14.01.2019

Freiheit unter Pseudonym

Von Frank Furedi

Eine neue Fachzeitschrift soll Wissenschaftlern erlauben, ihre unliebsamen Meinungen ohne Nennung ihres echten Namens zu veröffentlichen. Akademische Freiheit braucht aber Mut, nicht Anonymität.

Als Universitätsprofessor und leidenschaftlicher Verfechter der akademischen Freiheit und der freien Meinungsäußerung war ich gleich besorgt, als ich von dem Plan einer internationalen Gruppe von Wissenschaftlern hörte, eine neue Zeitschrift zu gründen, die anonym geschriebene Artikel über sensible Themen veröffentlicht. Begründet wird die Herausgabe des Journal of Controversial Ideas damit, dass Wissenschaftlern geholfen wird, die eine Gegenreaktionen aus der Universitätsgemeinschaft befürchten, wenn sie etwas zu kontroversen Themen publizieren.

Jeff McMahan, Professor für Moralphilosophie in Oxford und einer der Wissenschaftler hinter der Zeitschrift, zufolge würde sie es „Menschen, deren Gedanken sie entweder mit der Linken oder mit der Rechten oder mit ihrer eigenen Universitätsverwaltung in Schwierigkeiten bringen könnten, ermöglichen, unter einem Pseudonym zu veröffentlichen“. McMahan sieht in der neuen Zeitschrift eine notwendige Antwort auf den zensorischen Zeitgeist. Beim gegenwärtigen Klima in der Hochschullandschaft überlegen viele Wissenschaftler und Studenten zweimal, bevor sie den Mund aufmachen, viele zensieren sich selbst und Wissenschaftler haben mir anvertraut, dass sie Angst haben, Ansichten zu äußern, die dem vorherrschenden Konsens zuwiderlaufen, falls das ihre Karriere ruiniert.

Wie weit diese Selbstzensur verbreitet ist, wurde mir in den Wochen nach dem Brexit-Referendum deutlich. Nachdem ich in einem Artikel für die Times Higher Education kritisiert hatte, wie Brexit-Befürworter unter Wissenschaftlern informell zum Schweigen gebracht wurden, habe ich E-Mails von vielen Kollegen, die den Austritt befürworten, erhalten, die genau das erlebt hatten. Aber viele von ihnen wollten anonym bleiben, weil sie sich nicht wohl dabei fühlen, ihre Meinung offen zu äußern.

„Wissenschaftler sollten sich verpflichtet fühlen, ihre Meinung zu äußern ­– egal wie unbeliebt sie auch sein mag.“

Das Streben meiner Kollegen nach Anonymität ist verständlich. Sich jedoch hinter der Anonymität zu verstecken, ist keine Antwort auf die illiberalen Trends, die die zeitgenössische akademische Kultur beherrschen. Anonym kommunizierte Gedanken verlieren im Kampf der Ideen ihre Kraft. Pseudonyme normalisieren die Vorstellung, dass Akademiker Angst davor haben sollten, unpopuläre Ansichten auszudrücken. Sie dienen somit indirekt zur Abwertung der geäußerten Ansichten.

Ideen sprechen nicht immer für sich selbst. Sie erfordern einen Autor, der bereit ist, aufzustehen und eine Haltung zu einem schwierigen und kontroversen Thema zu erklären und zu verteidigen. Wenn unbeliebte Ansichten anonym geäußert werden müssen, dann haben die illiberalen Gegner der Freiheit gesiegt. Anonyme Veröffentlichung ist eine implizite Aufgabe des Kampfes gegen die Kontrolle von Sprache und Ideen. Wir müssen uns den Annahmen entgegenstellen, mit denen Zensur heute rechtfertigt wird. Das kann nur in der Öffentlichkeit geschehen, denn es erfordert, dass Wissenschaftler nicht nur für die Freiheit argumentieren, sondern sie auch tatsächlich praktizieren.

Wenn Wissenschaftler nicht bereit sind, sich in der Öffentlichkeit zu engagieren, werden sie nicht in der Lage sein, einen Einfluss auf ihre eigenen Studenten auszuüben und ihnen zu helfen, den zensorischen Stimmen zu widerstehen, denen sie so oft unterworfen sind. Wissenschaftler sollten sich verpflichtet fühlen, ihre Meinung zu äußern ­– egal wie unbeliebt sie auch sein mag.

Ich verstehe und unterstütze Wissenschaftler und Schriftsteller in totalitären Staaten, die sich dafür entscheiden, ihre abweichenden Ansichten anonym zu äußern. In einem totalitären System ist dissidentes Handeln mit hohen Kosten und Opfern verbunden. Aber zum Glück ist das derzeitige Regime, das das akademische Leben im angelsächsischen Raum und vielen anderen westlichen Staaten beherrscht, eher illiberal als totalitär. Wissenschaftler, die unliebsame Ansichten vertreten, werden vor allem sozial geächtet. Sie können bei der Stellensuche oder beim nächsten Karriereschritt auf Hindernisse stoßen. Aber das ist kein zu hoher Preis für das Privileg, im Kampf gegen die Feinde der akademischen Freiheit mitzustreiten.