15.01.2013

Im Raum der Kontrollüberzeugungen

Analyse von Boris Kotchoubey

Eine Untersuchung des begrifflichen Wegs von Freiheit und Gleichheit mit den Instrumenten der Sozialpsychologie. Beide sind als internale Kontrollüberzeugungen entstanden und haben dann eine Externalisierung durchlaufen

„Die Geschichte der Freiheitsidee war, wie übrigens auch die Geschichte aller großen Ideen, die Geschichte ihres Verrats.“ Fedor Stepun [1]


In einem alten Witz (Prof. Karasek aufgepasst!) wird von einem deutschen Touristen erzählt, der in den USA unter offenem Himmel übernachten muss, weil er in jedem Hotel fragt: „Do you have a room free?“, worauf er von dem/der ein wenig überraschten Empfangsherrn bzw. -dame naturgemäß immer die gleiche Antwort erhält: „Never“.

Von den zwei größten Slogans der Französischen Revolution (den dritten, Fraternité, hat sowieso niemand ernst genommen) marschiert die Liberté in den letzten Jahrzehnten genau denselben begrifflichen Weg, den 100–150 Jahre zuvor die Egalité bereits durchgemacht hat. Dies ist auch deshalb interessant, da de Tocqueville Freiheit und Gleichheit als zwei unvereinbare, einander prinzipiell zuwider laufende Grundsätze betrachtet hat [2]. So ist es merkwürdig, dass die beiden Begriffe doch das gleiche Schicksal erleben, der eine früher, der andere später.

Die Sozialpsychologie unterscheidet zwischen zwei Grundeinstellungen einer Person gegenüber ihren Handlungen in der Gesellschaft. Man spricht von einer internalen Kontrollüberzeugung, wenn die Person das Ergebnis ihrer Handlungen als vor allem von ihr selbst und von diesen Handlungen abhängig sieht. Im Gegenteil besitzt diejenige Person eine externale Kontrollüberzeugung, die glaubt, dass ihre Erfolge und Misserfolge von Außenwirkungen abhängen, hauptsächlich von den „mächtigen anderen“ oder vom Zufall. [3] Die Achse internal/external hat sich mittlerweile als sehr stark erwiesen; sie hängt mit allerlei Verhaltensdispositionen und Eigenschaften von den politischen Präferenzen und beruflichen Neigungen bis zum Gesundheitszustand zusammen. Ich glaube, dass de Tocqueville und seine Nachfolger das Prinzip Gleichheit als grundsätzlich externales und das Prinzip Freiheit als grundsätzlich internales ansahen. Sie verwendeten natürlich nicht diese Begriffe, die erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts eingeführt wurden, aber die Beschreibungen, die sie abgaben, stimmen mit den modernen psychologischen Beschreibungen perfekt überein. [4] In meiner Freiheit bestimme ich über mich selbst, während ich in meiner Gleichheit mit den anderen von ihnen abhänge – auf diese Weise lassen sich diese zwei Prinzipien einander gegenüber stellen, wobei das erste internal, das zweite external ist.

In diesem Text will ich jedoch ein anderes Modell vorschlagen, nach welchem die beiden Ideen zuerst als internale entstehen, dann aber eine Externalisierung durchlaufen.

Gleichheit

Ursprünglich wurde das führende soziale Prinzip der Egalité in erster Linie als Abschaffung angeborener Privilegien verstanden. In der gegenwärtigen Sprache bedeutet das die Chancengleichheit bzw. die Gleichheit der Startmöglichkeiten. Diese Bedeutung ist durchaus internal, weil auch dann, wenn der Startschuss allen zur gleichen Zeit und von der gleichen Linie vorgegeben wird, der weitere Wettlauf von einem selbst abhängen kann. Genau deswegen hat man aber in diesem Begriff der Chancengleichheit sehr schnell einen Widerspruch feststellen können. Nicht nur gewährleistet die Gleichheit am Start keineswegs die Gleichheit am Finish; vielmehr kann sie im Gegenteil die resultierende Ungleichheit noch vergrößern. Der Barbier von Sevilla sehnte sich nach der Gleichheit aller Menschen unabhängig von ihrer Geburt gerade deshalb so stark, weil er wusste, dass er den meisten Zeitgenossen eben nicht gleich, sondern von seiner Intelligenz und Lebenskraft weit überlegen war.

Dieses Paradox der Chancengleichheit (d.h. dass sie zu noch weiterer Ungleichheit führen kann) war der Grund für die Forderungen nach stärkeren, „konsequenteren“ Gleichheitskonzepten wie die Gleichheit des Einkommens, der politischen Rechte bzw. der Rechtlosigkeit (die einfachste Form des gleichen Rechts für alle ist die gleiche Rechtlosigkeit aller Untertanen vor einem Despoten) oder sogar die Gleichheit der Meinungen und Ansichten. Die Spannung zwischen diesen zwei im Grunde entgegengesetzten Gleichheitsbegriffen entlud sich bereits im Terror 1793–1794. Während Gironda mit der Gleichheit der Startmöglichkeiten völlig zufrieden war, vertrat die Bergpartei die Menschen, die beim gleichen Start zu kurz gekommen waren. Deshalb war es nur konsequent, dass die Gemäßigten lediglich diejenigen köpfen wollten, die schon von Geburt eine Ungleichheit beanspruchen könnten; die Jakobiner dagegen bestanden darauf, dass alle guillotiniert werden, die sich in irgendeiner Hinsicht von der Masse auszeichneten. Sogar die Personen, die ebendieses jakobinische Gleichheitsideal auf eine besonders hervorragende Art und Weise vertraten (Danton), mussten dafür mit Leben bezahlen.

Im sozialpsychologischen Sinne sind diese weiteren Gleichheitskonzepte offensichtlich external: Gleichheit am Start lässt dem Individuum viele Möglichkeiten offen, Gleichheit am Finish bindet es an seine Stelle fest. Die Ironie bestand allerdings darin, dass die späteren, anscheinend stärkeren und weitgehenden Gleichheitsziele eher erreicht wurden als die frühere, vermeintlich viel schwächere Anforderung der gleichen Startmöglichkeiten. Es reicht, einfach mal eine ARD- oder ZDF-Talkshow anzuschauen, um einzusehen, dass die Gleichheit im Sinne von „Gleichschaltung“ auch ohne Schreckensherrschaft mit völlig demokratischen Mitteln relativ problemlos hergestellt werden kann, während wir vom simplen Ideal der Chancengleichheit unserer Kinder unabhängig von ihrer Herkunft immer noch fast so weit entfernt sind wie zu den Zeiten eines Figaro.

Freiheit

Im Unterschied zur Gleichheit erscheint die Freiheit ihrem Sinn nach internal. Der ursprüngliche Begriff der Freiheit als Selbstbestimmung entsteht im Paar mit dem Begriff Verantwortung. Diese ist die Einsicht in die Konsequenzen der eigenen Handlungen. Der berühmter Psychologe Victor Frankl, Gründer der sogenannten dritten Wiener psychotherapeutischen Schule, hat einmal erzählt, dass er bei seinem ersten Besuch in die USA gefragt wurde, ob es ihm in dem Land gefällt, an dessen Ostküste die Freiheitsstatue steht. (Die Frage hing natürlich damit zusammen, dass Frankls Psychotherapie viel mit dem Freiheitsbegriff arbeitet.) Er antwortete, dass er dies zwar sehr schön finde, nur fehle ihm leider an der Westküste eine Verantwortlichkeitsstatue. Mit diesem Bonmot blieb Frankl noch gänzlich im Netzwerk klassischer Beziehungen: Freiheit setzt Verantwortung voraus und ist ohne diese nicht realisierbar. Frei handelt nur diejenige Person, die weiß, dass ihre Handlungen für sie etwas ausmachen – dass sie nicht „einfach so“ sind.

Genau so, wie die Freiheit genuin mit der Verantwortlichkeit verbunden war, war sie mit der Idee der Abhängigkeit absolut unvereinbar. Die im politischen Sinne freie Person war diejenige, die zu keiner anderen im Abhängigkeitsverhältnis stand: Daher die Begriffe „Freiherr“ und „Freifrau“. Obwohl die Konzepte von Freiheit und Unabhängigkeit streng genommen nicht dasselbe bedeuten, haben sie in vielen Bereichen auch außerhalb der Politik (z.B. künstlerische oder Forschungsfreiheit) fast wie Synonyme funktioniert. Die Triade Freiheit – Unabhängigkeit – Verantwortlichkeit erscheint in diesem begrifflichen Feld unauflösbar zu sein. Handle ich unabhängig von den „mächtigen Anderen“, so trage ich auch, falls meine Handlungen fehlerhaft sind, die volle Verantwortung für diese Fehler und kann die Verantwortung nicht auf jene „Mächtigen“ delegieren.

Aber mit der Verwandlung der internalen Chancengleichheit in die externale Ergebnisgleichheit ändert sich auch das Freiheitsideal in Richtung externaler Werte. Freiheit wird, insbesondere seit dem Ende des Kommunismus, welcher dem Westen das Paradigma totalitärer Unfreiheit stets vor Augen gehalten hat, immer mehr als freier Zugang zu bestimmten sozialen (materiellen oder geistigen) Errungenschaften begriffen. So gesehen sind die für die meisten Kommentatoren überraschenden Erfolge der Piratenpartei völlig logisch: Die Piraten sind in der Tat die Freiheitspartei unserer Ära („die Freiheitspartei des neuen Typs“, wie Lenin vielleicht gesagt hätte). Während die letzten Trüppchen der (größtenteils selbstverschuldet) zerschlagenen FDP immer noch versuchen, meistens lippenbekenntnisartig und inkonsequent, die verlorenen Posten längst vergangener Freiheitsideen zu verteidigen, formulieren die Piraten unmissverständlich die postpostmodernen Ideale einer Freiheit der Genehmigung, einer Lizenzfreiheit: freier öffentlicher Verkehr, freies Grundeinkommen für jeden unabhängig von der Leistung, freier Zugriff auf Musik und Kunst, jedenfalls in deren digitalisierter Form. Freiheit ist so nichts anderes als die Möglichkeit, etwas umsonst zu haben.

Ich kenne die in den letzten Jahren intensiv geführte politische Diskussion, in der die Begriffe Selbstbestimmung und Autonomie so oft benutzt wurden, dass man denken könnte, diese Diskussion stelle das alte Freiheitskonzept wieder her. Der Schein trügt. Es handelt sich dabei um das Recht eines Schwerkranken, auf bestimmte Behandlungsmaßnahmen zu verzichten. In anderen Worten beschränken sich unsere Selbstbestimmungsrechte auf die Kostenreduktion im Gesundheitssystem. Noch offensichtlicher kann der Übergang zum konsumatorischen Freiheitsbegriff kaum sein. Der Gesundheit wegen darf ein Mensch weder rauchen noch Fettes essen, weder zu viel Sport treiben (Behandlungskosten von Knochenbrüchen) noch zu wenig (Behandlungskosten von Herz- und Kreislaufkrankheiten), als Patient darf man seinen Arzt nicht frei aussuchen; das alles soll vom Staat kontrolliert werden. Allein wenn es um das Recht geht, ein paar Tage früher zu sterben und dadurch den Staat um ein paar tausend Euro zu entlasten – bei diesem Recht auf den letzten Konsumverzicht sind wir (endlich) autonome Subjekte!

Die erwähnte Externalisierung der Freiheit lässt sich auf beiden Seiten des politischen Spektrums beobachten. Von rechts wollen die sogenannten Neokonservativen für die anderen entscheiden, dass sie (die anderen) freiheitlich leben müssen, was ein offensichtliches Paradox darstellt. Von links wird uns z.B. gesagt, dass die wahre Freiheit die Freiheit von Armut und von den sozialen Sorgen sei. Die Politik solle Menschen von Ängsten befreien – die Rolle, die in der europäischen Tradition eher Jesu Christi zugeschrieben wurde. Das bedeutet, dass die Politik ihr Geschäft mit Seelsorge und Psychotherapie und Demokratie mit dem emotionalem Gleichgewicht der Bürger verwechselt.

Während die „alte“ Freiheit als Selbstbestimmung die Bereitschaft bedeutete, freiwillig eine Last auf sich zu nehmen, versteht sich die „neue“ Freiheit des Zuganges dagegen als die Befreiung von jeder Last. Wenn wir heute von einer „Freiheit von Angst und Sorgen“ sprechen, so bedeutet das natürlich nichts anderes als Freiheit von Verantwortung.

Der Musterknabe dieser Freiheit, der sie idealerweise symbolisierende Literaturheld ist Pinocchio, der Holzjunge, der behauptete, die Freiheit bestehe darin, dass man sorglos tun und lassen kann, was man will. Der externale Charakter dieser Freiheit ist nicht zu leugnen. Wer, von jeglichen Sorgen befreit, alles tun kann, was er will, dessen Schicksal hängt von seinen Handlungen nicht mehr ab.

Wie kann das Ideal einer „Freiheit von Armut“ erreicht werden? Wie kann eine Gesellschaft die Möglichkeit ausschließen, dass ich durch mein freies (und eventuell falsches) wirtschaftliches Handeln verarme – indem ich z.B. mein gesamtes Geld in einem Casino verspiele? Entweder bedeutet dies, dass ich zum richtigen Handeln gezwungen werde und gar nicht die Gelegenheit eines Fehlers bekomme. Die Gesellschaft verbietet mir einfach, ins Casino zu gehen; noch besser, sie verbietet Casinos insgesamt. Das wäre dasselbe paradoxe Aufzwingen von Freiheit, dessen wir die Neocons beschuldigen. Eine andere Lösung wäre, dass meine Fehler, selbst wenn ich sie hundertmal wiederhole, immer wieder von der Gemeinschaft beglichen werden. Das würde bedeuten, dass jemand immer wieder für mich zahlt, und in diesem Fall wäre zu erwarten, dass er für mein Verhalten immer strengere Auflagen fordert. In beiden Fällen gibt es keine Möglichkeit, ohne ein starkes paternalistisches Verhältnis auszukommen. Aber gerade im Paternalismus sehen wir heute die beste Garantie der Freiheit.

Wenn das Band zwischen Freiheit und Verantwortung abgerissen wird, so gilt dies auch für das Band zwischen Freiheit und Unabhängigkeit. Es liegt zwar in meinen eigenen Kräften, den freien Zugang zu bestimmten sozialen Gütern zu fordern, aber sobald ich meine Forderungen durchgesetzt habe, erhalte ich die angestrebten sozialen Errungenschaften quasi „automatisch“, ohne jegliche weitere Anstrengung. Somit bin ich dann genauso automatisch von dem abhängig, der mir diesen Zugang gewährleistet. Der Hersteller jener Güter kann auch irgendwann einmal seinen Anspruch erheben. Seine Bewilligung des freien Zugangs ist ein reines Entgegenkommen; er kann dieses jederzeit verweigern.

Im Gegensatz zu all den politischen, künstlerischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und sonstigen traditionellen Freiheiten beanspruchen wir heute keine Wertschöpfungsfreiheit. Wir haben kein Interesse mehr am Entstehen der Werte, die wir konsumieren dürfen. Diese Werte kommen einfach zu uns wie der Ökostrom aus der Steckdose, von dem wir gar nicht wissen wollen, dass er in Temelin erzeugt und aus Tschechien importiert wird. Unsere Freiheit heute ist die Freiheit des Verbrauchs, nicht umsonst spielt der Verbraucherschutz so eine enorm wichtige Rolle in unserem politischen Leben. Aber auch der beste Schutz kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das konsumierte Produkt von jemand „im Schweiße seines Angesichts“ hergestellt werden muss, dass diese Herstellung Energie (ver-)braucht und deshalb das Produkt notwendigerweise endlich sein muss. Der oben erwähnte Pinocchio glaubte (nachdem ihm dies Kater und Fuchs eingeredet hatten), dass es ein Wunderfeld gibt, wo Dukaten aus dem Boden sprießen, und seine Freiheitsvorstellungen hingen eng mit diesem Glauben zusammen. Während die internale Freiheit, sein Leben zu bestimmen, zumindest theoretisch für jeden zugänglich war [5], muss die externale Verbrauchfreiheit unbedingt begrenzt werden, weil sie das Vorhandensein eines Kuchens, welcher nur richtig verteilt werden soll, einfach voraussetzt und sich nicht im Geringsten um Backvorgänge kümmert.

„Wenn ich von einer unbegrenzten Freiheit ausgehe, komme ich zum unbegrenzten Despotismus“, wie ein Held Dostojewskis sagte. [6] So weit sind wir noch nicht. Aber wir sind von der Freiheit des souveränen Individuums, die mit Verantwortung untrennbar verbunden und mit der paternalistischen Abhängigkeit unvereinbar war, abgekommen, und zu der anderen Freiheit gelangt, bei der wir dank des Schutzes der Gemeinschaft konsumieren und verantwortungslos tun können, was wir wollen, ohne an die Konsequenzen denken zu müssen.