07.01.2020

Im Jahr 2020 müssen wir gegen die neue Gedankenpolizei ankämpfen

Von Frank Furedi

Titelbild

Foto: Santeri Viinamäki via Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Sprache, Denken und Kultur werden in einem erschreckenden Ausmaß überwacht.

Während des letzten Jahrzehnts und besonders im letzten Jahr haben einflussreiche Personen versucht, das Narrativ, durch das sich die Gesellschaft selbst versteht, zu verändern.

Ein heimtückischer Kreuzzug ist im Gange, der darauf abzielt, zu kontrollieren, was die Öffentlichkeit sieht, hört, denkt und glaubt. Dieses Projekt, das in verschiedenen westlichen Kulturen nach Hegemonie strebt, ist nicht weniger gefährlich als frühere Versuche der Gedankenkontrolle durch totalitäre und theokratische Regime.Aber da diese Kampagne keinen Namen hat und keine explizite Ideologie fördert, wird ihre Bedeutung tendenziell unterschätzt, auch von denen, die sich den vielen Versuchen der Sprach- und Gedankenkontrolle widersetzen.

„Eine neue identitätsbesessene, antihumanistische und antizivilisatorische Erzählung hat sich durchgesetzt."

Eine neue identitätsbesessene, antihumanistische und antizivilisatorische Erzählung hat sich durchgesetzt. Wir werden zunehmend gedrängt, unsere Sprache zu ändern, bisher unbekannte Wörter zu verwenden und zutiefst fragwürdige Behauptungen zu akzeptieren. Diese Kampagne ist deshalb so erfolgreich, weil ihre Gegner ihre Bedeutung nicht begriffen haben. Typischerweise werden die Forderungen extremer Identitätsbesessener entweder als bedeutungslos oder als Witz abgetan. Nehmen wir ein Beispiel, das kürzlich aufgetaucht ist.

Eine Gruppe von 16 Wissenschaftlern – Mitarbeiter so angesehener Universitäten wie Cambridge und Oxford – schrieb einen Brief an die Zeitschrift Nature, in dem sie die Verwendung des Begriffs „Quantum Supremacy“ (zu Deutsch "Quantenüberlegenheit") anprangerten. Sie begründeten dies damit, dass der Begriff „supremacy“ rassistische und kolonialistische Ideen vermittele. Sie sagten, dass ihrer Ansicht nach „supremacy“ („Überlegenheit") durch die Assoziation mit "white supremacy“ einen Unterton der Gewalt, des Neokolonialismus und Rassismus habe, und forderten, dass der Begriff durch „Quantenvorteil" ersetzt werden solle.

Es ist natürlich verlockend, dies als eine dumme Geste wichtigtuerischer Wissenschaftler abzutun, die zu viel Zeit haben. Genau das war die Reaktion vieler Menschen auf das lächerliche Schreiben. Doch seine Verfasser stehen mit ihrem Denken nicht alleine da. Im August behauptete ein Team des Human Interface Technology Labors in Neuseeland, es sei problematisch, dass die meisten Roboter aus weißem Plastik hergestellt werden. Dies habe einen Beigeschmack von Imperialismus und weißer Vorherrschaft. Daran können wir sehen, wie die weiße Vorherrschaft neu definiert wurde: Sie wurde umgewandelt von einer ausgeprägten und bösartigen politischen Ideologie in eine Art Erbsünde, die alle mit heller Hautfarbe geborenen Menschen betrifft. Das ist natürlich lächerlich, aber die Auswirkungen dieses Unsinns sind kein Witz.

Dieser neu definierte Begriff der weißen Vorherrschaft ist nun ein integraler Bestandteil einer bestimmten kulturellen Erzählung, die nicht nur darauf abzielt, alle Weißen zu pathologisieren, sondern auch einige der wichtigen Vermächtnisse der menschlichen Zivilisation zu diskreditieren. In den Vereinigten Staaten gibt es eine wachsende Industrie von Beratern, die Organisationen Empfehlungen erteilen, wie sie sich von ihrer vermeintlichen „Kultur der weißen Vorherrschaft" befreien können. Diesen Eiferern zufolge gehören „Individualismus", „ein Gefühl der Dringlichkeit" und „Perfektionismus" zu den Einstellungen und Verhaltensweisen, die mit der Kultur der weißen Vorherrschaft verbunden sind. Mit anderen Worten, wer seine Arbeit zu ernst nimmt, könnte von dem Phänomen der weißen Vorherrschaft verdorben worden sein. Logisches Denken ist demnach im Grunde genommen weißes Denken.

Die Umwandlung der weißen Vorherrschaft in einen universellen Begriff des Missbrauchs und die schnelle Akzeptanz dieses Begriffs durch den privaten und öffentlichen Sektor ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Sie entspringt der Überwachung von Sprache, Kultur und Denken. Das Projekt der Kontrolle der Erzählung ist zunehmend darauf ausgerichtet, zu regulieren, was man sehen, hören, lesen und denken kann. Dabei geht es nicht nur um Rassenfragen.

In einigen Fällen können sich die Überwacher der Kultur auf die Polizei verlassen. Anfang letzten Jahres wurde Harry Miller, ein Dockarbeiter aus Humberside, von der Polizei kontaktiert, nachdem er einen transskeptischen Limerick auf Twitter weitergeleitet hatte. Der Beamte teilte ihm mit, dass „wir Ihr Denken überprüfen müssen". Obwohl Miller darüber informiert wurde, dass er kein Verbrechen begangen habe, wurde ihm mitgeteilt, dass sein Tweet als „Hate Speech" vermerkt wurde und sein Social-Media-Account überwacht werde. Das Denken ist buchstäblich zu einer Polizeiangelegenheit geworden.

„Sogenannte ‚sensible Leser' werden heute von Verlagen und anderen Institutionen beschäftigt, um sicherzustellen, dass die von den Autoren verwendete Sprache nicht gegen die Normen und Werte der kulturellen Eliten verstößt."

Die Kontrolle des Narrativs wird natürlich keineswegs von der Polizei monopolisiert, sondern durch eine Vielzahl von Institutionen und Kultuwächtern vermittelt. Spezielle Lektoren, sensible Leser genannt („Sensitive readers“) werden heute von Verlagen und anderen Institutionen beschäftigt, um sicherzustellen, dass die von den Autoren verwendete Sprache nicht gegen die Normen und Werte der kulturellen Eliten verstößt. In einer anderen Welt hätte man diese Personen als Zensoren bezeichnet. Aber in einer Zeit, in der die neue Sprachregelung charakteristisch undurchsichtig und euphemistisch ist, wird der Begriff Zensor durch den des sensiblen Lesers ersetzt.

Obwohl sie sehr sensibel sind, haben diese Leser keine Hemmungen, zu diktieren, welche Bücher veröffentlicht werden sollten und welche nicht. Diese Kultur der neuen Sensibilität hat einen ernsthaften Einfluss auf die kreative Freiheit. Eine junge, erwachsene Belletristik-Autorin, Amélie Wen Zhao, zog ihr Debütwerk „Blood Heir" Anfang letzten Jahres zurück, weil Rezensenten und Kollegen, die Vorabdrucke gelesen hatten, ihre Darstellung bestimmter Gruppen für problematisch hielten. Auch die Welt der Werbung ist von all dem betroffen. Hier wird nicht mit Worten, sondern mit Bildern gekämpft. Anfang dieses Jahres wurde von der britischen Advertising Standards Authority ein Verbot von Werbung mit gefährlichen Geschlechterstereotypen eingeführt. Nach den neuen Vorschriften sind Bilder von Frauen, die Hausarbeit verrichten, während faule Männer zuschauen, oder von Frauen, die schlecht Auto fahren, verboten.

Die Medien werden zunehmend in dieses Projekt, den Menschen zu sagen, was sie denken sollen, einbezogen. Der neue Streaming-Dienst Disney+ hat die Politik übernommen, klassische Filme und Cartoons mit Warnungen vor „überholten kulturellen Darstellungen" zu versehen. Diese Warnhinweise sollen die Zuschauer davor schützen, von alten Klassikern wie Peter Pan und Dumbo verdorben zu werden. Der Begriff „überholte kulturelle Darstellung“ ist bezeichnend. Indem er die Öffentlichkeit selbstbewusst von den Werten der Vergangenheit distanziert und sie sowohl als falsch als auch als irrelevant verurteilt, verstärkt dieser Begriff die Botschaft, dass wir keine andere Wahl haben, als uns die neue kulturelle Erzählung zu eigen zu machen.

In der Tat ist eines der Hauptziele dieses Kreuzzuges zur Kontrolle des Narrativs, die Gesellschaft von den Idealen und Werten der Vergangenheit zu distanzieren –  und nicht nur von denen, die wir alle froh sind, hinter uns gelassen zu haben. Die Art und Weise, in der die Gemeinschaften sich selbst und ihre Rolle in der Welt verstehen, wird ebenso in Frage gestellt wie die Durchbrüche und Errungenschaften früherer Generationen. Es ist ein unerbittliches Bemühen, die Vergangenheit als veraltet, schlecht und sogar böse darzustellen.

Ausstellungen in Museen und anderen Kultureinrichtungen verunglimpfen ständig das, was die Menschheit in der Vergangenheit erreicht hat. Der Ruhm des antiken Griechenlands ist für immer von der Sklaverei befleckt. Die Renaissance und die Aufklärung werden als Produkte des westlichen Ethnozentrismus präsentiert. Die großartige viktorianische Epoche wird als ein Zeitalter des unauflöslich Bösen dargestellt. Überall herrscht Krieg gegen die Vergangenheit. Im Juni stellte das Victoria und Albert Museum in London vor einer Ausstellung zur Geschichte des britischen Humors Schilder auf, auf denen zu lesen war: „Diese Ausstellung konfrontiert unbequeme Wahrheiten über die Vergangenheit".

Nichts davon sollte uns überraschen: Die Kontrolle über die Erzählung zu erlangen, verlangt die Eindämmung des Einflusses, den die Vergangenheit auf die heutige Gesellschaft hat. Der Erfolg dieses Projekts lässt sich daran messen, wie Menschen heute gedemütigt werden können, weil sie Überzeugungen zum Ausdruck bringen, die seit Jahrhunderten gelten.

Da ist z.B. der Fall eines Gutachters für Behinderungen, Dr. David Mackereth aus Dudley in den West Midlands. Anfang letzten Jahres wurde er von seinem Posten entlassen, weil er sich weigerte, Transgender-Pronomen zu verwenden. Dies widerspreche sihm zufolge seinem christlichen Glauben. Ein Arbeitsgericht entschied, dass seine Ansichten „mit der Menschenwürde unvereinbar" seien, und dass „ein Mangel an Glauben an Transgenderismus und die Verweigerung aus Gewissensgründen […] mit den Grundrechten anderer in Konflikt stehen". Am Ende entschied das Gericht, dass es nicht ausreiche, einfach nur das Vokabular der neuen Erzählung nachzuplappern: Man muss es auch glauben! Dass die Bestrafung eines Menschen für seinen „Mangel an Glauben an den Transgenderismus" heute fast unbemerkt bleibt, zeigt, wie mächtig die neue Erzählung ist.

Vielleicht noch schlimmer war das jüngste Urteil im Fall von Maya Forstater, die ihren Job bei einer gemeinnützigen Organisation verlor, weil sie in Tweets die Pläne der Regierung in Frage stellte, wonach Menschen in staatlichen Erklärungen ihr Geschlecht – abweichend von dem ihres Passes –  aussuchen dürfen.[8] Der letzte Satz dieses finsteren Urteils sagt aus, dass Forstaters Ansichten nicht den geschützten Charakter eines philosophischen Glaubensgrundsatzes haben. Anders ausgedrückt: Es sei in Ordnung, den Glauben, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt, zu kriminalisieren.

„Das Ideal der Toleranz entstand im 17. Jahrhundert durch den Kampf, die Überzeugungen der Menschen vor staatlicher Repression zu schützen. Jahrhunderte später treten wir in ein neues dunkles Zeitalter der Intoleranz ein."

Das Ideal der Toleranz entstand im 17. Jahrhundert durch den Kampf, die Überzeugungen der Menschen vor staatlicher Repression zu schützen. Jahrhunderte später treten wir in ein neues dunkles Zeitalter der Intoleranz ein. In den 2020er Jahren ist die Befreiung der Gesellschaft aus dem Bann des intoleranten antihumanistischen Narrativs die zentrale Herausforderung für diejenigen, die sich für Freiheit und Demokratie einsetzen. Dabei geht es nicht nur um Sprache und Worte, sondern um die Bewahrung der wertvollsten Ideale der menschlichen Zivilisation.