23.12.2020

Es geht um die Produktivität unserer Zivilisation

Von Gerd Held

Titelbild

Foto: Pexels via Pixabay / CC0

Mit der Klimarettung werden Politik und Wirtschaft unter ein höchstes Gut gestellt, das nicht mehr mit anderen Gütern abwägbar ist. Die zerstörerischen Konsequenzen sind immens.

Jeder Fundamentalismus verspricht, die tiefsten Dinge der Welt zu kennen und die Ursachen beeinflussen zu können. So ist es jetzt auch in der Klimapolitik, die ohne kritisches Nachdenken auf die Idee verfallen ist, man müsse eine weltumspannende Rettung des Klimas veranstalten. Damit hat man einen Gegenstand gewählt, wie er größer und komplexer kaum sein könnte. Ein kritischer Maßstab des Wissen-Könnens und Handeln-Könnens unseres Zeitalters wurde nicht angelegt. Der Titanen-Gegenstand war schon im Wort Klimaschutz vorgegeben – als ob es in der Macht der Menschen stehe, das Klima zu schützen. Aber indem dies Wort die öffentliche Kommunikation besetzte, wurde das allgemeine Denken, ehe es sich recht versah, auf das ganz große Rad gelenkt. Die folgende Radikalisierung war da schon angelegt: Aus dem Klimawandel wurde eine ultimative Klimakrise. Aus vielen Faktoren wurde ein einziger – die Emission von Kohlendioxid durch die Verbrennung fossiler Energieträger. So wurde aus dem Klimaschutz ein ultimativer Feldzug gegen die CO2-Emissionen. Und nun sind wir mitten in einer großen Mobilmachung, die alles mitzureißen droht. Da ist es höchste Zeit, auf den Ausgangspunkt dieses Wegs zurückzukommen und den Absolutheitsanspruch des Mega-Gegenstands Klima zu überprüfen.

Klimafestigkeit im Alltag

Setzen wir also für einen Moment die Brille ab, die uns nur auf das große Ganze des „Klimas an sich“ starren lässt, und schauen auf die einzelnen Formen, in denen das Klima auf der Erde und für die Menschen wirksam wird. Auf die Klimawirkungen also. Wir können dann sehen, dass die Auseinandersetzung mit dem Klima sehr vielfältig ist, und dass sie eine Alltäglichkeit unserer Zivilisation ist. Dazu gehören auch die Einhegung, Schadensminderung und Reparatur nach kleinen und großen Katastrophen. Die Verteidigung der Deiche bei Hochwasser, die Einhegung und das Löschen von Wald- und Moorbränden, die Versorgung alter Menschen bei Hitzewellen. Dazu gehört der Aufbau einer robusten Infrastruktur, die längere Zeiten des Drucks und wiederkehrende Krisen aushaltbar macht: Dürreperioden, Hochwasserregionen, erdrutsch- und lawinengefährdete Lagen. Dabei kann es um harte Schutzmauern gehen, aber auch um die Öffnung von Flutungsräumen. Oder um die Veränderung der Baumarten eines Waldes. Alle diese Beispiele haben gemeinsam, dass man nicht versucht, die Probleme gar nicht erst aufkommen zu lassen, sondern dass man die Probleme als gegeben hinnimmt und die Aufgabe als eine Anpassungsaufgabe stellt.

Das ist alles andere als eine gemütlich-passive Haltung („Es wird schon gut gehen“), sondern eröffnet ein weites Handlungsfeld. Aber es ist ein Handlungsfeld, auf dem es nicht das große Rad gibt – nicht die eine Lösung für alle Probleme. Und für dieses Handlungsfeld gilt auch, dass es gar nicht neu erfunden werden muss. Es ist schon längst da. Es ist längst Bestandteil der modernen Zivilisation und der bereits gebildeten Institutionen. Wir haben hier also einen ganzen Bereich, in dem schon sehr viel geleistet wurde und täglich geleistet wird. Und in diesem Bereich sind sehr viele Bürger, Vereine, Unternehmen, öffentliche Einrichtungen tätig, ohne dass sie mit der großen Keule des Klima-Ultimatums dazu gezwungen werden müssen.

„Der Titanen-Gegenstand war schon im Wort Klimaschutz vorgegeben – als ob es in der Macht der Menschen stehe, das Klima zu schützen.“

Es gibt offenbar sogar eine schädliche Wirkung dieser großen Keule. Die global-abstrakte Kampagne der Klimarettung entzieht der alltäglichen Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Klimawirklichkeit wichtige Kräfte. Es ist eine verblüffende und auch bittere Erfahrung – besonders für die Praktiker, die zum Beispiel bei der Feuerwehr, dem Hochwasserschutz oder der Waldpflege tätig sind: Während all der Jahre, in denen das Großprojekt Weltklimaschutz nun schon verfolgt wird und während dafür alle möglichen Wichtigtuer weltweit unterwegs sind, ist es immer schwieriger geworden, junge Leute für die tägliche Schutzarbeit vor Ort zu gewinnen.

Warum ist diese bescheidene Schutzarbeit so wertvoll? Warum ist ein begrenztes Handeln der Schlüssel angesichts von klimatischen Herausforderungen, die man durchaus als erheblich bezeichnen kann? Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass in der Schutzarbeit nicht allein bestimmte Klimawerte in der Waagschale liegen, sondern auch Zivilisationswerte. Es wird nicht nur ein bestimmtes Klimaziel absolut gesetzt, sondern es werden auch ein bestimmter Zivilisationsstand und seine weiteren Entwicklungsmöglichkeiten in die Waagschale gelegt. Eine Klimarettung, die grundlegende Zivilisationserrungenschaften opfert, ist eine irrsinnige Rechnung. Und sie läuft auf eine Zerstörung des politischen Entscheidungsraums jeder freiheitlich-demokratischen Ordnung hinaus. Es kommt also darauf an, die Klimapolitik in einen richtigen Entscheidungsrahmen zu stellen – also in ein Abwägungsverhältnis, bei dem das Klima nicht allein das Handeln diktiert. Nur wenn man den Standpunkt einer isolierten und reinen Klimapolitik überwindet, kann man zu einer Politik der Sachvernunft kommen, in der es echte checks and balances gibt.

Joachim Müller-Jung, der in der F.A.Z. gerne die Rolle des wissenden Klima-Orakels spielt, schrieb am 9. August 2019 in einem Kommentar: „Der IPCC-Bericht nimmt den Land- und Forstwirten jede Illusion. Nichts wird so bleiben.“ (Der IPCC ist der Weltklimarat). „Nichts wird so bleiben“ – das ist einer dieser Klima-Orakel-Sätze, die von gewaltigen Änderungen raunen und alles Bestehende für obsolet erklären. Daraufhin bekommt er einen Leserbrief von Ewald Adams, Landwirt aus Lünen. Dieser schreibt: „Für uns Landwirte ist Wandel und Anpassung geradezu konstitutiv. Landwirte müssen ihre Wirtschaftsweise fortlaufend an Witterung, Klimaveränderung oder neue Verbraucherwünsche anpassen …. Sie verharren auch nicht im Warten auf gutgemeinte Appelle des Weltklimarates. Die Landwirte in unserer Region reagieren bereits auf die jetzt häufiger auftretende Frühsommertrockenheit. Sie passen die Produktionsprozesse an und ändern die Fruchtfolge.“ 1

„Während all der Jahre, in denen das Großprojekt Weltklimaschutz nun schon verfolgt wird, ist es immer schwieriger geworden, junge Leute für die tägliche Schutzarbeit vor Ort zu gewinnen.“

Diese Gegenüberstellung vermittelt einen Eindruck von dem Unterschied, der zwischen den Geschichten, die in den Medien erzählt werden, und der Realität der Praktiker besteht. Diese Realität mag klein erscheinen und bloß lokale Bedeutung haben, aber hier ist von vornherein ein größerer Entscheidungsrahmen gegeben: Das Bemühen um die Klimafestigkeit enthält immer das Ziel, die Landwirtschaft fortzuführen. Unser Landwirt aus Lünen berücksichtigt die Gegebenheiten dieser Welt daher viel vollständiger, als es die reine Klimarettung tut.

Zukunft der Energie

Die Aufgabe, eine umfassende Güterabwägung vorzunehmen, stellt sich auch in einem größeren Maßstab. Dazu gehört die Frage, ob unserer Zivilisation eine Alternative zu den fossilen Brennstoffen – mit vergleichbarer Produktivität – zur Verfügung steht. Die Antwort ist ein klares Nein, wie folgendes Zitat aus einem Kommentar im Wirtschaftsteil der F.A.Z. belegt: „Erfolgsmeldungen wie die jüngste, wonach 43 Prozent des Bruttostromverbrauchs bis September aus Ökostrom stammten, beschönigen die Lage. Denn Elektrizität deckt nur ein Viertel der Energie, die Haushalte und Betriebe nachfragen. Die restlichen 1800 Terawattstunden beruhen auf Importware: Öl, Gas, Kohle. Die Erneuerbaren sichern nur 15 Prozent des gesamten Energieverbrauchs. Die Deckungslücke bis 2050, dann soll das Land kohlendioxidneutral sein, beträgt 85 Prozent …“. 2 Diese Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Die Menschheit ist, selbst in den technisch hoch entwickelten Ländern, so weit von einer tragfähigen Energiewende entfernt, dass man nicht einmal sagen kann, dass sie auf dem Weg dorthin sei.

Dabei fehlt in dem zitierten Kommentar noch ein ganz wesentlicher Gesichtspunkt: die Produktivität der Träger. Von den produzierten Energiemengen muss ja der Aufwand abgezogen werden, der zu ihrer Herstellung und Verteilung notwendig ist. Dieser Aufwand ist bei den Erneuerbaren höher (teilweise viel höher) als bei Kohle, Erdöl und Gas. Ihre Produktivität ist also niedriger (und ungleichmäßiger). Eine Ära der Wind- und Sonnenenergie wäre also eine ungleich mühevollere und ärmere Ära. Das hat Thomas Hoof in einem Interview mit dem Magazin CATO sehr gut deutlich gemacht. 3

Zivilisationsgeschichtlich muss man feststellen: Wir befinden uns nach wie vor in der Ära fossiler Brennstoffe – nicht aus Unwissenheit und Willkür, sondern weil kein Ersatz mit vergleichbarer Leistungsfähigkeit zur Verfügung steht. Unsere Zivilisation wird nach wie vor von ihrer Nutzung getragen. Würde man diese Nutzung unter diesen Umständen beenden, würde man eine neue Zivilisationskrise auslösen, die mit der Holzkrise des 18. Jahrhunderts durchaus vergleichbar wäre. 4 Die zivilisatorische Aufbauleistung von mehreren Jahrhunderten würde aufgegeben. Die Forderung nach einem Ende der fossilen Ära ist technikgeschichtlich völlig ignorant.

„Unser Landwirt aus Lünen berücksichtigt die Gegebenheiten dieser Welt viel vollständiger, als es die reine Klimarettung tut.“

Verkürzte Abwägungen und Beweislast

Bei ihrem Island-Besuch am 20. August 2019 sagte die Bundeskanzlerin folgenden Satz, der sogleich eifrig durch die Medienlandschaft ventiliert wurde: „Der Preis des Nichtstuns wird höher sein als der Preis des Handelns.“ 5 Es ist einer dieser typischen Merkel-Sätze, die den Eindruck einer rationalen Erwägung machen, aber in Wirklichkeit mit einer Unterschlagung arbeiten. Merkel unterschlägt das Zivilisationsopfer, das die Klimarettung vorsieht: die Nutzung der fossilen Energieträger. Die deutsche Regierungschefin ist auf globaler, europäischer und nationaler Ebene für Beschlüsse verantwortlich, die bis 2030 bzw. bis 2050 die Nutzung von fossilen Energieträgern brachlegen will. Ihr dummdreister Spruch vom Preis des Nichtstuns unterschlägt den viel höheren Preis des Zivilisationseinschnitts, den diese Brachlegung bedeutet. Sie nimmt also eine völlig verkürzte Abwägung vor, die die immensen Opfer des eigenen Handelns eiskalt verschweigt. Zugleich verbreitete die Bundeskanzlerin die Propagandalüge, die Opposition gegen ihre Klimarettung sei eine Opposition des Nichtstuns.

Was wird also geschehen? Niemand kann wissen, was in späteren Jahrhunderten möglich ist. Aber in unserem 21. Jahrhundert ist zu erwarten, dass der CO2-Gehalt in der Atmosphäre weiter steigen wird. Im weitaus größten Teil der Welt wird die Energiegewinnung aus fossilen Energieträgern ein unverzichtbares Standbein für Verkehr, Heizung und Produktionsprozesse sein. Das liegt nicht an der fehlenden Einsicht der Völker, sondern an harten Bedürfnissen und Knappheiten – deren Grundlage das Dasein von heute 7,6 Milliarden Menschen auf der Erde ist. Dieses demographische Gewicht, das bis zum Jahr 2100 auf mindestens 10 Milliarden anwachsen wird, wird dem 21. Jahrhundert – mehr als jeder andere Sachverhalt – seinen Stempel aufdrücken. Es lässt sich mit keiner Regierungskunst oder -gewalt aus der Welt schaffen.

Doch zugleich gehört ein zweites Grundelement zu dem wahrscheinlichen Szenario: Trotz eines erhöhten CO2-Gehalts in der Atmosphäre wird die Klimakatastrophe ausbleiben. Es wird kein Umkippen geben. Die Spielräume der Natur werden sich als größer erweisen, als das Naturbild eines festen Gefüges ohne Spielräume suggeriert.

Ja, Wahrscheinlichkeit ist nicht Gewissheit. Aber wenn man den Nationen der Welt ein Katastrophenszenario auferlegt, hat man wahrlich eine große Beweislast. Bei dem, was bisher vorliegt und was beobachtbar ist, kann man sich dem Klimafeldzug mit seinen verheerenden Zivilisationseinschnitten mit ruhigem Gewissen verweigern. Und man kann jeden Tag mit Freude auf das wechselnde Wetter schauen, auf seine Sonnentage und Regentage, auf den Temperaturwechsel im Tages-, Wochen- und Jahresablauf. Denn dieser Wechsel ist ein Indiz, dass wir nicht in einer ständig sich steigernden Überhitzungsdynamik gefangen sind. Dass es anders ist, kann man nie völlig ausschließen. Aber die Beweislast dafür liegt in vollem Umfang bei denen, die diese Drohkulisse aufbauen.

„Die Menschheit ist, selbst in den technisch hoch entwickelten Ländern, so weit von einer tragfähigen Energiewende entfernt, dass man nicht einmal sagen kann, dass sie auf dem Weg dorthin sei.“

Im Jahr 2019 hat die Welt-Klima-Kampagne eine neue Qualität erreicht, die „Ultimatumsstufe“. Es wird sehr schwer sein, die Kampagne auf dieser Stufe längere Zeit aufrechtzuerhalten. Jeden Tag neue Horrormeldungen zu finden und Todesgesänge anzustimmen – das werden die Fakten nicht hergeben, und die rein verbalen Steigerungen nutzen sich ab. So war es bei der (marxistischen) Verelendungstheorie, der schon im Laufe des 19. Jahrhunderts allmählich die Luft ausging. Ähnliches könnte jetzt bei der Klimakatastrophentheorie geschehen. Wenn die ultimativen Ereignisse auf sich warten lassen, fällt das Klima-Ultimatum auf diejenigen zurück, die es in die Welt gesetzt haben. Plötzlich wird man gewahr, dass der CO2-Feldzug mit seinen schwerwiegenden Eingriffen wirkungslos war. Und schlimmer noch: dass seine Opfer unnötig waren.

Man sollte nicht vergessen: An der Klimapolitik hängt ein Großteil der Legitimation der globalen Regierungsformen und der globalen Klasse. Der Großgegenstand „Klima“ wird heute benutzt, um zu einer globalen Regierung und zu einem globalen Markt mit ökologischen (und sozialen) Einheitsnormen zu kommen. So verstärken sich Klimakrise und Globalisierung gegenseitig. Aber dann gilt auch umgekehrt: Wenn sich die Klimarettung als Scheinveranstaltung erweist, wird das nachhaltig die Autorität dieser globalen Regentschaft erschüttern. So ist dies Weltrettungsprojekt auch eine Art Endspiel der Globalisierung, wo die Global Governance noch einmal alle ihre Register zieht. Mit diesem Projekt hat sie sich so weit aus dem Fenster gelehnt wie bei keinem Projekt vorher. Erweist sich dies Projekt als haltlos, erreicht die Globalisierung ihren Kipppunkt.

Produktivität und Klimafestigkeit unserer Zivilisation

Doch ist dieser Bumerang-Effekt des Globalisierungsprojekts Klimarettung nicht alles, was in Sachen Klima zu sagen ist. Es ist auch nicht das Weiterführende. Denn das Umweltszenario des 21. Jahrhunderts ist keineswegs mit „alles easy“ zu beschreiben. Vielmehr ist zu erwarten, dass die Lebens- und Arbeitsbedingungen auf der Erde in diesem Jahrhundert eher schwieriger als leichter werden. Nicht im Sinne der einen großen Katastrophe, aber im Sinne vielfältiger Knappheiten, Schäden, Schwierigkeiten. Einzelne Regionen können erhebliche Einbrüche und Verwüstungen erleiden. Es ist daher falsch, die Kritik der ultimativen Klimakrisentheorie im Namen eines naiven Gutwetter-Glaubens zu führen. Sie muss aber eine ganz andere Priorität setzen: Wenn die Bedingungen schwieriger werden, muss die Produktivität unserer Zivilisation im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen und mit aller Kraft verteidigt werden.

„Man sollte nicht vergessen: An der Klimapolitik hängt ein Großteil der Legitimation der globalen Regierungsformen und der globalen Klasse.“

Dabei ist es hilfreich, sich noch einmal die Formen vor Augen zu führen, mit denen schon bisher die Klimafestigkeit der Zivilisation hergestellt und gewahrt wurde. Man kann hier (mindestens) vier Formen unterscheiden: 1. Abwehrformen (Deiche, Feuerschneisen), 2. Anpassung von Produkten und Herstellungsverfahren (Ackerbau, Waldpflege, Ressourcenumstellung bei Industriegütern), 3. Ausweichformen (Flutungsgebiete, Verlagerung von Siedlungsteilen) und schließlich 4. die wohl wichtigste Form: die Erhöhung der Toleranzschwellen – also das Akzeptieren von härteren Bedingungen und größeren persönlichen Belastungen und Opfern. Jede Zivilisation ist immer auch auf ein großes Trotzdem gebaut: Man lebt und arbeitet im Schatten von Gefahren (die auch wirklich eintreten und Opfer verursachen). Aber man lebt und arbeitet trotzdem. Und dieses Trotzdem ist ein überaus vernünftiges Kalkül: Denn die Kosten der Vermeidung jeglicher Gefahr sind ungleich höher als die Kosten der Toleranz. Dies ist auch das Vernunftgesetz, das in der Klimapolitik zu gelten hat – und nicht die merkelsche Devise, die nur die Alles-oder-Nichts-Größen Weltrettung oder Nichtstun gegenüberstellt. 6

Wenn man sich die vier Formen ansieht, in denen Zivilisationen bisher ihre Klimafestigkeit hergestellt haben, wird klar, dass die Vorstellung, eine Zivilisation würde bloß im „Zugriff“, im „Raub“, in der „Besetzung“ oder „Instrumentalisierung“ von Natur bestehen, eine völlig krude Machttheorie der Zivilisation ist. Und es wird auch deutlich, dass diese Formen nur zum kleinsten Teil globale Formen sind, sondern dass der weitaus größte Teil dieser Formen auf die jeweils besonderen Bedingungen eines Ortes, eines Landes, einer Erdregion zugeschnitten ist. Deshalb kann und muss diese Arbeit jetzt auch – ohne Rücksicht auf den globalen Klimarettungsfeldzug – weitergeführt und gestärkt werden. Das gilt insbesondere auf der kommunalen Ebene, bei bürgerschaftlichen Vereinigungen (nach dem Vorbild der freiwilligen Feuerwehr), bei Nachbarschaftsinitiativen gegen Verwahrlosung von Umwelträumen und für gegenseitige Hilfe bei Schäden. Und der großstädtische Besserwisser ist weniger gefragt als der handfest-praktische Umlandsiedler.

Natürlich gibt es auch größere Aufgaben, die die Investitionskraft des Gesamtstaates erfordern, und – wichtiger noch als Geld – seine raumordnerische, demokratisch legitimierte Hoheitsfunktion. Die Klimafestigkeit eines Landes entscheidet sich nicht im Sonderraum seiner großen Städte, sondern auf seiner Gesamtfläche, die größtenteils in ländlichen Gebieten oder klein- und mittelstädtischen Räumen besteht. Hier geht es nicht um einige innovative Leuchtturm-Projekte, sondern um eine scheinbar banale Aufgabe, die in Wahrheit ein wirklich dickes Brett ist: Das Leben in der Peripherie darf nicht erschwert werden – wie es zum Beispiel durch die CO2-Verteuerung geschieht, die den komparativen Vorteil der Großstädte weiter steigert. Aber der Run auf die Großstädte, in denen heute die öffentlichen Einrichtungen mehr denn je zentralisiert sind, schwächt die Auseinandersetzung mit schwierigeren Umweltbedingungen. Der Großstadt-Hype verleitet die Menschen dort zum Rückzug, wo diese Bedingungen praktisch aufgefangen werden müssen und können. Es ist kein Zufall, dass in den Großstädten nicht diese praktische Vernunft regiert, sondern die Hysterie und Hybris der Klimarettung. Diese Rettungspolitik wird auch nicht dadurch besser, dass sie nun durch soziale Maßnahmen ergänzt wird. Es geht um die Produktivität unserer Zivilisation und nicht um Geldzahlungen an Menschen, denen man im Zuge des CO2-Feldzugs den Arbeitsplatz zerstört hat. 7