24.08.2015

House of Cards ist nicht Amerika

Essay von Robert Benkens

Die Kritik an der amerikanischen Politik darf kein Tabu sein. Gerade dann, wenn man dem Antiamerikanismus wirksam begegnen will. Sie darf aber auch nicht in Zynismus und Verschwörungsdenken umschlagen. Die amerikanischen Werte sind weiterhin bedeutend.

Ein kalter Blick wendet sich direkt dem Zuschauer zu. Dann diese Worte: „Für diejenigen, die zur Spitze der Nahrungskette unterwegs sind, ist Erbarmen keine Option. Da gibt es nur eine Regel: Jage oder du bist der Gejagte!“ [1] Mit diesen Worten und einem zynischen Lächeln begrüßt der Schauspieler Kevin Spacey seine Zuschauer zu Beginn der zweiten Staffel der erfolgreichen US-Polit-Serie House of Cards. Spacey spielt Francis Underwood, einen klugen, kaltherzigen, machtbesessenen und dennoch charismatischen Provinzpolitiker, der sich mit Hilfe von Seilschaften und Intrigen bis an die Spitze des Weißen Hauses hochkämpft. Der geneigte Zuschauer wird denken: Genau so ist es! Ein Soziopath in Nadelstreifen an der Spitze der Weltmacht. Weiteres Futter für das mehr und mehr zum Mainstream werdende verschwörungstheoretische Denken in Bezug auf die USA.

Aber: So unterhaltsam die Serie auch ist, sie bleibt eben dies: eine Serie. Die fiktive Geschichte greift den gerade in Amerikas Mittelschicht weit verbreiten Zynismus und die Desillusionierung gegenüber dem Washingtoner Politikbetrieb auf und treibt sie in einem spannenden Plot auf die Spitze. Gleichwohl sind die dort inszenierten Vorgänge nicht völlig aus der Luft gegriffen. Bestechlichkeit und Intrigen sind so alt wie die Menschheit selbst. Selbstverständlich sind auch die demokratischen Staaten der westlichen Hemisphäre nicht frei davon. Gleichzeitig lässt sich Politik aber eben auch nicht auf die niederen Instinkte von Einzelpersonen und korrumpierende Strukturen reduzieren.

„Bestechlichkeit und Intrigen sind so alt wie die Menschheit selbst“

Was folgt aus diesen Einsichten für freiheitlich denkende Menschen in Europa, die sich dem Phänomen des populären Antiamerikanismus stellen? Vor allem zwei Dinge: Selbstkritik und Selbstvergewisserung. Beide sind zwei Seiten derselben Medaille, die im Folgenden betrachtet werden sollen.

Westliche Selbstkritik

Zur Selbstkritik – einer der nobelsten Traditionen im westlichen Denken, übrigens: Zu oft machen es sich Liberale zu einfach und deklarieren jegliche Kritik an der US-Außenpolitik als antiamerikanisch. Dabei ist gerade eine Interventionspolitik, die durch hehre Motive wie „Nation Building“, „War on Terror“ oder „Democratisation“ legitimiert wird, sich in der Realität aber regelmäßig mit außen- und innenpolitischen Interessen vermengt oder in chaotische Planlosigkeit abgleitet, die denkbar schlechteste Werbung für die Glaubwürdigkeit der freiheitlichen Ideale des Westens. Westliche Politik muss zwar potentiell den Anspruch haben, dass zumindest ein Minimum an universellen Werten weltweit gilt. Errungenschaften wie demokratische Wahlen, rechtsstaatliche Institutionen und bürgerliche Grundrechte sowie wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Fortschritt sollen schließlich nicht an Grenzen halt machen. Aber eine solch umfassende Entwicklung, die häufig mit radikalen Umbrüchen, Verunsicherung und Statusverlust einhergeht, kann nicht von außen aufgezwungen werden, wie aktuell z.B. die katastrophalen Entwicklungen im Irak oder in Libyen zeigen.

Das ebenfalls zum freiheitlichen Wertekanon des Westens zählende Selbstbestimmungsrecht der Völker trägt dieser Einsicht Rechnung. Wird es missachtet, kann das Risiko der mit diesen Umbrüchen einhergehenden Armuts- und Gewaltspirale sehr leicht und nicht zu Unrecht der äußeren Interventionsmacht zugeschrieben werden – erst recht, wenn die Ansprüche der Wirklichkeit nicht standhalten können und eine antiwestliche Diktatur lediglich durch eine neue prowestliche ersetzt wird. Francis Underwoods Machiavellismus lässt grüßen. Genau das Gegenteil von Fortschritt und Annäherung ist dann die Folge, nämlich Radikalisierung und Abschottung. Der Westen diskreditiert mit einer solchen Interventionspolitik seine eigenen Werte und stärkt antiwestliche Bewegungen.

Der islamische Fundamentalismus ist wohl zurzeit das prägnanteste Beispiel. Dieser gewann vor allem an Fahrt, als das Modernisierungsversprechen in der islamischen Welt zu bröckeln begann. Der europäische und später der US-amerikanische Imperialismus begünstigten, dass säkulare und oft auch westliche orientierte Kräfte angesichts der wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen an Einfluss verloren und Islamisten die Deutungshoheit gewannen, die die Moderne rundweg ablehnen. Der Westen muss sich folglich eingestehen, dass seine Politik die rückständigen Kräfte zwar nicht geschaffen, aber massiv gestärkt hat. Die hausgemachten Probleme und die Kritik an religiös-fundamentalistischen Dogmen und Autokratien, ob nun in Saudi-Arabien, Iran oder in anderen Staaten, können so nur zu leicht hinter einem Schwall von Antiamerikanismus verschwinden. Statt also Frieden, Freiheit und Wohlstand außenpolitisch durch die Waffe verbreiten zu wollen, sollten die westlichen Staaten eigene Probleme angehen und ihre eigenen Werte hinterfragen.

Westliche Selbstvergewisserung

Womit die andere Seite der Medaille angesprochen wäre – die Selbstvergewisserung: Ironischerweise waren es in Vergangenheit westliche Intellektuelle selbst, die das Projekt „Moderne“ abgeschrieben und einem diffusen Postmodernismus das Wort geredet haben, nach dem alle Gesellschaftsmodelle irgendwie gleich viel wert seien. Der potentiell universalistische Anspruch der Moderne – Freiheit und Fortschritt für alle – sei demnach potentiell totalitär und gescheitert, weil er andere „kulturelle Identitäten“, „Sprachspiele“, „Diskurse“ usw. unterdrücke. Das mag ein interessantes Gedankenspiel für den Literaturkreis sein – ein praktikables Integrationskonzept oder ein Mut machendes Signal für alle Menschen, die weltweit für bessere und freiere Lebensbedingungen kämpfen und sterben, ist es sicherlich nicht. Gerade die offenen Gesellschaften des Westens ermöglichen Vielfalt der Ideen, Einflüsse und Lebensentwürfe. Hierfür ist sie aber mehr als jede andere Gesellschaftsform auf den republikanischen Rückhalt ihrer Bürger angewiesen. In einer offenen Gesellschaft muss also ein verbindender Bürgersinn stärker als das nach kleinlichen Unterschieden suchende „Stammesdenken“ sein, sonst kann sie nicht bestehen.

„Der Islamismus lehnt die freie Welt nicht aufgrund irgendeiner US-Politik ab“

Während nun vor allem europäische Staaten die freiheitlichen Prinzipien außenpolitisch wie eine Monstranz vor sich hertragen, zeigen sie auf eigenem Boden eben jene postmoderne Gleichgültigkeit. Diese Gleichgültigkeit hat nicht dafür gesorgt, dass kulturelle Unterschiede zu Gunsten einer gemeinsamen Bürgeridentität des jeweiligen Landes in den Hintergrund gerückt sind. Vielmehr hat sie diese verschärft, weil Menschen nicht als freie Individuen und potentielle Neubürger behandelt wurden, sondern als Zugehörige einer bestimmten kulturellen Gruppe mit spezifischen Sonderbedürfnissen. Gleichzeitig haben die Regierungen und auch ihre Bürger Einwanderung häufig nur als Bedrohung gesehen, statt hierfür einen einladenden Integrationspatriotismus vorzuleben und klare Regeln aufzustellen – so wie es in klassischen und erfolgreichen Einwanderungsländern deutlich konsistenter praktiziert wird. Diese innenpolitische Nachlässigkeit in Verbindung mit einem oft katastrophale Folgen nach sich ziehenden außenpolitischen Aktionismus ist kennzeichnend für die europäischen Staaten – was nicht gerade zur Übernahme und Verinnerlichung westlicher Werte beiträgt. So erscheint der Westen nach außen materiell stark, aber nach innen ideell zunehmend entleert.

Das bedeutet vor allem für Europa: Ein klares Eingeständnis fataler außenpolitischer Fehler ist notwendig. Dies schließt auch und gerade die Politik der westlichen Führungsmacht USA mit ein. Eine solche Kritik an den Auswüchsen amerikanischer Politik sollte aber nicht dazu führen, in den Chor der notorischen Amerikahasser einzustimmen. Denn bei all der berechtigten Kritik an den USA muss immer wieder ganz deutlich gemacht werden, dass beispielsweise der politische Islamismus nicht nur die USA ablehnt, sondern die gesamte freie Welt, ja die Moderne als solche. Er lehnt sie nicht aufgrund irgendeiner US-Politik ab, sondern wegen ihrer grundlegenden Werte. Es geht um unsere Art zu leben, zu lieben, zu forschen und zu hinterfragen. Nicht Taten, sondern Ideen werden abgelehnt. Eine solch grundsätzliche Verachtung der Moderne und des „dekadenten Westens“ ist aber keineswegs ein kulturspezifisches Phänomen, sondern ist heute ein Kennzeichnen vieler radikaler Antiamerikanisten. Kombiniert mit einem Opferdenken, das immer nur äußere Umstände für die eigene Situation verantwortlich macht, auf der einen sowie einer fanatischen Herrschsucht auf der anderen Seite weckt der neue (alte) Antiamerikanismus unschöne Erinnerungen an Aufklärungskämpfe zu dunkelsten Zeiten. Die meisten Amerikahasser haben selbst erst gar nicht den Anspruch, Menschenrechte und Freiheit zu vertreten oder am Wohlstand und Frieden für alle Menschen mitzuarbeiten. Sie können folglich zwar auch nicht an diesen hehren Idealen scheitern. Das macht sie aber nicht besser, sondern gefährlicher.

„Der Westen sollte durch sein Vorbild wirken, nicht durch militärische Interventionen“

Auf diese Gefahr sollte aber nicht mit weiteren willkürlichen Auslandseinsätzen reagiert werden. Gerade weil zu den westlichen Grundprinzipien das Selbstbestimmungsrecht der Völker zählt, sollte der Westen dieses respektieren und Demokratiebewegungen unterstützen, aber nicht manipulativ von außen eingreifen. Wenn die westlichen Gesellschaften stattdessen glaubwürdiger die eigenen Maximen von individueller Freiheit und republikanischer Verantwortung vertreten würden, können sie auch wieder als wirkliches Vorbild für die fortschrittlichen Kräfte in anderen Teilen der Welt dienen. Wenn sich der Westen der Überlegenheit seiner Werte wirklich sicher wäre, müsste er diese nicht der Menschheit aufzwingen. Er würde vielmehr durch sein Vorbild wirken und könnte darauf vertrauen, dass die meisten Menschen unabhängig von ihrer Herkunft früher oder später nicht nur die materiellen, sondern auch die ideellen Vorzüge offener Gesellschaften erkennen würden.

Amerikas aufklärerische Tradition

Da die Vereinigten Staaten von Amerika die einzige westliche Nation sind, die einen solchen ideellen Universalismus noch am ehesten zelebrieren und dabei auch oft an den eigenen Ansprüchen scheitern, ziehen sie so viel Ablehnung auf sich. Aber warum muss überhaupt zwischen der berechtigten Kritik an einer bestimmten Regierungsagenda und „den USA“ unterschieden werden, wie in der Überschrift angedeutet? Ganz einfach – weil bereits die vor Jahrhunderten festgeschriebenen Gründungsprinzipien und Verfassungswerte Amerikas um Welten humaner und fortschrittlicher waren als die kruden Weltbilder sämtlicher Amerikafeinde im Jahr 2015. Die Gründungsväter Amerikas stellten Prinzipien auf, die Demokratie, Frieden und Wohlstand ermöglichten und die Neue Welt zu einem Leuchtturm für Freiheit und Fortschritt auf der ganzen Welt machten. Alexis de Tocqueville hat das in seinem prophetischen Werk Über die Demokratie in Amerika eindrucksvoll dargelegt. Tocqueville erkannte, dass Freiheit und Demokratie funktionieren können und nicht zwangsläufig entweder in Anarchie oder Tyrannei umschlagen müssen. Er erkannte auch, dass dafür in Amerika die besten Grundlagen – Non-Zentralismus, Non-Interventionismus sowie ein gelebter Verfassungspatriotismus – gegeben waren. Natürlich hat es in der Folgezeit fatale Fehlentscheidungen gegeben und auch heute können Europäer über vieles nur den Kopf schütteln. So etwa bei der Lektüre des Bestsellers Die Abwicklung von George Packer. Die meisten werden sich beim Lesen wohl in ihrem Denken bestätigt fühlen.

Denn Packer beschreibt in diesem „Sachbuch“, das aufgrund seiner fulminanten Erzählweise auch als Roman erster Güte gelesen werden kann, die innere Entleerung des amerikanischen Traums von Freiheit und Wohlstand für Jedermann. Er beschreibt in vielen biografischen Einzelschicksalen letztlich eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, in der die berühmten amerikanischen Werte von Bürgersinn und Glücksstreben einer Entwicklung hin zu Vereinzelung und Machtballung weichen. Werte und Tugenden verpuffen und hinterlassen eine Lücke. Packer wörtlich: „Die Lücke schloss eine Macht, die in Amerika immer zur Stelle ist: Das organisierte Geld.“ Das ist entscheidend: Nicht das Geld oder Kapital an sich, sondern das „organisierte“ und lobbyierende Geld ist das Problem. Wo eine Gesellschaft ihre Ideale über Bord geworfen hat, führt eine fatale Verflechtung aus Staatsapparat und Bankenkartell mit all den bekannten Begleiterscheinungen wie Bankenrettungen, Immobilienblasen, Vermögens- und Machtkonzentration letztlich zur „Abwicklung“ des amerikanischen Traums.

Genau wie House of Cards zeichnet Die Abwicklung ein beunruhigendes Bild vom gegenwärtigen Amerika. Zudem ist Die Abwicklung keine Fiktion, sondern basiert auf realen Biografien. Das alles gibt zu bedenken. Der springende Punkt ist aber: Amerika muss sich als Konsequenz aus seinen Fehlern, ob außenpolitischer Interventionen oder finanzpolitischer Verflechtung, nicht selbst aufgeben. Schon der deutsche Titel Die Abwicklung deutet das eigentlich implizit an: Wo etwas abgewickelt wird, muss vorher auch etwas Großes gewesen sein – und das war es! Amerika hat ein starkes ideelles Fundament im Denken der Aufklärung. Das zeigt sich vor allem an seiner 1787 festgeschriebenen Verfassungsordnung aus „Checks and Balances“, mit deren Hilfe die schlimmsten Auswüchse staatlicher Korruption und Misswirtschaft eingedämmt werden sollten. Oder auch an den „Bill of Rights“ als Manifest unveräußerlicher Grundrechte. Der entscheidende Unterschied zu seinen „Gegnern“ wird somit deutlich: Die US-Politik mag oft falsch sein, die US-amerikanischen Grundwerte sind es nicht.

„Die US-Politik mag oft falsch sein, die amerikanischen Grundwerte sind es nicht“

Die größten Kritiker amerikanischer Regierungspolitik sitzen übrigens in Amerika selbst. Nachhilfe in Sachen Meinungsfreiheit, Selbstkritik und Debattenkultur brauchen sie gewiss nicht. Als ein Beispiel für die Freiheit der Kunst kann übrigens die Serie House of Cards selbst gelten: Eine solche Serien-Produktion, die ein so düsteres Bild vom eigenen Politikbetrieb zeichnet und dafür noch mit Preisen und Lob überschüttet wird, ist nicht in vielen Ländern außerhalb der USA vorstellbar. Anstatt „die“ amerikanische Politik also zu kritisieren, wo es wirklich notwendig und angebracht ist, ansonsten aber die großen Verdienste und Errungenschaften dieses Landes zu verteidigen, üben sich viele Europäer in Antiamerikanismus, der oft nicht mehr ist als platte Kapitalismuskritik, Kulturrelativismus oder Antimodernismus. Das stärkt aber weder wirtschaftlichen noch kulturellen Fortschritt in der Welt, sondern im Zweifel nur antiwestliches Denken auf eigenem Boden. Um es klar zu sagen: Washington steht „moralisch“ nicht auf einer Stufe mit Teheran oder Pjöngjang. Wer wegen der zweifellos gemachten Fehler die transatlantische Wertegemeinschaft aufweichen will, sollte nicht vergessen, dass all die Amerika zugeschriebenen Probleme in nicht-westlichen Ländern in Reinform vorhanden sind. Armut, Ausbeutung, Unterdrückung und Korruption sind dort nicht die Ausnahme, sondern die alltägliche Regel – auch ganz ohne amerikanisches Zutun. Die Deutschen haben das am eigenen Leib erfahren, bevor sie erkannten, welcher Weg der richtige ist: Der nach Westen.

Übrigens: Nach einer Welle von Intrigen und heimlichen Putschversuchen wird Francis Underwood schließlich zum Vize-Präsidenten vereidigt. Während er die Hand zum Schwur auf die demokratische Verfassung erhebt, wendet sich sein Blick von oben herab wieder dem Zuschauer zu. Im sarkastischen und siegessicheren Ton zischt: „Nicht eine Stimme bekommen und nur noch einen Herzschlag von der Präsidentschaft entfernt. Demokratie wird so überschätzt. [2] Es liegt an uns, die Zyniker im Westen und oder sonst wo in der Welt jeden Tag aufs Neue vom Gegenteil zu überzeugen.