07.11.2016

„Jugendliche wollen Opfer sein”

Interview mit Claire Fox

Titelbild

Foto: Santeri Viinamäki via Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Junge Leute benehmen sich wie verwöhnte Kinder, findet Claire Fox. Ihr Verlangen nach Schutz und Sicherheit verhindert notwendige Debatten und Auseinandersetzungen.

Marco Visscher: Sie haben ein Buch mit dem Titel „I find that offensive“ verfasst, in dem es um die heutige Jugend geht. Worin sehen Sie Unterschiede zu früheren Generationen?

Claire Fox: Bisher wollten die jüngeren Generationen immer Risiken eingehen, wahnsinnige Ambitionen verfolgen und intellektuelle wie moralische Grenzen überschreiten. Aber heutzutage wünschen sich Jugendliche vor allem Sicherheit und Schutz. Sie präsentieren sich als Opfer, weil sie gelernt haben, so Aufmerksamkeit und Sympathie zu gewinnen. Wer würde denn wagen, ein Opfer zu kritisieren, ihm zu widersprechen oder es anzugreifen? Jugendliche entziehen sich der Debatte, um unangenehmen Ideen gar nicht erst ausgesetzt zu sein und verlangen von den Autoritäten, dass solche Meinungsäußerungen gleich unterbunden werden. Das führt manchmal zu absurden und lächerlichen Situationen.

An der Universität Sydney (Australien) z.B. konnte man kein Mottofest zum Thema Mexiko abhalten, da einige Studenten es „rassistisch” fanden, wenn Besucher Sombrero und Poncho tragen. An der Universität Ottowa (Kanada) mussten Jogakurse verschoben werden, weil Studenten darin eine „uneigentliche Aneignung” einer anderen Tradition sahen. Oder nehmen wir die Universität Yale (USA), wo Studenten aufgefordert wurden, sich an Halloween nicht so zu verkleiden, dass Minderheiten daran Anstoß nehmen könnten, also keinen Indianerschmuck oder Turban zu tragen. Als jemand vorschlug, mit Kostümfeiern etwas unverkrampfter umzugehen, war die studentische Empörung groß.

Immer mehr Unis bieten einen Safe Space, wo sich jeder wohl fühlen soll und in den nichts eindringen darf, was psychisches Ungemach anrichten könnte. Deshalb werden Diskussionsveranstaltungen bei kontroversen Themen oder Rednern abgesetzt. Deshalb werden Popsongs verboten, wie etwa „Blurred Lines“, wenn sie sexistisch sind. Deshalb wird der Lehrplan angepasst: In Oxford (Großbritannien) dürfen Jurastudenten Lehrveranstaltungen schwänzen, wenn ihnen ein Thema unangenehm ist, z.B. sexuelle Nötigung oder Vergewaltigung.

Das sind Beispiele aus dem Hochschulleben. Die erfassen nicht die ganze Generation.

Aber bei der Neigung, verletzende Worte zu verbannen oder emotionale Schwächen zu betonen, handelt es sich um ein viel weiter verbreitetes Kulturphänomen. In der britischen Version der TV-Sendung „Big Brother“ – und da geht es um eine ganz andere Klientel – sind diverse Teilnehmer auf öffentlichen Druck hin rausgeworfen worden, weil sie sich sexistisch, rassistisch oder anderweitig beleidigend geäußert hatten. Bei Talentshows wie „X Factor“ oder „Idols“ (entspricht in Deutschland DSDS) sind sich Kandidaten genau bewusst, dass sie erst eine mitleiderregende Geschichte über sich selbst erzählen sollten, um positiver beurteilt zu werden.

Solche Taktiken sind in unsere ganze Gesellschaft vorgedrungen. Schwarze Aktivisten sind überzeugt, dass nur sie über Rassismus sprechen dürfen, weil Weiße nicht wüssten, was dieser eigentlich bedeute. Wer eine Politikerin kritisiert, handelt sich den Vorwurf ein, ein Frauenhasser zu sein. So bekämpft man seine Gegner nicht mit Argumenten, sondern will sie disqualifizieren und die Diskussion selbst unterdrücken.

„Man bekämpft seine Gegner nicht mit Argumenten, sondern will sie disqualifizieren und die Diskussion selbst unterdrücken.“

In meinem Land, den Niederlanden, scheint dieser Trend noch nicht angekommen zu sein.

Da wäre ich mir nicht so sicher. Das Rijksmuseum in Amsterdam hat die Titel einiger Kunstwerke angepasst, damit sie hoffentlich nicht mehr als beleidigend aufgefasst werden können. Alle „Neger“, „Indianer“ und „Zwerge“ tragen jetzt neue, politische korrekte Bezeichnungen. Kürzlich wurde ich im irischen Radio interviewt, und der Interviewer meinte: „Ach, den Trend, den Sie beschrieben haben, gibt es bei uns nicht.“ Keine zehn Minuten später wurde eine Anruferin zugeschaltet, die als Studentin im Namen der feministischen Hochschulgruppe eine Kampagne über die Bedeutung von Safe Spaces betreibt. Also: Warten Sie nur ab.

Welches Problem haben Sie denn mit diesem Trend, den man auch als sensiblen Versuch betrachten könnte, inklusives Denken zu fördern?

Das Problem liegt darin, dass er Menschen als schwache Wesen darstellt, die vor allem, was sie hören und sehen, beschützt werden müssen, damit sie keinen psychischen Schaden erleiden. Das Problem besteht außerdem darin, dass junge Menschen nun so dastehen, als verfügten sie nicht über genug Widerstandskraft, um mit Situationen und Ideen umgehen zu können, die sie oder andere unangenehm finden. Man beginnt sofort mit Beschuldigungen, Unterstellungen und Protesten, führt aber nie ein Gespräch unter Verwendung von Argumenten, wie sich das für Erwachsene eigentlich gehört.

„Es wird darauf hinauslaufen, dass nur noch die akzeptiertesten Meinungen erlaubt sind.“

Sollten wir nicht einfach rhetorisch abrüsten?

So hätten einige das gerne: dass wir auf unsere Worte aufpassen und uns am besten von sensiblen Themen ganz fernhalten. Dadurch entsteht die Gefahr, dass wir alles mit Glacéhandschuhen anfassen, um nur ja niemanden zu beleidigen. Die öffentliche Debatte verkommt dann zu einem weichgespülten und harmonischen Drehbuch, in dem nichts passiert. In der Realität wird es darauf hinauslaufen, dass nur noch die akzeptiertesten Meinungen erlaubt sind.

Wie erklären Sie sich, dass junge Leute zu einem solchen Verhalten neigen?

Ich denke, dass diese jungen Leute widerspiegeln, wie ihre Eltern und Lehrer mit ihnen umgegangen sind. Sie rebellieren nicht so, wie es die Jugend immer getan hat, sondern sie setzen einfach die Trends fort, die ihre Vorgängergeneration auf den Weg gebracht hat – wenn auch in ziemlich kindischer Form. Aber gut, das sollte uns nicht überraschen, denn wir haben ihnen die Möglichkeit vorenthalten, heranzureifen und selbständige, autonome Erwachsene zu werden.

Sie sind in einer Zeit aufgewachsen, als wir Sicherheit über alles gestellt haben. Wir haben Kindern jahrelang erklärt, wie schrecklich gefährlich diese Welt doch sei. Überall hockten Kinderschänder, um sich an ihnen zu vergreifen, also mussten ganze Verhaltenskataloge her, um Erwachsene auf Abstand zu halten. Beim Übergewicht sprachen wir nicht von dem ein oder anderen Kilo, das jemand zu viel hat, sondern haben gleich eine tickende Zeitbombe daraus gemacht und entsprechend die Softdrinks und Chips behandelt, als könne man durch ihren Verzehr tot umfallen. Statt über ein Thema wie Klimawandel eine Diskussion zu führen, war gleich vom Weltuntergang die Rede. Also kein Wunder, dass für junge Leute heutzutage Sicherheit das Wichtigste im Leben ist.

„Wir haben Kindern jahrelang erklärt, wie schrecklich gefährlich diese Welt doch sei.“

Sie meinen also, dass sie von klein auf zu sehr beschützt worden sind?

Ja. Wenn man ihnen ständig weismacht, dass man geschützt werden muss und die eigenen Gefühle nicht verletzt werden dürfen, dann halten sich die Leute automatisch irgendwann für den Mittelpunkt des Universums. Dann sieht man sich als wichtigste Person auf der Welt an und findet es ganz normal, dass alles so arrangiert wird, dass man sich wohlfühlt.

Stark dazu beigetragen hat die Bildungspolitik – jedenfalls in den USA und in Großbritannien. Lehrer sind angehalten, ausschließlich lobende, aufbauende Kommentare abzugeben. Bei sportlichen Wettbewerben an Schulen müssen auch die Verlierer eine Medaille bekommen. Maßnahmen gegen das Hänseln legen Schülern nahe, dass Worte fast zwangsläufig zu emotionalem Schaden führen. Prüfungen werden vereinfacht, weil sich Studenten so gestresst fühlen. Wenn sie alt genug zum Wählen und zum Studieren sind, verhalten sie sich dann immer noch wie Kinder, die beleidigt sind, wenn es nicht nach ihrem Willen geht. Das Gefühl, immer recht zu haben und das krankhafte Bedürfnis nach Schutz bilden einen Giftcocktail. In ihrer Wechselwirkung haben sie jungen Leuten das Vermögen versagt, die Herausforderungen, die nun einmal zum Leben dazugehören, zu meistern.

Inzwischen ist eine politisch ausgesprochen unkorrekte Gegenbewegung entstanden, die Ihren Ansatz bestimmt teilt.

Nein, das glaube ich nicht, denn ich finde deren Reaktion kindisch. Ich habe schon Verständnis dafür, dass man, wenn man aus Angst vor der politischen Korrektheitspolizei die ganze Zeit aufpassen muss, was man sagt, schreibt oder denkt, davon irgendwann genug hat und den Mittelfinger zeigt. Aber dieses marktschreierische Vorgehen hilft niemandem weiter. Es ist ein Zeichen von Verzweiflung von Frustration. Es trägt in keiner Weise zum Verständnis des Problems oder seiner Lösung bei. Im Gegenteil, durch solche frustrierten Gegenschläge, die ihrerseits wiederum in Hexenjagden ausarten, schafft man ein Klima mit, in dem jeder immer darauf achtet, was er sagt.

„Durch den Zeitgeist gelten alle Schwächen als sympathisch, sodass man sie immer wieder in den Vordergrund stellt.“

Diese Gegenbewegung, die sich z.B. in populistischen Blogs äußert, hat Ihrer Auffassung nach zwar nicht Unrecht, aber bedient sich einer falschen Strategie?

In der Tat. Sie unterschätzt das Problem. Offenbar geht sie davon aus, dass man nur eine kleine Gruppe lautstarker Aktivisten unter Beschuss nehmen muss; in Wirklichkeit aber greift dieser Aspekt viel tiefer und hat eine ganze Generation erfasst.

Wie kann man denn Ihrer Meinung nach diese Generation der „Millenials“ zur Umkehr bewegen?

Nach meinem Verständnis gibt es in jeder Generation einen Persönlichkeitstypus, der als Vorbild dient. Für diese Generation handelt es sich um ein psychisch angeknackstes Opfer, das sich unterdrückt fühlt und deshalb Schutz, Sicherheit und Therapie braucht. Durch diesen Zeitgeist gelten alle Schwächen als sympathisch, sodass man sie immer wieder in den Vordergrund stellt. Die jungen Leute werden doch irgendwann mal merken, dass das nicht gesund oder nachahmenswert sein kann. Es ist einfach gesagt, dass sie ein Rückgrat entwickeln und argumentieren lernen müssen. Aber sie müssen in erster Linie selbst entdecken, wie ein Mensch das Beste aus sich machen kann. Es ist ihr ureigener Kampf.