04.05.2012

Fortschritte in der Ökobewegung?

Analyse von Ronald Bailey

Eine neue Strömung innerhalb der Umweltbewegung, für die Wachstum und technologischer Fortschritt keine Schimpfwörter mehr zu sein scheinen, mit durchaus erfreulichen Ansätzen.

Die Umweltaktivisten Michael Shellenberger und Ted Nordhaus postulierten im Jahr 2004 in der gleichnamigen Publikation den „Tod der Umweltbewegung“. Nun sind sie wieder da. Diesmal mit einer Essaysammlung unter dem Titel: Love Your Monsters: Postenvironmentalism and the Anthropocene. Ihr Ziel: Die Verzichts- und Untergangsvisionen predigende Strömung innerhalb der Ökobewegung auseinandernehmen und ihr ein neues grünes Denken entgegensetzen, das menschliche Kreativität und technologischen Fortschritt positiv betrachtet.

Im Einleitungsessay vertreten Shellenberger und Nordhaus die mit Sicherheit nicht von jedem Umweltschützer geteilte Position, dass technologischer Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum die Menschheit eher voranbringen als in den Ruin führen. Die globale Erwärmung könne möglicherweise größere Katastrophen, weniger Regenfälle, Schneeschmelzen und geringere Ernteerträge mit sich bringen. Doch, so fügen die Autoren hinzu, gebe es wenig Beweise dafür, dass das alles gleich zum Ende der Zivilisation führen müsse. „Selbst die katastrophalsten Szenarien der Vereinten Nationen sagen wirtschaftliches Wachstum voraus. Wohlhabende Umweltaktivisten behaupten zwar, ihnen bereiteten die Auswirkungen der globalen Erwärmung auf die Armen besondere Sorge, doch könne gerade ein schnelles, kein gebremstes Wachstum die Armen am besten gegen Naturkatastrophen und Ernteausfälle schützen.

So willkommen diese Schlussfolgerung auch ist, so wenig neu ist die Erkenntnis als solche. Ein aktueller Bericht der Reason Foundation (der Non-Profit-Organisation, die das Online-Magazin Reason herausgibt), „Misled on Climate Change“, beleuchtet genau diesen Zusammenhang. Ein Szenario der Vereinten Nationen, das den größten Verbrauch an fossilen Brennstoffen über das nächste Jahrhundert annimmt, erwartet auch den größten Anstieg des weltweiten Reichtums. In diesem Szenario „wird das Pro-Kopf-Einkommen in armen Ländern bis zum Jahr 2100 doppelt so hoch sein wie das der USA im Jahr 2006, selbst wenn man die negativen Auswirkungen eines möglichen Klimawandels berücksichtigt.“ Fürs Protokoll: Das derzeitige Pro-Kopf-Einkommen der USA liegt bei 47.000 US-$. Wie der Reason- Bericht schlussfolgert, würde ein stetiges wirtschaftliches Wachstum im nächsten Jahrhundert nicht nur helfen, die Probleme zu lösen, die der Welt derzeit Sorgen bereiten und sich künftig verschlimmern könnten. „Es würde die Menschheit darüber hinaus auch in die Lage versetzen, möglichen künftigen Problemen wirksamer begegnen zu können; ob diese nun durch den Klimawandel oder andere Ursachen hervorgerufen werden.“

Der Titel der vorliegenden Essaysammlung ist vom französischen Anthropologen Bruno Latour entlehnt, und zwar aus dessen Essay Love Your Monsters: Why We Must Care For Our Technologies As We Do For Our Children. Latour argumentiert, dass die Geschichte über Frankensteins Monster von modernen Umweltaktivisten fehlinterpretiert wurde: als eine warnende Parabel über die Gefahren technologischer Hybris. In Wahrheit, so Latour, wurde Frankensteins Kreatur zum Monster, weil ihn sein Schöpfer ablehnte und verließ. Ähnlich wie Frankenstein lehnen Umweltaktivisten viele neue und alte Technologien aus Angst vor deren unbeabsichtigten Folgen ab. Die meisten Eltern lieben ihre Kinder, ungeachtet der Unannehmlichkeiten durch schädliche Emissionen, die diese hin und wieder absondern. Latour argumentiert, dass wir uns in ähnlicher Weise um unsere Technologien kümmern sollten, trotz möglicher Nebeneffekte wie Umweltverschmutzung. Durch Zuneigung und Pflege können auch Technologien zivilisiert werden – so dass ihre schädlichen Potenziale reduziert und gemildert werden.

Das nächste Essay, „Umweltschutz im Anthropozän: Jenseits von Einsamkeit und Zerbrechlichkeit“ stammt von den Umweltschützern Peter Kareiva und Robert Lalasz von der Umweltstiftung Nature Conservancy und der Umweltwissenschaftlerin Michelle Marvier von der Santa Clara University. Der Terminus Anthropozän ist ein Vorschlag zur Beschreibung des derzeitigen geologischen Zeitalters, in dem Menschen einen signifikanten Einfluss auf die Ökosphäre ausüben. Der Essay beginnt mit dem Hinweis auf die globale Zunahme der Naturschutzgebiete zwischen 1950 und 2009 von weniger als 10.000 auf über 100.000. Sie umfassen inzwischen fast 13 Prozent der gesamten Landmasse der Erde, ein Gebiet größer als ganz Südamerika. Trotzdem gehen Entwaldung und Artensterben ungebremst weiter.

Die drei Autoren fordern Umweltaktivisten dazu auf, ihre „idealisierten Vorstellungen von Natur, Parks und der Wildnis aufzugeben – Vorstellungen, die in der seriösen Umweltforschung nie propagiert wurden – und sich eine optimistischere und menschenfreundlichere Vision anzueignen.“ Sie benennen Beispiele dafür, dass es den Ortsansässigen viel besser gelingt, natürliche Ressourcen und Landschaften zu verwalten als den von der Mehrheit der Umweltorganisationen favorisierten zentralisierten Regierungsbehörden. Sie fragen: „Wenn es gar keine Wildnis gibt, wenn die Natur widerstandsfähig ist, und nicht empfindlich, und wenn Menschen tatsächlich Teil der Natur sind und nicht Erbsünder, die unsere Vertreibung aus dem Paradies verschuldet haben, wie sollte dann die neue Vision für den Umweltschutz aussehen?“ Ihre Antwort: Der Umweltschutz müsse eine Priorität anerkennen, die seit mehr als hundert Jahren ein rotes Tuch für ihn ist: Wirtschaftswachstum für alle. Unter anderem bedeutet Wachstum, dass mehr Menschen in Städten statt auf dem Land leben, mehr produktive Getreidesorten auf weniger Fläche angebaut werden und mehr sauberere Technologien mit weniger Nebeneffekten zum Einsatz kommen. „Die Natur könnte ein Garten sein – kein vorsichtig manikürter und eingehegter, sondern eine Vielfalt von Arten und Wildheit inmitten von Landschaften, die zur Nahrungsproduktion genutzt werden, zur Rohstoffgewinnung und für urbanes Leben“, so die Autoren.

Im Essay „Planet ohne Widerkehr: Menschliche Durchhaltekraft auf einer künstlichen Erde“, versichert der Geograph Erle Ellis, dass der neomalthusianische Umweltaktionismus mit seiner Annahme von Grenzen des Wachstums auf Irrtümern beruht. Das soziale und technologische Ingenium des Menschen schafft auf lange Sicht mehr Ressourcen. Ellis interpretiert die Lage so: „Während Bevölkerungen, Konsum und technologische Macht mit exponentieller Geschwindigkeit wachsen, scheinen sich industrielle Systeme in eine Richtung zu entwickeln, in der viele der durch Ackerbau und andere systemische Einwirkungen auf die Umwelt verursachten Einflüsse wieder umgekehrt werden.“ Beispielsweise ziehen mehr Menschen vom Land in die Stadt, wo sie besseren Zugang zu Gesundheitssystemen, Bildungseinrichtungen, Einkommen, Wohnungen, Märkten, Transportmitteln und Abfallbeseitigung haben. Landwirtschaftliche Produktivität modernisiert und intensiviert sich, was ebenfalls potentiell mehr Fläche für die Natur freigibt.

Als nächstes dekonstruiert der Philosoph Mark Sagoff eine zentrale Prämisse der ökologischen Wirtschaftswissenschaften, wonach menschliche Aktivität in großem Maßstab die ökologischen Systeme überlastet und potenziell kollabieren lässt. Grüne Ökonomen haben behauptet, es gebe Ökosysteme, deren Organismen und physische Ressourcen so eng als „Gemeinschaft „miteinander verknüpft sind, dass jede Störung das gesamte System zum Zusammenbruch bringe. Die Empirie zeigt aber, dass es keine dieser sogenannten „Gemeinschaften“ von Pflanzen und Tieren gibt. Pflanzen und Tiere erscheinen als Individuen und überleben so gut sie können dort, wo sie sich gerade befinden. Es gibt keine natürliche Balance, die man aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Selbstverständlich muss man sich mit ungewollten Folgen technischer und ökonomischer Entwicklungen auseinandersetzen, aber es existieren keine naturgegebenen Grenzen für ökonomisches und technisches Wachstum.

Eine vernichtende Kritik des malthusianische Ökologismus bietet Daniel Sarewitz in seinem Essay „Der bescheidene Vorschlag des Liberalismus, oder: Die Tyrannei der wissenschaftlichen Rationalität“. Er beginnt mit einem Zitat aus Jonathan Swifts berühmten satirischen Essay „Ein bescheidener Vorschlag“, in dem Swift satirisch argumentierte, dem Problem des Hungers in Irland begegne man am besten damit, irische Babys zu essen. Laut Sarewitz wollte Swift damit zeigen, dass „so ziemlich jede Position, egal wie abstoßend, auf dem Rücken der Rationalität vertreten werden kann.“ Der Autor erklärt mit Blick auf den Klimawandel, dass sich moderne Umweltschützer eine besondere Form wissenschaftlicher Rationalität zu Eigen gemacht haben: Da das Verbrennen fossiler Brennstoffe zur Produktion billiger Energie das Klima schädige, folgern sie die Lösung sei das „Verteuern der Energie“. Für Sarewitz liegt aber gerade im Zugang zu billiger Energie „eine Grundvoraussetzung für menschliche Entwicklung und Würde“. Er fügt hinzu: „Diese Tatsache ist so offenkundig, dass so gut wie jedes Entwicklungsland die Vorstellung eines globalen Abkommens zur Verteuerung der Energie als Witz swiftscher Art betrachtet. Mit einem Unterschied: Es ist natürlich kein Witz.“

Sarewitz geht näher auf die politische Inkohärenz des Ökologismus ein. Einerseits wollen Umweltschützer die Risiken neuer Technologien vermeiden, andererseits machen sie sich Sorgen um die abnehmenden Vorräte an natürlichen Ressourcen. Deshalb „lehnen Umweltschützer aus Risikoerwägungen heraus neue Technologien ab, die Probleme der Knappheit beseitigen helfen könnten“. Als Beispiel dieser politischen und wissenschaftlichen Inkohärenz zitiert Sarewitz den Fall genetisch verbesserter Getreidesorten, die von Umweltschützern wegen ihrer angeblichen Risiken für die menschliche Gesundheit abgelehnt werden, obwohl solche Getreidesorten die Sorgen der Umweltschützer bezüglich Bodenerosion, fortschreitender Wasserknappheit, Pestizidrückständen und Bevölkerungswachstum mildern würden. Der Autor lehnt auch die Anhebung der Preise fossiler Brennstoffe durch den globalen Emissionsrechtehandel ab und fordert stattdessen intensive Forschungsanstrengungen, um die Entwicklung billiger, kohlenstoffarmer Energiequellen voranzutreiben.

Die Sammlung endet mit einem Essay des Ingenieurs Siddhartha Shome: „Das neue Indien gegen die globalen grünen Brahmas; Die erstaunliche Geschichte des Baumknutschens“. Shome beschreibt detailliert die Geschichte der Chipko-Bewegung der 1970er Jahre, in der Frauen aus Himalaya-Dörfern buchstäblich Bäume in der Nähe ihrer Häuser umarmten, um so fremde Holzfäller daran zu hindern, sie zu fällen. Diese Geschichte wurde als ökologisches Märchen rezipiert, in dem die Frauen als Beschützer der Natur dargestellt wurden. Wie Shome klarstellt, versuchten die Dorfbewohner in Wirklichkeit etwas ganz Anderes: ihre traditionellen Rechte am Wald gegen Fremde zu verteidigen. Sie wollten die lokale Kontrolle über ihre Ressourcen behalten, kein Naturreservat errichten. Ein weiterer Beleg dafür, dass ortsansässige Bevölkerungen besser in der Lage sind, ihre natürlichen Ressourcen zu bewahren als zentralstaatliche Bürokratien.

Von malthusianischen Grünen werden auch gerne Scheinfakten ins Feld geführt: „Das durchschnittliche amerikanische Kind verbraucht während seiner Lebenszeit 35 mal mehr Ressourcen als das durchschnittliche indische Kind“. Shome beschreibt, wie sich überall in Indien Dorfbewohner vom Land in die wirtschaftlich dynamischen Städte aufmachen, um dort ein besseres Leben für sich und ihre Kinder zu suchen. Sie verfolgen mit allen Mitteln das Ziel, ihren Kindern ein dem amerikanischer Kinder vergleichbares Leben zu ermöglichen. Statt sich in asketischer Armut zu üben, wie es Mahatma Gandhi predigte, folgen Indiens Arme dem Beispiel des Vaters der indischen Verfassung, Babasaheb Ambedkar. Ambedkar meinte, dass „Maschinen und die moderne Zivilisation für die Emanzipation des Menschen vom Leben eines Wilden unverzichtbar [sind]… der Wahlspruch einer demokratischen Gesellschaft muss sein: Maschinen und mehr Maschinen; Zivilisation und mehr Zivilisation.“

Leider übersehen die Autoren der Essaysammlung den gesellschaftlichen Kontext, der den technologischen Fortschritt der letzten zwei Jahrhunderte angetrieben hat: Die Entwicklung von Eigentumsrechten und Marktwirtschaften. In Ländern, die diese Institutionen nicht haben, hat es schlicht kaum technologische Innovation gegeben. In den Augen von Shellenberger und Nordhaus sind viele ökologische Probleme – globale Erwärmung, Entwaldung und Überfischung – sogar unbeabsichtigte Folgen technologischer Errungenschaften. Ganz offensichtlich hat Technik auch einen Anteil an diesen Umweltproblemen. Entscheidend ist aber, (und das gilt für fast alle anderen Umweltprobleme ebenso), dass sie am meisten dort auftreten, wo es ungehinderten allgemeinen Zugang zu allem gibt. Existieren keine klaren Besitzrechte für natürliche Ressourcen, wird der Nutzer sie ausbeuten, so weit und so lange er kann. Wenn er etwas übrig lässt, nimmt es sich einfach der nächste. Generell ist der beste Weg zum Schutz von Ressourcen deren Privatisierung und Verfügbarmachung für Märkte, aber das ist ein Thema für ein andermal.

Es zeigt sich, dass die „Monster“, die die Umweltschützer so fürchten, in weiten Teilen Produkte ihrer eigenen malthusianischen Fantasien sind. Sicher, es gibt immer ungewollte Folgen bestimmter Technologien. Doch die Lösung ist nicht, sie aufzugeben, sondern sie zu verbessern. Wir schützen und bewahren die Natur am besten, indem wir versuchen, der Menschheit ein neues Zeitalter des Überflusses zu eröffnen. Schlussendlich fragt man sich angesichts der Unfähigkeit der Umweltbewegung, den Zusammenhang von Ökonomie und Ökologie richtig zu verstehen, was denn überhaupt noch mal ihr eigentliches Anliegen war.