19.05.2017

Für ein Like auf die Auswechselbank

Kommentar von Kolja Zydatiss

Titelbild

Foto: Michael Miller via WikiCommons / CC BY-SA 4.0

Der Eishockeyspieler Thomas Greiss likete im Netz einen fragwürdigen Hitler-Vergleich. Die Reaktionen, darunter die Androhung eines Olympia-Ausschlusses, sind ein Angriff auf die Meinungsfreiheit.

Man tut es zwischendurch. Wenn einem langweilig ist, oder man Zeit totschlagen will. Manchmal ist man dabei betrunken, oder sehr müde. Die Rede ist vom Durchscrollen von Neuigkeiten in den Sozialen Medien. Man überfliegt die Beiträge von Nutzern, denen man folgt, muss gelegentlich schmunzeln, und verteilt gegebenenfalls „Likes“. Manchmal „liked“ man etwas, das albern oder geschmacklos ist. Ernsthafte Konsequenzen hat man jedoch normalerweise nicht zu fürchten.

Normalerweise. Denn auch in diesem Bereich sehen sich Menschen einem zunehmenden Druck ausgesetzt, sich politisch korrekt zu verhalten. Zumindest, wenn sie Personen des öffentlichen Lebens sind.

Personen wie der Eishockey-Torwart Thomas Greiss. Der 31-Jährige begann seine Karriere beim EV Füssen. Er vertrat Deutschland bei den Olympischen Winterspielen 2006 und 2010, sowie 2016 bei der Eishockey-Weltmeisterschaft. Aktuell spielt er in den USA bei den New York Islanders.

Wenig überraschend, dass sich Greiss für die aufgeladenen politischen Debatten seiner neuen Heimat interessiert. Etwas ungewöhnlicher ist, dass er offensichtlich mit der „rechten“ – also für viele Deutsche der „falschen“ – Seite, den Republikanern, sympathisiert. Von der Demokratischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton scheint Greiss jedenfalls nicht viel zu halten. Der Goalie likete auf der Bild-Sharing-Plattform Instagram einen Post, der ein Foto Adolf Hitlers mit der Bildunterschrift „nie verhaftet, nie verurteilt, genauso unschuldig wie Hillary“ zeigt. Des Weiteren gab er einer Fotomontage seinen Like, in der der jetzige US-Präsident Donald Trump mit einem Schwert in der einen und dem abgeschlagenen Kopf Hillary Clintons in der anderen Hand posiert.

„Manchmal ‚liked‘ man etwas, das albern oder geschmacklos ist.“

Ist Hillary Clinton eine verurteilte Verbrecherin? Nein. Ist sie eine kritikwürdige Politikerin? Gewiss. Clinton war unter anderem federführend bei der „humanitären Intervention“ in Libyen, die in Chaos und Bürgerkrieg mündete. Ist es geschmacklos, sie in eine Reihe mit dem einzigartig mörderischen Führer Nazideutschlands zu stellen? Absolut. Nichts rechtfertigt jedoch den moralistischen Furor, mit dem der politisch unkonforme Torhüter öffentlich angeprangert wurde und sein Recht auf freie Meinungsäußerung in Zweifel gezogen wurde.

Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), Alfons Hörmann, sprach völlig überzogen von „politischem Extremismus“, der im Sport nichts zu suchen habe. Sportler hätten eine wichtige Vorbildfunktion in der Öffentlichkeit. Daher sei auch ein Ausschluss aus dem deutschen Olympia-Team denkbar. „Wer so agiert oder kommuniziert, kann nicht Teammitglied [bei den Olympischen Winterspielen 2018] in Pyeongchang sein“, teilte der Funktionär mit.

Der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) verkündete, dass er politisch neutral sei und sich nicht anmaße, die Meinungsfreiheit der Spieler zu beeinflussen. Die Likes hätten keine Konsequenzen für Greiss‘ Position als Spieler der deutschen Nationalmannschaft. Grundsätzlich, so der Vizepräsident des DEB, Marc Hindelang, sei Hitler jedoch ein „No-Go“. „Es gibt Dinge, die gehen in Deutschland nicht.“ Der Verband sprach Greiss nach eigenen Angaben auf die Bilder an, der sie daraufhin „entlikete“ und sich öffentlich entschuldigte.

„Sportler sind keine Instrumente von Sozialingenieuren.“

Auch der Eishockey-Bundestrainer Marco Sturm war nicht bereit, konsequent für die Meinungsfreiheit seines Spielers einzutreten. Zunächst behauptete Sturm, dass ihn die Sache nicht interessiere: „[…] was außerhalb des Eises ist, das ist jedem Spieler selbst überlassen.“ Später begrüßte er jedoch die Entschuldigung des Torhüters. Von seinem Verein in den USA, einem Land, in dem die Meinungsfreiheit traditionell einen hohen Stellenwert hat, bekam der Goalie ebenfalls keine Rückendeckung: „Die New York Islanders billigen das Social-Media-Verhalten von Thomas Greiss nicht“, teilte das Team mit.

Vertreter von Politik und Medien ließen es sich auch nicht nehmen, den Spieler zu verurteilen. Der sportpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Öczan Mutlu, nannte die geliketen Bilder „abscheulich“ und appellierte an die „besondere Vorbildfunktion“ von Spitzensportlern. Ein Artikel in der FAZ deutete die Likes als „Zustimmung zu rechtsgerichteten Inhalten“. Auch der Sportjournalist Claus Vetter unterstellte Greiss eine Nähe zum Rechtsextremismus. Im Berliner Tagesspiegel warf er dem Sportler vor, „keine Scheu im Umgang mit rechtem Gedankengut“ zu zeigen.

Einzig der Hockeyspieler Moritz Fürste war bereit, für Greiss eine Lanze zu brechen. In einem Facebook-Post wünschte sich Fürste „authentische“ und „mündige“ Athleten, die sich auch mal im Ton vergreifen und Fehler machen. „[…] wenn Sportlern jetzt auch vorgeschrieben wird, was ihnen zu „gefallen“ hat und was nicht, dann kann der Sport komplett einpacken.“, so der zweifache Olympiasieger. Allerdings kam auch Fürste nicht ohne den Hinweis aus, dass er die Inhalte sehr kritisch sehe und das Entliken „kompromissbereit und vernünftig“ gewesen sei.

„Sportler werden sich in Zukunft zweimal überlegen, ob sie vom politisch-korrekten Meinungskonsens abweichen wollen.“

Offensichtlich soll an Thomas Greiss ein Exempel statuiert werden. Der Sportler ist Opfer eines Kults um politische und kulturelle Korrektheit geworden, der sich vor allem „gegen rechts“ richtet und der seit dem Brexit-Referendum und der Trump-Wahl geradezu hysterische Züge annimmt. Charakteristisch für diesen Zeitgeist ist, dass vermeintlich oder tatsächlich „rechte“ Ansichten nicht debattiert beziehungsweise inhaltlich herausgefordert werden. Stattdessen werden Menschen mit abweichenden Überzeugungen ausgegrenzt und stigmatisiert.

Die Härte der Reaktionen erklärt sich ferner aus Greiss Position als bekannter Sportler. Traditionelle gesellschaftliche Institutionen wie Kirchen, Parteien, Gewerkschaften und das Militär haben in den letzten Jahrzehnten erheblich an Autorität und Legitimität verloren. Das gesellschaftliche Establishment sieht daher zunehmend im Sport ein Forum, in dem es mit gewöhnlichen Bürgern in Verbindung treten und diese in seinem Sinne sozialisieren kann. Sportliche Leistungen treten in den Hintergrund. Der Sport soll heute vor allem erwünschte Eigenschaften wie Fair-Play oder eine antirassistische Haltung befördern. Sehr deutlich zeigt sich dieses Denken beim Grünen-Politiker Mutlu und dem DOSB Präsidenten Hörmann, die beide auf Greiss‘ Vorbildfunktion hinwiesen. Sportler sind aber keine Instrumente von Sozialingenieuren. Sie sind Bürger. Das Recht auf freie Meinungsäußerung (dazu gehören auch Likes in den Sozialen Medien) gilt für sie genauso wie für alle anderen.

Ein Einsatz von Thomas Greiss bei den Olympischen Winterspielen 2018 ist unwahrscheinlich, weil die nordamerikanische Eishockeyliga NHL ihre Saison für das Event nicht unterbrechen will. Der angedrohte Olympia-Ausschluss und die anderen Druckmaßnahmen (sport-)politischer Stellen dürften trotzdem eine abschreckende Wirkung entfalten. Deutsche Sportler werden sich in Zukunft zweimal überlegen, ob sie in ihrer öffentlichen Kommunikation vom politisch-korrekten Meinungskonsens abweichen wollen. Ein Konsens, dessen erdrückender Charakter ironischerweise wesentlich zum Erfolg des von Greiss bewunderten Provokateurs Trump beigetragen hat.