18.11.2014

Artgerecht ist nur die Freiheit

Rezension von Klaus Alfs

Die Autorin Hilal Sezgin wendet sich gegen Tierverzehr. Ihr neues Buch wird sogar von der Bundeszentrale für politische Bildung verlegt. In einer polemischen Rezension werden Widersprüche in Sezgins Argumentation aufgezeigt und es wird angeregt Tierhaltung zu verbessern statt abzuschaffen

Jahrtausendelang sind in menschlichen Kulturen bestimmte Tierarten verhätschelt worden, ohne dass sich daraus ein Tötungsverbot ergeben hätte. Die betreffenden Arten galten weiterhin als Nutztiere: Sie dienten dem Zweck, den höheren sozialen Status ihrer Besitzer zur Schau zu stellen und diese zu unterhalten. Dass man Schoßtiere hält, ohne sie später zu verzehren oder sonst wie zu nutzen, ist historisch betrachtet eine relativ späte Erscheinung. Diese Praxis wurde damals jedoch nicht aus moralischen Gründen gepflegt, sondern zum Zwecke noch größerer Distinktion (Dekadenz).

„Im 17. Jahrhundert”, schreibt der Ethnologe Marvin Harris, „trugen Damen, die mit der Mode gingen, kleine Hündchen am Busen, saßen mit ihnen bei Tisch und fütterten sie mit Süßigkeiten. Die gewöhnlichen Leute hingegen konnten sich solche Tiere nicht leisten, wenn diese nicht gleichzeitig Schutz-, Jagd-, und Hütefunktionen erfüllten oder Ratten und Mäuse fingen. Mit dem Aufkommen handeltreibender bzw. kapitalistischer Klassen wurde deshalb das Halten gehätschelter Tiere zu einem wichtigen Zeichen dafür, dass man nicht mehr zu den gemeinen Leuten gehörte.“

„Selbsterhöhung ist vordringlichstes Ziel der modernen Tierethik“

Im Gegensatz zu den Damen im 17. Jahrhundert oder den römisch-ägyptischen Herrschern, die zahme Löwen und Tiger hielten, kann sich der schiere Stolz, zu einer höherstehenden Art Mensch zu gehören, heute nicht mehr unmittelbar äußern. Lästigerweise leben wir inzwischen im Zeitalter von Demokratie und Gleichheit, so dass der moderne Distinktionswille meist in ein emanzipatorisches Mäntelchen gehüllt wird. Ohne dieses Gewand stünde der Moralkaiser ohne Kleider da, und sein unegalitärer Herrschaftsanspruch würde nur allzu deutlich.

Tierethik als kulturelle Distinktion

Die Tarnung gelingt umso besser, je überzeugender man sein Bemühen um einen höheren Status als Kampf für die Erniedrigten und Beleidigten ausgibt. Am überzeugendsten ist man immer dann, wenn man auf die eigene Propaganda selber hereinfällt. Dies scheint mir die Essenz der modernen Tierethik zu sein: Selbsterhöhung ist deren vordringlichstes Ziel, Selbstbetrug ihr Mittel. „Mitgeschöpfe“ werden nur insoweit berücksichtigt, als sie zum propagandistischen und emotionalen Nutzvieh taugen.

Heute können es sich auch die Angehörigen der Unterschicht leisten, Schoßtiere zu verhätscheln, ohne sie anderweitig nutzen zu müssen. Aber Schweine, Rinder, Schafe und Hühner kommen bei ihnen nach wie vor bloß als Schnitzel, Steaks oder Broiler ins Haus. Dass auch „sozial Schwache“ einfach in den Supermarkt spazieren können, um preiswertes Fleisch zu erwerben, ist der immens gesteigerten landwirtschaftlichen Produktivität und dem Fleiß sowie der Sachkunde von Landwirten, Technikern, Ingenieuren zu verdanken. Dieser Tatbestand ist all denjenigen, welche sich für die geistig-moralische Elite halten, ein Dorn im Auge.

Um weiter einen Vorwand zu haben, sich von den gemeinen Leuten abzugrenzen, sind sie auf etwas Neues gekommen: Seit einiger Zeit halten sie bevorzugt genau diejenigen Nutztierarten als Knuddeltiere, welche bisher von den Alltagsmenschen ohne schlechtes Gewissen als Nahrung konsumiert wurden. Vor allem Literaturwissenschaftler, Philosophen, Künstler, Journalisten preisen mit viel Hingabe die „menschlichen” Qualitäten jener Nutztierarten. Wer ein Schwein in seine Kühltruhe lege, so behaupten sie, sei nicht besser als jemand, der sein eigenes Kind einfriere. Arglose Fleischkonsumenten sollen sich plötzlich fühlen wie Kindermörder.

Die vegane Autorin Hilal Sezgin (Artgerecht ist nur die Freiheit) entspricht genau dem beschriebenen Typus. Sie betreibt einen „Gnadenhof“ mit 60 „geretteten“ Tieren und scheint auf ihre Gnade mächtig stolz zu sein. Sie lässt sich gerne mit Schafen ablichten, um zu zeigen, auf welch gutem Fuße sie mit den Paarhufern steht. Ein Fototermin mit Schwarzen Witwen könnte hingegen unerfreulich enden, wenn die Spinnen ihre Freiheit dazu nutzten, Frau Sezgin artgerecht ins Jenseits zu befördern. Domestizierte Schafe, die auf Friedfertigkeit gezüchtet wurden, eignen sich viel besser dazu, allen Bauerntrampeln und Proleten dieser Welt zu demonstrieren, wie „verfeinert“ und sensibel man doch ist.

„Sezgin weiß das zarte Gemüt der Mitgeschöpfe zu würdigen, während die gemeinen Leute nur das zarte Fleisch derselben schätzen.“

Sezgin weiß das zarte Gemüt der Mitgeschöpfe zu würdigen, während die gemeinen Leute nur das zarte Fleisch derselben schätzen. Aus dieser hochzivilisierten Haltung heraus schreibt sie ihre Kolumne „Meine Tiere“ und findet ein erstaunlich großes Medienecho mit Titeln wie „Die verlorenen Muhs“. Den armen Eckhard Fuhr, der einen sehr guten Artikel über ihr Buch geschrieben hat [1], durfte sie in einer TV-Diskussion erbarmungslos niederreden, und selbst Vertreter von Agrarverbänden fühlen sich inzwischen genötigt, öffentlich mit ihr herumzuzanken. Warum nur?

Dass sie überall hofiert wird, hängt wahrscheinlich mit dem enormen Erfolg des erwähnten Buches Artgerecht ist nur die Freiheit zusammen. Der Verkaufserfolg eines „Sachbuchs“ wird gern als Hinweis auf gesellschaftliche Relevanz missdeutet. Geblendet von der Pseudorelevanz des „tierethischen Diskurses“ bietet nun sogar die Bundeszentrale für politische Bildung Sezgins Tierethik ein Zuhause. In einer preiswerten Edition [2] wird die frohe Kunde bald an Schulen und Universitäten verteilt, um die Jugend möglichst umfassend fehlzuleiten. Als veganes Stimmvieh werden sie ihr trostloses Dasein fristen und willenlos den Fleischverzicht als Hochgenuss preisen. Essstörungen? Magersucht? Mangelerscheinungen? Alles wumpe! Hauptsache, Sezgins Schafe können sicher weiden.

Dass ausgerechnet der zur Ethik stilisierte Schaf- und Ziegenfimmel einer Feuilletonistin zur politischen Bildung beitragen und damit die Demokratiefähigkeit der Bürger fördern könne, wird von der Bundeszentrale nur spärlich begründet. In der Einleitung erfährt man immerhin Folgendes: „Sezgins Sicht auf die menschliche Macht über das Tier wirft viele Fragen auf. Nicht alle kann und will sie beantworten, aber, so ihre Überzeugung, es werde höchste Zeit, dass sie gestellt werden.“ Aha. Ich kann auch alle möglichen Fragen aufwerfen und nicht beantworten. Komme ich jetzt ins politische Bildungsfernsehen?

„Umweltverschmutzung, Kriege, Hunger, Wassermangel, Pickel, Plattfüße, Liebeskummer – an allem sei der Konsum tierischer Produkte schuld.“

Sezgin nennt ihr Werk ein „philosophisches Plädoyer für Tierrechte“. Alle darin aufgeworfenen Fragen hat sie immerhin soweit beantwortet, dass sie eine vegane Lebensweise für moralisch geboten hält. Sie ist sogar der Überzeugung, dass „wir“ alle in ihrem Sinne umdenken müssen. Bei dem Versuch, diese fixe Idee vernünftig zu begründen, „kann und will“ sie aber die entscheidende Frage nicht beantworten, warum sich aus irgendwelchen Missständen eine moralische Verpflichtung zum Veganismus ergeben soll. Die philosophischen Versatzstücke, mit denen sie jongliert, ergeben jedenfalls keine kohärente Argumentation.

Nicht nur Sezgin, sondern auch Organisationen wie Peta oder Animal Equality müssen die Verhältnisse ständig dramatisieren, weil sie damit die totale Abschaffung der Tierhaltung zu menschlichen Zwecken als zwingend notwendig erscheinen lassen wollen. Andernfalls kapiert noch der größte Simpel, dass es auch andere Möglichkeiten geben könnte als die Endlösung der Tierhaltungsfrage. Diese steht bei Veganern von vornherein fest, und die Probleme zu dieser Patentlösung werden wahllos aus allen Ecken zusammengeklaubt. Umweltverschmutzung, Kriege, Hunger, Wassermangel, Pickel, Plattfüße, Liebeskummer – an allem sei der Konsum tierischer Produkte schuld. Doch in Wirklichkeit handelt es sich um ganz unterschiedliche Probleme, die gar nicht oder nur mittelbar im Zusammenhang mit der Fleischproduktion stehen und erst recht nicht durch generellen Fleischverzicht zu lösen sind.

Die Begründung des Veganismus erschöpft sich meist im Herunterbeten tatsächlicher und erfundener gesellschaftlicher, ökologischer oder gesundheitlicher Probleme. Die Lösung sei ganz einfach: Man müsse „nur“ auf tierische Produkte verzichten. Kein Wunder, dass so viele geistig zu kurz Gekommene mit dem Veganismus selig werden. „Fleischverzicht“ kann sogar ein Papagei rufen. Mehr braucht ein Veganer auch nicht zu können, um jede sachliche Diskussion zu torpedieren. Bereits Erich Mühsam (1878–1934) spottete über das „bisschen Weltanschauung”, mit dem sich Vegetarier „als Individualitäten aufspielen, obwohl sie einander gleichen wie durchgepaust“.

Selbst wenn man den veganen Traumtänzern entgegenkäme und kontrafaktisch annähme, Veganismus sei universal praktikabel [3], bliebe weiter ungeklärt, ob er auch moralisch geboten ist. Sollen setzt zwar Können voraus, doch aus dem Können allein folgt kein Sollen. Ich kann zwar meinen Nachbarn umbringen, bin aber deswegen nicht moralisch dazu verpflichtet.

Moral der Tierhaltung

In Sezgins Buch nehmen die Schilderungen von vermeintlichen oder wirklichen Missständen der Tierhaltung großen Raum ein. Aus diesen folgt jedoch ebenso wenig ein Gebot zur Aufgabe jeglicher Tiernutzung, wie aus hygienischen Schlampereien in Krankenhäusern der Verzicht auf medizinische Versorgung folgt. Bedenkt man, wie viel Leid, Angst und Stress, wie viel drangvolle Enge und Einschränkung der Freiheit ein Schulkind bis zum Abitur erdulden muss, könnte man mit derselben brachialen Logik die Abschaffung jeglicher Fortpflanzung fordern. Die Leidersparnis beliefe sich auf finale 100 Prozent. Kein Kind müsste mehr weinen.

Was gibt es denn da zu lachen? Das ist der veganen Ethik bitterster Ernst. Die Nutztiere sollen ausgerechnet durch ihre Abschaffung „gerettet“ werden. Hört sich prima an: Ich rette unzähligen Kindern das Leben, weil ich Kondome benutze. Warum bekomme ich bloß keine Humanitäts-Girlanden geflochten? Nutztiere werden von vielen Tierrechtlern und Veganern a priori zu lebensunwertem Leben erklärt. Die selbsternannten Tierfreunde scheinen zu glauben, das Leben von Nutztieren lohne sich unter keinen Umständen.

Ein Schwein, das gar nicht erst geboren wird, leidet gewiss am wenigsten von allen. Dummerweise hat es nichts davon, da es aufgrund seiner Nichtexistenz keinerlei Empfindungen verspürt. Die Dankbarkeit der ungeborenen Mitgeschöpfe für ihre universale Lebensverhinderung fiele also mager aus. Sollte man das Schwein nicht besser im Koben liegen und selig vor sich hinmampfen lassen, bis es fett genug ist? Auch wenn es dann geschlachtet würde – wäre sein Leben nicht besser als gar keins?

Zu diesen und anderen brennenden Fragen der Tierethik („Dürfen wir Tiere duzen?“) müssen Sie erst durch die Untiefen des Utilitarismus (Nutzenphilosophie) waten. Halten Sie Ihre Rechenschieber bereit, denn es gilt, Leid mit Wohlbefinden penibel zu verrechnen und auf alle von der Handlung oder Regel Betroffenen gleichermaßen umzulegen. Es winken Ethik-Lehraufträge in philosophischen Fakultäten! Und wenn Sie nicht gestorben sind, verrechnen Sie sich noch heute.

„Anstatt zu moralisieren, liegt es für jeden vernünftigen Menschen nahe, sachkundig an der Verbesserung der Haltungsbedingungen mitzuwirken.“

Anstatt einer von Schreibtischtätern ersonnenen Logik zu folgen und sich einen Knoten ins vegane Hirn zu moralisieren, liegt es für jeden vernünftigen Menschen nahe, sachkundig an der Verbesserung der Haltungsbedingungen mitzuwirken. Wieso verlegt die Bundeszentrale also nicht die Schriften von Temple Grandin, einer Verhaltensbiologin, die Schlachtsysteme entwickelt hat, welche das Leid der Tiere auf ein Minimum reduzieren? [4] Nach ihren Methoden werden bereits die Hälfte aller Nutztiere in den USA geschlachtet, unter anderem die der großen Burger-Ketten (McDonald’s, Burger King etc.). Das ist praktischer Tierschutz vom Feinsten – garantiert ohne „Philosophie“.

Sezgin ist an derlei Firlefanz nicht interessiert. Sie schildert lieber herzzerreißende Szenen von Kälbern, die den Kühen entrissen wurden, damit fiese Bauernlümmel ihnen die Milch rauben können. Dabei hat Mutter Natur die Milch doch nur für Kälber „vorgesehen“. Welch ein Frevel! Das verzweifelte Blöken der Kälbchen habe Sezgin zum Vegetarismus und später zum Veganismus bekehrt. Du lieber Himmel, was für ein Gefrömmel!

Ich habe während der ganzen Zeit meiner Arbeit mit Milchvieh nicht ein einziges Mal erlebt, dass Kalb und Kuh einander hinterhergeblökt hätten. Dies hat auch einen einfachen Grund: Die Kälber wurden – wie es sich gehört – unmittelbar nach der Geburt von den Kühen getrennt. Eine Bindung konnte nicht entstehen. Trennungsschmerz: Fehlanzeige.

An diesem Beispiel wird das Begründungsproblem erneut deutlich: Ist es nun generell – etwa wegen der „animalischen Integrität“ – unmoralisch, Kühe zu halten? Verstößt man gegen kosmische Gesetze der Muttergöttin Laktosa, wenn man den Viechern an die Zitzen geht? Oder ist es bloß unmoralisch, weil die Tiere irgendwie leiden? „Ein Kalb braucht seine Mutter“, dekretiert Sezgin, als käme sie vom Müttergenesungswerk. Quatsch, erwidere ich. Kälber gedeihen ganz prächtig ohne ihre Mütter. Und nun?

Sezgin führt noch zahlreiche Beschwerden auf, unter denen das Milchvieh schier unendlich leide: Knochenschmerzen, Klauenprobleme, dicke Euter. Was sie wohl zu Bürohengsten sagt, die von Rückenschmerzen geplagt werden? Alle abschaffen? Prima, dann bitte bei den Finanzbeamten anfangen! Kälber, so jammert sie, würden in „Plastikboxen“ gehalten. Oh Graus! Wäre es besser, sie in Juteboxen zu halten, die keinen Schutz vor Wind und Wetter bieten?

„Keine Gesellschaft, die sich von der Armut zu größerem Wohlstand entwickelt, verzichtet freiwillig auf den Fleischkonsum“

Ach nein: Artgerecht ist ja nur die Freiheit. Also hinaus, ihr Kühe und Kälbchen! Trabt in die Lausitz, wo die heimischen Wölfe sich schon auf euch freuen. Denen sind der „intrinsische Wert“ und die Leidfähigkeit ihrer Beute vollkommen schnuppe. Schließlich lindert der Verzehr von Kuh oder Kälbchen das Leid der Wölfe und vergrößert ganz beträchtlich deren „intrinsischen Mehrwert“. Wer ist denn nun „mehr wert“? Kuh, Kalb, Wolfwelpe oder Wolfdame? Antwort der tierethischen Rechenmaschine: 42.

Ich sehe Frau Sezgin schon mit Tropenhelm durch Afrika stapfen und die verdutzten Massai belehren. Massai trinken bis zu fünf Liter Milch am Tag. Sie zapfen ihren Rindern regelmäßig Blut ab, um sich davon zu ernähren. „Meine Damen und Herren“, wird Sezgin mit heiligem Zorn rufen, „Ihre Nutzung von Rindern als Milch-, Blut-, und Fleischlieferanten entbehrt der ethisch-moralischen Grundlage. Sehen Sie doch: Ihre Kühe weinen! Muh machen sie! Muh! Das ist Rinderlatein und heißt so viel wie ‚Hau ab, du Speziesistenschwein‘!“

Mit solchem Neokolonialismus würde sie erheblich zur politischen Bildung und Völkerverständigung beitragen. Aber im Ernst: Keine Gesellschaft, die sich von der Armut zu größerem Wohlstand entwickelt, verzichtet freiwillig auf den Fleischkonsum. Man müsste deren Bürger mit Kalaschnikows in den unfreiwilligen Vegetarismus zurücktreiben. Mit demokratischen Mitteln ist der Veganismus jedenfalls nicht durchsetzbar. Aber was bedeutet schon Demokratie, wenn Schweinchen Babe leidet?

Veganer Rassismus

Sezgin dreht – wie alle Tierrechtler – kräftig an der Speziesismus-Leier und beklagt bitterlich die Diskriminierung der armen Mitgeschöpfe durch den egoistischen Homo sapiens. (Dass dieser Vorwurf nicht verfängt, habe ich an anderer Stelle näher erläutert.) [5] Gleich zu Beginn ihres Buches zitiert sie zustimmend eine Frau, die behauptet, Nutztierhaltung sei „Rassismus gegen Tiere“. Doch den Vorwurf des Rassismus könnte man genauso gut ihr machen: Nachdem sie mit großer Geste die Tiere in ihre Moral einbezogen hat, wirft sie fast alle Arten sogleich wieder raus. „Das ist noch mal gut gegangen“, seufzt sie erleichtert, während sie erklärt, warum sie Insekten, Spinnentiere, Würmer, Quallen und das ganze Ekelzeug nicht berücksichtigen müsse.

Pilze und Pflanzen kommen gleich gar nicht hinein, denn ihnen fehle es – genau wie jenen Ekelviechern – an „subjektivem Leidempfinden“. Dieses komme summa summarum nur den Wirbeltieren zu, weil sie ein Zentrales Nervensystem besäßen. Wirbeltiere machen aber nur fünf Prozent aller Tierarten aus – ganz zufällig gehört auch Homo sapiens dazu. 95 Prozent aller Tierarten sind Wirbellose, allein 60 Prozent Insekten. Merke: Nur wenige Arten kommen in den Garten. Wer nun trotz fehlender Knochen, Wirbel oder Zentraler Nervensysteme berücksichtigt werden will, muss sich ganz schön abstrampeln. Hummer, Krabben, Tintenfische haben inzwischen die Prüfung bestanden, weil sie nachweisbar schmerzempfindlich sind. Skorpione gucken weiter in die Röhre, Muscheln dürfen weiter lebendig gekocht werden. Na prost Mahlzeit!

„Eine Ethik, die fast 95 Prozent ihrer Objekte ausschließt, ist ungefähr so universal wie Menschenrechte, die nur für deutsche Arier gelten“

Es sind übrigens bereits Schmerzrezeptoren in den Maden der Fruchtfliege Drosophila und bei vielen anderen „niederen Tieren“ gefunden worden. Wenn sich das herumspricht, müssen wohl die Prüfungsanforderungen erhöht und ein moralischer Numerus clausus eingeführt werden. Die Natur ist nun einmal nicht dazu da, Hilal Sezgins Moralklapperatismus am Laufen zu halten.

„Tierarten, die man hätschelt, sind das logische Gegenstück zu Tierarten, die man als Ausgestoßene behandelt“, konstatiert Marvin Harris trocken. Eine Ethik, die fast 95 Prozent ihrer Objekte ausschließt, ist ungefähr so universal wie Menschenrechte, die nur für deutsche Arier gelten. Sezgin bescheinigt allen, die auch Pflanzen und niederen Tieren Empfindungen zusprechen, „außerhalb der Biologie“ zu stehen. Doch das haben die Rassisten des 18. und 19. Jahrhunderts auch behauptet, wenn jemand Schwarze als moralisch gleichwertig anerkennen wollte.

Dass die Ameise ein weniger leidfähiges Geschöpf sein soll als der Affe, ist eine Behauptung, die einen bedenklichen Mangel an Phantasie und Einfühlungsvermögen verrät. Ameisen wehren sich heftig gegen ihre Malträtierung. Auf Gefressenwerden haben sie jedenfalls keinen Bock. Auch Pflanzen zeigen heftige Abwehrreaktionen, wenn sie angefressen werden: Sie senden elektrische Signale an die Wurzeln, produzieren Hormone und Gifte, locken mit Botenstoffen die Fressfeinde ihrer Fressfeinde an und vieles andere. Wer wie Sezgin eine moralische Stufenleiter aller Lebewesen auf der Grundlage menschenähnlicher Empfindungen (Schmerz) aufstellt, macht sich nicht nur des Speziesismus, sondern auch des Dezisionismus schuldig.

Tierrecht versus Menschenrecht

Die Grenze, entlang derer die moralische Berücksichtigung verlaufen soll, ist aus antispeziesistischer Sicht widersinnig. Vielmehr müssten zwingend auch diejenigen Lebewesen berücksichtigt werden, deren Abwehrreaktionen nicht denen des Menschen ähneln. Dies ist aber gar nicht möglich, ohne Homo sapiens selbst in ärgste Bedrängnis zu bringen. Denn keine der berücksichtigten Arten nimmt auch nur die geringste Rücksicht auf Homo sapiens. Dieser schaffte sich selber ab, wenn er auf die Nutzung seines evolutionären Vorteils (Grütze in der Birne) verzichtete und sich so dumm stellte, wie viele Veganer heute schon sind.

Wenn ich nun einfach den kontraktualistischen Standpunkt verträte und sagte: Ich berücksichtige die Interessen eines Tieres nur dann, wenn dieses auch meine Interessen berücksichtigt, könnte Sezgin ihre Kühe und Kälber so lange blöken lassen, wie sie will. Gegen die Stringenz meiner moralischen Position käme sie nicht an. Die Tiere interessieren sich nicht für mein Geblöke, deshalb interessiere ich mich nicht für ihres. So geht Gleichberechtigung. Man kann Tiere auch nicht verpflichten oder überzeugen, aus Eigeninteresse die Interessen anderer zu berücksichtigen. Weil sie prinzipiell moralisch uninteressiert sind, sind sie auch moralisch uninteressant. Dass der Mensch sie überhaupt berücksichtigt und schont, ist also ziemlich nett von ihm.

Sezgin und ihre tierethischen Mitstreiter kramen bloß die alte Scala Naturae des Aristoteles [6] wieder heraus, wo jedes Lebewesen gemäß seiner Vollkommenheit aufgereiht wurde. An der Spitze stehen heute die veganen Übermenschen; ganz unten rangieren Pflanzen, Pilze, Bakterien. Als Missing Link zwischen Affe und Übermensch fungiert der menschliche „Fleischfresser“. Korrektur: Der „ordinäre Fleischfresser“ steht ja laut Karlheinz Deschner, Helmut F. Kaplan und anderen Tierrechtlern „meilenweit unterm Tier“, ist also wohl der Missing Link zwischen Giftalge und Tuberkel bzw. der „Pesthauch des Planeten“ (Peta-Günderin Ingrid Newkirk).

Ich kann in dieser Kröpfchen-Töpfchen-Ethik nichts anderes erkennen, als einen in Fauna und Flora transponierten Rassismus. Bei Tieren und Pflanzen kann sich das Distinktionsbedürfnis ungehindert entfalten. Die ach so demokratisch auf Gleichberechtigung pochenden Bessermenschen dürfen endlich hierarchisieren, dass es nur so eine Art hat. „Spüren Sie, wie wohl es Ihrem aufgeblähten Ego tut?“ Nur mit dem Größenwahn schwacher Persönlichkeiten ist für mich erklärbar, warum sich viele Veganer und Tierrechtler als Avantgarde der Menschheit aufspielen, obwohl sie nur schwache Argumente haben.

Das politische Verständnis für Demokratie und Menschenrechte wird mit dieser moralischen Selbstbefriedigung ganz bestimmt nicht gefördert. Vielmehr werden die Menschenrechte von der Tierethik systematisch aufgeweicht. Die Sympathie für Aktivisten, die in Ställe eindringen, Metzger, Wissenschaftler und Mediziner tyrannisieren und anderes, folgt logisch aus den Gedanken, die Sezgin mit ihrem Buch verbreitet. Die Bundeszentrale hat offenkundig keinen Schimmer, was sie anrichtet, wenn sie den Veganismus implizit als honorige Haltung würdigt.

„Außer den Tierethikern selbst braucht kein Lebewesen die Tierethik.“

Auf die Behauptung, Sezgin selbst sei an „Stalleinbrüchen“ beteiligt gewesen, antwortet eine Kommentatorin auf Facebook: „Och, gerade die angeblichen ‚Stalleinbrüche‘ dürften bei jugendlichen Lesern ziemlich ‚cool‘ kommen.“ Genau. Voll cool, das Bauernklatschen! Als eine Sauenhalterin und ausgebildete Veterinärin auf Facebook zeigte, wie sie fachkundig ein Ferkel an der Leiste operiert, brach ein veganer Shitstorm einschließlich Todeswünsche gegen sie los. Ihrem kleinen Sohn, der bei der Operation zusah, wurde gewünscht, dass er betäubungslos kastriert werde und derlei Ungeheuerlichkeiten mehr. Dabei hatte sie ausdrücklich geschrieben, dass es sich nicht um eine betäubungslose Kastration handelte. Das sind die Folgen der „politischen Bildung“ nach Veganerart. Schlaf schön weiter, Bundeszentrale!

Sezgins moralphilosophische Inkonsequenz wird von jungen Tierrechts-Terroristen gnadenlos zugespitzt und in deren Sinne zu Ende gedacht. Konsequenter Antispeziesismus bedeutet nämlich in der Tat, die eigene Spezies durchzustreichen und einen „Naturzustand“ à la “Thomas Hobbes herzustellen. Die Terroristen der Animal Liberation Front [7] setzen dies in die Praxis um. Veganismus ist also eine veritable politische Gefahr.

Außer den Tierethikern selbst braucht kein Lebewesen die Tierethik. Tierschutz um der Selbstachtung des Menschen willen reicht vollkommen aus, um auch den Nutztieren ein erfreuliches Leben zu gewährleisten. Die Tierschutzgesetzgebung ist hierzulande (pikanterweise durch das Engagement der Nationalsozialisten) [8] traditionell sehr umfassend. Die Gesetze werden auch weitgehend eingehalten. Wer das Leben der Nutztiere verbessern will, sollte sich für den Bau moderner Ställe und Schlachthöfe einsetzen, anstatt dagegen zu demonstrieren. Dass diese Tierhaltungssysteme immer besser werden, ist auch engagierten Tierschützern zu verdanken. Auf Tierbefreier, Tierrechtler und Tierethiker kann die Welt hingegen getrost verzichten. [9]