19.12.2013

Informationelle Selbstbestimmung im Reich der Genetik

Kommentar von Thilo Spahl

Entscheidend im Bereich der Genetik sind informationelle Selbstbestimmung und die Autonomie der persönlichen Nutzung. Wir sollten keine Angst vor der Technologie haben, dafür aber bei Datensicherheit und Datenmissbrauch äußerst wachsam sein.

Im Falle des US-Unternehmens 23andMe kommt einiges zusammen, weshalb es derzeit häufiger in den Medien ist: die Aufforderung der amerikanischen Zulassungsbehörde den Verkauf der Gentests einzustellen, ein Patent auf Designerbabies und die, auf eine Scheidung zulaufende, Ehe der 23andMe-Chefin Anne Wojcicki und des Google Gründers Sergey Brin. Wir sind gefordert, uns Gedanken zu machen, welcher der drei Tatbestände der brisanteste ist.

23andMes Geschäft ist Genomanalyse. Was die Firma bietet, wurde zunächst als Lifestyle-Angebot präsentiert. Die 23 im Firmenname steht für die 23 Chromosomenpaare des Menschen. Zu diesen kann der Kunde gewissermaßen ein persönlicheres Verhältnis aufbauen, indem man für ihn ein wenig darin liest: Selbstfindung auf biologischer Ebene mit Hightech-Appeal. Das erschien vielen ziemlich cool, als 23andMe 2007 auf den Markt ging und man auf Spit-Parties [1] gemeinsam in Röhrchen spuckte, um diese dann ins Labor zu schicken. Über 500.000 Menschen haben seitdem die Tests durchführen lassen, deren Preis von anfänglich 999 Dollar auf heute 99 Dollar gesunken ist.

Auch im Weiteren bewegte sich 23andMe im Grenzbereich zwischen Lifestyle und Medizin, stellte aber immer mehr den Wert der Produkte für die gesundheitliche Prävention heraus. Dem Kunden wird in Aussicht gestellt, mit den genetischen Informationen die eigene Gesundheit managen zu können. Das Unternehmen selbst sieht sich als Wegbereiter einer Revolution in der Medizin.

Mitte 2012 trat 23andMe in den Dialog mit der Food and Drug Administration (FDA), um eine Zulassung anzustreben. Denn laut FDA ist alles, das dazu dient, Krankheiten zu behandeln, zu diagnostizieren oder zu vermeiden, ein Medizinprodukt und damit der behördlichen Zulassungspflicht unterworfen. Seit Mai 2013 schien die Firma das Ziel aber aufgegeben zu haben, meldete sich nicht mehr bei der FDA und startete stattdessen eine große Werbekampagne. Die FDA sagte nichts, wartete die Deadline ab, die es dem Unternehmen gegeben hatte, um notwendige Studien beizubringen, und schickte dann am 22. November einen Brief [2], in dem sie Anne Wojcicki aufforderte, den Vertrieb des Personal Genome Service (PGS) unverzüglich einzustellen. Schließlich hatte sie dem Unternehmen die Chance und die Zeit gegeben, zu liefern.

Nach dem Schuss vor den Bug hat 23andMe Anfang Dezember entschieden, zwar weiter Tests anzubieten, aber keine gesundheitsbezogenen Auswertungen, etwa über das Krebsrisiko, Erbleiden oder Unverträglichkeiten mehr zu liefern. Die Nachfrage dürfte drastisch einbrechen. Nun versucht man, schnell nachzuarbeiten und der FDA Belege für Zuverlässigkeit und Nutzen der Tests zu liefern.

„Die Nutzer könnten bei fehlerhaften Ergebnissen fatalerweise auf eigene Faust und ohne Konsultation eines Arztes entscheiden, sich die Brust amputieren zu lassen.“

Im Brief der FDA kann man nachlesen, wo diese das Problem sieht: in der Überforderung der Nutzer. Diese könnten bei fehlerhaften Ergebnissen fatalerweise auf eigene Faust und ohne Konsultation eines Arztes entscheiden, sich die Brust amputieren zu lassen, die Dosis ihrer blutverdünnenden Medikamente ändern oder aber sich in falscher Sicherheit wähnen, wenn sie tatsächlich von einer schweren Krankheit bedroht sind. Möglich wäre das. Die Frage ist aber: Ist es besser, erwachsenen Menschen zuzumuten, und auch zuzutrauen, den Rat ernst zu nehmen, die Ergebnisse mit einem Arzt zu besprechen, bevor sie Konsequenzen ziehen, die mit einem gewissen Risiko verbunden sind? Oder muss man sie vor Ihrer eigenen Unbedachtheit schützen und ihnen damit die entsprechende Urteilsfähigkeit absprechen? Die zweite Sichtweise mag im Einzelfall vor Fehlentscheidungen bewahren, sie befördert aber eine Kultur der Unmündigkeit, die letztlich viel mehr Schaden anrichtet. Wir kommen nicht darum herum, uns auf den Umgang mit solchen Daten vorzubereiten. Man muss Menschen zugestehen, auf freiwilliger Basis, unvollständiges Wissen über die eigenen Gene zu erwerben und auf eigene Verantwortung damit umzugehen.

Zweites Thema: Das Designerbaby. Im September erhielt 23andMe ein Patent auf ein Verfahren zur „Keimzellspenderauswahl basierend auf genetischen Berechnungen“. [3] Dieses sieht vor, genetische Informationen von Samenspendern oder Eizellspenderinnen zu erheben, um entsprechend den Wünschen der Empfängerin eine Auswahl treffen zu können. Die Patentschrift [4] enthält Anwendungsbeispiele, die man irgendwo zwischen absurd und knifflig einsortieren kann, beispielsweise einen Fragebogen, der einen vor die Wahl stellt, ob man für sein Kind maximale Lebenserwartung, minimale Gesundheitskosten oder geringste Krankenhausaufenthaltsdauer bevorzugt. In beispielhaft angeführten Auswertungen sieht man, wie hoch die Wahrscheinlichkeit bei einem bestimmten Spender ist, ein Kind zu bekommen, das bei Alkoholkonsum eine rote Birne kriegt (Alkohol Flush) oder ein guter Sprinter sein wird. 23andMe beteuert, dass die Firma nicht plane, in Zusammenarbeit mit Kinderwunschkliniken einen entsprechenden Service anzubieten. Vielmehr diene das Patent nur dem Schutz eines Produkts, das schon seit vier Jahren im Angebot ist: der Family Traits Inheritance Calculator. Dieser ermöglicht es Paaren, Voraussagen über Eigenschaften des geplanten Nachwuchses zu ermitteln. Es sei „eine lustige Möglichkeit, herauszufinden, welche Augenfarbe ihr Kind haben könnte, oder ob das Kind bitter schmecken kann oder eine Milchzuckerunverträglichkeit hat“, erfährt man auf einem Websiteeintrag [5] zu dem Patent. Doch sollte und wird man es wirklich bei dieser Spielerei belassen? In der Tat gäbe es durchaus sinnvolle Anwendungen, die über die Unterhaltung der Eltern hinausgehen würden. Nehmen wir an, eine Frau ist Trägerin einer bestimmten Genvariante für eine Erbkrankheit. Sie kann oder will – aus welchen Gründen auch immer – nicht mit einem Lebenspartner zusammen ein Kind bekommen. Sie lässt sich also in einer Kinderwunschklinik mit Samenzellen eines Spenders befruchten. Warum soll sie bei der Auswahl des Spenders gerade jene Information nicht berücksichtigen, die darüber entscheidet, ob das Kind eine schwere Krankheit erben wird? Viele Menschen würden das als legitimes Interesse betrachten. Es ist übertrieben, hier gleich von Designerbabies zu sprechen und eine Welt heraufdämmern zu sehen, in denen Babies wie Produkte maßgefertigt und gekauft werden. Eine solche Gesellschaft entsteht nicht dadurch, dass ein Patent erteilt wird oder eine sehr kleine Gruppe von Menschen bestimmte Dienstleistungen in Anspruch nimmt. Es ist umgekehrt so, dass eine Nachfrage erst dann entsteht, wenn die Gesellschaft sich weit von dem weg entwickelt hat, was wir bisher für selbstverständlich erachten, und in der insbesondere die Institution der Familie eine Umwertung erfahren hätte.

„Man sieht, wie hoch die Wahrscheinlichkeit bei einem bestimmten Spender ist, ein Kind zu bekommen, das bei Alkoholkonsum eine rote Birne kriegt.“

Wie müsste eine Gesellschaft aussehen, in der solche technischen Möglichkeiten breite Anwendung fänden? Sie müsste die Abkehr vom traditionellen Familienmodell noch deutlich weiter treiben, als das heute der Fall ist. Es wäre eine Gesellschaft, in der die Idee der Patchworkfamilie konsequent weiterverfolgt würde. Nicht mehr Vater, Mutter und leibliche Kinder bilden dann die Familie, sondern ein, zwei (drei? vier?) Erwachsene gleichen oder unterschiedlichen Geschlechts und Kinder, die ihre Gene von keinem, einem oder zwei dieser Erwachsenen geerbt haben. Nur wenn sich dieses Familienmodell durchsetzt, wird auch die entsprechende Designerbabytechnik Verbreitung finden. Wenn nicht, dann bleibt sie auf eine geringe Zahl von Nutzern beschränkt, die sie ganz überwiegend dazu einsetzen dürfte, Erbkrankheiten zu vermeiden. Und nicht dazu, Nachwuchs zu bekommen, der grüne Augen und trockenen Ohrenschmalz hat, bei hellem Licht niesen muss und laktosefreie Milch trinkt.

Drittes Thema: die Verbindung zu Google. Wer mit wem verheiratet und vielleicht bald geschieden ist, braucht uns dabei nicht zu interessieren. Von Interesse ist die Verwandtschaft des Geschäftsmodells des großen Datenkraken Google und des kleinen Gendatensammlers 23andMe. Wenn man die Preissenkung der letzten Jahre extrapoliert, zeigt sich, dass auch bei 23andme, wie bei Google, bald nicht mehr mit Dollars sondern mit Daten bezahlt wird. Und was mit diesen Daten geschieht, entscheidet darüber, ob wir es mit einer Bedrohung zu tun haben oder nicht. „Haben wir erst einmal die Daten, wird das Unternehmen tatsächlich zum Google der personalisierten Medizin“, sagt Patrick Chung, der bei 23andMe im Vorstand sitzt, gegenüber dem Online Magazin Fast Company. [6] Eine durchaus beunruhigende Ankündigung angesichts der sehr eingeschränkten Vorstellungen von Privatheit, die der Suchmaschinengigant vertritt. Wer hat ein kommerzielles Interesse an genetischen Informationen? Zunächst einmal die Pharmaforschung. Der Zusammenhang zwischen bestimmten genetischen Mustern und Krankheiten sowie Krankheitsanfälligkeiten oder der Wirksamkeit von Medikamenten ist für die Entwicklung neuer Medikamente oder Therapieformen von hohem Interesse und hohem Wert. Wenn 23andMe also behauptet, es gehe darum, der Forschung zu helfen, dann ist das plausibel und nicht unredlich. Für diese Form der Nutzung reicht es auch vollkommen aus, anonymisierte Daten weiterzugeben.

„Anbieter von allerlei Produkten, könnten es für eine gute Idee halten, Menschen Angebote zu machen, die vermeintlich ebenso optimal zu ihren Genen passen wie die Werbebanner im Internet zu unseren persönlichen Interessen.“

Doch damit ist das kommerzielle Interesse an den Daten nicht erschöpft. Anbieter von allerlei Produkten, die im weitesten Sinne mit Gesundheit oder auch Lifestyle zu tun haben, einschließlich Versicherungen, könnten es für eine gute Idee halten, Menschen Angebote zu machen, die vermeintlich ebenso optimal zu ihren Genen passen wie die Werbebanner im Internet zu unseren persönlichen Interessen. 23andMe könnte uns also in eine Welt führen, in der wir uns fragen lassen müssen, ob wir etwa irgendwelche dunklen Bereiche in unserem Genom zu verbergen haben – vor Verwandten, vor Freunden oder vor der Krankenkasse, die nur mal kurz einen Blick hineinwerfen möchte, um uns kostenlose Präventionskurse spendieren zu können. Von Anfang an hat das Unternehmen den Nutzern signalisiert, dass man ruhig locker mit genetischen Informationen umgehen kann und es ermöglicht, mit der Funktion „Sharing Genomes“ [7] die eigenen Daten im Netzwerk öffentlich zu machen und sich in der Nutzercommunity auszutauschen. Das Mission Statement lautet „23andMe’s mission is to be the world’s trusted source of personal genetic information.“ Frei übersetzt: „der Händler unseres Vertrauens für genetische Informationen“. Klingt irgendwie nicht so wirklich vertrauenserweckend.

Alle drei Themen zusammen: Informationelle Selbstbestimmung im Bereich der Genetik sollte weitreichende Autonomie hinsichtlich der persönlichen Nutzung mit effektiver Verhinderung der nicht autorisierten Fremdnutzung verbinden. Wir sollten keine Angst vor der Technologie haben, dafür höchst wachsam sein, was die eigene Sorglosigkeit, Datensicherheit und Datenmissbrauch anbetrifft.