18.09.2015

Gesetze gegen Waffen sind Gesetze gegen Schwarze

Analyse von Kevin Yuill

Wer strengere Waffengesetze für die USA fordert, braucht vor allem dringend eine Geschichtsstunde. Historisch gesehen diente die Waffenregulierung nämlich in erster Linie der Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung. Das ist heute nicht anders.

Dem Charleston-Massaker im vergangenen Juni, dem neun Menschen zum Opfer fielen, folgten emotional aufgeladene Rufe nach einer stärkeren Einschränkung von Waffenbesitz. Dabei scheint die lange Geschichte des Zusammenhangs von Afroamerikanern und Waffen in Vergessenheit geraten zu sein. Waffenregulierung bedeutete ursprünglich den Versuch, die Schwarzen zur Herausgabe ihrer Waffen zu zwingen und war nicht etwa dafür gedacht, Menschen zu schützen. Ebenso wie die Gläubigen in der Emanuel African Methodist Episcopal (AME) Church für den Attentäter Dylann Roof zum leichten Ziel wurden, so ist die „Waffenkultur“ ein gefundenes Fressen für „anständig“ denkende Politiker und Experten.

US-Präsident Barack Obama verwies mit Bitterkeit auf seine jüngsten Niederlagen im Bereich der Schusswaffenregulierung und bemerkte, dass die USA „irgendwann als Land darüber nachdenken müssen, dass diese Art der Massengewalt in anderen entwickelten Ländern nicht vorkommt. In anderen Ländern kommt sowas nicht in dieser Häufigkeit vor.“ 1 Die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton schlug in die gleiche Kerbe und fand, dass „Massaker um Massaker“ 2 ein Gesetz zur Einschränkung des Waffenbesitzes dringlicher werden lassen als jemals zuvor.

In Großbritannien und anderswo in Westeuropa konnten sich diejenigen kaum zurückhalten, die sich gerne daran ergötzen, den ignoranten Amerikanern mit dem erhobenen Zeigefinger im Gesicht herum zu wedeln. Der Guardian hatte seinen großen Tag. Kolumnist Gary Younge ließ verlauten, dass „ohne Schusswaffenregulierung der Rassismus weiterhin Schwarze töten wird.“ Dann attackierte er „die Zwillingskrankheiten der Nation: Rassismus und Waffen“, die „beide seit der Gründung tief in der Nationalgeschichte verwurzelt sind und sobald nicht verschwinden werden“. 3

„Keines der von Obama vorgeschlagenen Gesetze hätte den Charleston-Anschlag verhindert“

Obamas Entschluss, diese Debatte ausgerechnet auf Twitter zu führen, zeigt, dass es ihm an Selbstbewusstsein mangelt, die Diskussion in ihrer ganzen Tiefe zuzulassen – aus gutem Grund. Nach dem Massaker in der Sandy-Hook-Schule 2013 hatte Obama geplant, so genannte Sturmgewehre zu verbieten, die Größe von Magazinen zu limitieren und alle Einzelstaaten zur ausführlichen Überprüfung jedes Waffenkäufers zu zwingen. Allerdings benutzte Roof eine Pistole mit einem normalen Magazin, kein Sturmgewehr. Und, wie die New York Times berichtete, lud er fünfmal nach. Keines der von Obama vorgeschlagenen Gesetze hätte irgendwas am Charleston-Anschlag verändert.

Obama geht auch falsch in der Annahme, dass „diese Art von Massengewalt in anderen entwickelten Ländern nicht vorkommt“. In den letzten 15 Jahren gab es in Norwegen, Finnland und der Schweiz jeweils eine höhere Anzahl an Opfern durch Schusswaffen pro 100.000 Einwohnern als in den USA. Der mit Abstand schlimmste Amoklauf in der Geschichte, das Massaker an Schulkindern und jungen Erwachsenen durch Anders Breivik in Norwegen, verzerrt diese Daten natürlich – was wiederum bestätigt, wie selten solche Vorfälle wirklich auftreten. Die USA sind kaum das einzige Land, dass sich mit solchen brutalen Massakern konfrontiert sieht. China litt im letzten Jahr unter einer Reihe von Amokläufen, bei denen Messer, Hammer und Hackbeil als Waffen genutzt wurden: Vom Fall eines Mannes, der 22 Kinder erstach, bis zum Massaker an 29 Menschen in einer Bahnstation.

Historisch gesehen hatte man bei Gesetzen zur Waffenregulierung vor allem Afroamerikaner als Zielgruppe im Hinterkopf. Zum Beispiel inspirierte die von Nat Turner angeführte Sklavenrevolte von 1831 Politiker in Tennessee zu einer Verfassungsänderung, bei der sie das Recht des freien Mannes, Waffen zu besitzen und zu tragen, in das Recht des freien weißen Mannes umwandelten. Ähnliche Gesetzesänderungen kamen 1836 in Arkansas und 1838 in Florida zustande. 4

„Schusswaffen gaben den Schwächsten der Gesellschaft einen Anschein von Ebenbürtigkeit“

Der Grund für die Waffenregulierung war offensichtlich: Schusswaffen gaben den Schwächsten der Gesellschaft einen Anschein von Ebenbürtigkeit. In einer Ansprache an geflüchtete Sklaven und freie Männer argumentierte Frederick Douglass 1854: „Ein guter Revolver, eine ruhige Hand und die Entschlossenheit, jeden niederzuschießen, der den Versuch unternimmt, jemanden zu verschleppen […]. Jeder Sklavenjäger, der bei seinem teuflischen Geschäft einen blutigen Tod findet, ist ein Argument für die Mannhaftigkeit unserer Rasse.“

In der Zeit nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg beeilte sich die schwarze Bevölkerung, Schusswaffen zu kaufen und Milizen zu bilden, um ihre neu entdeckten Rechte zu schützen. Anti-Sklaverei-Aktivisten wie William Lloyd Garrison entrüsteten sich darüber, dass Afroamerikanern zuvor das Recht, Waffen zu tragen, beschnitten worden war. In einer Publikation, die kurz nach dem Krieg veröffentlicht wurde, betonte die African Methodist Episcopal Church – genau jene Kirche, die Roof zum Ziel machte – die Wichtigkeit des zweiten Verfassungszusatzes für die Afroamerikaner: „Wir haben mehrmals darauf hingewiesen, dass die Verfassung der Vereinigten Staaten jedem Bürger das Recht zusichert, Waffen zu besitzen und zu tragen.“

Nachdem 1868 der 14. Verfassungszusatz verabschiedet worden war, wurden die Gesetze zur Waffenregulierung vordergründig rassenneutral, allerdings war jedem klar, dass sie eigentlich auf die schwarze Bevölkerung abzielten. Eine Zeitung aus South Carolina schrieb 1896: „Man hört nie von Verurteilungen nach dem Gesetz zum verdeckten Tragen von Waffen, außer ein Neger hat Pech und fällt einem Polizeibeamten in die Hände, der dann eine Pistole bei ihm findet.“ 5 Eine krasse Veranschaulichung der rassistischen Überlegungen zur Idee einer „Waffenkultur“ findet sich in einem Artikel des Atlanta Journal, geschrieben nach den dortigen Rassenunruhen 1906: „Nehmt den Negern die Waffen ab […]. Ein guter Neger wird in diesen Zeiten durch den Besitz von Waffen verdorben, ein schlechter Neger wird noch schlechter, wenn man ihm eine Pistole in die Tasche steckt.“ 6

Um die Jahrhundertwende nahmen opportunistische afroamerikanische Anführer wie Booker T. Washington die Fürsprache der weißen Südstaatler für Waffenverbote für bare Münze und unterstützten die Kampagne für Waffenverbotsgesetze. Radikale schwarze Stimmen wie Ida B. Wells und W. E. B. Dubios jedoch drängten die schwarze Bevölkerung dazu, sich zu bewaffnen. Der Fall von Dr. Ossian Sweet, der 1925 in Detroit des Mordes ersten Grades angeklagt wurde, nachdem ein Mitglied eines Mobs, der sich vor seinem Haus versammelt hatte, erschossen worden war, rief gar den äußerst liberalen Anwalt Clarence Darrow auf den Plan.

„Gesetze zur Waffenregulierung zielen wie eh und je auf Afroamerikaner ab“

Es sei außerdem daran erinnert, dass die erste Aktion der Black Panthers in den 1960er Jahren der Protest gegen einen Gesetzentwurf zur Waffenregulierung war: Der Mulford Act war 1967 in der kalifornischen Gesetzgebung vor allem deshalb auf den Weg gebracht worden, um die bewaffneten Patrouillen der Black Panthers zu unterbinden. Als Träger von Schrotflinten und Gewehren warben die Panthers für die bewaffnete Selbstverteidigung. Als Widerparts in dieser Sache standen ihnen die Republikaner Richard Nixon und Ronald Reagan gegenüber. In seinem Buch The Saturday Night Special gibt der Anti-Waffen-Journalist Robert Sherrill unumwunden zu, dass das Schusswaffenkontrollgesetz von 1968 „nicht erlassen wurde, um Waffen zu kontrollieren, sondern Schwarze“. Die National Rifle Association (NRA), die die Waffenregulierung damals unterstützte, rechnete sich das Gesetz von 1968 sogar als Verdienst an.

Erst in den späten 1960er und den 1970er Jahren verschob sich der Fokus vom schwarzen Finger am Abzug zur Waffe selbst. Dies erlaubte der ‚liberalen’ Elite, ihre Kampagne zur Entwaffnung der Machtlosen fortzusetzen, ohne sich des Rassismus beschuldigen lassen zu müssen. Die Psychologen Leonard Berkowitz und Anthony LePage publizierten einen oft zitierten Artikel unter der Überschrift „Waffen als aggressionsauslösende Stimuli“. Berkowitz erklärt darin rundheraus, dass „Waffen nicht nur Gewalt erlauben, sie können sie sogar fördern. Der Finger zieht den Abzug, aber der Abzug dürfte ebenso den Finger ziehen.“ Der Verweis auf den „Virus“ oder die „Epidemie“ Waffen zeigt, dass diese Fetischisierung von Schusswaffen seit den 1960er Jahren immer größer und stärker wurde.

Heute wird diese Geschichte von Personen wie Joan Burbick, die 2006 in ihrem Buch Gun Show Nation ausrief, Waffen „stinken nach der Macht der Weißen“, gern vergessen, weil es gerade in den Kram passt. Diejenigen, die die Geschichte verstehen, versuchen sich häufig von den rassistisch motivierten Waffenregulierungen zu distanzieren, indem sie behaupten, die heutige Situation wäre eine andere.

Aber auf wen zielen die Waffenverbots-Gesetze heute denn ab? Natürlich sind es wie eh und je Afroamerikaner. Die typische Person, die wegen Waffenkriminalität festgenommen wird, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit schwarz. 2013 machten Afroamerikaner 47,3 Prozent der nach Bundesrecht für Waffenkriminalität Verurteilten aus – ein größerer Rassenunterschied als in jeder anderen Kategorie des Bundesrechts, inklusive Drogenkriminalität. Das alles zeigt, dass Gesetze zur Waffeneinschränkung auch nach 200 Jahren immer noch einen unverhältnismäßigen Einfluss auf die Schwächsten in der amerikanischen Gesellschaft haben.