13.05.2014

Kein Ende in Sicht

Von Sabine Reul

Interview dem Soziologen Frank Furedi über dessen Buch First World War: Still No End in Sight. Darin beschreibt er eine vom Ersten Weltkrieg bis heute anhaltende Sinnkrise des Westens, die zunehmend zur Bedrohung für Freiheit und Demokratie wird

Sabine Reul: Frank, in deinem Buch über den Ersten Weltkrieg schreibst du, dieser Krieg sei Ausdruck einer Krise der politischen Ordnung gewesen, die bis heute ungelöst bleibt. Daher ja auch der Titel First World War: Still No End in Sight. Was meinst du damit? Was haben wir unter diesem anhaltenden Ordnungsproblem zu verstehen?

 

Frank Furedi: Es hat viele bedeutende Dimensionen. Die wichtigste ist das, was ich als „moralische Ordnung“ bezeichne. Sie betrifft das System der Bedeutungen und Werte, die Menschen in Gemeinschaften verwenden, um die Welt zu verstehen und der jungen Generation einen Weg zu weisen. In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bestand eine extreme Spannung. Einerseits war das tägliche Leben in Europa im Vergleich zu früheren Zeiten ausgesprochen sicher, komfortabel und friedlich, aber gleichzeitig war diese Welt keine, mit deren Werten insbesondere die Künstler und Intellektuellen sich besonders wohl fühlten. Es gab ein sehr starkes Empfinden der Entfremdung, das in den künstlerischen und politischen Bewegungen der Zeit zum Ausdruck kam und sich im Laufe des Krieges zunehmend verstärkte und polarisierte.

 

Du beschreibst in deinem Buch das 20. Jahrhundert über verschiedene Etappen als Entwicklung dieser Problematik – du nennst sie auch “crisis of meaning”, also Sinnkrise –, die bis heute ungelöst sei. Wie äußert sich diese Krise aus deiner Sicht heute?

Kurzzeitig schienen diese moralischen Spannungen durch den Aufstieg der Ideologien, durch ein hochpolitisiertes Klima, in den Hintergrund gedrängt worden zu sein. Das 20. Jahrhundert wird – wie ich finde, fälschlicherweise – das „Zeitalter der Ideologien“ genannt. Die haben zwar eine Rolle gespielt, aber es bleibt meist unbeachtet, dass das sogenannte Zeitalter der Ideologien, das polarisierte Klima, der Erste und Zweite Weltkrieg und dann der Kalte Krieg die zugrundeliegenden Spannungen im Bereich der Kultur und Moral nur verdeckt haben. In Wirklichkeit blieben sie unverändert bestehen. Das wurde erstmals in den 1950er-Jahren wieder sichtbar, als ein Trend, den es bereits vor dem Ersten Weltkrieg gab, in gedämpfter Form wieder auftrat: Insbesondere junge Menschen empfanden sich als entfremdet. Das wurde dann ab den 1960er-Jahren immer deutlicher.

Um auf den Ersten Weltkrieg zurückzukommen: Warum wurde er zum grausamsten Krieg, den man bis dahin in jüngerer Zeit erlebt hatte?

Das sah als er ausbrach noch ganz anders aus, denn damals galt Kriegführung noch als ehrenhafte und klar geregelte Betätigung. Deshalb konnten sich so weite Bevölkerungskreise, darunter auch die Intellektuellen, zunächst für den Krieg begeistern. Sie betrachteten ihn in gewisser Weise als erlösendes, ehrenwertes Vorgehen. Man erwartete sich vom Krieg eine neue Erfahrung des sozialen Zusammenhalts, die das Alltagsleben nicht bieten konnte. Ich denke, wenn ein solcher Krieg sich ausweitet und dabei oft die geopolitischen Ziele nicht so deutlich erkannt werden, wie sie es sollten, Emotionen und die Suche nach Gewissheit die Oberhand gewinnen. Stück für Stück ändern sich im Krieg die Spielregeln. Er dehnt sich über das Schlachtfeld hinaus ins zivile Leben und andere Bereiche aus. Und der industrialisierte Charakter der Kriegführung führt zu einer neuen Form des Krieges.

Zum ersten Mal haben sich, wie du schreibst, damals die geopolitischen Ambitionen der beteiligten Staaten mit ihren innenpolitischen Problemen vermischt. Trug dies zur Zuspitzung des Ersten Weltkriegs bei?

Meiner Meinung nach ja. Seither schaut man durch die Brille der Heimatfront, man ist einem Druck ausgesetzt, der nicht zu 100 Prozent mit den geopolitischen Interessen in Einklang gebracht werden kann. In der damaligen Periode übernahmen Zeitungen und andere Medien eine größere Rolle, und sehr zum Schrecken der Diplomaten und Außenministerien wurden die Beteiligten in Richtungen gedrängt, die sie aus eigenem Antrieb nicht eingeschlagen hätten. All das trägt zu einer enthemmten und unvorhersehbaren Dynamik bei.

Du schreibst, ein Teil des Problems sei dabei gewesen, dass die herrschenden Kreise mit der heranwachsenden demokratischen Gesellschaft nicht recht umzugehen wussten.

Genau, das ist aus meiner Sicht einer der interessantesten Aspekte. Im Laufe des Krieges wurde deutlich, dass eine neue Welt entstanden war, in der jede Gesellschaft auf Gedeih und Verderb auf die Zustimmung der Öffentlichkeit angewiesen war, so dass man den Konsens der Bevölkerung nicht mehr einfach vernachlässigen konnte. Aber die politischen Institutionen dieser Gesellschaften waren darauf nicht vorbereitet. Mit der Demokratie meinte man leben zu müssen, brachte ihr aber keine besondere Wertschätzung entgegen. Das Verhalten der Öffentlichkeit während des Krieges wurde vielfach als recht emotional, gefühlsbetont und irrational wahrgenommen. Und das diente in der Folge als Argument für die Beschränkung der Demokratie. In meinem Buch komme ich zu dem Schluss, dass die Ideen der Freiheit und Demokratie das eigentliche Opfer des Krieges waren. Sie sind nach meiner Auffassung auch bis heute sehr unterentwickelt geblieben.

Du schreibst, die Liberalen der Vorkriegsära hätten es versäumt, sich für die offene Gesellschaft adäquat neu zu erfinden. In der Zwischenkriegszeit gingen sie sogar dazu über, den Massen die Schuld an allen Missständen zuzuschreiben. Fehlte dem Liberalismus da einfach die Vorstellungskraft?

Teilweise ja, aber dem lag ein tieferes Problem zugrunde. Die Liberalen hatten immer ein inkonsistentes Verhältnis zur Demokratie und eine sehr selektive Haltung gegenüber den neuen Rechten und Freiheiten der Menschen. Sie waren schon im 19. Jahrhundert in dieser Hinsicht sehr zurückhaltend, vorherrschend blieb die beschränkte Demokratievorstellung, in den USA beispielsweise die der Madisonians. Nur sehr wenige wollten weiter gehen, größere Teile der Gesellschaft einbeziehen und dafür geeignete Institutionen schaffen. Als es auf den Krieg zuging, wurde diese Zurückhaltung verstärkt durch ein neues Empfinden der Verunsicherung und Angst vor den Massen und insbesondere den radikalisierten. Ich glaube, diese Furcht oder Abwehrhaltung führte dazu, dass wir seither eine besondere Vorstellung von Demokratie haben, in der die Massenmedien, Presse und Propaganda mächtiger erscheinen als der demokratische Konsens. Deshalb wird die freiheitliche Gesellschaft immer als irgendwie gefährdet wahrgenommen, und dieser defensive Ansatz prägt noch immer unser Verhältnis zur Demokratie.

Der rasche Übergang vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg und der Aufstieg des Faschismus und anderer radikaler Ideologien in der Zwischenkriegszeit werden meist auf die anhaltenden internationalen Spannungen, die harschen Bedingungen des Versailler Vertrags oder die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre zurückgeführt. Aber du siehst da auch andere Aspekte am Werk.

Alle diese Faktoren spielten eine wichtige Rolle. Hinzu kam aber ein weiteres politisches Problem: Es fehlte einfach an einer konsensfähigen moralisch-kulturellen Basis für die offene Gesellschaft. Sie wurde von verschiedenen Seiten ständig in Frage gestellt. Unter diesen Gegebenheiten verhärteten sich die Spannungen, die vor dem Ersten Weltkrieg im Kern kultureller, moralischer und symbolischer Natur gewesen waren, zu sehr polarisierten Haltungen. Die Menschen sahen nur Faschismus, Stalinismus oder Varianten dieser Positionen und konnten nicht mehr verstehen, woher diese Verhärtung eigentlich kam. Und diese Krise der moralischen Ordnung blieb ungelöst.

Schlagen wir nun den Bogen zurück in die Gegenwart, denn dein Buch will natürlich zeigen, was wir aus der Vergangenheit lernen können. Kann man es als Warnung angesichts aktueller Entwicklungen verstehen? Was sagst du beispielsweise auf dem Hintergrund deiner Analyse zur Ukraine-Krise?

Diese Krise belegt das, was ich in meinem Buch behandelt habe, sehr anschaulich. In einer Situation, in der kulturelle Spannungen nicht nur ungelöst bleiben, sondern wo künstlich verengte institutionelle Reaktionen dazu führen, dass sie sich unreflektiert intensivieren, ist das politische und kulturelle Establishment stark geneigt, auf die alten Gegensätze aus der Zeit des Kalten Krieges zurückzugreifen. Im Falle der Ukraine sehen wir eine ziemlich maßlose, moralisch desorientierte Medienkampagne, in der Russland nicht nur zum Feindbild wie im Kalten Krieg avanciert, sondern nun auch als moralischer Antipode unserer Vorstellung von aufgeklärten Werten herhalten muss. Das wiederum führt dazu, dass in der Beurteilung der Ereignisse in verworrener Weise immer mit zweierlei Maß gemessen wird. Daraus ergibt sich dann die aktuelle fiebrige Atmosphäre der Kriegstreiberei, wobei die, die sie anheizen, das nicht einmal selbst zu merken scheinen.

In Deutschland fällt vielen auf, dass die Medien den Draht zu ihrem Publikum verloren zu haben scheinen. Wie beurteilst du den Umstand, dass die Medien losgelöst von weiten Teilen der Öffentlichkeit agieren und sich dem Vorwurf ausgesetzt sehen, dass sie keine angemessene Berichterstattung liefern?

Ich begrüße sehr, dass das in Deutschland der Fall ist. Denn in Großbritannien ist dieser Eindruck so noch nicht verbreitet. An einigen Stellen wurde das auch hier thematisiert, aber nicht oft. Möglicherweise wird das aber zunehmend geschehen, wie es mir in einigen anderen Bereichen bereits aufgefallen ist.

So habe ich kürzlich einen Artikel über die Medienkampagne gegen die UKIP (UK Independence Party) verfasst; dort versucht man fast täglich, einen neuen Skandal zu finden, um die Gegner der EU zu verunglimpfen. Das scheint mir aber alles wirkungslos zu verpuffen. Man merkt, dass man an eine Grenze stößt: Ab einem gewissen Punkt stecken die Medien so tief in ihrem eigenen Hinterteil, sind dermaßen selbstreferenziell, dass sie sozusagen ihre ureigene Kommunikationsfunktion vergessen. Am Beispiel der Ukraine fällt auf, dass die Bilder etwas zeigen, etwa pro-russische Aktivisten, die in Odessa verbrannt werden, und gleichzeitig der Kommentar in eine andere Richtung geht, etwa durch Bemerkungen über russische Mobs. Es ist schon fast zu durchschaubar. Meiner Meinung nach gibt es Grenzen einer solchen theatralischen Selbstbeweihräucherung.

In etwa seit dem Ende des Kalten Krieges stellt die antihumanistische Kultur, die westlichen Gesellschaften heute eigen ist, die Demokratie und sogar die Politik überhaupt in Frage, schreibst du. Was sagst du auf diesem Hintergrund zum Politikstil der Europäischen Union? Die steckt ja jetzt in einer ziemlichen Malaise.

So ist es. Es besteht dort eine starke Neigung zu antidemokratischen, gegen die Bevölkerung gerichteten Vorstellungen, die sich auf einem sehr negativen Bild des Bürgers und seiner Fähigkeiten gründen. Es besteht da einfach eine sehr ausgeprägte antidemokratische Sensibilität. Beim Verfassen dieses Buches bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass wir uns der Tatsache stellen müssen, dass die Demokratietheorie und die Ideen der Demokratie seit dem 19. Jahrhundert stagnieren. Das wird in der aktuellen Debatte generell übersehen und müsste viel stärker ins Bewusstsein der Menschen gelangen. Das sollten vor allem zunächst die erkennen, die mit kritischem Blick wahrnehmen, dass selbst einige der leidenschaftlichsten Verfechter der Freiheit selektiv vorgehen. Es gibt nämlich kaum konsequente Anhänger der Freiheit, etwa zum Thema Meinungsfreiheit. Das wichtigste ist aus meiner Sicht, den vorherrschenden, gegen die Menschen und die Demokratie gerichteten Vorstellungen etwas entgegenzusetzen, in Form von Argumenten, Ideen und Kampagnen. Das stelle ich mir in etwa so vor wie der kleine Junge vor dem Kaiser ohne Kleider – man muss die Nacktheit der Anschauungen und Auffassungen dieser Leute immer wieder vor Augen führen. Man muss sie geradezu zwingen, in der Öffentlichkeit Rechenschaft für sich abzulegen.