08.12.2011

Wir schulden der Natur nichts

Essay von Thilo Spahl

Über ökologische Fußabdrücke und die Tücken des Sündenerlasses.

Immer im Herbst ist es so weit. Die Presse wird von der Umweltorganisation Global Footprint Network informiert, dass ab sofort auf Pump gelebt werde, da die ökologischen Ressourcen auf der Erde für das laufende Jahr bereits verbraucht seien. 2009 war der „Tag der ökologischen Überschuldung“ der 25. September. Was ist damit gemeint? Dass wir schneller Bäume fällen, als diese nachwachsen, den Böden schneller Nährstoffe entziehen, als neue sich dort ansammeln, die Fischgründe dezimieren usw. Um diese vielfach behauptete und beklagte Übernutzung der Natur mess- und anfassbar zu machen, hat der Schweizer Mathis Wackernagel Anfang der 90er-Jahre den „ökologischen Fußabdruck“ als Maß aller Dinge erfunden. Bereits 1986, so Wackernagel, habe die ökologische Überschuldung der Menschheit begonnen. Seitdem verbrauchten wir mehr Ressourcen, als die Erde hergebe. Seitdem sei der „overshoot“ kontinuierlich gewachsen, sodass heute die Nachfrage der Menschheit nach den Ressourcen des Planeten die regenerativen Kapazitäten um rund 30 Prozent übersteige.

Der ökologische Fußabdruck soll das Maß dafür sein, wie viel biologisch(e)? produktive Land- bzw. Meeresfläche benötigt wird, um all das bereitzustellen, was ein Einzelner oder auch die ganze Menschheit verbraucht. Die Maßeinheit ist der „globale Hektar“. Das Konzept soll als zentrales Controlling-Werkzeug einer ökologisch orientierten Haushalts-, Energie- und Industriepolitik dienen. Und fast alle machen mit: Regierungen, Unternehmen, Kommunen, Schulen und Familien berechnen emsig, wie sehr sie dem Planeten zur Last fallen. Tatsächlich handelt es sich aber eher um ein Instrument der Öffentlichkeitsarbeit als der Steuerung. „Der Indikator ‚Ökologischer Fußabdruck‘ ist einer der erfolgreichsten Indikatoren zur Vermittlung des Konzeptes der ökologischen Nachhaltigkeit und der physischen Begrenztheit des Planeten Erde“, heißt es in einer Studie des Umweltbundesamts. (1)

Die Eignung des Indikators „ökologischer Fußabdruck“ für Kommunikations- und Bildungszwecke verdankt sich vor allem eines Kunstgriffs, mit dem Moral und Wissenschaft geschickt verknüpft werden: Es wird suggeriert, das moralische Verhalten eines Einzelnen oder einer ganzen Nation lasse sich per Fußabdruck-Rechner wissenschaftlich bestimmen. Im Internet wimmelt es von „Footprint Calculators“. Eine Google-Suche ergibt 254.000 Treffer. Ich erfahre zum Beispiel, dass zwei Google-Suchen einen ebenso großen Fußabdruck produzieren wie das Kochen einer Tasse Tee.

Zweifelhaftes Konzept

Die Berechnung des ökologischen Fußabdrucks ist jedoch in vielerlei Hinsicht zweifelhaft. Vor allem relativiert sich die behauptete Überschuldung dadurch, dass rund die Hälfte des Abdrucks durch CO2-Emissionen zustande kommt. Diese werden in die Fläche umgerechnet, die man bräuchte, um so viele Bäume zu pflanzen, dass das gesamte CO2 wieder gebunden würde. Doch in Wirklichkeit beanspruchen wir diese Fläche nicht. Wir belassen das CO2 in der Atmosphäre. Mit anderen Worten: Es sind nicht 1,4 Planeten, die wir gegenwärtig unter dem Pflug der Zivilisation haben, sondern nur etwa zwei Drittel des Planeten.
Ein weiteres Problem besteht darin, dass in sogenannten „globalen Hektar“ gemessen wird. So schlägt etwa die Menge Weizen, die im globalen Durchschnitt auf einem Hektar produziert wird, mit einem „globalen Hektar“ zu Buche. Tatsächlich kann diese Menge aber überall dort, wo Hochleistungslandwirtschaft betrieben wird, auf einer sehr viel kleineren Fläche erzeugt werden. Überhaupt ist es die statische Sicht auf Mensch und Natur, woran das Konzept in allererster Linie krankt. Es stellt einer gebenden und dienenden Natur den sich bedienenden Menschen als Konsumenten gegenüber. So spricht Wackernagel von „ökologischen Dienstleistungen“, die die Natur für uns verrichte. Das ist einerseits eine erfreulich anthropozentrische Sichtweise: Der Mensch steht im Mittelpunkt. Es offenbart andererseits ein unerfreulich anthropomorphistisches Naturbild: Die Natur wird zum handelnden Subjekt vermenschlicht. Sie ist und bleibt indes Objekt. Sie leistet uns keine Dienste. Wir nutzen sie als Mittel zum Zweck. Und weil wir sie nutzen, indem wir sie gestalten, sind wir auch keine Konsumenten. Außer der Luft, die wir atmen, und ein paar Wildkräutern und Wildkaninchen, die wir essen, gibt es nicht allzu viel, was die Natur unmittelbar zu unserer Bedürfnisbefriedigung beiträgt. Der Baumstamm ruft uns nicht zu: „Bau ein Schiff aus mir!“ Ob ein Stück Natur von uns als Ressource genutzt wird, hängt nicht von der Natur ab, sondern von uns. Und weil unser Wissen und unsere Fähigkeiten permanent wachsen, schaffen wir es, aus immer weniger Natur immer mehr Wohlstand zu machen.

Ablasshandel

So richtig populär bei den Eliten konnte das Fußabdruck-Konzept durch den Ablasshandel werden, der es erlaubt, auf sehr großem Fuß zu leben und dennoch mit null zu notieren. Das beste Beispiel liefert hier wahrscheinlich Al Gore, dessen Fußstapfen dank Privatjet, Fuhrpark, Riesenvilla etc. 100 Chinesen nicht ausfüllen können. Er kann dennoch einen vorbildlichen Lebensstil für sich in Anspruch nehmen. Dies wird ihm auf der Interneteinkaufsplattform Utopia.de bescheinigt. Aus Sicht der utopischen Konsumstrategen sieht die Sache so aus: „Al Gore hat einen Privatjet, der Stromverbrauch seiner Villa ist gigantisch, er lebt auf großem Fuß, hinterlässt aber trotzdem keinen CO2-Fußabdruck, weil er als Ausgleich in den Tropen neue Bäume pflanzen lässt und nur Öko-Strom nutzt. Gore predigt nicht Konsumverzicht, sondern will mit seinem eigenen Lebensstil zeigen, dass es Spaß machen kann, die Welt zu retten.“ (2)

Wer wollte da einwenden, dass, wenn wir alle so viele Bäume pflanzen wollten wie der Oscar-Gewinner und Friedensnobelpreisträger, zwei zusätzliche Planeten wahrscheinlich nicht ausreichen würden. Das Beispiel verdeutlicht allerdings auch den feinen Unterschied zwischen dem ökologischen Fußabdruck und dem CO2-Fußabdruck. Nur der zweite lässt sich per Überweisung auf null zurücksetzen. Beim ersten zählt die Fläche des gekauften Waldes genauso wie das kalkulatorische Waldäquivalent des emittierten CO2. Der Ablasshandel ist inzwischen eine gut laufende Öko-Bauernfängerei geworden. Allerdings sollte der nicht nur ökologisch bewusste, sondern auch preisbewusste Konsument genau schauen, wo er sich Absolution erkauft. Die Preise der inzwischen Hunderte von Anbietern variieren erheblich. Ich habe es mit einem Flug von Berlin nach Sydney probiert. Der amerikanische Anbieter Carbon Clear berechnet mir 30 Euro, der britische Carbon Care 54 Euro und der deutsche Atmosfair (Schirmherr Klaus Töpfer) sage und schreibe 280 Euro. Da bleibe ich doch lieber zu Hause.

Menschenvermeidung und Öko-Sex

Der ultimative Beitrag zur Rettung des Planeten durch Fußabdruckvermeidung ist natürlich die hohe Kunst der Menschenvermeidung. Die Autorin Stefanie Iris Weiss, die sich schon mit Anleitungen für Yoga und veganes Leben für Teenager um die Menschheit verdient gemacht hat, will uns mit ihrem Öko-Sex-Ratgeber Eco-Sex: Go Green Between the Sheets and Make Your Love Life Sustainable zeigen, dass man gleichzeitig Spaß haben und ökologisch Gas geben kann. Die Ratschläge sind gähnend interessant: Blumen für den Liebsten im Garten pflücken, statt aus Kolumbien einfliegen zu lassen, Kondome aus biologisch abbaubarem Latex und handbetriebenes Sexspielzeug (ohne Batterien). Regel Nummer eins für „Ökosexuelle“ ist laut Weiss aber natürlich, „weniger oder gar keine Kinder zu bekommen“.

So sieht es auch die gemeinnützige Stiftung „Optimum Population Trust“ (OPT), die daher einen speziellen Ablasshandel anbietet. Auf der Website www.popoffsets.com kann man seinen sündigen Konsum wieder gutmachen, indem man Geld gibt, das zur Vermeidung von Menschen eingesetzt wird – laut PopOffset die effektivste Form des Sündenerlasses. OPT behauptet, für 7 Dollar durch Geburtenvermeidung eine Tonne CO2 einsparen zu können. Dagegen sehen Windkraft (24 Dollar), Solarenergie (51 Dollar), CO2-Sequestrierung (57–58 Dollar), Hybridautos (92 Dollar) und Elektroautos (131 Dollar) alt aus. Diese Art von Rechenübung bringt schnell auch Tierfreunde, die gleichzeitig den Planeten retten wollen, in arge Bedrängnis. In ihrem Buch Time to Eat the Dog?: The Real Guide to Sustainable Living berechnen die neuseeländischen Umweltschützer Robert und Brenda Vale den ökologischen Pfotenabdruck unserer tierischen Lieblinge. Das Ergebnis ist für den ökologisch korrekten Tierhalter ein harter Schlag: Ein mittelgroßer Hund hat einen mehr als doppelt so großen Ressourcenverbrauch wie ein Toyota Land Cruiser (Herstellung und 10.000 km/Jahr). Eine Katze kommt knapp an einen VW-Golf heran.

Kommende Generationen

Wer sich als zahlungswilliger Ökosünder an den Ablasshändler seines Vertrauens wendet, sollte auch die Sünden seiner Vorfahren nicht vergessen, wenn es darum geht, das richtige Maß an nicht zu gebärenden Kindern, neu zu pflanzenden Bäumen oder Schwerstarbeit verrichtenden Frauen in Drittweltländern, die dafür bezahlt werden, dass sie keine Maschinen einsetzen, zu bestimmen. Der amerikanische Klima-Alarmist James Hanson hat darauf hingewiesen, dass es die Briten seien, die pro Kopf das meiste CO2 in der Atmosphäre zu verantworten haben. Denn Großbritannien sei das Geburtsland der industriellen Revolution und damit schon länger Emittent des sich akkumulierenden Gases als andere Länder, etwa die USA. Wo es Sünde gibt, gibt es auch Erbsünde. (3)

Doch damit nicht genug. Noch mehr als an die vergangenen Generationen sollen wir freilich an die kommenden denken. Die Leidtragenden seien am Ende unsere Kinder und Kindeskinder, wenn wir nicht aufhörten, den Planeten zu plündern. Während man dem Fußabdruck-Konzept für die Gegenwart noch einen gewissen buchhalterischen Wert zubilligen kann, zeigt sich die wirkliche Schwäche darin, dass die Zukunft im Grunde ausgeblendet wird. Das Denken in natürlichen Grenzen ist selbst begrenzt, da es den Fortschritt nicht berücksichtigt. Aus technologischer Sicht ist es evident, dass wir in der Lage sind, auf Verknappung zu reagieren, wo sie tatsächlich eintritt. Generell konnte die Effizienz von Landwirtschaft und Industrie im vergangenen Jahrhundert gewaltig gesteigert werden. Obwohl sich die Menschheit in den letzten 50 Jahren mehr als verdoppelt hat und der Wohlstand enorm gestiegen ist, ist der ökologische Fußabdruck – wenn man von der CO2-Komponente absieht – ungefähr gleich geblieben. (4)

Naturschutz und Wachstum

Im Dienste des globalen, moralisierenden und kulturpessimistischen Nachhaltigkeitsbetriebs ist das Konzept des ökologischen Fußabdrucks nur ein schlechtes Propagandainstrument. Es enthält dennoch einen richtigen Grundgedanken: Es ist ein sinnvolles Ziel, den Flächenverbrauch gering zu halten. Effizienz ist eine feine Sache. Und Effizienz lässt sich auch wunderbar mit Wohlstand verbinden. Der Königsweg dorthin ist eine noch viel stärker technisierte Landwirtschaft und moderne Industrie. Es ist durchaus interessant zu betrachten, was nicht dazu beiträgt, den Verbrauch an biologisch aktiven Flächen zu verkleinern. Als Erstes ist da extensive Landwirtschaft zu nennen. Der Flächenverbrauch im ökologischen Landbau ist doppelt so hoch wie im konventionellen. Für jeden Hektar ökologisch bebautes Ackerland muss ich demnach eine halben Hektar Natur opfern. Der Nutzen für die Umwelt steht in keinem Verhältnis dazu. Die Biodiversität auf ökologisch genutzten Agrarflächen ist lediglich zwölf Prozent höher als bei konventionellen. (5) Sehr positive Effekte gehen dagegen vom globalen Trend der Verstädterung aus. Städte sind effizient. Sie sind gleichzeitig Hotspots der Biodiversität. Die artenreichste Region Deutschlands ist Berlin. Und Städte könnten in Zukunft sogar einen großen Teil der von den Bewohnern benötigten Lebensmittel selbst produzieren. Denn der Flächenbedarf der Landwirtschaft lässt sich noch um Größenordnungen reduzieren, bis hin zur Variante des vom Acker gänzlich gelösten „Urban Farming“, wie es der Mikrobiologe Dickson Despommier von der Columbia Universität propagiert, bei dem in einem Hightech-Gewächshochhaus auf einer innerstädtischen Fläche von zwei Hektar so viel Nahrung produziert werden könnte wie auf 1000 Hektar Ackerland. (6)

Wenn wir uns nicht von der irrigen Vorstellung, wir zehrten vom „Kapital“ der Natur, ins Bockshorn jagen lassen, sondern mithilfe der menschlichen Kreativität die menschengerechte Gestaltung des Planeten konsequent weiter verfolgen, werden wir Wohlstand für alle und eine „intakte“ Natur sehr gut unter einen Hut bekommen. Und dabei können wir uns auch gerne den einen oder anderen Öko-Bauernhof – mit Streichelzoo, Traktor, Geländewagen und womöglich sogar einem mittelgroßen Hund – als Ausflugsziel leisten.