11.03.2019

Ecstasy und Opioide statt Prozac und Xanax

Von Marc Lewis und Shaun Shelly

Die aktuelle Drogenpolitik ist widersinnig: Kaum wirksame Substanzen mit vielen Nebenwirkungen werden massenhaft als Medizin verschrieben. Nutzbringendere Substanzen werden kriminalisiert

Was können Ärzte tun, um seelisches Leid zu lindern? Die Ärzte der Antike und des Mittelalters entdeckten viele Pflanzen und deren Wirksubstanzen (sprich Medikamente) und wendeten sie bereits zur Behandlung sowohl psychischer als auch körperlicher Beschwerden an. Dabei haben sie selten eine Grenze zwischen dem psychologischen und physiologischen Nutzen ihrer Heilmittel gezogen. Auch die moderne Medizin hat nach akribischer Forschung bestätigt, dass sich körperliche und geistige Erkrankungen und Schmerzen überlagern – trotzdem liegt die Behandlung psychischer Probleme entgegen offensichtlicher Gemeinsamkeiten weit hinter einer Kaskade atemberaubender Fortschritte bei der Behandlung körperlicher Krankheiten zurück. Fortschritte, die die menschliche Lebensdauer verdoppelt und unsere Lebensqualität unermesslich verbessert haben.

Es ist nicht so, als wäre die medizinische Wissenschaft völlig blind gegenüber diesen Problemen. In den Vereinigten Staaten etwa wurden ängstliche Hausfrauen in den 1950er- und 1960er-Jahren mit Valium und Librium („Mutters kleine Helferlein“) ruhiggestellt. Zur Behandlung schwerer psychischer Störungen wurden eigens starke Antidepressiva und Antipsychotika entwickelt. Leider hatten diese Medikamente jedoch stets erhebliche Nebenwirkungen: emotionale Flachheit, Benommenheitsgefühle und körperliche Beeinträchtigungen. Heute haben sich selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) wie Prozac und Zoloft zu einem weit gepriesenen Wundermittel für die Linderung von Depressionen und Angstzuständen herausgebildet. SSRIs sind aktuell die am häufigsten eingesetzten Medikamente bei Amerikanern im Alter von 18 bis 44 Jahren und werden viermal1 so häufig verschrieben wie vor 25 Jahren; in Großbritannien hat sich die Nutzung in den letzten zehn Jahren verdoppelt.2 In diese chemischen Substanzen wurden große Hoffnungen gesetzt.

„Opiate werden auch heute noch als die effektivste Abwehr gegen Schmerzen in begrenzten Situationen eingesetzt.“

Eine große Anzahl von sorgfältig kontrollierten Studien sowie die metaanalytische Forschung3, die deren Ergebnisse miteinander ins Verhältnis setzt, zeigen jedoch nur einen geringen oder überhaupt keinen Nutzen von SSRIs (verglichen mit Placebos) für Menschen mit leichten bis moderaten Depressionen. Ihr Nutzen für die Behandlung schwerer Depressionen verbleibt Gegenstand erbitterter Diskussionen, wobei die Ergebnisse aus Studien vermehrt auf keine oder nur geringe Verbesserungen hindeuten. Ein maßgeblicher Effekt auf Angststörungen4 ist bisher auch nicht nachgewiesen. Ebensowenig sind SSRIs frei von zum Teil gravierenden Nebenwirkungen, einschließlich sexueller Dysfunktion, schneller Gewichtszunahme und, besonders beunruhigend, Suizidgedanken, insbesondere bei jüngeren Patienten. SSRIs konnten die hohen Erwartungen nicht erfüllen.

Alternativen zu SSRIs

Die Frage ist also, ob es Medikamente gibt, die emotionale oder psychische Probleme effektiv und zuverlässig lindern können, ohne schwächende Nebenwirkungen. In der Vergangenheit haben sich Menschen auf eine Vielzahl von Medikamenten verlassen, um seelische Probleme zu lösen. Unsere viktorianischen Vorfahren verwendeten Opiate (z.B. Laudanum), um die Auswirkungen von Angstzuständen, Melancholie und Schlafproblemen zu minimieren. Opiate werden auch heute noch als die effektivste Abwehr gegen Schmerzen – aber auch bei Angstzuständen – in begrenzten Situationen (z.B. bei routinemäßigen Darmspiegelungen) eingesetzt. Die Ureinwohner Südamerikas haben über Jahrzehnte ihre körperliche und geistige Ausdauer durch den Konsum von Kokablättern verbessert; und Europäer des frühen 20. Jahrhunderts (wie Sigmund Freud) verwendeten deren Derivat, Kokain, um ihren Verstand zu schärfen. Selbsterkenntnis, ein allgemeiner Segen für die psychische Gesundheit, wurde in ganz Amerika seit mindestens eintausend Jahren mit natürlichen Psychedelika (z.B. Peyote oder Ayahuasca) unterstützt. Heute und in der jüngeren Vergangenheit hat die Jugend wiederholt den Wert von Cannabis bei der Erweiterung ihres ästhetischen, sozialen, ja sogar intellektuellen Horizonts für sich (wieder-)entdeckt. Aber all diese Drogen sind meistenorts verboten. Sie als Korrektiv für psychische Probleme anzuwenden, ist der westlichen Medizin und der Gesellschaft insgesamt ein Gräuel. Sie sind dafür da, high zu werden, nicht um gesund zu werden, und ihrem Einsatz wird folglich mit Ablehnung und Bestrafung begegnet.

Die allgemein akzeptierte Erzählung lautet: Drogen, die zu „Freizeitzwecken“ verwendet werden, sind gefährlich, ihre schwerwiegendste Folge (wenn sie einen nicht bereits getötet haben) ist die Sucht. Laut der American Medical Association, dem National Institute of Health und anderen Behörden sind Gehirnveränderungen, die durch den wiederholten Konsum illegaler Drogen verursacht werden, schwerwiegend und dauerhaft. Süchtige seien dazu verdammt, dysfunktionale Beziehungen zu führen, blind für allgemein akzeptierte Realitäten zu sein und die Kontrolle über ihre Impulse zu verlieren – Grund genug, Freizeitdrogen fernzuhalten, nicht nur von Ärzten und ihren Patienten, sondern auch von Forschern, die sie weiter untersuchen könnten.

Verklärte Sucht

Das Argument klingt einfach. Aber Sucht ist keine einfache Sache. Zum einen werden die identischen suchtbezogenen Veränderungen im Gehirn auch immer dann beobachtet5, wenn Menschen wiederholt reizvolle Tätigkeiten und Ambitionen verfolgen, sei es nun im Sport, in der Religion, in Wirtschaft und Politik oder in der Liebe – ja sogar beim Shoppen. Zweitens ist Sucht weder ein Automatismus noch zwangsläufig chronisch. Nicht mehr als zehn Prozent6 der Patienten, die Opioide gegen Schmerzen einnehmen, werden süchtig, bei Patienten ohne eine Vorgeschichte mit Drogenkonsum ist es sogar weniger als ein Prozent. Von denen, die süchtig werden, schafft es etwa die Hälfte innerhalb von vier bis fünf Jahren, die Sucht wieder abzulegen.7 Irgendwann kommt bei fast jedem dieser Punkt.8 Kokainabhängige stoppen im Durchschnitt vier Jahre nach ihrem ersten Konsum. Jene, die täglich Cannabis rauchen, gaben es im Durchschnitt nach sechs Jahren Konsum auf. Entgegen der landläufigen Meinung erholt9 sich der Großteil der als drogenabhängig geltenden Menschen vollständig – meistens auch ohne formelle Behandlung.

„Die wohl erstaunlichste Erkenntnis aus der Suchtforschung ist, dass Sucht nicht primär mit Drogen verbunden ist.“

Betrachten wir die gesellschaftliche Reaktion auf das Thema Sucht etwas genauer. Ärzte verschreiben schnell Schmerzmittel (sowohl Opioide als auch Nicht-Opioide), Ritalin, Beruhigungsmittel und Antidepressiva, obwohl alle diese Mittel dafür bekannt sind, stark abhängig zu machen. SSRIs (z.B. Zoloft) und Anxiolytika (z.B. Xanax) sind gerade wegen der damit verbundenen Suchterscheinungen die Hölle für Patienten. Hier wird die Suchtgefahr jedoch als ein akzeptables Risiko der medizinischen Behandlung betrachtet. Ebenso ist das Abhängigkeitspotenzial von Alkohol und Nikotin für unsere Gesellschaft nicht hinreichend problematisch10, um für ein Verbot dieser Stoffe einzutreten, obwohl die durchschnittliche Dauer der Alkoholabhängigkeit bei 16 Jahren liegt und nur die Hälfte der Tabakabhängigen innerhalb von 30 Jahren aufhören (da wären Sie als Kokain- oder Marihuanasüchtige um einiges besser dran).

Die wohl erstaunlichste Erkenntnis aus der Suchtforschung11 ist, dass Sucht nicht primär mit Drogen verbunden ist. Viele Menschen entwickeln obsessive Beziehungen zu Aktivitäten, Identitäten und sogar Personen. So gilt das Glücksspiel in Großbritannien oder Australien teilweise als schwerwiegenderes soziales Problem als der illegale Drogenkonsum. Sexsucht, zwanghafte Internetnutzung, Spielsucht und verschiedenste Essstörungen sind gängige menschliche Reaktionen auf Frustration, Einsamkeit und das Gefühl einer existenziellen Leere. Sucht ist ein fester Bestandteil des Menschseins. Wenn es jedoch um den Drogenkonsum geht, wird die Sucht verunglimpft, und diejenigen, die von der Gesellschaft als drogenabhängig definiert sind, werden stigmatisiert, ausgeschlossen oder gar eingesperrt.

Wenn wir jene Mythen über Drogensucht überwinden, werden wir viel besser in der Lage sein, emotionale Probleme zu behandeln. Denn es gibt viele offensichtliche Möglichkeiten, um mit der Suche nach einer effektiven Behandlung zu beginnen. Psilocybin, der Wirkstoff in „Magic Mushrooms“, ist weder giftig (in egal welcher Dosis) noch süchtig machend und reduziert bei Patienten mit Zwangsstörungen signifikant die Symptome. Einige Studien12 haben die Linderung von Todesangst, von Entzugserscheinungen bei Alkoholismus und von Depressionen durch Psilocybin bereits belegt. Trotzdem dürfen Ärzte es nicht verschreiben.

Partydrogen statt Pharmadrogen

Die gegenwärtige Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen beinhaltet ein erneutes Durchleben des traumatischen Ereignisses, ein erneutes Erlebnis der Angst, die sie hervorgerufen hat. Ecstasy (MDMA) reduziert die Reaktion der Amygdala (ein Kerngebiet des Gehirns, beteiligt an der Furchtkonditionierung) auf Bedrohung und minimiert dadurch die Auswirkungen des Wiederbelebens der traumatischen Erfahrung. Ketamin, ebenfalls eine bekannte „Party-Droge“, lindert13 Depressionen schon nach einer einzigen Verabreichung zuverlässig und sicher (obgleich nur für eine begrenzte Zeit). Trotz dieser vielversprechenden Erkenntnisse verläuft die Erforschung der klinischen Wirkung solcher Drogen aufgrund gesetzlicher Hürden sehr schleppend.

„Wenn wir psychische Leiden gut behandeln können wollen, täten wir gut daran, über den Tellerrand von Antidepressiva und Anxiolytika, hinauszuschauen.“

Anstatt sich so viel um Sucht zu sorgen, etwas, das sich oft von selbst korrigiert, sobald die Lebensumstände wieder als erträglicher empfunden werden, sollten wir uns vielleicht mehr Gedanken über die Quellen seelischer Leiden machen. Depressionen sind nicht nur schmerzhaft, sie können töten. Angst treibt Menschen in eine scheinbar aussichtslose Isolation und befeuert das Auftreten stressbedingter Krankheiten. Aber die Vorstellung, Opioide, Kokain, Ketamin, Ecstasy und andere illegale Drogen ärztlich zu verschreiben, um den Menschen zu einem „besseren“ Lebensgefühl zu verhelfen, wird heute immer noch in weiten Teilen der Gesellschaft als verrückt abgetan. Haben wir etwa Angst, dass sich die Menschen zu gut fühlen werden? Lieber halten wir uns an Antidepressiva mit minimaler therapeutischer Wirkung, nicht weil sie vor einer Sucht schützen – das tun sie gerade nicht –, sondern wegen einer puritanischen Abneigung gegenüber einem unerlaubten Glücksempfinden, aufgrund des tiefsitzenden Glaubens, dass Menschen einfach über ihren emotionalen Leiden stehen und diese überwinden sollten (ohne zu „schummeln“).

Sucht ist dabei ein Nebenproblem. Emotionales Leiden ist das eigentliche Hauptproblem, und zwar ein komplexes. In der heutigen Welt führt der Druck, den hohen Ansprüchen und Erwartungen gerecht zu werden, zu Angst, Versagen, Schuldgefühlen und Depression. Ungleichheit führt dazu, dass Menschen sich minderwertig und oft verzweifelt fühlen. Depressionen und Ängste sind Oberbegriffe, unter denen sich eine enorme Vielfalt an Ursachen und Folgen emotionalen Schmerzes finden lässt.

Wenn wir psychische Leiden genauso gut wie Lungenentzündung und Knochenbrüche behandeln können wollen, täten wir gut daran, über den Tellerrand von Antidepressiva, die emotional betäuben, und Anxiolytika, die die Sinne abstumpfen lassen, hinauszuschauen. Wir könnten damit beginnen, jene anderen Optionen zu erforschen, zu denen sich Menschen hingezogen fühlen, wenn man sie lässt: Drogen, die verschiedensten Personen helfen können, sich auf unterschiedlichste Weise gut zu fühlen. Ohne Stigmatisierung oder Strafverfolgung, jenseits von Geheimlabors und dunklen Gassen, sondern von Medizinern mit Sensibilität und Sorgfalt verschrieben, könnten diese Drogen viel Gutes bewirken.

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