22.08.2019

„Essangst essen Seele auf“

Interview mit Andreas Schnebel und Uwe Knop

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Foto: 27707 via Pixabay (CC0)

Derzeit werden Nährwertkennzeichnungen wie der Nutri-Score disktutiert. Solchen Lebensmittelampeln fehlt nicht nur die wissenschaftliche Basis, sie bergen auch ernährungspsychologische Gefahren.

Wie bewerten Sie aus ernährungspsychologischer Sicht eine Kennzeichnung von Lebensmitteln mit roten, gelben und grünen Punkten?

Schnebel: Die Frage ist sehr komplex. Es wird versucht, eine Orientierung für alle zu schaffen, und unter diesem Aspekt lässt sich sowohl für eine Ampelregelung als auch gegen diese argumentieren. Wenn die Kennzeichnung tatsächlich als Orientierung dient, kann es im Sinne der gesundheitlichen Aufklärung helfen. Für den Einzelnen ist es aber immer noch kritisch zu prüfen. Was für den einen „grün“ und damit „gesund“ ist, kann bei falscher Dosierung zu „Gift“ werden und für einen anderen, der beispielsweise ein Lebensmittel nicht gut verträgt, „ungesund“ sein. Ein Beispiel hierzu: Vollkornbrot würden die meisten Menschen als „grünes“ Lebensmittel einordnen. Isst jemand aus diesem Grund Vollkornbrot und wägt sich auf der sicheren Seite, ist es nicht auszuschließen, dass er unter körperlichen Beschwerden (Blähungen, Verdauungsstörungen) leidet und es durchaus sinnvoller sein kann, nicht ausschließlich zu Vollkornbrot zu greifen und ein eventuell gelb bepunktetes Mischbrot eher bekömmlich ist.

Und wie fällt die Bewertung aus ernährungswissenschaftlicher Sicht aus?

Knop: Die Einteilung in rote, gelbe und grüne Punkte unterliegt der reinen Willkür. Es gibt keine kausalevidenzbasierte wissenschaftliche Grundlage für die Punkteverteilung, geschweige denn sind davon klare Effekte – weniger Schlaganfälle, Herzinfarkte, Krebs oder gar eine höhere Lebenserwartung – zu erwarten. Und nur darauf kommt es am Ende des Tages an – nicht auf ideologisch hoch stilisierte Surrogatparameter à la „Der Verzehr fetter Wurst wurde vermutlich (!) durch die Ampel um 17 Prozent gesenkt“. Die Farbpunkte gaukeln ein „gut“ und „böse“ vor, das es einfach nicht gibt. Cola und Orangensaft bekämen beim Zucker einen roten Gefahrenpunkt, wobei der für 100 Prozent natürlichen Organgensaft noch roter wäre, da er mehr Zucker enthält. Für die Pointierung gilt klar: Willkür dominiert Wissenschaft.

Sehen Sie die Gefahr, dass sich neben den Orthorektikern eine neue Klasse an Essstörungen aufgrund der Farbkennzeichnung entwickeln könnte?

Schnebel: Eine Einteilung von Lebensmitteln in „gesunde“ und „ungesunde“ durch eine Kennzeichnung mit verschiedenfarbigen Punkten kann bei Menschen, die bereits eine Essstörung haben, durchaus auf fruchtbaren Boden fallen. Menschen mit „Orthorexia nervosa“ sind der krankhaften Überzeugung, sich unter allen Umständen gesund ernähren zu müssen. Bei einem „Verstoß“ gegen den selbstauferlegten „gesunden“ Speiseplan erleben Betroffene massive Schuldgefühle und eine Form des Kontrollverlustes. Wenn nun Lebensmittel mit gelben Punkten versehen werden, könnte dies durchaus zu einer Verstärkung ihrer Problematik führen, wenn beispielsweise dadurch weitere Einschränkungen im Speiseplan vorgenommen werden und sich die Ängste verstärken. In Fachkreisen wird die „Orthorexia nervosa“ noch nicht als eigenständige Erkrankung gesehen, sondern im Kontext zwanghafter Persönlichkeitsstörungen und/oder anderer Essstörungen diskutiert. Auch eine Angststörung kann diesem Verhalten zugrunde liegen.

Eine neue Form der Essstörung wird sich durch die Kennzeichnung der Lebensmittel wahrscheinlich eher nicht etablieren, denn Essstörungen unterscheiden sich deutlich in ihrer Genese. Ein einzelner Faktor löst in der Regel keine Essstörung aus. Hier wirken immer mehrere Faktoren zusammen.

„Man kann nicht belegen, dass ein Lebens­mittel per se gesund oder ungesund ist.“

Welchen Effekt haben besonders rote Warnpunkte auf die Menschen?

Knop: Ich sehe hier ganz klar einen weiteren unterschwelligen Esserziehungsfaktor, der zu noch mehr Unsicherheit und Angst vorm Essen führen wird – und das bereits bei der Auswahl im Supermarkt. Die Ampel ist absolut kontraproduktiv. Denn man kann nicht belegen, dass ein Lebens­mittel per se gesund oder ungesund ist – das ist unisono auch die konzertierte Meinung der sieben großen ernährungswissenschaftlichen Institutionen im deutschsprachigen Raum: DGE (D), SGE (CH), ÖGE (A), DIfE (D), BZfE (D) sowie VDOE (D) und VEÖ (A). Es kommt immer auf die Menge an, die man davon verzehrt und auf die Frage „Warum esse ich?“. Die Ampel wird ernährungssensible Konsumenten, die derzeit schon (ver)zweifeln, was gesund und ungesund ist, noch stärker ver­unsichern. Aus dieser Gruppe wird wahrscheinlich eine neue Klasse Essverängstiger erwachsen: die „Scorektiker“. Diese Menschen werden peinlichst darauf achten, dass nur keine Lebensmittel mit ­rotem Punkt im Einkaufswagen landen, sonst fühlen Sie sich schlecht. Frei nach Fassbinder: Essangst essen Seele auf.

Welche Rolle spielt die Einteilung in vermeintlich gesunde und ungesunde Lebensmittel bei Ihren Patienten schon heute?

Schnebel: Ein häufiges Symptom von Essstörungen ist die Kategorisierung von Lebensmitteln nach Fett- und/oder Kaloriengehalt. Eine Einteilung in „gesunde“ und „ungesunde“ Lebensmittel nehmen viele Betroffene täglich bei der Auswahl der Lebensmittel, die sie zu sich nehmen, vor. Auch eine Bewertung, wie das Lebensmittel produziert wurde (bio oder nicht bio) ist mittlerweile oft ausschlaggebend, ob ein Lebensmittel den Weg in den Speiseplan noch findet oder auf die Liste der verbotenen Lebensmittel kommt. So beschränkt sich die Auswahl ganz häufig nur noch auf sehr wenige Lebensmittel und einen damit einseitigen Speiseplan mit der dementsprechenden Mangelversorgung.

Was und wie soll man denn nun essen, wenn niemand weiß, was gesunde oder ungesunde Lebensmittel sein sollen (warum eigentlich)?

Knop: Diese Unwissenheit liegt am bemitleidenswerten System der Ernährungsforschung, das in seinem Aussagepotenzial extrem limitiert ist: Die Forscher können nur Myriaden von Korrelationen (statistische Zusammenhänge) im Akkord publizieren, aber keine Kausalitäten (Ursache-Wirkungs-Beleg). Oder anders: Außer Hypothesen nichts gewesen. Beweise? Fehlanzeige. Nicht umsonst fordern führende Wissenschaftler weltweit eine „Radikalreform“ der Ernährungswissenschaften. Derzeit liegt das Prognosepotenzial nahe beim Glaskugellesen. Beim Essen heißt daher die Devise: Es gibt so viele gesunde Ernährungen, wie es Menschen gibt, denn: Jeder Mensch is(s)t anders. Daher sollte jeder nur auf seinen eigenen Körper vertrauen. Essen Sie nur, wenn Sie echten Hunger haben, worauf sie Lust haben, was ihnen schmeckt und – ganz wichtig – was sie gut vertragen. Das ist alles. Mehr braucht es nicht. Schon gar keine roten Pseudowarnpunkte auf sicheren und hochwertigen Lebensmitteln, die nachweislich noch niemanden geschadet haben.