irreführend, denn sie impliziert die Forderung, die deutsche Landwirtschaft solle sich nicht durch Kostenführerschaft, sondern durch Qualitätsführerschaft im internationalen Wettbewerb behaupten – insbesondere durch den Ausbau der bisherigen Nischenmärkte (Ökoprodukte, regionale Produkte, besonders tierfreundlich erzeugte Produkte). In diesem Zusammenhang wird ein Paradigmenwechsel in der Ernährungswirtschaft gefordert – weg vom Denken in Produktionsmengen und -kosten, hin zu Qualitätsfragen und Wertschöpfung im ländlichen Raum (Verbraucherschutzministerin Renate Künast im September 2001). Eine solche Strategie ist unrealistisch. Das Marktpotenzial für diese Nischen beträgt insgesamt etwa 10 bis 15 Prozent. Eine Agrarpolitik, die ausschließlich auf diese Sektoren setzt, vernachlässigt folglich 85 bis 90 Prozent der deutschen Landwirtschaft sowie das Problem ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Die deutsche Landwirtschaft muss sich nicht nur im Qualitätswettbewerb, sondern größtenteils vor allem auch im Kostenwettbewerb behaupten. Hierbei ist die Gewährleistung einer guten Standardqualität eine Selbstverständlichkeit.

Steuerung von Umwelt- und Tierschutzstandards über den Markt?

Die neue Agrarpolitik hat den Verbrauchern eine zentrale Rolle zugedacht: Die angestrebte Neuausrichtung der Lebensmittelerzeugung zu umwelt- und tierfreundlicheren Produktionsweisen sollte in erster Linie über die Marktkräfte – von der Ladentheke her – erfolgen. Damit verlässt sich die Politik auf ein sehr ungenaues Instrument zur Sicherstellung der angestrebten Produktionsweisen. Umwelt- und tiergerechte Produktionsmethoden gehören zu der Kategorie der Vertrauenseigenschaften, die der Konsument nicht selbst am Produkt erkennen kann. In solchen Fällen führt der Marktmechanismus nur dann zu befriedigenden Ergebnissen, wenn die Verbraucherwahrnehmung der Eigenschaften unverzerrt ist (zur Problematik vgl. T. Becker, 2001; C.H. Henning, 2002). Wahrnehmungsverzerrungen sind jedoch, wie die Ergebnisse empirischer Analysen zeigen, bei der Beurteilung der Prozesseigenschaften von Lebensmitteln zum Teil sehr verbreitet. Hieran wird auch mehr Information und erweitere Kennzeichnungen der Produkte nicht viel ändern. Auch Politiker unterliegen solchen Wahrnehmungsverzerrungen. Deshalb sollten wissenschaftliche Erkenntnisse bei den politischen Entscheidungen über Umwelt- und Tierschutzstandards ein größeres Gewicht erhalten als bisher.

„Umweltverträglichkeit ist weniger eine Folge der Wirtschaftsweise, der Intensitätsstufe, der Flächenproduktivität, der Betriebsgröße oder der Betriebsform, sondern vorrangig der Managementqualität.“

Ökologische Effizienz der Agrarumweltpolitik

In der Agrarumweltpolitik ist dem Kriterium der „ökologischen Effizienz“ mehr Gewicht beizumessen. Wie erreicht man die angestrebten Umweltziele zu den geringsten Kosten? Die neue Agrarpolitik setzt in der Agrarumweltpolitik vor allem auf die Ausweitung des ökologischen Landbaus. Bei der Festlegung der 21 Nachhaltigkeitskriterien für eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie wurde vom Bundeskabinett entgegen dem Vorschlag des Rates für Nachhaltige Entwicklung der Anteil des ökologischen Landbaus als zentraler Indikator für die Nachhaltigkeit der Landwirtschaft festgesetzt. Die Regierung ignoriert damit die Erkenntnisse wissenschaftlicher Analysen, wonach entgegen weit verbreiteter Meinungen, Umweltverträglichkeit weniger eine Folge der Wirtschaftsweise, der Intensitätsstufe, der Flächenproduktivität, der Betriebsgröße oder der Betriebsform, sondern vorrangig der Managementqualität ist (Breitschuh/Eckert, 2002). Das heißt: Mehr oder weniger umweltverträgliche Produktion gibt es sowohl im Ökolandbau als auch in der übrigen Landwirtschaft. Der ökologische Landbau ist zweifellos ein sehr umweltfreundliches Verfahren, aber er ist möglicherweise ein relativ teurer Weg zur Erreichung von Umweltzielen. Die Anbaurichtlinien des ökologischen Landbaus wurden niemals daraufhin überprüft, ob sie die Umweltziele auf effiziente Weise erreichen. Es gibt Landbaumethoden, die nachhaltiger als der Ökolandbau sind. Diese zu entwickeln und zu fördern, ist das zentrale Problem der Agrarumweltpolitik. Dass in der Landwirtschaft zur Zeit noch nicht mehr Umweltleistungen erbracht werden, liegt nicht an den fehlenden technischen Möglichkeiten, sondern an den fehlenden Anreizen. Ökologische Leistungen werden bisher kaum honoriert. Würden entsprechende Anreizsysteme verbessert, so könnten sich Landbausysteme entwickeln, die eine höhere ökologische Effizienz besitzen und damit nachhaltiger sind als der ökologische Landbau.

Tiergerechte Erzeugung

Die Veränderung der gesellschaftlichen Wertvorstellungen über unseren Umgang mit Tieren erfordert eine Anpassung der Tierschutzstandards und der Haltungsmethoden in der Landwirtschaft. Auch die wissenschaftlichen Fortschritte in der Nutztierethologie weisen in diese Richtung. Bedauerlicherweise wird aber die gesellschaftliche Diskussion oft durch eine Kuscheltierperspektive und durch eine Vermenschlichung der Tiere geprägt sowie von Vereinfachungen und Schwarz-Weiß-Bildern nach dem Motto: Freilandhaltung ist gut, Stallhaltung schlecht; Extensivhaltung ist gut, Intensivhaltung schlecht; kleine Bestände sind gut, große Bestände („Massentierhaltung“) sind schlecht. Das Problem ist indessen viel komplexer. Es gibt zahlreiche Indikatoren, mit denen man das Tierwohl messen kann. Dabei sind Abwägungen zwischen verschiedenen Indikatoren vorzunehmen, da diese bei unterschiedlichen Haltungsverfahren unterschiedliche Ausprägungen haben. Weiterhin gibt es in einigen Fällen Konflikte zwischen Tierschutzzielen und Umweltzielen. Von der Agrarpolitik ist zu erwarten, dass sie bei der Festlegung von Tierschutzstandards die Komplexität des Problems berücksichtigt, sich stärker auf die Ergebnisse wissenschaftlicher Analysen stützt und sich für eine differenziertere Betrachtung des Problems einsetzt.

„Wenn die Wahrnehmung von Risiken durch die Politik verzerrt wird, dann besteht auch die Tendenz zu verzerrten politischen Entscheidungen bei Problemen des Verbraucherschutzes.“

Nahrungsmittelsicherheit

Die neue Verbraucherpolitik hat der Verbesserung der Nahrungsmittelsicherheit höchste Priorität eingeräumt. Die Verunsicherung vieler Verbraucher steht allerdings im Gegensatz zur Auffassung der meisten Experten, die feststellen, dass die Sicherheit und die Sicherheitsstandards unserer Lebensmittel noch nie so hoch waren wie in der Gegenwart. Die Verunsicherung vieler Verbraucher kann folglich nicht auf objektivierbaren Fakten beruhen, sondern vielmehr auf subjektiven Wahrnehmungen vermeintlicher Risiken (v. Alvensleben/Kafka,1999). Diese populäre Wahrnehmung unterliegt Verzerrungen, die bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgen (Rohrmann, 1995). Experten bewerten allein die Wahrscheinlichkeiten des Eintritts eines Schadens und das Schadensausmaß. Dagegen gehen in die Risikowahrnehmung von Laien (so die empirischen Forschungsergebnisse der Risikopsychologie) einige weitere Risikomerkmale ein, z.B. die Risikoquelle (bekannt oder unbekannt, anthropogen oder natürlich), die Exposition (freiwillig oder unfreiwillig übernommen), die Schadensart (Schrecklichkeit, persönliche Betroffenheit) und das Risikomanagement (Kontrollierbarkeit). Dadurch kann es zu einer systematischen Über- und Unterschätzung von Risiken kommen. Zum Beispiel besteht bei freiwillig eingegangenen Risiken eine erheblich höhere Risikobereitschaft als bei unfreiwilligen, zugemuteten Risiken. Risiken, die mit dem Verzehr von Lebensmitteln zusammenhängen, sind in der Regel unfreiwillige, unbekannte, anthropogene und mitunter auch schwer kontrollierbare und schreckliche Risiken (z.B. BSE). Diese Merkmale lassen eine tendenzielle Überschätzung von Lebensmittelrisiken durch den Verbraucher erwarten. So konnten wir in empirischen Untersuchungen feststellen, dass BSE von vielen Verbrauchern für gefährlicher gehalten wird als das Rauchen (140.000 Tote/Jahr) oder Schweinepest für gefährlicher als der Straßenverkehr. Tendenziell werden Risiken, die durch das eigene Konsumverhalten entstehen (z.B. Rauchen oder falsche Ernährung) unterschätzt und Risiken, die durch Umweltkontaminanten, Tierkrankheiten oder neue Technologien verursacht werden, überschätzt. Dies gilt insbesondere für die Gruppe der verunsicherten Konsumenten, die zur Klientel der neuen Verbraucherpolitik gehören (v. Alvensleben/Kafka, 1999). Dieser Klientel wurde im Zuge der „Agrarwende“ versprochen: „Nahrungsmittelsicherheit ist unteilbar“, d.h., es wird den Verbrauchern die Möglichkeit risikoloser Produkten suggeriert. Ein „Null-Risiko“ bei Nahrungsmitteln und anderen Produkten hat es aber nicht gegeben und wird es nie geben. Die Sicherheitsstandards, die wir uns leisten, unterliegen immer Abwägungsentscheidungen zwischen verschiedenen Zielen. Wenn aber die Wahrnehmung von Risiken durch die Politik verzerrt wird, dann besteht auch die Tendenz zu verzerrten politischen Entscheidungen bei Problemen des Verbraucherschutzes.

„Der Verzicht auf die Vorteile der interregionalen Arbeitsteilung führt zu einem erhöhten Ressourcenverbrauch. Die Förderung regionaler Kreisläufe könnte somit das Gegenteil von dem bewirken, was man beabsichtigt.“

Produkte aus der Region

Soll man die Regionalvermarktung besonders fördern? Aus der Sicht der geförderten Region und der geförderten Betriebe lautet die Antwort sicherlich: Ja. Aus volkswirtschaftlicher und ökologischer Sicht sind allerdings Zweifel angebracht (Pfister, 1998; Schmitz, 2000). In der Regel wird argumentiert, dass die Förderung regionaler Kreisläufe wegen der Minderung der Transportentfernungen zu einer Entlastung der Umwelt führt. Hierfür gibt es allerdings keine Belege. Im Gegenteil: Es mehren sich die Studien, die zu einem gegenteiligen Ergebnis führen (Höper u.a., 2000; Schlich/Fleissner, 2000; Koebler, 2001). In größeren überregional absetzenden Verarbeitungsbetrieben werden die höheren Transportkosten durch die Degression der Verarbeitungskosten (und Umweltverbräuche) zumeist überkompensiert. Der Verzicht auf die Vorteile der interregionalen Arbeitsteilung führt zu einem erhöhten Ressourcenverbrauch. Die Förderung regionaler Kreisläufe könnte somit das Gegenteil von dem bewirken, was man beabsichtigt. Der Verbrauch regionaler Produkte befriedigt in erster Linie emotionale Bedürfnisse (v. Alvensleben, 2000), ist jedoch im Hinblick auf das Ziel der Nachhaltigkeit eher kritisch zu bewerten. Die derzeitigen Förderprogramme könnten zu einem Subventionswettlauf der Regionen mit zweifelhaften volkswirtschaftlichen und ökologischen Effekten führen. Beim Verbraucher wird die Illusion geweckt bzw. gefördert, er handele mit dem Kauf dieser Produkte besonders umweltgerecht. Die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Kauf der an sich sympathischen Produkte aus der Region zu einer Ersatzhandlung wird, die zwar das Gewissen beruhigt, aber von den eigentlichen Problemen eines nachhaltigen Konsums eher ablenkt (v. Alvensleben, 1999).

Entkopplung der Preisausgleichsprämien

Im Zuge der McSharry-Reform (1992) wurden die Stützpreise für die grandes cultures (Getreide, Ölsaaten) und Rindfleisch schrittweise abgesenkt und die daraus resultierenden Einkommensverluste der Landwirtschaft durch produktionsgebundene Preis-Ausgleichs-Prämien kompensiert. Der EU-Ministerrat hat jetzt auf Vorschlag der EU-Kommission eine Entkopplung der Prämien von der Produktion beschlossen. Eine solche Maßnahme, die auch von der Bundesregierung unterstützt wurde, findet die Zustimmung von sehr vielen Agrarökonomen, da sie die volkswirtschaftlichen Kosten der Agrarproduktion und die Überproduktion vermindert, ohne einen direkten negativen Einfluss auf die Agrareinkommen zu haben. Allerdings werden bei dieser Einschätzung die Auswirkungen auf die landwirtschaftlichen Boden- und Pachtmärkte zu wenig beachtet (kurzfristige Entwertung von Flächen, zahlreiche Härtefälle, Rechtsunsicherheit über Pachtverträge und Rechtsstreitigkeiten, erhöhte Planungsunsicherheit bei Kauf oder Pacht). Zugleich entsteht eine neue Kategorie von „Sofabauern“, die Prämien erhalten, ohne dafür einen landwirtschaftlichen Betrieb führen zu müssen. Da möglicherweise nur eine Teilentkopplung erfolgen und außerdem noch eine Grünlandprämie eingeführt werden soll, ergäben sich zusätzliche Verwaltungsprobleme.

Grünlandprämie

Die geplante Einführung der Grünlandprämie würde die Wettbewerbsfähigkeit der Grünlandnutzung im Vergleich zum Ackerfutterbau, u.a. zum Silomaisanbau, stärken. Die Folge könnte eine Verringerung des Silomaisanbaus und eine verstärkte Grasnutzung sein. Die zu erwartenden ökologischen Wirkungen sind sehr komplex und keineswegs so eindeutig, wie gemeinhin angenommen wird (Heissenhuber/Kantelhardt, 1997; Taube, 2003). Untersuchungen zur ökologischen Effizienz wären auch hier angebracht. Auf einen weiteren Aspekt ist in diesem Zusammenhang hinzuweisen: Die Grünlandprämie (die nicht entkoppelt sein dürfte, damit sie den gewünschten Lenkungseffekt hat) würde zu einer Erhöhung der Preise und Pachten für Grünland führen und damit nicht nur die Steigerung der speziellen Intensität der Grünlandnutzung fördern, sondern auch Wiedervernässungsprojekte auf Niedermoorstandorten verteuern und erschweren. Auch würde der Anreiz zur Erhöhung der Entwässerungsintensität steigen. Vor Einführung einer Grünlandprämie sollten also noch genauere Untersuchungen über ihre ökologischen Folgewirkungen und über ihre ökologische Effizienz angestellt werden.

Modulation

Bereits 1996 hat der Wissenschaftliche Beirat beim damaligen Bundeslandwirtschaftsministerium empfohlen, die so genannte zweite Säule der Agrarpolitik auf Kosten der ersten Säule auszubauen, um dadurch die steigende Nachfrage der Gesellschaft nach Umweltleistungen der Landwirtschaft zu finanzieren. Bei der Allokation von Naturschutzflächen sollten vermehrt dezentrale Anreizsysteme und marktwirtschaftliche Steuerungselemente eingesetzt werden, wobei eine möglichst weitgehende Kongruenz von politischer und finanzieller Verantwortung der politischen Entscheidungsträger herzustellen wäre. Die Rahmenbedingungen für die landwirtschaftliche Flächennutzung seien so zu gestalten, dass sie sich an die natürliche Standortorientierung, wie sie sich unter den Bedingungen eines unverzerrten Marktes ergeben würde, anpassen kann. Das bedeutete: Keine Behinderung des Rückgangs von Regionsintensitäten auf ertragsschwachen Standorten und der Zunahme spezieller Intensitäten an Gunststandorten, soweit keine umweltpolitische Vorgaben verletzt würden. Das Ergebnis wären vielfältige Landschaftsstrukturen mit kleinräumig stark variierenden Nutzungsintensitäten. Eine „Verödung“ ganzer Landschaften wäre nicht zu erwarten. Vor dem Hintergrund der aktuellen Beschlüsse über die Erhöhung der Modulationsmittel und über den Ausbau der Agrarumweltprogramme sollte die Realisierbarkeit dieser Vorschläge erneut geprüft werden.

Größendegression der Prämien

Obwohl der EU-Ministerrat dem Vorschlag der EU-Kommission, eine Größendegression für die Preisausgleichszahlungen einzuführen, nicht gefolgt ist, wird eine solche Größendegression weiterhin diskutiert. Dies wird vor allem mit den Kostenvorteilen größerer Betriebe begründet. Eine solche Begründung stellt einen Paradigmenwechsel dar. Prämienzahlungen sollen also nicht nur Einkommensverluste, die durch einen Politikwechsel verursacht wurden, kompensieren, sondern Kostenunterschiede zwischen den Betrieben ausgleichen. Die Ursachen für Kostenunterschiede in der Landwirtschaft sind vielfältig. Hierzu zählen vor allem die Managementqualität, der Standort, der Zuschnitt und die Größe der Felder. Die Betriebsgröße ist nur einer von vielen Kostenfaktoren. Wenn man tatsächlich anstrebt, durch staatliche Transferzahlungen Kostenunterschiede auszugleichen, dann müsste man die jetzigen regionalen Unterschiede der Prämien umkehren: Brandenburg, das bisher die niedrigsten Prämien hat, müsste die höchsten Prämien bekommen, während Schleswig-Holstein wegen des hohen Ertragsniveaus die niedrigsten Prämien erhalten müsste. Abgesehen davon, dass ein solches Ausgleichssystem im EU-weiten Maßstab nicht vorstellbar wäre, würde es den Grundsätzen des Vertrages von Rom widersprechen, nach denen die Bildung des Gemeinsamen Marktes eine Wanderung der Produktion zum besten Wirt bzw. Standort ermöglichen sollte. Eine Betriebsgrößendegression der Prämien lässt sich auch nicht mit verteilungspolitischen Argumenten (d.h. mit „sozialer Gerechtigkeit“) rechtfertigen, da es keinen engen Zusammenhang zwischen der Einkommenshöhe und der Betriebsgröße gibt. Soweit es in der Landwirtschaft hohe Einkommen gibt, unterliegen sie der gleichen Steuerprogression wie die Einkommen anderer Steuerzahler. Die geplante Betriebsgrößendegression der Prämien hemmt dagegen den strukturellen Wandel, führt zu kostenträchtigen Ausweichmaßnahmen der Betroffenen (z.B. durch formale Betriebsteilungen) und schwächt damit die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft. Die ernsthafte Erwägung einer solchen Prämiendegression ist Ausdruck der Ziel- und Konzeptionslosigkeit der alten wie der neuen Agrarpolitik: Die Entwicklung einer wettbewerbsfähigen Landwirtschaft soll gleichzeitig gehemmt und gefördert werden.

„Das Problem der Landwirtschaft ist nicht, dass sie zu wenig, sondern dass sie zu viele Arbeitskräfte beschäftigt.“

Bindung der Prämien an den Arbeitskräfteeinsatz

Das gleiche gilt für die Absicht, die Prämienzahlung an den Arbeitskräfteeinsatz zu koppeln. Sie bedeutet eine Finanzierung und Förderung versteckter Arbeitslosigkeit in der Landwirtschaft. Abgesehen davon, dass es schwierig ist, für die Förderung des Einsatzes von mithelfenden Familienarbeitskräften eine geeignete Bemessungsgrundlage zu finden, dürfte es zu einer wundersamen Vermehrung von Arbeitskräften in der Landwirtschaft auf dem Papier kommen. Das Problem der Landwirtschaft ist nicht, dass sie zu wenig, sondern dass sie zu viele Arbeitskräfte beschäftigt. Der Erhalt bzw. die Schaffung von Arbeitsplätzen ist längerfristig nur dann sinnvoll, wenn es sich um wettbewerbsfähige Arbeitsplätze handelt, die ohne staatliche Subventionen auskommen. Ein hohes Lohnniveau ist auf Dauer nur zu halten, wenn es mit einer entsprechend hohen Arbeitsproduktivität korrespondiert. Das gilt auch für die Landwirtschaft.

Zukunftsvision

Längerfristig ist eine Landwirtschaft anzustreben, die erstens bei der Erzeugung von marktfähigen Gütern im internationalen Wettbewerb ohne staatliche Subventionen auskommt, die zweitens für die Bereitstellung von nicht marktfähigen, knappen öffentlichen Gütern (z.B. Umweltleistungen) angemessen durch die öffentlichen Hände honoriert wird (wobei die Agrarumweltpolitik dafür sorgt, dass die angestrebten Umweltziele effizient erreicht werden), die drittens tierische Produkte mit Tierschutzstandards erzeugt, die auf wissenschaftlicher Grundlage festgelegt werden und demzufolge breite gesellschaftliche Akzeptanz finden, und in der viertens Sicherheitsstandards festgelegt werden, die sich auf objektivierbare Fakten stützen, statt populistischen Verzerrungen zu unterliegen.
Die Verwirklichung dieser Vision erfordert einen längeren Anpassungszeitraum, in dem die im Agrarsektor Tätigen die Möglichkeit haben, sich den zukünftigen Rahmenbedingungen anzupassen. Ein längerer Anpassungszeitraum ist auch deshalb zu fordern, weil die derzeitigen Agrarstrukturen das Ergebnis von über 120 Jahren Agrarpolitik sind, in der bei dem Bestreben, die sozialen Probleme des strukturellen Wandels zu mildern, die Entwicklung wettbewerbsfähiger Betriebe und Produktionsstrukturen immer wieder gehemmt wurde. Eine Politik, die den notwendigen weiteren strukturellen Wandel und damit die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft hemmen will, löst – ähnlich wie die alte Agrarpolitik – die Probleme von heute auf Kosten der Gesellschaft von morgen.