20.08.2015

Krieg gegen Lachgas und Prittstift

Kommentar von Tom Slater

Die konservative britische Regierung will in einem neuen Drogengesetz jegliche psychoaktive Substanz pauschal verbieten. Autoritär ist aber nicht nur dieser Vorstoß, auch seine Kritiker wollen Konsumenten keine Entscheidungshoheit zuerkennen.

Der Krieg gegen Drogen wird in absehbarer Zeit nicht aufhören, wie ein im britischen Parlament aktueller Gesetzentwurf zu psychoaktiven Substanzen deutlich zeigt. Nach den offiziellen Forderungen vor ein paar Jahren, einige weiche Drogen zu legalisieren, versucht der neue, hastig gestrickte Entwurf die Reichweite der Prohibition sogar noch zu vergrößern. Die neuen Maßnahmen zum harten Durchgreifen gegen sogenannte psychoaktive Substanzen bedeuten eine der autoritärsten und an Eifer kaum zu überbietenden Einschränkungen des Drogengebrauchs der letzten Zeit.

Der Gesetzentwurf bemüht sich darum, „jede für menschlichen Konsum geeignete Substanz“ zu verbieten, „die in der Lage ist, einen psychoaktiven Effekt hervorzurufen“. Als Antwort auf den florierenden Handel mit legalen Rauschmitteln, den Legal Highs – synthetische Variationen von guten alten Dauerbrennern wie Ecstasy und Cannabis, die als „Pflanzendünger“ oder „Badesalz“ verkauft werden –, hat die Vorlage zum Ziel, das „Katz- und Mausspiel“, wie Innenminister Mike Penning es nannte, zu beenden. Durch die Welle von neuen Produkten kann das Parlament beim gesetzgeberischen Vorgehen gegen Drogen nicht mehr mithalten.

Der Entwurf stellt eine bemerkenswerte Strategieverschiebung dar. Statt Herstellung und Verkauf von bestimmten Drogen zu verbieten, wird automatisch jede psychoaktive Substanz verboten sein, und zwar breit definiert als Substanz, „die in der Lage ist, bei sie konsumierenden Personen einen psychoaktiven Effekt hervorzurufen“. Die Regierung hat nun das letzte Wort darüber, was wir konsumieren dürfen – und zu welchem Zweck. Sie scheut jegliche vernünftige Debatte darüber, welche Produkte eingeschränkt werden sollten und welche nicht, und plant stattdessen, einfach alles zu verbieten, was wie eine illegale Substanz aussieht. Die Machthaber treibt der Konsum, den wir pflegen, sobald wir uns selbst überlassen werden, offenbar dermaßen um, dass sie beschlossen haben, am besten gleich alles zu verbieten.

„Lachgas ist nicht mehr zum Lachen“

Ein typisches Beispiel ist Lachgas. Von der Boulevardpresse schillernd als „Hippie-Crack“ bezeichnet, wird es jedes Jahr bei Festivals und Partys gefahrlos von hunderttausenden feiernder Teenager konsumiert. Jetzt aber ist sogar Distickstoffoxid nicht mehr zum Lachen. Wie bei allen anderen psychoaktiven Substanzen werden seine Herstellung, seine Bereitstellung und sein Verkauf zu Straftaten, die mit einer Höchststrafe von sieben Jahren Gefängnis belegt sind.

Die grotesk weite Definition dessen, was laut diesem Gesetzentwurf zu verbieten ist, hat in der Presse zu einigen unvermeidlichen Spötteleien geführt. Was passiert mit dem Schnüffeln am Prittstift? Oder mit der psychoaktiven Freude am Rosenduft? Wegen dieses Dampfwalzen-Vorstoßes musste die Regierung sogar versichern, dass „Nahrungsmittel, Alkohol, Tabak, Nikotin, Koffein und medizinische Produkte“ vom vorgeschlagenen Gesetz ausgenommen sein würden.

Für alle, die weiterhin meinen, dass es den Staat nichts angeht, was wir inhalieren, einnehmen oder in unsere Lieblingskörperöffnung stopfen wollen, ist der Entwurf ein Schlag in die Magengrube. Dass der eiserne, illiberale Griff der Prohibition noch unter uns weilt und seinen Einfluss mehrt, sollte jeden wütend machen, der in einer annähernd freien Gesellschaft leben will. Leider haben auch die Reaktionen der sichtbarsten Gegner des Status quo nur gezeigt, warum der Krieg gegen Drogen weiter schwelt.

„Die Pseudo-Liberalen möchten Drogen legalisieren, um uns bevormunden zu können“

Formuliert im üblichen PR-Tonfall der Konservativen – die neuen Maßnahmen sollen die „schwer arbeitenden Bürger schützen“ –, ist der Entwurf von den meisten Kommentaren und Aktivisten als ein Rückfall in den Scheuklappen-Autoritarismus der Tory-Partei aufgenommen worden. Ihr Versagen, „das Versagen im Krieg gegen Drogen endlich wahrzunehmen“, wie Ian Birrell im Independent schrieb, zeuge von einer „bewusstseinsverändernden Beschränktheit“, die den Drogenhandel tiefer in die Illegalität treiben und mehr Verbraucher sowie von Drogenkartellen geplagte Länder gefährden wird. Inzwischen hat der frühere Drogenberater der Regierung, David Nutt, gegenüber dem Guardian den Entwurf als „Beruhigungsmittel für den rechten Flügel“ und „nicht an der Frage tatsächlicher Schädigung orientiert“ kritisiert.

Diesen wütenden Kritikern bleibt aber immer noch vollständig verschlossen, dass die neuen Maßnahmen der Konservativen sich eine gängige Geisteshaltung der Mainstream-Eliten zunutze machen: Dass nämlich die armen und schwachen kleinen Leute vor ihren niederen Instinkten und dem Einfluss skrupelloser Drogendealer geschützt werden müssten. Nutt mag ein erbitterter Verfechter der Cannabis-Legalisierung sein, aber nur deshalb, weil er so das versoffene Großbritannien vom Dämonen Alkohol meint entwöhnen zu können. (Er entwickelt derzeit sogar seinen eigenen Legal High – einen Alkoholersatz namens Alcosynth.) Birrells Beitrag ist noch entlarvender, wenn er mit der Frage an die Politiker endet, warum sie sich nicht um die wahren Mörder kümmern – nämlich Alkohol, Zucker und Tabak. Diese Pseudo-Liberalen möchten Drogen legalisieren, damit sie uns vom harten Stoff (zu dem anscheinend auch Süßigkeiten gehören) weg nötigen, nudgen und bevormunden können.

Genau diese Scheinheiligkeit lässt den Krieg gegen Drogen nie enden. Nudgewütige Streber des Gesundheitswesens wie David Nutt zeigen genau dieselbe paternalistische Logik wie die Tory-Minister, die junge Leute vor den Übeln von Hippie-Crack oder Spice bewahren wollen. Wer eine liberalere Drogenpolitik will, braucht das Vertrauen, dass die Bevölkerung stark genug ist, selbst zu entscheiden, was sie sich in Mund, Nase oder auch Hintern schiebt.