06.04.2016

Ein Hoch auf das Versuchstier des Jahres

Essay von Andreas Müller

Titelbild

Foto: jaggarcia via Pixabay (CC0)

Hilal Sezgin und die „Menschen für Tierrechte“ haben den Fisch zum Versuchstier des Jahres 2016 ernannt. Das ist eine gute Entscheidung, denn der Fisch ist ein hervorragendes Versuchstier

Der Fisch kann sich freuen. Er wurde zum „Versuchstier des Jahres 2016“ ernannt. Und zwar von der Organisation, die jedes Jahr ein neues Tier zum Versuchstier des Jahres ernennt, bis allen Versuchstieren einmal die Ehre zuteil wurde: „Menschen für Tierrechte – Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V.“ Der Verein konnte nun die Autorin Hilal Sezgin („Artgerecht ist nur die Freiheit“, siehe die Rezension von Klaus Alfs) als Schirmherrin der Versuchsfische gewinnen.

„Sie atmen und kommunizieren anders als wir und darum meinen wir, wir dürften alles mit ihnen machen“, kritisiert Sezgin in der Pressemitteilung über die Versuchsfische. Wir werden also einmal mehr einer Art von Rassismus gegenüber Tieren bezichtigt, der unter Tierrechtlern als „Speziesismus“ bekannt ist. Nur weil Fische mit Kiemen atmen statt mit Lungen, meinen wir demnach, wir dürften Experimente mit ihnen machen.

Sezgin vermenschlicht Fische. Sie erkennt den essenziellen Unterschied zwischen Mensch und Fisch nicht. Nehmen wir an, es gäbe Menschen, die unter Wasser leben und atmen können, wie die Comic-Figur Aquaman oder Arielle, die Meerjungfrau. Sie wären in jeder bedeutenden Hinsicht denkende und bewusst fühlende Menschen, die sich nur durch sekundäre Eigenschaften von auf dem Land lebenden Menschen unterscheiden. Fische hingegen sind Fische, egal, wie sie atmen. Der grundlegende Unterschied zwischen Mensch und Fisch hat nichts mit der Atmung zu tun, sondern damit, dass wir bewusst denken können. Wir verstehen die Welt in Form der abstrakten Konzepte und der Wörter, wie Sie sie gerade lesen. Wir nehmen die Welt bewusst wahr, denken über sie und über uns selbst nach. Wir tauschen uns darüber mit unseren Mitmenschen, die ebenfalls dieses Vermögen besitzen, aus. Wir fühlen bewusst. Fische tun das alles nicht.

„Wir nehmen die Welt bewusst wahr, denken über sie und über uns selbst nach. Wir fühlen bewusst. Fische tun das alles nicht.“

Würden Fische bewusst denken und fühlen, wüssten wir es, denn dann hätten sie eine menschenähnliche Kultur entwickelt. Schließlich stünden ihnen dann die geistigen Werkzeuge zur Verfügung, die Welt zu verstehen. Sie hätten ihre Umwelt erforscht, begrifflich über sie kommuniziert und herausgefunden, wie sie das Meer und dessen Ressourcen kreativ für ihre eigenen Zwecke einsetzen können. Dann gäbe es Fische, die ihr Futter selbst auf Planktonfarmen anbauen, es gäbe musizierende Fische und vielleicht sogar Unterwasser-Paläste wie in Disneys Arielle. Wenigstens könnten wir primitive Fische dabei beobachten, wie sie in Korallen-Kulten andere Fische ihrem Unterwasservulkan-Gott opfern. Stattdessen schwimmen real existierende Fische instinktiven Mustern folgend im Meer herum und tun nichts Anderes als das, was sie vor Millionen von Jahren auch schon getan haben.

Hilal Sezgin scheint das universelle Mitleid mit allem, was kein Mensch ist, ein wichtiges Anliegen zu sein. Sie hat Mitleid mit Kühen, Pferden, Schweinen und natürlich auch mit Fischen. Sie schreibt: „Aber das Entscheidende ist doch nicht, ob Fische anders sind als wir an Land Lebenden, sondern dass sie überhaupt atmen und kommunizieren, dass sie Empfindungen haben und leben wollen! Genau wie wir haben sie nur ein einziges Leben, und das in Frieden und Freiheit zu leben, dürfen wir ihnen nicht verwehren.“

Wir sind also nur Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will, wie Albert Schweitzer es formulierte. Wir brauchen eine Art Bürgerrechtsbewegung für Fische, die ihr Recht erstreitet, ein Leben in Frieden und Freiheit zu leben, ungehindert von – von was? Vom Menschen offenbar, aber warum nicht auch von Fressfeinden und Raubfischen und Meeresvögeln? Wir Menschen werden vom Staat vor Kriminellen geschützt, die uns bedrohen. Und haben Fische auch ein Recht auf das ozeanische Gegenstück zu fairer Miete und gerechten Löhnen?

Eigentlich „wollen“ Fische nicht leben, da sie sich nicht über sich selbst und ihre Bedürfnisse bewusst sind. Sie sind evolviert, um sich instinktiv so zu verhalten, dass es ihrem Leben und vor allem der Verbreitung ihrer Gene dient. Nur Menschen haben bewusste Bedürfnisse, nur sie „wollen“ etwas. Kein Fisch hat jemals auf irgendeine Weise – auch nicht mit seiner ominösen Fisch-„Kommunikation“ – geäußert, dass er frei und in Frieden leben möchte. Weil er gar nichts möchte. Weil er keine bewusste Wahrnehmung hat, geschweige denn ein konzeptuelles Vermögen, das ihm das Nachdenken über eigene Bedürfnisse oder diejenigen seiner Spezies ermöglichen würde. Er schwimmt herum, frisst Zeug und vermehrt sich. Bei allem Respekt.

Und Sie wissen das, wenn Sie schon einmal Fische beobachtet haben. Wenn es zunehmend viele Leute nicht mehr wissen, dann wahrscheinlich auch darum, weil wir in unserer Zivilisation so gut wie nichts mehr mit der Natur zu tun haben. Wir schwimmen in der Regel im Schwimmbad herum und nicht mit den Fischen im Meer. Man fragt sich, wie viele Menschen inzwischen Aquaman und Arielle bei einem Ozeanbesuch vermissen würden, so losgelöst von der echten natürlichen Welt sind ihre fantastischen Projektionen auf die Natur.

Ich erinnere mich an den entgeisterten Gesichtsausdruck meines ehemaligen Biologielehrers, als ein Schüler wissen wollte, warum man die Wälder in Deutschland künstlich anlegt und pflegt, statt sie im Naturzustand zu belassen: „Ihr wollt doch hier keinen Urwald haben, oder?“ Für ihn war es selbstverständlich, dass dies niemand ernsthaft wollen kann. Nur wenige Jahre später ist das überhaupt nicht mehr selbstverständlich. Die in Frieden und Freiheit leben wollenden Fische erscheinen manchen als zivilisiert – im Gegensatz zum Menschen. Die Wildnis wird zum Ideal.

Leben gegen Leid

Ob das Schmerzempfinden als solches, isoliert betrachtet, ethisch entscheidend ist, bejahen nur bestimmte Hedonisten und Utilitaristen. Leid betrachten die meisten Denker vielmehr in einem größeren Zusammenhang. In welchen Fällen ist etwa das Zufügen von Leid – man denke an Notwehr – gerechtfertigt? Wie viel Leid darf man dem Feind im Krieg zufügen? Sollten sich Sterbende bei großem Leid ihr eigenes Leben nehmen dürfen? Der hedonistische Philosoph Epikur stellte die leidzentrierte Frage: Wie sollte man – als Mensch – mit der Tatsache umgehen, dass man Leid empfinden kann? Epikur meinte, man sollte die Aspekte des Lebens vermeiden, welche die Seelenruhe gefährden, etwa die Ehe und die Politik. Grundsätzlich „erwächst doch die deutlichste Sicherheit aus der Ruhe und dem Rückzug vor den Leuten.“ Für Epikur war Leid aber nicht einfach physischer Schmerz – oder gar der von Fischen.

Die Haltung, wie sie Hilal Sezgin in dieser Sache offenbar vertritt, lässt sich wie folgt auf den Punkt bringen: „Tier X kann prinzipiell leiden und alle Menschen sind darum verpflichtet, dafür zu sorgen, dass es möglichst nicht wirklich leidet.“ Das sagt so gut wie niemand. Und nicht darum, weil die meisten Philosophen die Weisheit dieser angesagten Position nicht einsehen würden, sondern weil sie nie hinreichend – oder, in der Tat, überhaupt – begründet wurde. Diese Position ist eher mit einem religiösen Dogma zu vergleichen, aus dem allerlei Schlussfolgerungen gezogen werden, obwohl es auf dünnem Eis steht. Lediglich die Utilitaristen, die ihre Ethik auf bestimmte Tiere ausgeweitet haben – was längst nicht alle sind – und obendrein die Vermeidung von Leid als Maßstab der Ethik ansehen, argumentieren auf eine ähnliche Weise. Vor allem der australische Philosoph Peter Singer ist für seine leidzentrierte, auf Tiere ausgeweitete Ethik bekannt.

„Der Gedanke, wir hätten eine Pflicht, alle Lebewesen vor Leid zu bewahren, ist eher mit einem religiösen Dogma zu vergleichen.“

Wenn uns unser eigenes Leben überhaupt lieb ist, kann nicht die Vermeidung des Leids aller anderen Lebewesen auf der Welt der Maßstab unserer Ethik sein. Wir hätten nichts mehr von unserem eigenen Leben. Wir wären nur noch mit anderen befasst und mit der Frage, ob sie vielleicht gerade leiden und was wir dagegen tun könnten. Und an dieser Stelle fehlt regelmäßig die Begründung, warum andere Lebewesen unser ethischer Fokus sein sollten und nicht etwa wir selbst und das, was unser eigenes Leben bereichert. Leid gehört zum Leben dazu, aber sollten wir unser Leben von Leid bestimmen lassen? Und dann auch noch vom Leid anderer? Oder gar vom angeblichen Leid bestimmter Tiere?

Stellt man das menschliche Leben ins Zentrum der Ethik und nicht das Leid von allem und jedem, so gelangt man zu einem anderen Schluss: Wir sollten Tiere zu unserem eigenen Nutzen gebrauchen, weil es unserem eigenen Leben dient. Wir profitieren zumindest stark von Fleisch und von anderen tierischen Produkten. Wir dürfen unser eigenes Leben lieben. Wir dürfen an uns selbst denken. Man kann auch aus dieser humanistischen Perspektive dafür argumentieren, dass wir Tiere nicht grundlos quälen sollten. Alleine schon darum, wie Aristoteles meinte, weil es schlecht für unseren eigenen Charakter wäre.

Können Fische leiden?

Auch in einer humanistischen Ethik könnte also der Verzicht darauf, Tieren Leid zuzufügen, sofern es keinem menschlichen Interesse dient, durchaus einen Platz haben. Doch können Fische überhaupt wirklich leiden? In einem 22-seitigen PDF der „Menschen für Tierrechte“ wird behauptet: „Bereits in den 80er-Jahren wurde schon zweifelsfrei belegt, dass Fische leidensfähig sind.“ Fische sollen „Schmerz und Stress“ empfinden sowie „Angst“, heißt es im Dokument.

Diese Behauptungen widersprechen dem Forschungsstand. „Fische besitzen kein dem Menschen vergleichbares Schmerzempfinden. Zu diesem Schluss kommt ein internationales Forscherteam aus Neurobiologen, Verhaltensökologen und Fischereiwissenschaftlern“, berichtet etwa der Forschungsverbund Berlin über eine große, aktuelle Studie aus dem Jahr 2013. Fische besitzen zunächst einmal keine Großhirnrinde, in der beim Menschen elektrische Signale von durch Verletzungen erregte „Nozirezeptoren“ zu einem Schmerzempfinden verarbeitet werden. Das heißt, ihnen fehlt das Organ, das mit dem bewussten Schmerzempfinden assoziiert ist.

Obendrein fehlen bei allen in der Studie untersuchten primitiven Knorpelfischen wie Haien und Rochen selbst die „C-Nozirezeptoren“ genannten Nervenfasern, die intensiven Schmerz registrieren und als elektrische Impulse weitergeben könnten. Knochenfische wie Karpfen und Forellen sind nur mit einfachen Nozirezeptoren ausgestattet. Darum können sie auf Verletzungen reagieren. Ohne Großhirnrinde ist aber nicht zu sehen, wie sie bewusst Schmerzen empfinden könnten.

„Fischen fehlt die Großhirnrinde, die mit dem bewussten Schmerzempfinden assoziiert ist.“

Fische reagieren viel weniger auf Schmerzen als andere Tiere. Sie zeigen „oftmals geringe oder keine Reaktionen auf Eingriffe, die für uns und andere Säugetiere höchst schmerzhaft wären. Bei Menschen wirksame Schmerzmittel wie Morphin waren bei Fischen entweder wirkungslos oder zeigten nur bei astronomisch hohen Dosen, die bei kleinen Säugetieren den sofortigen Schocktod bedeutet hätten, einen Effekt“, so der Forschungsverbund Berlin in der Zusammenfassung der Studienergebnisse.

Aufschlussreich ist zu diesem Thema auch ein Interview von Spiegel Online mit dem Ökologen Robert Arlinghaus, der an der oben genannten Studie beteiligt war. Tierschutz muss ihm zufolge „auf einer soliden wissenschaftlichen Basis aufbauen, gerade dann, wenn naturwissenschaftliche Fakten wie die Fähigkeit von Fischen zur Schmerzfähigkeit auch nach Paragraf 17 Tierschutzgesetz die Strafbarkeit von tierschutzwidrigen Handlungen mitbestimmen.“ Arlinghaus bemerkt, dass Reize bei Fischen „höchstwahrscheinlich unbewusst ohne Schmerzerlebnis verarbeitet“ werden.

Wenn wissenschaftliche Erkenntnisse so sehr von den Aussagen von Hilal Sezgin und den „Menschen für Tierrechte“ abweichen, warum werden dann solche Aussagen verbreitet? Diesbezüglich hat Arlinghaus die folgende Vermutung: „Mich hat das Gefühl beschlichen, dass viele öffentlich sichtbaren Verfechter der Schmerzhypothese im Deckmantel der Wissenschaftlichkeit im Grunde die Nutzung von Fischen durch den Menschen ablehnen und nach Argumenten streben, die Interaktion von Mensch und Fisch möglich grausam erscheinen zu lassen. Hier geht es um reine Rhetorik und um Macht im sich daran anschließenden politischen Prozess. Auf der versteckten Agenda stehen häufig eine vegane Lebensweise und ein Verbot oder eine starke Einschränkung der Fischerei.“

Außerdem steht auf der Agenda der Versuch, Experimente an Fischen zu unterbinden, wie man im aktuellen Fall erkennt. Doch warum werden diese Experimente eigentlich gemacht?

Ein Hoch auf die Fischversuche

Das mangelnde Schmerzempfinden der Fische ist einer von mehreren Gründen, Fischversuche gutzuheißen. Es ist für viele Tierversuche in jeder Hinsicht besser, Fische dafür zu gebrauchen als zum Beispiel Mäuse. Man kann etwa die unter Forschern beliebten Zebrafische leicht im Labor halten, sie wachsen innerhalb von nur drei Monaten auf und pflanzen sich fort und man kann ihren Nachwuchs dank Eiern mit durchsichtiger Schale durch ein Mikroskop beobachten. Zudem können individuelle Zellen mit einem fluoreszierenden, leuchtenden Gen markiert werden, das aus Quallen entnommen wurde. So lässt sich genau nachvollziehen, was einzelne Zellen tun.

„Menschliche Herzen, die sich selbst heilen, ein Mittel gegen Blindheit – solche Ziele sind die Gründe, warum Versuche an Fischen durchgeführt werden.“

Zebrafische können Muskeln innerhalb ihrer Herzen reparieren. „Das gibt es weder bei uns noch bei Mäusen“, bemerkt der Biologe Simon Hughes vom King’s College in London gegenüber The Independent. „Indem wir damit experimentieren, wäre es durchaus möglich, dass wir zu Erkenntnissen gelangen, welche die Wiederherstellung von menschlichen Herzen ermöglichen.“ Ein anderes Experiment könnte zur Entwicklung einer Behandlung gegen Makula-Degeneration führen – eine Hauptursache von Blindheit beim Menschen.

Menschliche Herzen, die sich selbst heilen, ein Mittel gegen Blindheit – solche Ziele sind die Gründe, warum Versuche an Fischen durchgeführt werden. Diese Versuche werden nicht aus Sadismus oder rücksichtsloser Gier gemacht. Sie werden gemacht, um Menschen besser heilen zu können. Nun können Tierversuche zunehmend an Fischen statt an komplexeren Säugetieren durchgeführt werden. Also an Lebewesen, die sehr wenig bis gar nicht leiden. Das ist eine in jeder Hinsicht großartige Entwicklung. Insofern wurde der Fisch zu Recht zum „Versuchstier des Jahres 2016“ ernannt – er ist wirklich ein großartiges Versuchstier. Vielleicht besteht noch Hoffnung, dass auch Hilal Sezgin und die „Menschen für Tierrechte“ eines Tages ihr Mitleid für Menschen entdecken. Und Tierversuche befürworten.