24.05.2016

Neuro-Gluonik statt neuer Biedermeier

Analyse von Fabian Herrmann

Titelbild

Foto: Mato Rachela (CC BY-SA 2.0 / bearbeitet)

Vor Atomkraft und psychoaktiven Substanzen wird gleichermaßen Angst erzeugt, nicht zuletzt im Schulunterricht. Der Blick auf die Risiken darf aber nicht die Gestaltungsmöglichkeiten verdecken.

Zu Beginn der 1990er-Jahre besuchte ich ein protestantisches Privatgymnasium. Von jener Zeit ist mir zum einen im Gedächtnis geblieben, dass das Verhalten von Lehrern und Schülern an dieser Institution in keiner Weise als sonderlich neutestamentarisch anzusehen war, zum anderen das pausenlose Bombardement mit „Anti-Drogen-Aufklärung“, das wir Schüler über uns ergehen lassen mussten.

Offenbar war es den Lehrern, dem Bildungsministerium oder beiden ein Herzensanliegen, uns bei jeder sich bietenden Gelegenheit über die schreckliche Verderblichkeit aller gemeinhin als „Drogen“ bezeichneten Substanzen zu informieren, vor allem im Religionsunterricht, aber auch in Kunst, Deutsch und anderen Fächern. So waren die Wände des Zeichensaals mit von Schülern gemalten Plakaten bedeckt, die Skelette inmitten von Joints, Injektionsbesteck, Pillen und anderen Gegenständen mit Drogenbezug zeigten, wobei das Ganze mit Sprüchen wie „Iiiih Drogen!“, „Grabbeigaben“, „Drogen sind euer Ende“ und Ähnlichem umrahmt war.

Höhepunkt dieser „Aufklärungskampagne“ war das gemeinsame Anschauen des Zeichentrickfilms „Cartoon All-Stars to the Rescue“ (dt.: „Comic-Stars gegen Drogen“), ein an Kinder im Grundschulalter gerichteter Anti-Drogen-Film in dem eine Bande von Zeichentrickfiguren aus unterschiedlichen Serien (darunter Alf, Garfield, die Schlümpfe, Alvin and the Chipmunks, die Teenage Mutant Ninja Turtles, Tick, Trick und Track und einige andere) einen Teenager namens Michael davon überzeugen, dass Drogen wie Gras oder Crack (denn selbstverständlich werden alle Kiffer ganz fix zu Crackheads) mega uncool und voll für Loser sind, alle Coolen dagegen clean bleiben. Gesponsert wurde dieses Werk von der McDonald’s Corporation, deren Hauptanliegen bekanntermaßen die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ist.

„Die Anti-Atom-Schlagseite des Unterrichts wurde in den 2010er-Jahren problematischer“

Im US-amerikanischen Original wurde der Film von der damaligen First Lady Barbara Bush eingeleitet, in der deutschen Fassung von der früheren Bundestagspräsidentin Annemarie Renger (SPD), die sich durch eine gewisse optische Ähnlichkeit zu der amerikanischen Präsidentengattin auszeichnete, im Gegensatz zu dieser jedoch des Englischen nicht mächtig zu sein schien, da sie „Comic“ wie das deutsche Wort „Komik“ aussprach. (Korrekt wäre ohnehin der Begriff „Zeichentrick“ für „Cartoon“, ein „Comic“ ist definitionsgemäß eine gedruckte Bildgeschichte.) Der Film ist in der Tat zum Schreien komisch – wenn auch nicht aus den Gründen, die seinen Erschaffern vermutlich vorgeschwebt hatten – und eignet sich fraglos als Tripfilm für Kiffer. In den USA darf er übrigens nicht mehr aufgeführt werden, da Zeichentrickkater Garfield ohne die Erlaubnis von dessen Erfinder Jim Davis benutzt wurde.

Später wechselte ich auf ein staatliches Gymnasium. Hier hielt man sich in Sachen „Anti-Drogen“ zurück, man setzte andere Bildungsschwerpunkte. Als jeder Schüler im Unterricht ein Jugendbuch seiner Wahl vorstellen sollte, legte sich ein Knabe auf Pausewangs „Wolke“ fest, worin die Autorin sehr eindrücklich zeigt, dass Grundkenntnisse in Sachen Kerntechnik, Radioaktivität und Strahlenbiologie völlig überflüssig sind, um einen Bestseller über einen kerntechnischen Unfall zu publizieren. Der das Buch vorstellende Schüler brummte nur: „Ja, also das macht mir schon Sorgen, also wenn so‘n Flieger jetze in ’n Atomkraftwerk reindonnern würde und so.“ Darin stimmte er mit den Schülern einer anderen Klasse überein, die wohl im Religionsunterricht Bilder zum Thema „Was können wir tun, damit Gottes Schöpfung gut bleibt?“ gemalt und in ihrem Klassenzimmer aufgehängt hatte; insbesondere war zum Erreichen dieses Zieles wohl zu vermeiden, dass, wie auf einigen der Bilder in dramatischen Buntstiftzeichnungen dargestellt, Dutzende von Flugzeugen von allen Seiten in Kernkraftwerkskuppeln hineindonnerten.

Problematischer wurde die Anti-Atom-Schlagseite des Unterrichts aber wohl erst in den 2010er-Jahren, als gewisse Mäander meines beruflichen Werdeganges mich in die Bücherei eines Gymnasiums führten. Das einzige Buch zum Thema Kernenergie war ein mit bedrohlich schwarzgrauem Einband versehenes Werk des Greenpeace-Aktivisten Joachim Kahlert mit dem Titel „Unheimliche Energie“. Einmal mussten einige Mädchen ein Referat zum Thema „Radioaktivität und Kernkraft“ vorbereiten, was sie im Wesentlichen mithilfe der deutschsprachigen Wikipedia und zufälligem Googeln nach Bildern zum Schlagwort „Mutation“ in Angriff nahmen; ich ließ zur Unterstützung den Nuklearia-Strahlungsflyer einfließen und die Information, dass ein Mensch, der jede Nacht neben einem Partner schlafe, aus dessen Körpersubstanz mehr Strahlung aufnehme als durch ein Kernkraftwerk in direkter Nachbarschaft, ließ eines der Mädchen, das bereits mit seinem Freund zusammenlebte, recht perplex blicken.

„Die ängstliche Haltung der Antiatombewegung hat ihren Ursprung eher im Biedermeiertum“

Es ist in Pro-Kernkraft-Kreisen sehr verbreitet, die Antiatombewegung mit der deutschen Romantik in Zusammenhang zu bringen; hiermit erklärt man sich auch, dass sie in Deutschland so dominant ist. Als Gegenpol werden die Philosophie der Aufklärung und die Klassik herangezogen, diese seien fortschrittlich und pro-technologisch gewesen. Eine Abwendung von der Welt, eine tiefe Todessehnsucht erkennen viele in der romantischen Bewegung, weshalb es auf den ersten Blick naheliegend scheint, sie mit der Verweigerung moderner Technologien, die Welt und Leben zu verbessern vermögen, zu identifizieren. Doch ist dies zwingend? Die Musik Bruckners beispielsweise drückt kein Verlangen nach Tod, Zerstörung, Auflösung aus, sondern ist lebens- und weltbejahend. Nicht zuletzt hat die moderne Naturwissenschaft unter anderem romantische Wurzeln, so z.B. in der Bestrebung, alle Naturkräfte auf eine „Urkraft“ (heutzutage: Große vereinheitlichte Theorie) zurückzuführen, und Projekte wie die Erschließung des Weltalls für die Menschheit haben auch eine romantische Komponente. In allem was Menschen begeistert, schwingen Romantik, Ekstase, ja Mystik mit.

Die ängstliche und sture Haltung der Antiatombewegung hat ihren Ursprung wohl eher im Biedermeiertum. Der schwerfällige Bürger, der, jeder Neuerung abhold, träge von Tag zu Tag schleicht und dessen größter Genuss ein kurzer, gefahrloser Spaziergang durch die Kornfelder ist, ist der Urgroßvater der Grünen – nicht der romantische Schwärmer. Adalbert Stifter steht hinter der grünen Grundhaltung: „Bloß nichts verändern! Früher war alles besser! Alles was groß und laut und neuartig ist, macht uns ganz schlimme Gefühle! Alles was wir nicht verstehen, kann nur böse sein!“

Friedrich Nietzsche – den man möglicherweise der Romantik, ganz sicher aber den ekstatisch-mystischen Visionären zuordnen kann – dagegen schuf in seinem „Letzten Menschen“ eine sehr treffende Umschreibung und Kritik dieser Grundhaltung.1 Es fällt nicht schwer, hier die Grünen, Greenpeace, und überhaupt das ganze Neo-Biedermeiertum des 21. Jahrhunderts zu sehen. In der Zwischenzeit ist der Letzte Mensch sogar noch ängstlicher geworden: Auch das von Nietzsche erwähnte „Gift zu schönen Träumen“, die psychoaktiven Substanzen, gelten ihm nun als sündhaft.

„Über Drogen wie über das Atomthema werden zahllose Schauermärchen verbreitet“

Über diese wie auch über das Atomthema werden zahllose Schauermärchen verbreitet, in den Medien, an Schulen und anderswo. „Kernkraftwerke erzeugen Krebs“, „LSD-Konsumenten glauben, sie könnten fliegen und springen deshalb aus dem Fenster“, „Tschernobyl hat Millionen von Toten gefordert“, „Halluzinogene rufen Selbstverstümmelung und Psychosen hervor,“ „Kernkraftwerke können wie Atombomben explodieren“ und so weiter und so fort. Alles unwissenschaftliche, widerlegte Aussagen – was den Biedermeier nicht daran hindert, sie nach Kräften zu propagieren. Ähnliches gilt für Panikgeschichten zu Themen wie Videospiele und digitale Medien, Pornografie und Sexarbeit, Gentechnik, WLAN-Abstrahlung, Immigration, Glyphosat und einigem mehr. Der Letzte Mensch, der Neo-Biedermeier, ist vor allem in einem Meister: Angst haben.

Der Romantiker Nietzsche zog das Voranschreiten des Menschen zum Übermenschen dem ängstlichen Verharren in einem mehr oder minder befriedigenden Status quo vor.2 Nach ähnlichem Werk trachtet der amerikanische Visionär und Futurist Zoltan Istvan, Präsidentschaftskandidat der Transhumanistischen Partei der USA: Die organischen, kognitiven, psychologischen Grenzen des Homo sapiens sollen mittels neuer Technologien überwunden werden, Gen- und Nanotechnik, Kybernetik – und psychoaktiven Substanzen. Er schreibt: „Transhumanisten geht es beim Drogenprobieren nicht um den Spaß, sondern um Selbstverbesserung, darum, die beste, aufgeklärteste Version des eigenen Selbst zu erreichen.“ Und sogar: „Ich frage mich oft, ob es nicht für jeden verpflichtend werden sollte, mindestens einmal im Leben eine halluzinogene Droge auszuprobieren.“

Manches an den Ansichten Istvans oder der transhumanistischen Bewegung insgesamt erscheint überzogen oder auch etwas kindlich naiv – so sehe ich es als sehr unwahrscheinlich an, dass in den nächsten Jahrzehnten harte Künstliche Intelligenz Wirklichkeit wird. Nichtsdestotrotz ist der Grundgedanke richtig: Die Menschheit darf nicht stehenbleiben, nicht in einem behaglichen Einerlei verharren, in dem sie von einem Tag in den nächsten dämmert, sondern sie muss ihre Fähigkeiten, ihr Wissen, ihre Lebensbedingungen, ja ihre organischen und neurologischen Eigenschaften selbst verbessern, erweitern, potenzieren.

„Gefahren meistert man nicht, indem man das, wovon möglicherweise Risiken ausgehen, krampfhaft wegsperrt, verbietet und unterdrückt“

Hierzu ist gluonische Technologie – die Nutzung und Steuerung von Kernreaktionen – unverzichtbar, insbesondere zur Ausdehnung menschlicher Aktivität in den Weltraum; ebenso neurochemopsychische Technologie: die Veränderung von Bewusstsein, Denken, Fühlen und Wahrnehmung durch Manipulation der Prozesse im Gehirn. Momentan ist dies durch psychoaktive Substanzen möglich, in der Zukunft könnten – wie Zoltan Istvan vermutet ­–, kybernetische Implantate oder Nanoroboter, die direkt mit den molekularen Strukturen des Gehirns interagieren, einen präziseren und flexibleren Weg hierzu eröffnen. Den – sehr schwärmerischen und mystisch angehauchten – Vorstellungen des Drogen-Visionärs Timothy Leary zufolge werden in ferner Zukunft sogar Psychedelik und Gluonik ein Bündnis eingehen: Als höchste Entwicklungsstufe der terragenen Intelligenz sieht er die Entstehung eines „Atomic Brain“ an, das sämtliche Naturkräfte und Elementarteilchen als neurologische Schaltkreise nutzt, das Universum selbst erlangt Bewusstsein.

Solche fantastischen Entwicklungen mögen noch sehr weit entfernt sein. Der Weg in die Zukunft beginnt jedoch heute. Darf man von einem Bildungssystem träumen, in dem Schüler nicht mehr mit irrationalen Schauermärchen über alles Mögliche, z.B. Kernenergie und psychoaktive Substanzen, terrorisiert werden, sondern unter Anleitung Experimente in diesen Bereichen durchführen?

„Aber das ist doch alles gefährlich!“, jammert der Chor der Letzten Menschen. „Kernenergie und Drogen sind brandgefährlich, davon muss man sich um jeden Preis fernhalten!“ Ja, liebe Biedermeier, sie sind gefährlich! Alles, was großes Potential hat, ist gefährlich, wenn es unsachgemäß genutzt wird. Doch Gefahren meistert man nicht, indem man das, wovon möglicherweise Risiken ausgehen, krampfhaft wegsperrt, verbietet und unterdrückt – sondern indem man sich ihm besonnen und sachkundig nähert, es erforscht und lernt, es zum Nutzen und zur Verbesserung der Menschheit einzusetzen. „Wir können die Zukunft nur finden, wenn wir nach ihr suchen.“3