03.08.2012

Ist Cleverness unfair?

Kurzkommentar von Matthias Heitmann

Einige Badminton-Spielerinnen wurden bei Olympia 2012 disqualifiziert, weil sie aus wettkampftaktischem Kalkül ihre Spiele verloren haben. Das ist nicht nachvollziehbar. Viel problematischer sind der Austragungsmodus und die zunehmende Moralisierung des Sports

Sind wir doch mal ehrlich: Den Satz „Ich habe mein Bestes gegeben“, der jeden Kritiker angesichts einer enttäuschenden Leistung mundtot macht, kann doch keiner mehr hören. Wer hingegen von sich sagen kann, er habe nicht sein Bestes gegeben, um damit seine Chancen im Turnier zu erhöhen, der sollte zumindest als clever gelten. Warum dies eine Manipulation sein soll, ist nicht nachvollziehbar.

Genau dies geschieht aber im Fall der acht Badminton-Spielerinnen aus China und Südkorea, die bei den Olympischen Spielen die Bälle serienweise ins Netz oder ins Aus schlugen und daraufhin disqualifiziert wurden. Der Olympia-Organisationschef Baron Sebastian Coe bezeichnete die absichtlichen Niederlagen als „deprimierend und nicht akzeptabel“. Wäre der frühere Olympiasieger ehrlich, würde er eingestehen, dass auch er, wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, durch Langsamlaufen olympisches Gold zu gewinnen, von ihr Gebrauch gemacht hätte.

Der Skandal ist nicht, dass Athleten einen offensichtlich fehlerhaften Turniermodus verstehen und dementsprechend handeln, der Skandal ist der Modus selbst. Normalerweise muss man in Turnieren zu Beginn erfolgreich sein, um eventuell schweren Gegnern im weiteren Verlauf aus dem Wege zu gehen. Dass dem beim Badminton offensichtlich nicht so ist, ist kein Versäumnis der Athleten.

Geradezu verantwortungslos reagiert der internationale Badmintonverband: Anstatt die Fehlerhaftigkeit der Turnierplanung zuzugeben, prügelt er auf seine eigenen Athleten ein. Dabei hat der Verband schon zuvor bewiesen, dass er offensichtlich nicht in der Lage ist, einen Turniermodus zu entwickeln, der Sportler in jeder Phase hohe Leistungen abverlangt. Schon bei der Mannschafts-WM 2008 war es zu ähnlichen “Manipulationen” gekommen, worauf der Verband mit Veränderungen der Turnierorganisation reagierte. Warum dies bei den Olympischen Spielen in London nicht getan wurde, ist nicht nachvollziehbar.

Dass der Badmintonverband meint, in seinen Statuten eine Klausel zu benötigen, die die Spieler dazu zwingt, ihr Bestes zu geben, offenbart die unprofessionelle Organisationsweise. Wer sich für den späteren Verlauf eines Turniers eine gute Ausgangsposition verschafft, ohne dabei gegen Spielregeln zu verstoßen, tut alles, um das Beste herauszuholen. Schlechtspielen kann kein Regelverstoß sein.

Der Vergleich zur Fußball-WM 1982 in Spanien drängt sich auf: Hier ergab die damalige Konstellation in der Vorrunde, dass sich sowohl Deutschland als auch Österreich bei einem 1:0-Sieg der Deutschen für die nächste Runde qualifizieren würden und dies bereits vor Spielbeginn bekannt war. Auch hier wurden beide Mannschaften – zu Recht! – nicht disqualifiziert, sondern die FIFA änderte ihren Turniermodus so, dass die letzten Spiele in einer Gruppe seither immer zeitgleich ausgetragen wurden. So erhöht man die Fairness und verhindert Absprachen.

Ein Leistungssportler ist keine Leistungsmaschine und auch kein ästhetischer Schönspieler. Er will Erfolge erringen und Medaillen gewinnen, denn daran wird er gemessen. Um dies zu erreichen, agiert er taktisch, d.h., bestenfalls springt er, wie das sprichwörtliche Pferd, nicht höher, als er muss. Das ist keine Manipulation – so etwas nennt man Cleverness und Effizienz. Dass beides miteinander verwechselt wird, hängt damit zusammen, dass heute sowohl Leistungsstreben als auch der Leistungssport sehr skeptisch betrachtet werden und beides heute als unmoralisch gilt. Zu welch paradoxen Szenarien diese Moralisierung führt, zeigt die Disqualifikation der asiatischen Sportlerinnen, die nichts anderes taten, als das Bestmögliche zu erreichen, nämlich eine gute Ausgangsposition für das weitere Turnier. Wenn das inzwischen als unsportlich gilt, macht Leistungssport weder Spaß noch Sinn.