01.10.2021

John Lewis, der gute Troublemaker

Von Kevin Yuill

Titelbild

Foto: Pete Souza via Wikicommons / US-Regierungsarbeit

Der legendäre schwarze Bürgerrechtler John Lewis, Weggefährte von Martin Luther King, ist 2020 gestorben. Im Gegensatz zu manchen Aktivisten heute taugt er als echtes Vorbild.

Im Jahr 1965 lief ein 25-Jähriger namens John Lewis gelassen an der Spitze einer Kolonne von Afroamerikanern durch Selma in Alabama. Lewis, ebenfalls schwarz, trug ein weißes Hemd, eine Krawatte und einen Regenmantel, in dessen Taschen er seine Hände vergraben hatte. Die Menge demonstrierte für ihr Recht, sich als Wähler einzutragen und somit ihr Stimmrecht ausüben zu können. Bald stand ihnen eine Phalanx von Polizisten gegenüber. Die Beamten der Alabama State Police trugen Helme, Gasmasken und Schlagstöcke. Der junge Mann stoppte ein paar Schritte von ihnen entfernt auf der Edmund-Pettus-Brücke und die Menge hielt mit ihm.

Mit einem Megafon forderte der Anführer der Polizisten die Demonstranten auf, sich zu zerstreuen. John Lewis blieb stehen und mit ihm seine Mitdemonstranten. Sie waren so vielzählig gekommen, weil vor kurzem ein Schwarzer, Jimmie Lee Jackson, von der Polizei getötet worden war.

Dann griffen die Ordnungshüter an. Einer rammte seinen Knüppel in Lewis‘ Bauch, sodass dieser nach hinten fiel. Die Demonstranten begannen, sich ineinander zu verheddern und zu stürzen. Über ihren Köpfen explodierten Tränengaskanister. Aus der Menge erklangen Schreie. Die Demonstranten, die meisten von ihnen Frauen, versuchten, vor den Schlägen der Polizisten zu fliehen. Lewis wurde abermals getroffen, diesmal am Kopf. Er zog sich eine ernste Schädelfraktur zu, an der er fast gestorben wäre.

Im Juli 2020 ist John Lewis im Alter von 80 Jahren verstorben. Nach Selma sprach er auch beim legendären „Marsch auf Washington“ 1963. Er war der jüngste und letzte Überlebende der berühmten „Big Six“, einer Gruppe von prominenten schwarzen Bürgerrechtsaktivisten der ferner James Farmer, Martin Luther King Jr., Roy Wilkins, Whitney Young und A. Philip Randolph angehörten. Sie alle verkörperten den unglaublichen Mut und die Hoffnung dieser Generation von Bürgerrechtskämpfern.

„In seiner langen Karriere als Bürgerrechtsaktivist wurde Lewis circa 40 Mal verhaftet und wurde häufig Opfer segregationistischer Gewalt.“

Lewis war in Pike County/Alabama aufgewachsen. Als Kind besuchte er eine Dorfschule, in deren einzigem Raum ein einziger Bollerofen Wärme spendierte. Fließend Wasser oder einen Brunnen gab es nicht. Als Sohn von Farmpächtern, die Erdnüsse und Baumwolle für einen weißen Landbesitzer anbauten, träumte Lewis von einem besseren Leben als Pfarrer. In seiner Autobiographie erinnerte er sich daran, wie er vor den Hühnern der Familie das Predigen übte. Zur Schule ging er gern. Später wurde er am theologischen Seminar der Baptisten in Nashville/Tennessee angenommen. Am College hatte Lewis zum ersten Mal ein eigenes Bett. Zuhause hatte er sich immer ein Bett mit einem oder zwei seiner Brüder teilen müssen.

Über seine Kindheit schrieb Lewis später: „Wann immer ich mit meiner Mutter, meinem Vater, meinen Großeltern und meinen Urgroßeltern über die Schilder und die Rassentrennung sprach, meinten sie: ‚Mach keinen Ärger, komm niemandem in die Quere‘. Aber als ich 17 war traf ich Rosa Parks, und ein Jahr später, im Alter von 18 Jahren, Dr. King. Und diese zwei Menschen inspirierten mich, etwas zu suchen, was ich ‚guten Ärger‘ nenne. Seitdem mache ich Ärger.“ 1

In seinem ersten Jahr am College entwickelte John Lewis einen Plan, um die Rassentrennung an der Troy State University aufzuheben. Er berichtete in einem Brief Martin Luther King davon, der ihm Geld für ein Busticket schickte, sodass Lewis ihn in Montgomery treffen konnte. King versuchte – nicht zum letzten Mal –, den Eifer des jungen Mannes zu bremsen, indem er ihn auf die möglichen Folgen für seine Familie hinwies. Lewis nahm – ebenfalls nicht zum letzten Mal – den Rat des großen Bürgerrechtshelden an. King hatte ihn inspiriert. Im Herbst 1959 gründeten Lewis und andere schwarze Studenten das „Nashville Student Movement“, eine Organisation, die Martin Luther Kings Credo der Gewaltlosigkeit annahm. Die Studenten wollten die Rassentrennung an Imbissen der Stadt aufheben. Später war Lewis Mitbegründer des „Student Nonviolent Coordinating Committee“. In seiner langen Karriere als Bürgerrechtsaktivist nahm er an den meisten ikonischen Kampagnen und Aktionen der Bewegung im Süden teil, wurde circa 40 Mal verhaftet und wurde häufig Opfer segregationistischer Gewalt.

„Im Alter von nur 23 Jahren sprach John Lewis beim Marsch auf Washington vor 250.000 Menschen.“

1961 wurde Lewis an einem Fernbusbahnhof in Rock Hill, South Carolina, angegriffen, weil er ein Wartezimmer nur für Weiße betrat. Er befand sich auf einer Reise durch die Südstaaten, um gegen segregierte öffentliche Verkehrsmittel zu protestieren. „Ich erinnere mich, wie er da lag, auf dem Boden war Blut, und jemand rief die Polizei“, schrieb der mittlerweile verstorbene Elwin Wilson über den Vorfall. 2 Wilson war damals Mitglied des Ku Klux Klan. Später entschuldigte er sich bei Lewis dafür, dass er bei der Attacke mitgemacht hatte, und drückte seine Reue aus.

Im Alter von nur 23 Jahren sprach John Lewis beim Marsch auf Washington vor 250.000 Menschen. Er hielt seine Rede im Schatten des Emancipation Memorial, eines Denkmals, das an Lincolns Befreiung der Sklaven erinnert. Was sich wirklich an diesem Tag zutrug, ist umstritten. 3 Die feurige Rede, die Lewis vorbereitet hatte, hatte Befremden bei einigen Anführern der Bürgerrechtsbewegung ausgelöst, darunter Martin Luther King, der bemerkte, dass einige Abschnitte „nicht nach Dir klingen“. Lewis überarbeitete pflichtgemäß die anstößigen Stellen.

Zu den geänderten Formulierungen gehörte, dass der Gesetzesentwurf, der 1964 als „Civil Rights Act“ verabschiedet wurde, „zu wenig und zu spät“ gewesen sei. Auch die Drohung, die rassendiskriminierenden „Jim-Crow“-Gesetze – gewaltlos – „niederzubrennen“ nahm Lewis aus dem Redenmanuskript heraus. Dennoch hat der Historiker Adam Fairclough die Kontroverse als „Sturm im Wasserglas“ bezeichnet. Im damaligen Kontext habe es einfach keinen Sinn ergeben, den Entwurf für den Civil Rights Act zu verurteilen oder als Bedrohung für den Süden zu verkaufen. 4

„Von 1986 bis zu seinem Tod saß Lewis im US-Repräsentantenhaus.“

Unter dem demokratischen Präsidenten Jimmy Carter begann Lewis, für den Staat zu arbeiten. Sein Schwerpunkt war die Armutsbekämpfung. In seiner Wahlheimat Georgia wurde er in den Stadtrat von Atlanta gewählt. Von 1986 bis zu seinem Tod saß Lewis im US-Repräsentantenhaus. Als Abgeordneter stellte er sich gegen den Irakkrieg und hohe Verteidigungsausgaben. Er unterstützte Barack Obama, der ihn bei seiner Amtseinführung umarmte und ihm sagte, dass er nur wegen der Opfer, die Lewis gebracht hatte, Präsident geworden sei. 5

Wenn wir Lewis gedenken, sollten wir uns an seinen unglaublichen Mut erinnern, seine inspirierende Zuversicht und seine Liebe – nicht nur für die Schwarzen, sondern für alle seine Mitbürger. Als Elwin Wilson – das Ku-Klux-Klan-Mitglied, das ihn 1961 zusammengeschlagen hatte – 2013 starb, schrieb Lewis großherzig: „Elwin Wilson zeigt uns, dass sich Menschen verändern können. Und wenn sie die Mechanismen der Trennung und Spaltung ablegen, und die Werkzeuge der Versöhnung aufnehmen, ein stärkeres Gefühl von Gemeinschaft in unserer Gesellschaft schaffen können.“ 6

Die letzten Worte an dieser Stelle sollten Lewis‘ sein. 2017 sagte er in einem Interview:

„Zu jungen Menschen, insbesondere jungen Heranwachsenden, die behaupten, nichts habe sich verändert, möchte ich sagen: ‚Komm, versetz dich mal in mich. Ich zeige dir Veränderung.‘ […] Wir können dieses Gefühl der Hoffnung nicht sterben lassen, oder zulassen, dass es niedergeschlagen wird, oder dass es an dieser unglaublichen amerikanischen Rebe verwelkt. Ich sage zu jungen Heranwachsenden – und zu Erwachsenen – dass wir uns nicht in einem Meer der Hoffnungslosigkeit verlieren dürfen. Wir müssen hoffnungsvoll und optimistisch sein. Seid kühn, seid mutig, seid couragiert. Steht einfach auf und zieht und drückt. […] Ich sage: Wenn ihr etwas seht, das nicht richtig ist, nicht fair, nicht gerecht, dann könnt ihr euch nicht erlauben, still zu bleiben. Ihr müsst etwas tun. Egal, wo ihr seid: Macht den Mund auf, verschafft euch Gehör, findet einen Weg, im Weg zu stehen und das zu verursachen, was ich ‚guten Ärger, notwendigen Ärger‘ nenne.“ 7