11.07.2018

Fehlalarm läuft Amok

Von Martin Bartholmy

Titelbild

Foto: kdogan via Pixabay / CC0

Wenn jugendliche Amokläufer an Schulen massenweise Menschen töten, sind dies so seltene Extremfälle, dass sich aus ihnen keine allgemeingültigen Präventionsempfehlungen ableiten lassen.

Im Februar und dann wieder im April 2018, berichtet die Stuttgarter Zeitung, wurde im Körperbehindertenzentrum Oberschwaben Amokalarm ausgelöst; 400 Schüler und Lehrer verbarrikadierten sich in den Klassenzimmern. Nach Großeinsatz der Polizei wurde rasch klar, es gab keinen Amokläufer. Beide Male handelte es sich um falschen Alarm. Einzelfälle sind das nicht. Die Zeitung berichtet weiter:

„Im November rückten mehr als 100 teils schwer bewaffnete Spezialkräfte mit Luftunterstützung auf die Friedrich-List-Schule in Ulm zu. Gleich zweimal während des Vormittags war Amokalarm ausgelöst worden. Ein Kabel war defekt, so wie schon im vorangegangenen September. Ähnliches trug sich in den vergangenen sechs Monaten auch an Schulen in Rutesheim (Kreis Böblingen), Pforzheim oder Steinegg (Enzkreis) zu. Laut dem Kultusministerium ist es 2014 an 18 Schulen im Land zu Fehlalarmierungen gekommen, 2015 zu vier, 2016 waren es zwölf.“

Dass dergleichen vor allem aus Baden-Württemberg gemeldet wird, ist kein Zufall. Nach dem Amoklauf von Winnenden im Jahr 2009, bei dem ein 17-Jähriger 15 Menschen erschoss und 11 zum Teil schwer verletzte, hatte man im Südwesten einen „Expertenkreis Amok“ eingerichtet, der Empfehlungen ausarbeiten sollte, wie sich solche Katastrophen in Zukunft verhindern lassen, bzw. wie auf sie besser reagiert werden kann.

„In den letzten 20 Jahren kam es in Deutschland zu zwei Amokläufen, die zahlreiche Todesopfer forderten.“

Ergebnis war ein Katalog von 83 Maßnahmen. Diese reichen von „Best-Practice Methoden implementieren“ über „Wartezeit für Sportschützen zum Erwerb eigener Sportwaffen von 12 auf 18 Monate verlängern“ bis hin zu „Organisatorische Erfahrungen aus Winnenden nutzbar machen“. Ein solcher Blumenstrauß von Empfehlungen ist nicht ungewöhnlich, wenn man, wie üblich, eine Kommission mit möglichst vielen Vertretern verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und Fachrichtungen besetzt, denn ein jeder möchte, dass sich im Endprodukt die eigenen Anliegen und Interessen wiederfinden.

Ursachenforschung

Man kann nun die einzelnen Handlungsempfehlungen mit Schulnoten versehen oder sie je nach Gusto sympathisch oder unsinnig finden, zuerst einmal sollte aber grundsätzlich geklärt werden, ob es sich hier überhaupt um ein Problem handelt, welches sich durch Analyse und Ratschlag beheben lässt. Stellt man beispielsweise fest, dass die Zahl der Toten und Schwerverletzten bei Verkehrsunfällen in Gegenden, in welchen es eine Gurtpflicht gibt, wesentlich geringer ist als in solchen ohne (und schließt man andere Ursachen aus), dann kann die Einführung einer Gurtpflicht mit einiger Sicherheit dazu beitragen, die Zahl der Verkehrstoten zu verringern.

Geht es andererseits um den Fall einer Person, welche von einem Blitz aus heiterem Himmel erschlagen wurde, ist eine Handlungsempfehlung problematisch, denn die meisten würden die Order, sich zukünftig, gleich wie die Wetterlage ist, immer in einem Faradayschen Käfig aufzuhalten, übertrieben finden – und das ganz zu Recht, handelt es sich doch um einen äußerst unwahrscheinlichen Einzelfall, aus dem sich keine Schlüsse für die Allgemeinheit ziehen lassen.

Wo auf einer Skala von ‚ganz allgemeingültig‘ bis ‚äußerst speziell‘ sind Amokläufe an Schulen zu verorten? In den letzten 20 Jahren kam es in Deutschland zu zwei derartigen Verbrechen, die zahlreiche Todesopfer forderten, nämlich neben dem Amoklauf in Winnenden noch zu dem in Erfurt (2002, 16 Tote). Mehr oder weniger in die Kategorie „Amoklauf an Schule“ (school shooting) fallen außerdem Ansbach (2009, neun Verletzte) und Emsdetten (2006, sieben Verletzte). Der Fall Eching u. Freising (2002, drei Tote) unterscheidet sich, da der Täter kein Schüler war und die Tat an seinem ehemaligen Arbeitsplatz begann, und beim sogenannten Amoklauf von Coburg (2003) ist nicht sicher, ob es sich überhaupt um einen solchen handelte.

„Ist es möglich, Schlüsse aus so wenigen Fällen zu ziehen?“

Ist es möglich, aus so wenigen (und voneinander verschiedenen) Fällen Schlüsse zu ziehen, die sich verallgemeinern lassen und die helfen können, vergleichbare Katastrophen in Zukunft zu verhindern? Der Bericht des „Expertenkreis Amok“ bezieht dazu nicht direkt Stellung, und einzelne Aussagen des Berichts sind in dieser Hinsicht widersprüchlich. Einleitend heißt es: „Der Expertenkreis sieht, dass solche Geschehnisse vor dem Hintergrund einer besorgniserregenden Gewaltorientierung in den Unterhaltungsmedien und einer Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft betrachtet werden müssen und fordert daher Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit, insbesondere als Erziehungsgrundlage für junge Menschen [und er] tritt dafür ein, dass erkennbare Risikofaktoren für Amokläufe an Schulen reduziert und Schutzfaktoren gegen Amok an Schulen gestärkt werden.“ 1

Gibt es sie aber, diese „besorgniserregende Gewaltorientierung in den Unterhaltungsmedien“, und gibt es eine ausgeprägte „Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft“? In Deutschland wurden im Jahr 2000 497 Morde verzeichnet, 2009, im Jahr des Amoklaufs von Winnenden, waren es 365 und 2017 405. Für Morde und Tötungsverbrechen sind die Zahlen wegen der Schwere des Verbrechens und ihres ziemlich eindeutigen Charakters recht zuverlässig, für andere Gewaltdelikte weniger, da sich dort die rechtliche Definition wie auch die Wahrnehmung im Lauf der Zeit stark wandelt, und was gestern eine Rauferei auf dem Schulhof war, kann heute ein schwerer Fall von „bullying“ sein. Es deutet jedoch einiges darauf hin, dass Gewaltverbrechen in Deutschland schon seit längerer Zeit zurückgehen – und etwas zugespitzt könnte man sagen, dass dies etwa in dem Maße geschieht, in dem die Zahl der Krimiserien im Fernsehen zunimmt.

Abb.1: Statistik zu den Straftaten Mord und Totschlag, Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Eine Zunahme der Gewaltorientierung in den Unterhaltungsmedien ist schwer zu belegen. Was überhaupt ist eine solche Gewaltorientierung? Jede Zeit hat hier ihre eigenen Gespenster, und waren es, vor vielen Jahrzehnten, das Kino ganz allgemein, dann Comics, Zeichentrickserien, Hippiemusik und Haschisch, Horror- und Actionfilme, Death Metal oder auch die Bildzeitung, so sind es heute Ballerspiele und allerlei YouTube-Videos. „Diese Menschen haben Filme herstellen lassen, von denen wir Dank der Zensur nichts ahnen. Alle in den landläufigen Filmen angedeuteten Grausamkeiten existieren ausgeführt. [...] Die Filmzensur ist nötig. Weil Kinder eine starke Hand nötig haben. Und weil für eine Schulklasse von Rüpeln der Stock gerade gut genug ist.“ 2

„Eine Zunahme der Gewaltorientierung in den Unterhaltungsmedien ist schwer zu belegen.“

Nach der einleitenden Generalklage über die Zeiten und Sitten geht es in dem Bericht des Expertenkreises dann aber oft differenziert zu, und so erfährt man beispielsweise: „Eine Prävention im klassischen Sinne kann es bei Amoktaten nicht geben. Gleichwohl gibt es Chancen der Früherkennung und Gefahrenreduzierung“ 3 und „Bei Indikatoren kann es sich immer nur um grobe, unspezifische Merkmale handeln, die – auch gehäuft vorliegend – noch keine Rückschlüsse auf eine individualprognostisch belastbare Gefährlichkeit zulassen [...].“ 4 Auch zu der Frage, wann von Schülern ausgesprochene Morddrohungen ernst zu nehmen sind oder eben nicht, heißt es: „Beide Kategorien sind bislang kaum erforscht und daher nur unzureichend fundiert darstellbar.“ 5 Anders gesagt: Nichts Genaues weiß man nicht.

Einzelfälle und Muster

Da aber die Politik von den Experten keine Methodenlehre, sondern handfeste Empfehlungen wünscht, stößt man an anderer Stelle auf Aussagen wie: „[So] gehörten die Tatwaffen in der Regel Vätern oder männlichen Verwandten, waren unzureichend gesichert und wurden mit der Munition gelagert“ 6 sowie „Zurückliegende Amoktaten weisen deutliche Parallelen zu einer zeitintensiven Beschäftigung der Täter mit gewaltintensiven Computerspielen auf, die im Einzelfall als digitales Schießtraining genutzt wurden.“ 7 Sieht man sich die konkreten Fälle an, trifft die erste Behauptung, die Tatwaffen stammten von den Vätern der Täter, welche sie unzureichend gesichert hätten, nur auf den Fall Winnenden zu, während bei der zweiten Aussage schon die Formulierung auf den ihr innewohnenden Widerspruch verweist: „deutliche Parallelen“ (Plural) gehen nicht zusammen mit der Aussage, dass etwas „im Einzelfall“ zutreffe.

Dieser Widerspruch durchzieht den gesamten Bericht, denn wieder und wieder werden allgemeine Maßnahmen gefordert, dann jedoch eingeräumt, dass diese die äußerst seltenen Einzeltaten nicht verhindern können. Beispielsweise heißt es: „Der Expertenkreis hält eine gesellschaftliche Diskussion zur Werteerziehung für geboten. Nötig ist [...] eine fächerübergreifende Betonung ethischer Normen.“ Gleich darauf liest man aber, die Schule in Winnenden sei in dieser Hinsicht vorbildlich gewesen und: „Selbst ein positives Schulklima kann Amoktaten nicht verhindern. Amoktäter sind meist keine Mobbingopfer, sondern weisen eine erhöhte Kränkbarkeit auf, nehmen die Umwelt dadurch verzerrt wahr und ziehen sich häufig zurück in eine eigene, parallele Welt.“ 8

Für äußerst seltene, extreme Fälle, wie die jener jugendlichen Einzeltäter, die an Schulen massenweise Menschen töten, gibt es keine Prävention – zumindest keine, die sich verallgemeinern und flächendeckend umsetzen lässt. In jedem Einzelfall wird man natürlich rückblickend auf Momente stoßen, an denen sich das Verhängnis hätte aufhalten lassen, aber nachher weiß man es immer besser – und selbst dies gilt nur für den jeweils speziellen Fall.

„Der nach der Katastrophe von Winnenden einberufene Expertenkreis Amok konnte keine Muster benennen.“

Die große öffentliche Aufmerksamkeit für die wenigen Fälle wie in Erfurt und Winnenden und die breite Diskussion über sie, haben eben damit zu tun, dass diese Fälle so selten und so extrem sind. Sie sind Schrecken und Faszinosum und ein Einbruch der Widerlogik in unsere geregelte Welt. Eben das bedeutet aber auch, dass sich daraus kaum etwas für die Gesellschaft im Allgemeinen ableiten lässt, das heißt, solche Fälle sind gerade eben kein Symptom für eine tiefergehende Malaise – was ja immer wieder gern behauptet wird, und was auch nachvollziehbar ist, versuchen wir doch in der Regel, das Unbegreifliche begreiflich zu machen, indem wir es in vertraute Muster einpassen. Tun wir dies, verlieren solche Ereignisse für uns einen Teil ihres Schreckens, denn ein Blitz aus heiterem Himmel wirkt auf uns sehr viel bedrohlicher als eine weitreichende Schlechtwetterfront, vor deren Anzug wir vorab gewarnt werden.

Um aus Katastrophen etwas zu lernen, und um sie in Zukunft zu verhindern, müssen Faktoren entdeckt werden, die wiederholt auftreten und gegen die man Abhilfe schaffen kann. In den vergangenen 20 Jahren gab es beispielsweise etwa elf schwere Unfälle mit Bussen in Deutschland bzw. deutsche Reisebusse verunglückten auf Fahrten im Ausland. Dabei starben 144 Menschen und es gab 336 Verletzte. Auch diese Katastrophen sind, wenngleich nicht so selten wie Amoktaten an Schulen, doch relativ rar. Jedoch lassen sich bei ihnen Muster erkennen, auf die vorsorgend eingewirkt werden kann, seien es technische Mängel am Fahrzeug, die Übermüdung des Fahrers wegen nicht eingehaltener Ruhezeiten oder die fehlenden Gurte für die Passagiere. Aus all dem und mehr lassen sich wirksame Empfehlungen ableiten.

Der nach der Katastrophe von Winnenden einberufene Expertenkreis Amok konnte solche Muster nicht benennen – und das aus gutem Grund. Entweder gibt es sie nicht oder, sollte es sie geben, sind diese extremen Fälle zu selten und zu speziell, als dass wir sie ermitteln könnten. Was bleibt sind Allgemeinplätze, von denen der Expertenkreis immer einmal wieder einräumen muss, dass sie derartige Unglücke kaum verhindern können, wie beispielsweise vermehrte Werteerziehung oder das Verbot von Ballerspielen und sensationsheischender Berichterstattung. Da für Verbote oft der gesellschaftliche Konsens fehlt, bzw. sie in der Politik nicht mehrheitsfähig sind oder sogar gegen rechtliche Grundsätze verstoßen, werden dann andere Maßnahmen ergriffen.

Duck and cover

In Fall Winnenden bestand eine solche Maßnahme darin, die Bevölkerung aufzurufen, nicht benötigte Waffen bei den Behörden abzuliefern. „Diese Aktionen waren sehr erfolgreich. So wurden z. B. allein beim Landratsamt Rems-Murr-Kreis nach dem 11. März 2009 bis August über 1.600 Waffen abgegeben. Allein beim Kampfmittelbeseitigungsdienst des Regierungspräsidiums Stuttgart wurden 2009 bislang knapp 38 Tonnen Waffen und Munition zur Vernichtung angeliefert, 20 Tonnen mehr als im gesamten Vorjahr.“ 9

„Amok-Alarme und andere Notfallübungen und -systeme erinnern an den Kalten Krieg.“

Das klingt eindrucksvoll, es spricht aber nichts dafür, dass sich solche und ähnliche Taten dadurch in Zukunft verhindern lassen. Derartige Aktionen dienen allein dazu, dass die Behörden zeigen: Wir tun was! – und gleichzeitig jene Bürger, die Waffen abliefern, mit dem guten Gefühl nach Hause gehen können: Auch wir haben unseren Teil getan! Es handelt sich also um eine Ersatzhandlung in Form einer läuternden Übung, das heißt um eine Art moderner Bußprozession, die dazu dient, das Gewissen der Teilnehmenden zu reinigen.

Ähnlich verhält es sich mit den eingangs erwähnten Warnsystemen. Nicht von ungefähr erinnern die Amok-Alarme und andere Notfallübungen und -systeme an den Kalten Krieg, als man, wenigstens in den USA, die Schüler dafür drillte, im Falle eines Atomangriffs unter den Schulbänken Schutz zu suchen. Auch in Deutschland wurden regelmäßig flächendeckende Notübungen veranstaltet, bei denen die Schüler, sobald auf dem Schuldach die Sirene heulte, das Schulgebäude zu verlassen und sich in bestimmten Bereichen zu sammeln hatten. Dass so etwas im Falle eines Angriffs mit Atomwaffen komplett sinnlos ist, muss man nicht weiter erklären – dennoch wurde es seinerzeit überall so gemacht.

Im Unterschied zu den Amokalarmsystemen, handelte es sich bei den ABC-Übungen um eine, wenn auch absurde, Reaktion auf eine nachvollziehbare Bedrohung, deren Ursachen man kannte. Bei den Amok-Alarmen fehlt selbst dieses Element – und vielleicht sollte es nicht überraschen, dass sich diese Systeme nun selbständig machen und ihrerseits Amok laufen.