23.05.2012

Fifa-Bashing: Herr Blatter ist nicht das Problem

Analyse von Stefan Chatrath

Was an der anhaltenden Polemik gegen den internationalen Fußballverband und seinen Präsidenten Josef Blatter wirklich dran ist. Zwar ist Kritik angebracht, aber nicht in der derzeitigen Form

„Wer bin ich? Ich stehe einer Organisation vor, deren Angebot in mehr als 200 Ländern der Welt die Nummer 1 auf dem Markt ist. Hunderte von Millionen Menschen nutzen es regelmäßig und sind begeistert. Ich bin bestimmt ein gefeierter Mann, oder?“ Nein, leider nicht. Denn die Rede ist hier von Sepp Blatter, dem Präsidenten des internationalen Fußballverbandes FIFA. Obwohl unter seiner Federführung der Fußball zur Sportart Nummer 1 in der Welt geworden ist und es dem Verband – auch wirtschaftlich – so gut geht wie niemals zuvor, steht er ständig im Kreuzfeuer der Kritik. Selbst Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern, forderte unlängst seinen Rücktritt. Zu bezweifeln ist allerdings, dass das etwas bringen würde. Denn das eigentliche Problem, dem sich die FIFA in naher Zukunft zu stellen hat, hat ursächlich nichts ihrem Präsidenten zu tun.

Problem: Oligarchisierung

Die Kritik an der FIFA ist fast immer personalisiert: Meist wird Herr Blatter persönlich angegriffen – entweder weil er sich oder andere bereichert habe. Auch jüngst wurden wieder Anschuldigungen gegen ihn erhoben: So bezichtigte Jack Warner, ehemaliger FIFA-Vize, Blatter der Bestechung. Im Gegenzug für seine Wahlkampfhilfe 1998, habe ihm der FIFA-Präsident für einen Dollar die TV-Rechte für die Fußball-WM überlassen. Blatter entgegnete, dass das nicht stimme. Jack Warner sei schon seit 1986 Inhaber der angeführten TV-Rechte. Er habe sie seinerzeit von der OTI (Organizatión de Telecommunicaciones Iberoamericanas) übertragen bekommen. Und auf die damalige Vergabe habe er, Blatter, nun wahrlich keinen Einfluss ausüben können.

Ganz gleich, ob die Vorwürfe gerechtfertigt sind oder nicht, die Personalisierung der Kritik verschleiert das eigentliche Problem: In Organisationen wie der FIFA, die demokratisch verfasst sind, besteht grundsätzlich immer, unabhängig von den handelnden Personen, die Gefahr, dass es zu einer Oligarchisierung kommt, d.h. zu einer Herrschaft weniger. Natürlich ist so etwas nicht gewollt, da alle Mitglieder vom Prinzip her gleichberechtigt sind und insofern auch die gleichen Möglichkeiten haben sollten, Einfluss auszuüben.

Was ist der Grund dafür, dass es zu einer Oligarchisierung kommen kann? Eine Organisation wird nur dann langfristig bestehen können, wenn sie ihren Mitgliedern Anreize setzt, sich zu engagieren. Das kann auf zwei Wegen erfolgen: Die Organisation kann, erstens, soziale Anreize zur Verfügung stellen wie z.B. Ämter, die mit einer gewissen Macht und Status verbunden sind. Überdurchschnittlich aktive Mitglieder, wie z.B. ein Herr Blatter, erhalten so mehr Macht und einen höheren Status. Durch die soziale Differenzierung entsteht somit ein kleiner Kreis an Mitgliedern, eine Elite, die sich – via Amt – bedeutende Führungs- und Exekutivfunktionen aneignet. Das höchste FIFA-(Entscheidungs-)Organ ist das so genannte Exekutivkomitee, deren Mitglieder im Durchschnitt seit 9,3 Jahren im Amt sind. Der Vorsitzende des Exekutivkomitees, der Präsident, wird alle vier Jahre von der Mitgliederversammlung, dem Kongress, gewählt. Die restlichen 23 Mitglieder werden für den gleichen Zeitraum ernannt. Der europäische Fußballverband UEFA z.B. darf über die Besetzung von sieben Sitzen bestimmen, der afrikanische und der asiatische z.B. über die von je vier Sitzen.

Die Organisation kann, zweitens, bezahlte Mitarbeiter anstellen, in der Welt der Verbände sind das die so genannte Hauptamtlichen. In der FIFA z.B. steht den Hauptamtlichen der Generalsekretär vor. Er ist derjenige, der auf Augenhöhe mit dem Präsidenten arbeitet. Die Hauptamtlichen sind letztlich diejenigen, die die tagtägliche Arbeit durchführen, sodass in einem solchen Fall Führungs- und Exekutivfunktion organisatorisch voneinander getrennt sind. Die Hauptamtlichen sind die Exekutive und eignen sich erfahrungsgemäß – aufgrund ihrer organisatorischen Kompetenz – auf Dauer die eigentliche Macht an. Sie übernehmen damit früher oder später auch die führende Rolle in der Organisation, obwohl sie nicht durch die Mitglieder(-versammlung) gewählt wurden. Kein Zufall ist daher z.B., dass Sepp Blatter lange Zeit FIFA-Generalsekretär war – von 1981 bis 1998 –, bevor er ins Präsidentenamt wechselte. Gleiches gilt für Wolfgang Niersbach, dem designierten Nachfolger vom DFB-Präsidenten Theo Zwanziger. Er ist seit 2007 Generalsekretär des DFB.

Die geschilderte Problematik ist organisch, d.h., jede Organisation, die erfolgreich ist, wird mit ihr konfrontiert. Es ist daher auch viel zu kurz gedacht, wenn geäußert wird, dass das eigentliche Problem sei, dass es der FIFA an Transparenz mangele, wie es z.B. Transparency International behauptet. Die Gleichung mehr Transparenz gleich weniger Korruption, verkennt das eigentliche Problem: Die Konzentration der Macht in den Händen weniger, die wiederum, und das ist das Dilemma, notwendig ist, weil, wenn es sie nicht gäbe, keine (demokratisch verfasste) Organisation in der Lage wäre, langfristig zu überleben.
Eine hundertprozentige Transparenz, wie es Transparency International derzeit von der FIFA fordert, könnte sogar alles noch schlimmer machen. Wenn eine allumfassende Offenlegung interner Kommunikationsprozesse zur Pflicht werde, drohe, so der britische Soziologe Frank Furedi, der offene Austausch (der Mächtigen) zu erliegen: „Das Ethos der Transparenz vermindert das Potenzial für die offene Klärung von Problemen. Denn man geht keine Risiken ein und enthüllt nicht seine wirklichen Bedenken, wenn man das potenziell vor der ganzen Öffentlichkeit tut. Unter solchen Umständen gibt man auch ungern zu, selbst Fehler begangen zu haben.“ In der Konsequenz, so Furedi, entstünde „ein Regime der Vermeidung von Verantwortung.“ Zudem würde es (für Amtsinhaber) unter solchen Bedingungen immer schwieriger, „eigene Ideen spontan zum Besten zu geben und unkonventionelle Ansichten zu äußern, wenn man stets bedenken muss, dass sie später von Kritikern in der Öffentlichkeit aufgespießt werden können.“ Transparency International wird es nicht gerne hören: (Ein zu viel an) Transparenz kann einer demokratisch verfassten Organisation auch Schaden zufügen. Die FIFA-Arbeitsgruppe „Transparenz und Überwachung“, jüngst eingesetzt, sollte sich daher genau überlegen, wie viel Interna sie in Zukunft öffentlich machen möchte und wie viel nicht. Je mehr, desto besser, gilt jedenfalls nicht.

Wie kann das Problem, dass eine Herrschaft weniger droht, nun „gelöst“ werden? Hier lohnt sich ein Blick in die USA, eine der ältesten Demokratien der Welt. Um eine Oligarchisierung zu vermeiden, gilt dort, dass ein Präsident nur ein einziges Mal wiedergewählt werden darf. Nach acht Jahren ist in den USA die Amtszeit damit definitiv beendet. Die FIFA sollte prüfen, ob eine solche Regel nicht auch für ihr oberstes (Ehren-)Amt sinnvoll ist. Eine Begrenzung der Amtszeit könnte sich auf die Glaubwürdigkeit der FIFA sicherlich positiv auswirken. Die Entscheidung der FIFA, über die WM-Vergabe in Zukunft den Kongress abstimmen zu lassen, ist jedenfalls ein erster Schritt in die richtige Richtung: Es entmachtet das Exekutivkomitee, das bisher die Entscheidung fällte, und stärkt die Mitglieder. Genauso ist es zu begrüßen, dass im letzten Jahr eine deutliche „Verjüngung“ des Exekutivkomitees stattgefunden hat: 2011 wurden sieben neue Mitglieder aufgenommen.

Pro Kommerz: Ohne Wenn und Aber

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, weshalb Herr Blatter so schlecht in der Öffentlichkeit dasteht. Ein Vergleich mit Michel Platini soll helfen zu verstehen, weshalb das so ist.
Platini, seit 2007 Präsident des europäischen Fußballverbandes UEFA, macht vor allem eines anders als Sepp Blatter: Er bedient das diffuse Gefühl, dass „alles“ zu weit gegangen sei. Ihm geht es dabei natürlich nicht um unsere (angeblich schädlichen) Eingriffe in die Natur oder Ähnliches, sondern um die Öffnung des Fußballs für den Kommerz. Sein größtes Projekt ist daher nicht umsonst das so genannte „Financial Fairplay“, das ab 2013 in Kraft tritt und die (angeblichen) Auswüchse der Kommerzialisierung eindämmen soll. Wer in Zukunft an Wettbewerben der UEFA teilnehmen möchte, muss sich diesem Regularium unterwerfen. Verluste dürfen dann nicht mehr durch Investoren ausgeglichen werden. Die Vereine müssen sich aus ihrem Tagesgeschäft finanzieren können, andernfalls verfällt ihr Startplatz in Europa und Champions League. Ein offenes Geheimnis ist, dass sich Platini mit „Financial Fairplay“ vor allem gegen die russischen Oligarchen und Scheichs wendet, die in den letzten Jahren viele Vereine in Europa übernommen haben. Manchester City z.B., von einem der reichsten Männer der Welt gekauft, erwarb 2010/11 einige der besten Spieler der Welt und machte dabei einen Verlust von 228 Millionen Euro. Trotzdem wurde der Verein nicht zahlungsunfähig. Die Differenz wurde einfach durch den Eigentümer, Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan, beglichen. Damit ist es in Zukunft vorbei. Ob das so richtig ist, sei einmal dahingestellt. Denn nun wird es für kleine Vereine noch schwieriger, die Vorherrschaft der Großen zu brechen. Eine TSG Hoffenheim z.B., so belebend sie (als Projekt) für den deutschen Fußball war, wird es wohl so schnell nicht wieder geben. Schon jetzt, mit Blick auf „Financial Fairplay“, spart sich der Verein, wie es scheint, in die Mittelmäßigkeit.

Die FIFA hingegen fühlt sich nicht dem „alten“ Europa verpflichtet. Sie hat den Weltfußball gnadenlos für den Kommerz geöffnet und steuert mit ihrem Flakschiff WM natürlich dorthin, wo die Musik spielt – und das ist nicht in (West-)Europa, das dahin darbt, intellektuell und wirtschaftlich. Kein Zufall also auch, dass bei den beiden letzten WM-Vergaben das „alte“ Europa keine Rolle spielte. „Es ist meine Philosophie, die Expansion des Fußballs weiter voranzutreiben“, sagte Sepp Blatter anlässlich der Vergabe der WM 2022 nach Katar. „Die nächsten Gebiete, die wir erschließen wollen, sind China und Indien.“ Die FIFA, ihr Boss und das „alte“ Europa, das passt ganz offensichtlich auch von der Grundeinstellung her nicht zusammen. Die einen wollen immer weiter wachsen (und erobern) und die anderen, tja, was wollen sie eigentlich?

So und jetzt einmal vom Gefühl her: Wer von den beiden, Blatter oder Platini, hat bei der Vergabe der Fußball-WM 2022 für Katar gestimmt? Nein, es war nicht Herr Blatter, sondern Herr Platini. Sie sehen, worauf ich hinaus will: Von Blatter nehmen wir alles Schlechte an. Da ist es eigentlich egal, was er wirklich macht. Dass die Sportart Fußball international heute besser aufgestellt ist als jemals zuvor, ist auch das Verdienst von Sepp Blatter. Das sollte nicht vergessen werden.
Schön wäre es, wenn in Zukunft die Diskussion über die FIFA nicht mehr so polemisch geführt werden würde. Die Kritik an Herrn Blatter ist sicherlich nicht gänzlich unberechtigt. Dennoch hat die starke Personalisierung die Wahrnehmung getrübt. Bis heute jedenfalls ist keine ernstzunehmende öffentliche Diskussion über eine Reform der FIFA in Gang gesetzt worden. Dabei ist es höchste Zeit dafür.