07.05.2012

Greenpeace bitte übernehmen! Greenwashing wird immer dreister

Kommentar von Gerd Spelsberg

Viele Unternehmen brüsten sich damit, den Konsumenten Produkte „ohne Gentechnik“ anzubieten.Oft steckt nicht viel mehr als zeitgeistkonforme PR dahinter : Der öffentliche Verzicht auf das moralische Negativsymbol Gentechnik dient vor allem der Imagepflege

„Als Greenwashing werden Kampagnen und PR-Aktionen bezeichnet, die einzelne Produkte, ganze Unternehmen oder politische Strategien unter ein ,grünes‘ Licht stellen, sodass der Eindruck entsteht, die Akteure handeln entweder besonders umweltfreundlich oder besonders ethisch korrekt und fair“, so steht es bei Reset for a better World [1]. „Mit grünfärberischer Werbung werden Verbraucher systematisch in die Irre geführt“, kritisiert Foodwatch-Expertin Anne Markward im Greenpeace Magazin [2]. „Das sind legale Lügen.“

Vielleicht hat sie es ja noch nicht bemerkt, aber in vielen Branchen wird nahezu inflationär ein ganz besonderes Greenwashing betrieben. Niemand hinterfragt es, keine noch so greenwashing-kritische Umwelt- oder Verbrauchergruppe stellt es an den öffentlichen Pranger. Dieser Form des Greenwashings bedienen sich Unternehmen in zahlreichen Branchen: Händler für Büromaterialen, Speditionen, Werbeagenturen, Druckereien, Geldanlagefonds und auch einige Lebensmittelhersteller. Eigentlich ist es nur eine unverbindliche Meinungsäußerung, aber als Unternehmen kann man sich damit als etwas Besseres positionieren – als ging es nicht allein um Gewinn und Marktanteile, sondern um die große Verantwortung für die Natur, den Planeten und die Mitmenschen.

Das strategisch so praktische Greenwashing ist das Bekenntnis „keine Gentechnik“. Aus Sicht des Unternehmens muss man nicht viel dafür tun. Hier eine Unterstützung für eine Petition gegen Gentechnik, dort eine Spende für eine Anti-Gentechnik-Gruppe. Das eigene Firmen-Logo im „keine-Gentechnik“-Umfeld platzieren und darüber reden.

Da präsentiert sich das Büroversandhaus Memo, immerhin Träger des Deutschen Umweltpreises 2011, als Unterstützer der „Petition gegen Agrogentechnik“ [3] ebenso die Logistik-Gruppe Rudolph, die Werbeagentur Eberle, die Alnatura oder Silit-Töpfe zu ihren Kunden zählt, oder die MFK Corporate Publishing GmbH (Motto: „We don’t sell products, we sell the emotions our products generate.“), die für den Haarpflegekonzern Wella arbeitet. Die Druckerei lokay mit angeschlossenem Online-Print-Shop finanziert den Informationsdienst Keine Gentechnik.[4] Und Bionade, das tief gefallene einstige Lieblingsgetränk der Lohas [5] und des postmodernen Mittelstandes, versucht sich durch eine gemeinsame Kampagne [6] mit den „keine-Gentechnik“-Aktivisten von Bantam-Mais wieder neu im Bereich des „Guten“ zu positionieren. Das scheint auch nötig, denn nach der Übernahme durch die Dr.-Oetker/Radeberger-Gruppe waren Umsätze und Image von Bionade abgestürzt.

„Gentechnik“ ist ein mit Werten aufgeladenes Negativsymbol. Es steht für etwas grundsätzlich Verwerfliches, das man als „gutes“, verantwortungsbewusstes Individuum moralisch ächtet und in seinem persönlichen Konsumverhalten meidet. Bei ethischen Geldanlagen [7] gilt „Gentechnik“ als „Negativkriterium“ wie Atomkraft, Rüstung, Kinderarbeit, Tierversuche – und manchmal noch Tabakwaren oder Pornographie [8].

Die Verwendung von „Gentechnik“ als moralischer Kategorie geschieht pauschal und ohne Differenzierung. Meist wird noch nicht einmal zwischen grüner, roter oder weißer Gentechnik unterschieden. Für die moralische Zuweisung der Gentechnik als etwas Schlechtes ist keine Begründung erforderlich, es ist selbstverständlich und wer sich aus diesem Wertekonsens entfernt, muss sich dafür moralisch rechtfertigen. So wie es sich kein Unternehmen leisten kann, sich öffentlich zu Kinderarbeit zu bekennen, ist es auch bei der Gentechnik.

Dabei ist Gentechnik eigentlich ein molekularbiologisches Verfahren, mit dem Pflanzen oder Mikroorganismen verändert werden können. Was damit bezweckt wird, kann gut oder schlecht sein, die Umwelt belasten oder entlasten, den Landwirten höhere Erträge bringen oder den Konzernen mehr Gewinn. Jedes Produkt ist anders, doch das pauschale „keine Gentechnik“ schert alles über den gleichen Kamm und stellt es an den großen moralischen Pranger. Die Greenwashing-Strategen haben sich längst von konkreten Anwendungen und überprüfbaren Fakten entfernt.

 


Dass Greenwashing „gegen Gentechnik“ billig, wirksam und in weiten Teilen nicht überprüfbar ist, trifft auf die Lebensmittelindustrie nur begrenzt zu: Viele Hersteller, die Zutaten aus konventionellen, gentechnisch nicht veränderten Pflanzen verwenden wollen, betreiben dafür einen großen Aufwand [9], erst recht, wenn sie ihre Produkte mit dem „ohne Gentechnik“-Label [10] versehen wollen. Die Lebensmittelbranche ist deswegen in einer besonderen Lage, weil Lebensmittel und Zutaten aus gentechnisch veränderten Organismen (GVO) gekennzeichnet werden müssen. Da geht es um (weitgehend) überprüfbare Sachverhalte, nicht um grüne PR-Strategien.

Doch überall da, wo es keine Kennzeichnungspflicht gibt, hat Greenwashing mit „keine Gentechnik“ freie Bahn. Das beginnt schon bei Vitaminen oder Zusatzstoffen, wo nicht gekennzeichnet werden muss, wenn sie mit gv-Mikroorganismen hergestellt worden sind. Es geht weiter über Textilien oder Papier (aus gentechnisch veränderter Baumwolle), Leder, Waschmittel, Verpackung, Körperpflege- oder Kosmetikprodukte (gentechnisch hergestellte Enzyme, Rohstoffe aus gv-Pflanzen). Bei Non-Food-Produkten gibt es keine gentechnik-spezifische Kennzeichnung. Man kann darüber streiten, ob eine umfassende Kennzeichnungspflicht für alle Konsumartikel sinnvoll wäre – aber ganz sicher hätten dann viele der Unternehmen, die sich dank Greenwashing heute ins gute, gentechnikfreie Licht setzen, große Probleme glaubwürdig zu bleiben. Heute kann man sich „ohne Gentechnik“ brüsten, ohne sich darum kümmern zu müssen, ob die eigenen Produkte tatsächlich gentechnik-frei sind.