11.09.2026

Keine Hilfe für Afrika?

Von Isaac Jones

Titelbild

Foto: diaznash via Pixabay / CC0

Nach vielen Jahrzehnten westlicher Entwicklungshilfe für Subsahara-Afrika zeigen sich Grenzen und Nachteile dieser Politik. Abhängigkeiten werden geschaffen, Probleme nicht gelöst.

Vor kurzem besuchte ich an einem Sonntag einen Gottesdienst in einer alten Kirche in Mitteldeutschland. Die Bänke waren vielleicht zu einem Viertel besetzt, überwiegend von älteren Menschen. Am Ende sprach der Pastor über eine Spendenaktion zur Unterstützung von Menschen in Tansania. Als ich den Aufruf hörte, fragte ich mich: Warum sollte diese scheinbar sterbende Kirche Menschen unterstützen, die eine halbe Welt entfernt wohnen? Nach drei Jahrzehnten in Ostafrika würde ich erwarten, dass Kirchen in Tansania selbst randvoll und voller junger Familien sind, sich selbst helfen können. Während viele westliche Länder mit einer Krise der Geburtenraten konfrontiert sind, deuten aktuelle Prognosen darauf hin, dass Subsahara-Afrika bis zum Ende dieses Jahrhunderts vier Milliarden Menschen zählen könnte.

Der westliche Ansatz gegenüber Subsahara-Afrika besteht seit Jahrzehnten aus Nothilfe, Entwicklungshilfe sowie Zuschüssen und vergünstigten Krediten. Obwohl diese Hilfe meist gut gemeint war, hat sich der Ansatz trotz offensichtlicher Misserfolge und anhaltender Abhängigkeit kaum verändert. Bücher wie „Dead Aid“ von Dambisa Moyo, „The White Man’s Burden“ von William Easterly und „The Trouble with Africa“ von Robert Calderisi haben die Hilfspolitik kritisiert, aber keine grundlegende Wende bewirkt.

Hinzu kommt, dass viele Menschen, die in Afrika helfen – insbesondere Missionare und Hilfskräfte –, in einer von der lokalen Realität abgeschotteten Blase leben. Ein Familienmitglied arbeitete etwa für USAID in Afrika. Die ausländische Helferblase war so weit vom lokalen Leben entfernt, dass selbst Toilettenpapier aus den USA eingeflogen wurde, obwohl es in örtlichen Supermärkten zahlreiche geeignete Marken gab. Wer dagegen Geschäfte macht, erlebt die Realität unmittelbar: Korruption, mangelhafte Infrastruktur, Schwierigkeiten bei der Suche nach qualifiziertem Personal und erdrückende Bürokratie gehören für viele Unternehmen zum Alltag. Erfolgreiche Unternehmen sind entscheidend für wirtschaftlichen Aufbau und den Ausstieg aus der Hilfsabhängigkeit. Dennoch werden ihre Erfahrungen in Wissenschaft und Politik kaum berücksichtigt.

Hilfe und ihre Nutznießer

In vielen Fällen ist westliche Hilfe zu einem Goldesel geworden, dessen Beteiligte ein Interesse daran haben, dass er weiterläuft. Das gilt für bequeme Karrieren im Hilfssektor ebenso wie für Empfänger, die sich an dauerhafte Unterstützung gewöhnen. Das Flüchtlingslager Kakuma in Kenia ist dafür ein Beispiel: Drei Jahrzehnte Hilfe haben aus einem Flüchtlingslager eine Stadt mit hoher Geburtenrate, weitgehender Abhängigkeit und wachsendem Bedarf gemacht – ohne erkennbare Exit-Strategie.

Ich habe auch erlebt, wie sich Konflikte und Hilfsstrukturen gegenseitig verstärken können. Vor Jahren arbeitete ich für einen afrikanischen Diktator, der in einem stabileren Nachbarland einen repräsentativen Palast errichten wollte. Während wir Kalksteinsäulen und Bögen aus Spanien importierten, brach in seinem Land fast ein Jahrzehnt nach Beginn einer UN-Friedensmission erneut Krieg aus. Während international um Hilfe gebeten wurde, baute die Familie des Diktators Lagerhäuser in der Hauptstadt, die sie anschließend für hohe Summen an Hilfsorganisationen vermietete. So wie ein lukrativer Konflikt die politische Führung von einer Lösung abhalten kann, können jahrzehntelange Hilfsjobs und dauerhafte Transfers den Anreiz für echte Veränderungen schwächen.

„Der Missionar hilft den Menschen unmittelbar, doch politisch kann sein Einsatz einen korrupten Politiker sogar stärken.“

Hilfe kann zudem Regierungsversagen verdecken. Ein befreundeter Missionar bohrt Brunnen für ländliche Gemeinden ohne Zugang zu Wasser. Bei der Einweihung erscheinen häufig lokale Politiker und schreiben sich den Erfolg selbst zu – obwohl sie nichts dazu beigetragen haben und möglicherweise die für die Bevölkerung vorgesehenen Mittel veruntreuen. Der Missionar hilft den Menschen unmittelbar, doch politisch kann sein Einsatz einen korrupten Politiker sogar stärken. Hilfe und Missionsarbeit übernehmen häufig Aufgaben, die eigentlich staatliche Verantwortung wären. Dadurch werden Bürger vor den Folgen schlechter Regierungsführung geschützt und haben weniger Anlass, von ihren Regierungen bessere Leistungen zu verlangen.

Das christliche Erbe hat dem Westen Mitgefühl für die Armen vermittelt. Doch diese Botschaft ist teilweise zu der Vorstellung verkommen, dass alles Geld einfach nur besser verteilt werden müsse. Solange der Westen auf Bilder hungernder Kinder vor allem mit dem Scheckbuch reagiert, fehlt der Druck, bessere politische Vertretung und funktionierende Institutionen einzufordern.

Migration als Entwicklungshilfe?

Neben der Hilfe wurde auch Einwanderung zu einem bevorzugten westlichen Instrument. Sie hilft vor allem denjenigen, die auswandern, sowie deren Familien, die Rücküberweisungen erhalten. Rücküberweisungen tragen allerdings nur geringfügig zu den Empfängerwirtschaften bei und sind im Kern eine weitere Form der Zuwendung, die Abhängigkeit schafft und das Wirtschaftswachstum behindern kann. Diese können zwar ihr Einkommen erhöhen, das löst aber nicht die strukturellen Probleme der Herkunftsländer und kann Abhängigkeiten verstärken. Das zentrale Problem der Einwanderungsdebatte ist, dass häufig nur das Individuum betrachtet wird, das Hilfe benötigt. Doch wenn eine Person oder Familie auswandert, bleiben Millionen andere Bedürftige zurück. Kein westliches Land könnte die Bevölkerungszahlen aufnehmen, die notwendig wären, um dieses Problem durch Migration zu lösen.

Angesichts des enormen Bevölkerungswachstums in Subsahara-Afrika wird der Anteil der Menschen, denen durch Migration geholfen wird, zwangsläufig klein bleiben. In anderen Bereichen wie Wirtschaft oder Medizin wäre eine derart begrenzte Erfolgsquote kaum akzeptabel. Einwanderungspolitik, die den Ländern mit Führungsvakuum die Begabtesten entzieht, ist nicht mitfühlend und kann an Ausbeutung grenzen. Subsahara-Afrika verliert die Stimmen und Köpfe, die für den Fortschritt notwendig sind. Die vergangenen sechs Jahrzehnte – von Entwicklungshilfe über Missionsarbeit bis zur Migration – sollten deshalb als ein gut gemeintes Experiment betrachtet werden, aus dessen Erfolgen und Misserfolgen wir lernen müssen.

Für einen neuen Ansatz müssen wir zunächst verstehen, wo die Region tatsächlich Fortschritte gemacht hat. Dabei ist es problematisch, heutige Lebensstandards unmittelbar mit denen des Westens zu vergleichen, ohne den historischen Ausgangspunkt zu berücksichtigen. Abgesehen von einigen Ausnahmen verfügte ein großer Teil Subsahara-Afrikas vor der Kolonialisierung über eine geringe Bevölkerungsdichte, kaum Städte, keine weit verbreiteten Schriftsysteme und eine Technologie auf dem Niveau der Eisenzeit. Heute sind Alphabetisierung und Lebenserwartung deutlich höher als jemals zuvor.

„Unter den richtigen Bedingungen verfügt Subsahara-Afrika über die Ressourcen, um seine Bevölkerung selbst zu versorgen.“

Die Region hat eine außergewöhnliche technologische Transformation erlebt und mehrere Entwicklungsstufen übersprungen. Selbst in abgelegenen Gegenden findet man Smartphones und Flachbildfernseher. Technologien, die einst Königen vorbehalten waren, sind heute für breite Bevölkerungsschichten zugänglich: Reisen, Unterhaltung, eine größere Vielfalt an Lebensmitteln, schnelle Kommunikation und Zugang zu aktuellen Informationen. Die Lebensstil-Lücke zwischen reichen und armen Ländern hat sich in vielerlei Hinsicht verringert. Das wirft die Frage auf, ob die Maßstäbe, die heute an Entwicklungsländer angelegt werden, immer angemessen sind – und ob unser Verständnis von Mitgefühl angepasst werden muss.

Unter den richtigen Bedingungen verfügt Subsahara-Afrika über die Ressourcen, um seine Bevölkerung selbst zu versorgen. Besonders deutlich wird das bei der Ernährung. Obwohl viele westliche Länder trotz langer Frostperioden Nettoexporteure von Lebensmitteln sind, sind die klimatisch begünstigten Länder der Region mit einem erheblichen Anteil der weltweiten Ackerflächen weiterhin Nettoimporteure. Auch an Rohstoffen ist Afrika keineswegs arm: Der Kontinent besitzt nach Schätzungen bis zu 30 Prozent der weltweiten Reserven vieler wichtiger Mineralien, hinzu kommen Süßwasser, Energie und vor allem eine große Zahl junger und leistungsfähiger Menschen.

Trotz dieser Voraussetzungen haben viele afrikanische Führungen seit der Unabhängigkeit ihre Macht gesichert und sich auf Kosten ihrer Bevölkerung bereichert. Der Westen hat dies teilweise erleichtert, indem er afrikanischen Regierungen ein Narrativ angeboten hat, wonach Armut vor allem auf Rassismus oder Kolonialismus zurückzuführen sei. Dadurch geriet die eigene inkompetente oder korrupte Regierungsführung aus dem Blick.

Gleichzeitig verliert Subsahara-Afrika (SSA) viele seiner am besten ausgebildeten Menschen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass mehr als die Hälfte der Studenten plant, SSA nach dem Abschluss zu verlassen; der „Brain Drain“ entzieht den Ländern genau jene Menschen, die zum Aufbau ihrer Gesellschaften beitragen könnten. Trotz einiger hoffnungsvoller Entwicklungen hat sich die Korruption in SSA insgesamt nicht messbar verbessert. Die Mittelschicht ist zwar gewachsen, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung hat sich aufgrund des starken Bevölkerungswachstums jedoch kaum verändert. Die Bevölkerung stabilisiert sich nicht. Faktoren, die im Westen zu sinkenden Geburtenraten beigetragen haben – insbesondere bessere wirtschaftliche Chancen und Bildung für Frauen –, sind in SSA ungleich verteilt und unterliegen häufig Rückschlägen.

Problem der Korruption

Das größte ungelöste Problem für den Fortschritt ist daher die Frage, wie tief verwurzelte Korruption überwunden werden kann. Laut dem Corruption Perceptions Index von Transparency International ist Subsahara-Afrika die weltweit schwächste Region. Gleichzeitig sind Steuerbelastungen in Bereichen wie Unternehmenssteuern, Mehrwertsteuer und Einfuhrzöllen teilweise mit westlichen Ländern vergleichbar. Die Gegenleistung des Staates bleibt jedoch häufig gering: Öffentliche Dienstleistungen sind unzuverlässig, die Polizei ist unzureichend, Strom und sauberes Wasser sind teuer und häufig nicht dauerhaft verfügbar. Große Teile der Verkehrsinfrastruktur beruhen noch immer auf kolonialen Strukturen. Wer es sich leisten kann, weicht auf private Schulen und Gesundheitsversorgung aus.

Korruption ist dabei nicht nur ein Regierungsproblem, sondern durchdringt die Gesellschaft. Funktionsträger und Mitarbeiter werden aus demselben gesellschaftlichen Umfeld rekrutiert, so dass sich schlechte Praktiken über Generationen fortsetzen können. Besonders gefährlich ist dies in der Bildung: Wenn Standards dauerhaft abgesenkt werden, entstehen Folgen, die sich von einer Generation auf die nächste übertragen. Solange keine Antwort auf tief verwurzelte Korruption gefunden wird, bleibt dauerhafter Fortschritt eine enorme Herausforderung.

Konkurrent China

Während der Westen an seinem bisherigen Ansatz festhält, entsteht ein gefährliches Vakuum, das andere Mächte füllen. China hat dieses Vakuum konsequent genutzt. Als globale Produktionsbasis benötigt China nicht nur Afrikas Rohstoffe, sondern auch große Mengen an Arbeitskräften, um steigende Produktionskosten im eigenen Land auszugleichen. In Ländern wie Äthiopien mit 139 Millionen Einwohnern haben nur rund 10 Prozent der Erwachsenen eine Sekundarschulbildung abgeschlossen. China hat deshalb massiv in Straßen, Eisenbahnen, Brücken und Staudämme investiert.

„Wenn der Westen seine übervorsichtige und bürokratische Strategie nicht überdenkt, wird er weiter an Einfluss verlieren.“

Diese Infrastruktur ist vielerorts ein realer Fortschritt, wird jedoch häufig von intransparenter Verschuldung, begrenztem Technologietransfer und teilweise erheblichen ökologischen Kosten begleitet. In einigen Ländern stehen zudem Vorwürfe hoher Bestechungszahlungen an Politiker im Raum. Chinesische Unternehmen übernehmen häufig Finanzierung, Planung und Bau, während Einheimische vor allem als ungelernte Arbeitskräfte eingesetzt werden. China ist dabei weniger durch westliche politische und gesellschaftliche Anforderungen gebunden. Das verschafft chinesischen Unternehmen einen erheblichen Wettbewerbsvorteil – allerdings nicht unbedingt zum langfristigen Nutzen der afrikanischen Bevölkerung.

Wenn der Westen seine übervorsichtige und bürokratische Strategie nicht überdenkt, wird er weiter an Einfluss verlieren, während weniger prinzipiengebundene Akteure die Zukunft Afrikas mitgestalten. Der Westen muss deshalb einen Ansatz finden, der wirtschaftliche Entwicklung, gute Regierungsführung und lokale Verantwortung stärker in den Mittelpunkt stellt.

Ausblick

Die Welt steht an einem kritischen Scheideweg. Nach mehr als sechs Jahrzehnten Entwicklungs- und Außenpolitik sind die Grenzen des bisherigen Modells offensichtlich: Es hat nicht den erhofften transformativen Fortschritt gebracht. Wenn wir daran festhalten, werden die Herausforderungen mit dem Bevölkerungswachstum weiter zunehmen. Fragile Ernährungssysteme, schlechte Infrastruktur, Korruption und Bodendegradation könnten Hunger und Mangelernährung verschärfen. Entwaldung und ungeplante Landnutzungsänderungen dürften Umweltprobleme verstärken. Eine wachsende junge Bevölkerung ohne ausreichende Arbeitsplätze könnte Frustration und Instabilität fördern. Ressourcenkonflikte und ethnische Spannungen könnten weitere Vertreibungen auslösen, während wirtschaftliche Not und Umweltzerstörung die internationale Migration verstärken.

„Wenn Deutschland Verantwortung für die Welt übernehmen will, sollte der erste Schritt darin bestehen, die eigene Gesellschaft zu stabilisieren und ihre Zukunftsfähigkeit zu sichern.“

Die Frage nach dem richtigen Ansatz für Subsahara Afrika geht deshalb weit über den westlichen Wunsch hinaus, Armut und Leid zu lindern. Die gegenwärtige Entwicklung hat das Potenzial, zu einem globalen Problem zu werden.

Man denke noch einmal an den Gottesdienst in der fast leeren Kirche, die alten Gesichter und die Sammlung für Tansania. Subsahara-Afrika fügt der Weltbevölkerung etwa alle dreieinhalb Jahre 100 Millionen Menschen hinzu – mehr als die gesamte Bevölkerung Deutschlands. Die deutsche Kirche ist eine Analogie für ein Land, das trotz tiefgreifender eigener Probleme (wie tiefer politischer Spaltung, Geburtenraten unter dem Reproduktionsniveau und Identitätsverlust) den Kontakt zu seiner Realität verlieren kann, während es versucht, Retter der Entwicklungsländer zu sein.

Wenn Deutschland Verantwortung für die Welt übernehmen will, sollte der erste Schritt darin bestehen, die eigene Gesellschaft zu stabilisieren und ihre Zukunftsfähigkeit zu sichern. Nur eine wirtschaftlich und gesellschaftlich starke Gesellschaft wird auch in den kommenden Generationen in der Lage sein, international Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehört auch, einen neuen und realistischeren Ansatz gegenüber Afrika zu entwickeln.

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