10.06.2013

Globuli fürs Klima

Analyse von Wolfgang Branscheid

Der Öko-Landbau gilt als die politisch korrekte Produktionsform. Heiße Luft: Erfolge für Natur und Klima kommen nur in homöopathischen Dosen, die Beschwichtigung der Verbraucher steht im Vordergrund. Ein Blick hinter die Kulissen des Bio-Hypes.

Als Renate Künast im Januar 2001 das Agrarressort in Berlin übernahm, erklärte sie vor dem Hintergrund der gerade abklingenden BSE-„Krise“ die „Agrarwende“ zu ihrem wichtigsten Ziel. Die grüne Ministerin war überzeugt: Bio-Lebensmittel sind generell von besserer Qualität als konventionell produzierte. Die Bundesforschungsanstalten ihres Ministeriums erhielten daher den Auftrag, eine entsprechende Expertise zu erstellen. Trotz einer breiten Literaturrecherche konnten die Wissenschaftler den erhofften Unterschied nicht belegen. Daraufhin wurden ausgewiesene Experten der Bio-Szene hinzugezogen. Aber auch sie kamen letztlich nicht zum gewünschten Ergebnis. Sie beließen es bei der unverbindlichen Aussage, der Forschungsstand reiche für ein endgültiges Urteil noch nicht aus. [1]

International ist sich die Forschung allerdings einig, dass es keine Hinweise für einen wesentlichen und systematischen Unterschied zwischen Bio-Lebensmitteln und konventioneller Ware gibt. Das betrifft den Genuss ebenso wie die gesundheitliche Qualität. [2] Gerade für Fleisch und Fleischwaren ist das keineswegs überraschend. Ein hochwertiges Endprodukt setzt voraus, dass auf allen Ebenen der Erzeugung und Verarbeitung hohe technologische Standards erfüllt werden. [3] Davon allerdings ist in der EU-Öko-Verordnung [4], die auch die Biofleisch-Erzeugung regelt, nichts zu finden. Ihre wichtigsten technischen Vorgaben sind:

  • Geringere Flächenintensität und Einhaltung von Fruchtfolgen in der Feldwirtschaft
  • Keine Verwendung von Mineraldünger und chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln
  • Keine gentechnisch veränderten Pflanzen
  • Keine chemisch-synthetischen Futterzusatzstoffe
  • Keine Verwendung von bestimmten industriellen Nebenerzeugnissen (insbesondere aus der Raffination von Ölfrüchten) in der Fütterung
  • Größere Stallflächen je Tier und Gewährung von Auslauf.

Keine dieser Anforderungen führt zu besonders zartem oder saftigen Fleisch oder zu besserer Verarbeitbarkeit. In Bezug auf Rückstände von Pflanzenschutzmitteln oder auf Inhaltsstoffe wie Antioxidantien in pflanzlichen Erzeugnissen lassen sich bei der Bio-Produktion keine echten positiven Effekte nachweisen. [5] Auch im Öko-Landbau werden Pestizide verwendet, die teils pflanzlichen, teils anorganischen Ursprungs (Kupfersulfat) sind, und auch hier bestehen die allgemeinen Probleme von Rückständen. [6]

Nachhaltigkeit und Biolandbau

Die Bundesregierung kommt auch aktuell nicht zu einer wissenschaftlich besser fundierten Bewertung der Bio-Produktion. In ihrer Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie [7] stellt sie vielmehr lapidar fest: „Der Ökologische Landbau ist besonders auf Nachhaltigkeit ausgelegt. Er erhält und schont die natürlichen Ressourcen in besonderem Maße, hat vielfältige positive Auswirkungen auf Natur und Umwelt und dient der Erzeugung qualitativ hochwertiger Lebensmittel.“ Belege dafür bleibt die Bundesregierung allerdings schuldig.

Stattdessen hat sie den Anteil der nach Öko-Richtlinien bewirtschafteten landwirtschaftlichen Nutzfläche in den Indikatorsatz der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie aufgenommen. [8] 20 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche Deutschlands sollen nach diesen Richtlinien bewirtschaftet werden. Dafür gab es schon in der Vergangenheit großzügige finanzielle Unterstützung. Trotzdem werden bisher lediglich sechs Prozent der Fläche nach Bio-Richtlinien genutzt. [9] Angesichts der internationalen Konkurrenz ist auch nicht viel mehr zu erwarten. Allerdings: Mittelfristig will die Partei Bündnis 90/Die Grünen für ganz Deutschland eine ökologische Landwirtschaft mit anspruchsvollen Standards erreichen [10], die über das EU-Bio-Siegel hinausgehen – gemeint sind also 100 % Bio!

Strategisch bieten sich im Bereich Landwirtschaft und Ernährung drei Vorgehensweisen für „nachhaltiges Handeln“ an [11]: Erstens kann der Verbraucher seinen Konsum bewusst einschränken (Suffizienzstrategie); zweitens kann man die Ressourcen durch technische Verbesserungen effizienter nutzen, also mit vorhandenen Mitteln einen möglichst großen Erfolg anstreben (Effizienzstrategie); und drittens kann man verwendete Ressourcen bzw. deren Reststoffe erneut nutzen, sie also in beständigen Kreisläufen zurückführen (Konsistenzstrategie).

Schon der Blick auf die EU-Öko-Verordnung zeigt, dass die Effizienzstrategie – sprich: Intensivproduktion – wohl weniger die Domäne der Bio-Landwirtschaft ist. Auch in der Nutzung von Kreisläufen beschränkt sich die Bio-Produktion vor allem auf die Rückführung des Dungs in die Feldwirtschaft. Nebenprodukte der Lebensmittelproduktion werden dagegen traditionell ungern genutzt; zum Beispiel lehnt die Ökolandwirtschaft es grundsätzlich ab, Tiermehl aus Schlachtabfällen zu verfüttern, wenn dies wieder zulässig sein sollte. Stattdessen kommt im Zusammenhang mit Bio häufig die Suffizienz ins Spiel: Die drastisch höheren Preise für Bioprodukte könne der Verbraucher, so heißt es, durch Konsumverzicht auffangen, geradezu zwanghaft wird auf geringeren Fleischverbrauch verwiesen. Der höhere Genusswert sei Kompensation genug, wenn nur nicht gerade dafür Belege fehlen würden.

Mit Konsumverzicht die Zukunft gewinnen?

Männer verzehren gewöhnlich mehr Fleisch als Frauen. Daher wird im Ernährungssektor diskutiert, ihren Fleischverzehr proportional auf das Niveau der weiblichen Bevölkerung zu senken. [12] In der praktischen Umsetzung stößt dies auf Widerstand – Männer sind nun mal keine Schweine, denen man die Ration vorgeben kann. Wie schwierig solche Vorgaben generell sind, zeigen die gänzlich erfolglosen Bemühungen zur Senkung des Anteils der Überernährten, der in Deutschland bei ca. 60 Prozent liegt. [13]

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, den Fleischverbrauch zu verringern. Ihr geht es darum, die Klimawirkungen der Agrarproduktion zu reduzieren. Berechnungen hierzu hat Woitowitz durchgeführt. [14] Dabei hat er die herkömmliche Fleischproduktion mit Bio-Fleischerzeugung und mit einer ressourcenschonenden konventionellen Variante verglichen. Gegenüber diesem Produktionsverfahren ergeben sich für Bio keinerlei Vorteile bei den Treibhausgasemissionen und im Energieverbrauch. Dafür benötigt Bio mit einer Ertragslücke von 20% deutlich mehr Land je erzeugtem Kilo Fleisch als die ressourcenschonende moderne Fleischproduktion.

Selbst in Bezug auf den Tierschutz und das Tierwohl wirft die Bio-Produktion Fragen auf. [15] In der Geflügelhaltung sind sie besonders spürbar. [16] Auch Biobetriebe können nur wirtschaftlich arbeiten, wenn sich ihre Geflügelbestände im vierstelligen Bereich bewegen. In Niedersachen sind das beispielsweise durchschnittlich 3.260 Tiere pro Bio-Betrieb. Unter Hühnern besteht jedoch eine instinktive Hackordnung. Die Freilandhaltung von großen Legehennenherden und das Verbot des Schnabelkürzens können daher zu Verletzungen und Folgeproblemen führen. Den Verbrauchern sind diese Sachverhalte nicht bewusst.

Klotzen, nicht Kleckern

Bio ist nicht mit höchster Effizienz gekoppelt. Es wird mehr Land benötigt, und die Leistungen der Öko-Produktion liegen in Mitteleuropa um runde 20 Prozent hinter der konventionellen Landwirtschaft zurück. Es gibt weitere Aspekte, die gegen Bio sprechen. Mit knappen Mitteln wirtschaftend geht es bei der Effizienzstrategie immer um eine potentiell konfliktträchtige Betrachtung von Kosten und Nutzen- bzw. Aufwand und Ertrag. [17] Was die Nachhaltigkeitseffekte betrifft, so wird oft auf die Treibhausgasemissionen abgehoben. Das ist schon deshalb sinnvoll, weil diese nicht nur mit Klimaeffekten, sondern auch mit Energieverbrauch bzw. Energieverlusten verbunden sind, hier also ökologische und ökonomische Effizienz miteinander gekoppelt sind.

Generell gilt, dass bei der Fleischerzeugung umso weniger Treibhausgase entstehen, je intensiver, d. h. je energiereicher, gefüttert wird. [18] Es gibt jedoch erhebliche Unterschiede zwischen den drei wichtigsten Fleischarten. Im Vergleich zu Schwein und Masthähnchen erzeugen die Mastrinder die bei weitem größten Emissionsmengen pro Kilogramm essbaren Eiweißes. Das hängt vor allem mit dem hohen Methan-Anteil aus der Pansengärung der Rinder zusammen. Sowohl Methan als auch der Nicht-Methananteil an den Treibhausgasemissionen lassen sich bei Rindern jedoch drastisch senken, wenn sie mehr Kraftfutter und weniger Gras, Heu oder Silage fressen – eine Fütterung, die mit der Bio-Produktion nur sehr begrenzt möglich ist.

Bei der Umsetzung der Effizienz-Strategie muss auch berücksichtigt werden, dass es zwischen Rind- und Schweinefleisch (entsprechend auch Hähnchenfleisch) eine Skala der relativen Vorzüglichkeit [19] gibt: Schweine und Hühner konkurrieren mit dem Menschen um Agrarprodukte wie Getreide oder Soja. Rinder können dagegen Futtermittel nutzen, die für die menschliche Ernährung nicht direkt verwendbar sind. Sie haben allerdings einen höheren Bedarf an Fläche und Wasser und sorgen eben für deutlich mehr Treibhausgase und etwas mehr wasserverunreinigende Komponenten wie Phosphate und Stickstoffverbindungen. Schweinefleisch und Hähnchenfleisch verbrauchen demgegenüber relativ viel fossile Energie. Auch hier läuft also das Nachdenken über Nachhaltigkeit wieder auf einen Konflikt hinaus.

Ganz offensichtlich, und das dürfte Anhänger der Biolandwirtschaft empfindlich stören, geht die Verbesserung der ökologischen Effizienz mit der Verbesserung der wirtschaftlichen Effizienz einher. Effekte der Betriebsgröße (Skaleneffekte) scheinen auch ökologisch zum Tragen zu kommen; Daher wurde parallel zur „Economy of Scale“ auch der Begriff der „Ecology of Scale“ vorgeschlagen. [20] Für die Lammfleischproduktion [21] und später auch die Rindfleischproduktion [22] wurde eine deutliche Abhängigkeit des Endenergieumsatzes und damit auch der Treibhausgasemissionen von der Betriebsgröße (ausgedrückt als Menge der Fleischproduktion) nachgewiesen.

Bio – das große Missverständnis

Die Bio-Fleischerzeugung lebt vom Kredit auf ungedeckte Schecks: In Bezug auf Qualitätsziele und darüber hinausgehende Nachhaltigkeitsziele – Gesundheit, Tierschutz, Naturschutz und Biodiversität, Dämpfung des Klimawandels – ist die Bio-Produktion keine überzeugende Alternative zur konventionellen Produktion. Die Vorstellung, Nachhaltigkeit sei vor allem durch weniger intensive Produktionsformen zu erreichen, muss vielmehr dringend hinterfragt werden. Die entsprechenden Strategieansätze werden in der Produktion von Bio-Fleisch jedenfalls verfehlt. Bei der Effizienzstrategie liegt das augenfälligste Hindernis darin, dass die Produktivität gegenüber der konventionellen Erzeugung deutlich niedriger ist. Die Suffizienzstrategie scheitert, weil der Konsumverzicht nicht durch Genuss oder glaubhafte Umweltvorteile belohnt, sondern lediglich durch höhere Preise abgestraft wird. Die Kreislaufstrategie ist nur halbherzig durchdacht; vieles, was an nutzbaren Nebenprodukten in der Tierernährung rückführbar wäre, kommt für Öko-Bauern nicht in Betracht.

Die gesellschaftlichen Erwartungen ebenso wie die Versprechungen der Politik werden also im Kern nicht erfüllt. Zudem ist die EU-Öko-Verordnung ein Regelwerk, das zumindest im Bereich der Tierproduktion starr und wenig entwicklungsfähig ist. Die Zukunftsaufgaben, die im Sinne der nachhaltigen Entwicklung zu lösen sein werden, erfordern jedoch flexibles Handeln.

Nach allgemeiner Ansicht ist der Klimawandel gerade für die Landwirtschaft eine ernsthafte Bedrohung und wird ihre Produktionsbedingungen massiv verändern. Warum sollte gerade eine idealistisch verbrämte, hinter Verboten verschanzte und rückwärtsgewandte Produktionsform dieser neuen Herausforderungen Herr werden? Falls die Welttemperatur tatsächlich um 2°C ansteigt, was unabsehbare Folgen hätte, sollten alle Ressourcen möglichst sinnvoll und sparsam genutzt werden. Das heißt auch: sie so intensiv wie nötig einzusetzen. Das würde zunächst für die landwirtschaftlichen Nutzflächen gelten, sie sind in Deutschland und weltweit ein schwindendes Gut. Wir wären gut beraten, dieses Gut dort, wo es bereits als landwirtschaftliche Fläche vorliegt, klug zu bewirtschaften und mit maximaler Intensität, unter Beachtung der wichtigsten ökologischen Indikatoren (Energie, Emissionen, Bodenfruchtbarkeit), zu nutzen. Ein solches Ziel ist vor allem mit entsprechend gut angepassten Pflanzensorten zu erreichen. Die Maiszüchtung hat in den letzten 40 Jahren gezeigt, welche Fortschritte mit modernen Verfahren möglich sind. Eine akademische, also von den Universitäten und nicht von der Industrie gelenkte gentechnische Forschung könnte hier weitaus mehr leisten. Auf Initiative der Öko-Verbände und von Umweltorganisationen, aber auch aufgrund politischen Kalküls ist in Deutschland dieser Weg noch lange verschlossen. Wahrscheinlich werden wir erst angesichts wirklich drängender durch den fortschreitenden Klimawandel verursachter Probleme erkennen, dass wir die rechtzeitige Nutzung eines wirklich effizienten Instrumentes bewusst verschlafen haben.