02.05.2019

Genuss im Fadenkreuz

Von Johannes Richardt

Titelbild

Foto: taniadimas via Pixabay / CC0

Die Politik hat Angst vor den Leidenschaften und Neigungen der Bürger. So wird Genuss zunehmend medikalisiert und reguliert

„Aspirin gab’s nicht, da hab’ ich dir Zigaretten mitgebracht.“ (Homer Simpson)

Über Geschmack lässt sich nicht streiten, sagen die einen. Im Gegenteil: Über Geschmack lässt sich trefflich streiten, entgegnen die anderen. Egal auf welche Seite man sich schlägt, eines ist unzweifelhaft: Geschmacksfragen stehen heute unter massivem Regulierungsvorbehalt. Seit Jahren werden sie zunehmend zum Gegenstand von Richtlinien, Verboten oder volksgesundheitlicher „Aufklärungskampagnen“. Schon immer haben politische oder religiöse Autoritäten versucht, unsere Triebe, Neigungen, Bedürfnisse und Vorlieben in ihnen gefällige Richtungen zu lenken. Sei es durch mehr oder weniger offenen Zwang, sei es durch moralische Appelle, Beeinflussung oder Manipulation. Niemals waren die Fragen, welche Nahrungsmittel, Getränke, bewusstseinsverändernden Substanzen wir unseren Körpern zuführen, welchen (Glücks-)Spielen wir nachgehen dürfen oder wie und mit wem wir Sex haben, reine Privatangelegenheiten. Bemerkenswert und neu ist jedoch das Ausmaß, in dem Genussfragen heute politisiert und verrechtlicht werden – ausgerechnet in einer Zeit, die in vielen Fragen der Lebensführung durchaus nicht wenige Freiräume und Optionen für die Einzelnen bietet.

Zu Recht schätzen wir unsere vergangenen Errungenschaften, Jahrzehnte des Wohlstands und der relativen Freiheit. Allerorten wird heute angesichts des Aufstiegs der Populisten der Wert der liberalen Demokratie und des Vermächtnisses der Aufklärung beschworen. Geradezu depressiv stimmt einen dabei der defensive Ton und die fehlende Substanz dieser Formeln. Anstatt zu fragen, wie wir mehr Freiheit, Demokratie und Wohlstand für alle erreichen können, erleben wir, wie zum angeblichen Schutz der Demokratie demokratische Rechte beschnitten und der öffentliche Debattenraum verengt werden. Die Bewahrung als „alternativlos“ verkaufter Institutionen und überlebter politischer Konzepte hat bei unseren Eliten einen konstruktiven, zukunftsweisenden Gestaltungsanspruch weitestgehend verdrängt.

„Aus einer trüben Sicht auf den Bürger leitet sich der politische Anspruch ab, in die persönliche Lebensführung der Menschen hineinzuregieren.“

Vor dem Hintergrund dieser politischen Führungs- und Orientierungskrise breitet sich ein Politikstil aus, der das zunehmend kleinteiligere Mikromanagement von Gesellschaft, Öffentlichkeit und Wirtschaft zur Tugend erhoben hat. Mit Verboten, Regulierungen, Richtlinien, Steuern, bewusstseinsbildenden Maßnahmen und neuerdings auch mit den Psychotricks des sog. Nudging mischt sich der Staat in die private Lebensführung der Bürger, die öffentliche Debatte und unternehmerisches Handeln ein. Diese Politik führt zu einer schleichenden Bevormundung und Entmündigung der Bürger, die die Grundlagen unterhöhlt, auf denen eine freiheitliche Demokratie ideell beruht. Denn Demokratie lebt von der Auffassung, dass erwachsene Menschen selbst am besten wissen, was gut für sie ist, und der Staat ihren Meinungen, Interessen und Neigungen gegenüber Respekt zu zeigen hat.

Technokratie und Moralismus

An die Stelle eines Streits um grundlegende politische und ökonomische Weichenstellungen ist die technokratische Steuerung privater Verhaltensweisen und eine Re-Moralisierung von Genuss- und Lebensstilfragen getreten. Dabei werden Maßnahmen wie nationale Reduktionsstrategien für Salz, Zucker und Fett in Lebensmitteln, Anti-Raucherinitiativen von der EU-Tabakproduktrichtlinie bis zu öffentlichen Rauchverboten, illiberale Reformen des Sexualstrafrechts, paternalistische Glücksspielstaatsverträge, Kampagnen gegen das Fleischessen oder „Veggie-Days“ längst nicht nur, aber vor allem aus politischen Kreisen vorangetrieben, die sich selbst als „progressiv“ begreifen. Tatsächlich sind sie das Gegenteil von fortschrittlich. Sie erinnern an längst überwundenen geglaubtes konservativ-autoritäres Denken, gegen das z.B. viele 68er, die kürzlich ihr 50-jähriges Jubiläum gefeiert haben, durchaus mit Erfolg zu Felde gezogen waren.

Vom optimistischen Geist der Befreiung der Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts findet man heute kaum noch was. Zwar wurde der Einfluss verknöcherter Institutionen, die das Individuum früher in seine Schranken gewiesen haben – von den großen christlichen Religionen bis zu patriarchalen Strukturen in Familie und Gesellschaft – geschliffen. Aber an die Stelle des repressiven alten Moralsystems sind nicht neue, wirklich freiheitliche, die Autonomie des Individuums bejahende Ansätze getreten. Im Gegenteil: Werte und Tugenden wie Rationalität, Verantwortungsbewusstsein, Mut oder Selbstdisziplin, ohne die kein freies Leben machbar ist, haben im relativistischen Klima an Bedeutung verloren. Das entstandene Vakuum wurde durch eine Kultur der Angst und des Misstrauens gefüllt, die unser aller Freiheits- und Vernunftbegabung skeptisch bis ablehnend gegenübersteht. So wurde auch der Genuss unter einen Risikovorbehalt gestellt: Sex, ja, aber bitte nur „safe“ und idealerweise nach vorherigen „vertraglichen“ Abmachungen, Drogen nur mit ärztlichem Rezept aus der Apotheke, Essen nur mit reduziertem Fett-, Zucker- oder Kohlenhydratgehalt, und bloß kein Fleisch, Alkohol selbstverständlich nur „bewusst genießen“. Spontane und unkontrollierte menschliche Leidenschaft und Bedürfnisbefriedigung gelten einer Politik, die Bürger nicht mehr als Gestalter, sondern vor allem als Störer, Verschmutzer oder Gefährder sieht, als gefährlich – für die Bürger selbst, für andere und für die Gesellschaft als solche. Aus dieser trüben Sicht auf den Bürger leitet sich der politische Anspruch ab, in die persönliche Lebensführung der Menschen hineinzuregieren.

„Es zeigt sich eine fatale Geringschätzung der politischen Eliten gegenüber der angeblich irrationalen, uninformierten und unaufgeklärten Bevölkerungsmehrheit.“

Ironischerweise untergräbt so ausgerechnet jenes politische Führungspersonal, das sich aktuell als letzte Wacht gegen den Populistensturm zu inszenieren versucht, die moralischen und kulturellen Voraussetzungen für das Funktionieren einer offenen Gesellschaft. Mancher mag hier vielleicht einwenden, dass es aktuell wirklich drängendere politische Themen gibt als die Fragen, wo ich mir eine Kippe anstecken kann oder wieviel Gramm Zucker eine Limo enthalten darf. Doch man darf den Effekt paternalistischer Politik, speziell die zunehmende Politisierung und Verrechtlichung individueller Genussfragen, auf das gesellschaftliche Zusammenleben und Selbstverständnis der Bürger nicht unterschätzen. Hier zeigt sich eine fatale Geringschätzung der politischen Eliten gegenüber den angeblich irrationalen, uninformierten und unaufgeklärten Interessen und Neigungen der Bevölkerungsmehrheit.

Wer als Politiker den Leuten ständig signalisiert, dass er sie für zu blöd, schwach und vorurteilsbeladen hält, mit den Herausforderungen des privaten, aber auch des politischen Lebens klar zu kommen, darf sich nicht wundern, wenn sich Menschen dann irgendwann von ihm abwenden. Die aktuelle Veränderung der politischen Landschaft ist auch eine kulturelle Revolte gegen diese abgehobene Haltung, die Bürger – gerade die sog. „kleinen Leute“ – nicht als Demos zu akzeptieren, sondern als therapiebedürftige Verfügungsmasse für „wohlmeinende“ Sozialtechniken aller Art zu sehen.

Persönliche und unternehmerische Freiheit

So werden grundlegende, auf das Denken der Aufklärung zurückgehende Grenzziehungen zwischen der privaten und öffentlichen Sphäre verwischt – zwischen dem, was im allgemeinen Interesse liegt und somit offen für politische Konflikte ist, und dem, was die persönliche Lebensführung betrifft und somit den autonomen Entscheidungen der einzelnen Gesellschaftsmitglieder überlassen sein sollte. Auf der Makroebene haben die gewählten Volksvertreter einen Großteil ihrer Gestaltungmacht an demokratisch nicht oder nur schwach legitimierte supranationale Institutionen, von der Europäischen Union bis zur Weltgesundheitsorganisation, abgegeben, die staatliches Handeln bis ins kleinste Detail an verbindliche Regelwerke binden. Auf der Mikroebene versuchen jene selbstbeschränkten Volksvertreter nun, den Geist dieser ihnen vertrauten technokratisch-regulatorischen Ordnung auch innerhalb der Gesellschaft, im zwischenmenschlichen Miteinander zu implementieren. Was bereits auf zwischenstaatlicher Ebene hoch problematisch ist, bekommt auf der Ebene des gesellschaftlichen Miteinanders schlichtweg inhumane Züge. Die Leidenschaften, Neigungen und Bedürfnisse der Einzelnen werden zur Verfügungsmasse staatlicher Verhaltensmanager.

„Moralunternehmern stehen viele Journalisten zur Seite, die sich nicht als objektive Berichterstatter, sondern eher als politische Aktivisten begreifen.“

Unterstützung erfahren Bevormundungspolitiker von einer ausufernden Bürokratie mit zahlreichen staatlichen Behörden, Ämtern und Ministerien, in denen sich immer mehr Bedienstete auf solche Aufgaben spezialisieren. Hinzu kommt eine Vielzahl „zivilgesellschaftlicher“ Akteure, oft mit besten Kontakten in die politischen Führungszirkel hinein und nicht selten steuerzahlerfinanziert. Gerade Verbraucher- oder Umweltschutz-NGOs schaffen im Zusammenspiel mit parastaatlichen Verbraucherzentralen und aktivistischen Wissenschaftlern und Forschungseinrichtungen ein öffentliches Klima, das Handlungsdruck für bestimmte Themen signalisiert. Zur Seite stehen diesen Moralunternehmern viele Journalisten, die sich nicht als objektive Berichterstatter, sondern eher als politische Aktivisten begreifen, die mit ihrer „Haltung“ dazu beitragen wollen, die Welt „nachhaltiger“ und die Menschen „besser“ zu machen. Die Rolle der Guten und der Bösen sind dabei klar verteilt. Auf der einen Seite steht die böse Industrie (Tabak~, Lebensmittel~, Auto~, …), die uns alle aus reiner Profitgier vergiftet, auf der anderen Seite die guten Verbraucher-, Lebensmittel- oder Umweltschützer. So führt diese Politik nicht nur zu Einmischungen in die private Lebensführung, sondern auch zu problematischen Eingriffen in die unternehmerische Freiheit. Dieser Aspekt wird von vielen Bevormundungsgegnern in der Debatte oft übersehen, weil „die Industrie“ ohnehin als moralisch verkommen gilt. Auch deshalb verfangen die David-gegen-Goliath-Erzählungen der Paternalisten so gut. Menschen versprechen sich einen symbolischen Gewinn, wenn die Industrie reguliert wird. Sie blenden aus, dass diese Form von Überregulierung auch ihre persönlichen Freiheiten einschränkt und zudem unternehmerische Initiative und Innovationen erschwert, was sich letztlich negativ auf die Grundlagen des gesamtgesellschaftlichen Reichtums auswirkt.

Distinktion und Medikalisierung

Gleichwohl ist es für Politiker, egal welcher Couleur, verlockend, sich auf die „richtige“ Seite zu schlagen, und sich so eines schnellen, aber eben auch schnell vergänglichen Applauses sicher zu sein. Innerhalb der politisch-medialen Klasse gelten Maßnahmen der Verhaltenssteuerung gemeinhin als kaum noch hinterfragter politischer Common Sense. Dies hat auch damit zu tun, dass asketische, auf Verzicht und Reinheit zielende Werte dem dort sehr wirkmächtigen Zeitgeist entsprechen. Zudem dient der Verzichtslebensstil der sozialen Distinktion gegenüber einer geringgeschätzten „Unterschicht“ mit Chipstüten und Tabakdosen auf dem Fliesentisch. Aus dieser Haltung heraus wird negiert, dass jeder Mensch das gleiche Recht darauf hat, durch seine Art zu genießen die eigene Persönlichkeit auszudrücken. Dazu gehört der Umgang mit Risiken. Natürlich besteht die Gefahr des Exzesses, des Kontrollverlusts – aber auch dafür kann man sich ganz bewusst entscheiden. Und rational. Maßnahmen, um Menschen vom Genuss abzuhalten, arbeiten oft stark emotionalisierend, wecken Ängste vor angeblichen Folgen einfachster Handlungen, etwa eine Currywurst zu essen oder eine Zigarette zu rauchen. Propagiert wird das Ideal des besorgten Bürgers. Der unbeschwerte, lebenslustige Bürger gilt dagegen als Problem. Spaß am Leben ist gesünder – diese Botschaft passt nicht zur Medikalisierung unserer Gesellschaft, die individuelles Verhalten zunehmend pathologisiert und alles Mögliche zur Sucht erklärt. Der Genuss fällt einer gleichmacherischen Therapiekultur zum Opfer, in der Ärzte, Psychologen, Pillen und Institutionen das Dasein kanalisieren sollen, wo es doch eigentlich um das Ausleben individueller Autonomie gehen sollte.

„Um Autonomie zu kultivieren, bedarf es Entscheidungsfreiheit.“

Die Etymologie des aus dem Griechischen stammenden Wortes – autos (Selbst) und nomos (Regel oder Gesetz) – vermittelt die Bedeutung der Selbstbestimmung. Es geht darum, dass Menschen ihr Leben entsprechend selbstgewählter Richtlinien führen können. Dies schließt selbstverständlich Genussfragen mit ein, weil auch diese uns im innersten Kern als Kulturwesen und einzigartige Individuen definieren. Schließlich handelt es sich beim Fühlen, Schmecken und Riechen um die ersten Sinneserfahrungen des Menschen, aus denen sich dann im Laufe des Lebens in Interaktion mit der Gesellschaft die Fähigkeit zur Differenzierung und Beurteilung des Geschmacks entwickelt. Die Regulierung des Genusses ist sowohl ein Angriff auf unser sinnliches Erleben und geselliges Miteinander als auch auf unsere moralische Urteilskraft. Denn moralische Autonomie verlangt von den Menschen, sie selbst zu sein, nach ihren Werten, Neigungen und ihrem Geschmack zu handeln und sich frei zu fühlen, einen Lebensstil anzunehmen, der es ihnen erlaubt, ihre Persönlichkeit auszudrücken. Um Autonomie zu kultivieren, bedarf es Entscheidungsfreiheit. Denn nur durch die Möglichkeit, entscheiden zu können, zwischen verschiedenen Optionen zu wählen, zu experimentieren und nicht zuletzt auch Fehler zu machen und dann hoffentlich aus ihnen zu lernen, entwickelt sich unsere Fähigkeit, Urteile zu treffen und entsprechend zu handeln und leben.

Wer es mit Freiheit und Demokratie ernst meint, muss Freiräume für selbstbestimmten Genuss nicht nur zähneknirschend tolerieren, sondern sie als Ausdruck einer zivilisierten Gesellschaft verteidigen und sich fragen, wie diese in Zukunft erweitert werden können. Aktuell schwingt das Pendel genau in die andere Richtung. Leider.