26.07.2016

Eine Herausforderung an alle Homöopathen

Kommentar von Edzard Ernst

Titelbild

Foto: the3cats via Pixabay (CC0)

Die angebliche Wirksamkeit homöopathischer Arzneien wird auf das wiederholte Verdünnen einer Grundsubstanz und das Schütteln der Lösung zurückgeführt. Edzard Ernst hält diese Theorie für fragwürdig.

Homöopathen nehmen eine ganze Menge von Dingen an. Eine ihrer zentralen Behauptungen ist zum Beispiel, dass der Prozess des wiederholten Verdünnens eines Wirkstoffs mit anschließendem heftigen Schütteln nach jedem Verdünnungsschritt – sie nennen es Potenzierung – das Mittel noch wirksamer mache. Das ist die berühmte „Wassergedächtnis“-Theorie der Homöopathie. In den eigenen Worten des Homöopathie-Begründers Samuel Hahnemann: „daß die Kraft der flüssigen Arznei durch das größere Volumen Flüssigkeit, womit sie innig gemischt werden, ansehnlich zunimmt“ 1 Und an anderer Stelle schreibt er: „Da nun die kleinste Menge Arznei den Organismus, natürlich, am wenigsten angreift, so würde man die allerkleinsten Gaben zu wählen haben, wenn sie nur stets der Krankheit gewachsen wären […] so kann fast keine Gabe des homöopathisch gewählten Heilmittels so klein seyn, daß sie nicht stärker als die natürliche Krankheit wäre, und sie nicht besiegen könnte.“ 2

Hahnemanns Erklärung für diese außergewöhnliche Vermutung (von der er behauptete, er habe sie empirisch beobachtet) war, dass seine Heilmittel nicht durch materielle Effekte wirkten, sondern durch geisterhafte Energien. Weil das im Lichte der modernen Wissenschaft etwas albern klingt, suchen die Homöopathen eifrig nach rationaleren Belegen für ihre Theorien. Daher haben sie eine Reihe von „wissenschaftlichen“ Konzepten entwickelt, um die Funktionsweise ihrer hochverdünnten homöopathischen Arzneien zu erklären. So wurde beispielsweise postuliert, dass Wasser sekundäre Strukturen bilden könne, die einige Informationen der Grundsubstanz speichert, auch wenn diese längst aus der Arznei heraus verdünnt wurde. Anderen Theorien zufolge erzeugt das Schütteln der Arznei Nanopartikel oder Silikon-Partikel, welche dann die klinischen Effekte hervorrufen.

Heute möchte ich jedoch für einen Moment annehmen, dass eine dieser Theorien korrekt ist – alle zugleich können selbstverständlich nicht richtig sein. Die Homöopathen zeigen uns immer wieder Untersuchungen, die sie stützen, auch wenn nur ein Experte auf dem entsprechenden Gebiet genügt, um ernste Zweifel daran anzumelden. Ich werde dennoch annehmen, dass das Verdünnungsmittel nach der Potenzierung immer noch Informationen enthält, sei es dank Nanopartikeln oder wegen eines anderen Phänomens. Zum Zwecke dieses Gedankenexperiments billige ich den Homöopathen zu, dass sie in dieser Sache richtigliegen. In anderen Worten: Lassen Sie uns für einen Moment annehmen, dass die „Wassergedächtnis“-Theorie korrekt ist.

„Oder wie kann ein Nanopartikel der Berliner Mauer oder einer Entenleber auf irgendetwas im menschlichen Organismus einwirken?“

Nachdem ich nun so großzügig war, erwarte ich von den Homöopathen, mir entgegen zu kommen und darüber nachzudenken, was das eigentlich bedeutet: „Information wird von der Grundsubstanz auf das Verdünnungsmittel übertragen.“ Beweist das irgendetwas? Zeigt es, dass die Homöopathie Recht hat?

Könnten die Homöopathen, die diese Annahme machen, so freundlich sein, mir bitte die folgenden Fragen zu beantworten?

Wie wirkt beispielsweise ein Kaffee-Nanopartikel auf das Schlafzentrum des Gehirns, so dass der Patient einschläft? Oder wie kann ein Nanopartikel der Berliner Mauer oder einer Entenleber auf irgendetwas im menschlichen Organismus einwirken? Die Behauptung, dass Informationen im Verdünnungsmittel gespeichert werden, kommt nicht einmal einer rationalen Erklärung der Funktionsweise nahe, nicht wahr?

Die meisten Homöopathika werden nicht in Form von Flüssigkeiten, sondern als „Globuli“, also winzige Milchzuckerkügelchen, eingenommen. Sie werden hergestellt, indem man die flüssige Arznei darauf tropft. Die Flüssigkeit verdampft anschließend. Wie kann es sein, dass nicht auch die in der Flüssigkeit gespeicherte Information mit dem Verdünnungsmittel verdampft?

Das Verdünnungsmittel ist für gewöhnlich eine Wasser-Alkohol-Mischung, die unweigerlich Verunreinigungen enthält. In der Tat enthält ein flüssiges C12-Präperat 3 um ein Vielfaches mehr an Verunreinigungen als an Partikeln der Grundsubstanz. Diese Verunreinigungen wurden ebenso heftig geschüttelt, also potenziert. Wie können wir erklären, dass deren „Potenz“ nicht auch nach jedem Verdünnungsschritt verstärkt wurde? Bräuchte man hier nicht einen Prozess, in dem nur einige Moleküle im Verdünnungsmittel angeregt werden, während alle anderen absolut unbeeinflusst bleiben? Wie können wir dieses fantastische Konzept erklären?

Einige Grundsubstanzen sind unlöslich (wie zum Beispiel die Berliner Mauer). Solche Substanzen werden nicht verdünnt, ihre Konzentration im Arzneimittel wird zunächst durch einen „Trituration“ genannten Prozess gesenkt. Bei diesem Prozess wird die Grundsubstanz zunächst in einem anderen Feststoff, gewöhnlich weißer Milchzucker, verrieben. Ich habe Ihnen zugestanden, dass die Potenzierung so funktioniert, wie Sie glauben. Aber wie wird Information von einem Feststoff auf einen anderen übertragen?

„Wie kann es sein, dass nicht auch die in der Flüssigkeit gespeicherte Information mit dem Verdünnungsmittel verdampft?“

Alles, was wir trinken, basiert auf Wasser, das Moleküle enthält, die unweigerlich millionenfach in der Natur potenziert wurden. Daher sollten sie doch extrem starke Wirkungen auf unsere Köper haben. Wie kann es sein, dass wir nie einen dieser Effekte spüren, wenn wir etwas trinken?

Nun, verehrte Homöopathen, biete ich Ihnen ein Geschäft an.

Wenn Sie mir diese Fragen zufriedenstellen beantworten, werde ich Ihre Theorie des Wassergedächtnisses nicht länger anzweifeln. Wenn Sie das jedoch nicht können, dann finde ich, dass Sie zugeben sollten, dass alle Ihre „wissenschaftlichen“ Theorien über das Funktionsprinzip hochverdünnter homöopathischer Arzneimittel tatsächlich ziemlich albern sind – noch alberner als Hahnemanns Idee eines geisterhaften Effekts.