17.11.2017

„Diese Denker haben uns noch immer etwas zu sagen“

Interview mit Anthony Gottlieb

Titelbild

Bild: Henri Testelin via WikiCommons

Um die Philosophen der Aufklärung ranken sich viele Missverständnisse. Sie waren weder antireligiös, noch Liberale im modernen Sinne. Ihr Eintreten für Autonomie und Toleranz bleibt trotzdem relevant.

Spiked Review: Ihr Buch „The Dream of Reason“ (Deutsch: „Der Traum der Vernunft“) regt seine Leser dazu an, die vermeintlich allzu vertrauten Philosophen der Aufklärung aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Neigen wir zu sehr dazu, diese Personen als unsere Zeitgenossen zu behandeln?

Anthony Gottlieb: Ja, aber das sollte niemanden überraschen. Diese Denker bewegen uns ja immer noch und haben uns noch immer etwas zu sagen. Daher ist es sehr leicht, den Denkfehler zu begehen, dass wir mit ihnen exakt dieselbe Erfahrungswelt teilen. Das führt dazu, dass wir unsere Ansichten und Vorurteile auf sie übertragen.

Ein gutes Beispiel ist die Beziehung zwischen Kirche und Staat. Mehrere Philosophen, die in „The Dream of Reason“ auftauchen, werden zu Recht als Wegbereiter oder Vorläufer verschiedener Formen des Säkularismus angesehen, der Idee einer Trennung von Kirche und Staat. Wenn wir heutzutage an die Trennung von Kirche und Staat denken, neigen wir dazu, an den ersten Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung zu denken, in dem festgelegt wurde, dass es keine Staatsreligion geben solle.

Aber die Wegbereiter des Säkularismus haben nicht so klar zwischen Kirche und Staat getrennt. Denken Sie zum Beispiel an Thomas Hobbes (1588–1679) und Baruch Spinoza (1632–1677). Beide werden oft als Befürworter der Trennung von Staat und Kirche dargestellt, die sich für die Abschaffung der Staatsreligion einsetzten. Aber tatsächlich glaubten beide, dass es wichtig sei, eine Staatskirche zu haben. Sie wollten, wie viele ihrer Mitstreiter, nicht die Staatskirchen loswerden, sondern sie wollten die Macht der Geistlichen und der institutionalisierten Religion einschränken, indem die Macht der Kirche an den Staat übertragen wird.

„Es ist sehr leicht, den Denkfehler zu begehen, dass wir mit diesen Denkern exakt dieselbe Erfahrungswelt teilen.“

Hobbes und Spinoza waren überzeugt, dass Religion kontrolliert werden musste, sodass sie nicht von wahnsinnigen Geistlichen geführt würde und zu allerlei Konflikten führte. Sie haben sich also letztlich für eine Staatsreligion ausgesprochen. Ich denke, das ist ein gutes Beispiel für die Missverständnisse, die sich heute um die Denker der Aufklärung ranken.

Bei vielen kleineren Themen wird die Sichtweise dieser Denker häufig auf eine Weise wiedergegeben, die eher die heutige Sicht widerspiegelt. Ein gutes Beispiel dafür ist John Lockes Konzept der angeborenen Eigenschaften. Einige zeitgenössische Psychologen, allen voran Steven Pinker, haben einen Debatte konstruiert zwischen denen, die an angeborene Eigenschaften glauben, und jenen, die meinen, die menschliche Psyche sei bei der Geburt ein „unbeschriebenes Blatt“. Für Pinker ist Locke einer der frühesten Vertreter des unbeschriebenen Blattes. Dabei ergibt es viel mehr Sinn, Locke dem anderen Lager zuzuordnen. Er war jedenfalls davon überzeugt, dass wir allerlei angeborene Vorurteile und Veranlagungen in uns tragen. Bei Lockes berühmter Kritik an „angeborenen Eigenschaften“ ging es tatsächlich um die Vorstellung, dass bestimmte Gewissheiten von Gott selbst in unseren Gehirnen verankert würden. Denn wenn sie dort verankert sind, dann brauchen wir nicht darüber zu diskutieren, ob sie nun richtig oder falsch sind. Locke entgegnete, dass wir diese Gewissheiten selbst überprüfen sollten. Das ist, glaube ich, der Grundtenor seiner Kritik. Locke kann nicht als Anhänger des unbeschriebenen Blattes im modernen Sinne betrachtet werden.

Es gab lange den Ansatz, die Aufklärung als beinahe antireligiös motiviert zu betrachten. In „The Dream of Reason“ thematisieren Sie jedoch Descartes „Gottesbeweise“, Spinozas Gleichsetzung von Gott und Natur und Voltaires ausdrückliches Bekenntnis zum Glauben. Wie würden Sie die Beziehung zwischen Aufklärung und Religion beschreiben? Spielten religiöse Vorstellungen in der Aufklärung eine wichtige Rolle?

Die Aufklärung war in mancher Hinsicht antireligiös, in anderer Hinsicht aber nicht. Einer der eher „antireligiösen“ Aspekte, den ich bereits erwähnt habe, war der Versuch, die Macht religiöser Autoritäten zu beschränken. Es ging um einflussreiche Geistliche, die weder gewählt noch vom Staat ernannt wurden, sondern die Hierarchien von Kirchen oder Synagogen erklommen hatten. Die Denker der Aufklärung wollten ihre Fähigkeit beschneiden, Menschen zu verfolgen und hinzurichten, nur weil sie „das Falsche“ sagten oder glaubten. Dieser Antiklerikalismus bringt die antireligiöse Seite der Aufklärung zum Ausdruck.

„Die wichtigsten Philosophen der Aufklärung waren nicht antireligiös. Sie leugneten nicht die Existenz Gottes.“

Trotzdem glaubten die wichtigsten Philosophen der Aufklärung – mit David Hume (1711–1776) als wahrscheinlich einziger Ausnahme – an Gott. Aus heutiger Sicht waren sie religiös. Natürlich war es damals äußerst schwierig, öffentlich den Glauben an Gott zu kritisieren. Aber die meisten, denke ich, glaubten wirklich an Gott. Allerdings war ihr Gottesbild in manchen Fällen so ungewöhnlich, dass es dem üblichen Gottesbild gar nicht entsprach. Wie ich bereits erwähnte, war Gott für Spinoza gleichbedeutend mit der Natur, was damals eine sehr radikale Idee war. Denn wenn Gott die Natur selbst ist, dann kann Gott die Natur nicht erschaffen haben. Ein weiteres Beispiel ist Hobbes, er war Materialist durch und durch und dachte folglich, dass Gott ein körperliches Wesen sein müsste, was im Gegensatz zur traditionellen spirituellen Vorstellung von Gott steht. Das Gottesbild dieser Philosophen war ungewöhnlich, aber ich denke, dass sie doch alle an Gott glaubten. Somit waren die wichtigsten Philosophen der Aufklärung nicht antireligiös. Sie leugneten nicht die Existenz Gottes.

„The Dream of Reason“ zeigt anschaulich, wie viele Philosophen der Aufklärung den Naturwissenschaften und einem mechanistischen Weltbild verbunden waren, sei es praktisch oder theoretisch. Descartes sah sich in erster Linie als Mathematiker und Wissenschaftler und Spinoza war für seine mikroskopischen Arbeiten berühmt. Was allerdings auffällt: Diese Denker schafften es nicht nur, ihren Glauben mit den Naturwissenschaften in Einklang zu bringen, sondern nutzten diese sogar, um die Existenz Gottes zu beweisen.

Ja, in der damaligen Zeit war es eine übliche Annahme, dass die Wissenschaft, indem sie immer mehr über die Natur verrät, auch immer mehr Beweise für die Existenz Gottes hervorbringt. Isaac Newton (1643–1727) hat das ganz klar so ausgedrückt. Er war Anhänger einer Idee, die wir heute das Schöpfungsargument nennen, also der Vorstellung, dass es in der Natur Beweise für die göttliche Schöpfung gibt. Newton glaubte, dass ein immer tieferes Eindringen in die Geheimnisse der Natur zu immer deutlicheren Spuren des Schöpfers führen würde. Mit Ausnahme von David Hume und einigen seiner Nachfolger akzeptierten viele Philosophen der Aufklärung diese Idee.

In „The Dream of Reason“ stellen Sie Toleranz gegenüber anderen Meinungen als eines der bedeutendsten Vermächtnisse der Aufklärung dar. Das Thema zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk der Philosophen, die sie besprechen, von Locke bis Voltaire. Eine besondere Bedeutung schreiben Sie jedoch dem französischen Philosophen Pierre Bayle (1647–1706) zu. Warum?

Locke und Voltaire haben sich bekanntermaßen für religiöse Toleranz ausgesprochen, also dafür, dass ein jeder die Freiheit besitzen sollte, die Religion zu praktizieren, die er möchte. Allerdings formulierten sie gewisse Einschränkungen. Einige Religionen galten nämlich als politisch gefährlich. In protestantischen Ländern sah man den Katholizismus als problematisch an, weil man als Katholik die Autorität des Papstes höher schätzen sollte als die des Oberhauptes des eigenen Landes. Der Katholizismus bereitete protestantischen Philosophen wie Locke somit einige Probleme.

„Der Katholizismus bereitete protestantischen Philosophen wie Locke einige Probleme.“

Ein weiteres Problem hatten viele Philosophen der Aufklärung mit dem Umstand, dass Katholiken selbst dazu neigten, andere Religionen zu diskriminieren. Wie kann man alle Religionen tolerieren, wenn man eine Religion einschließt, die andere Religionen nicht tolerieren möchte?

Bayle ist vor allem interessant, wenn es um Toleranz geht. Im Gegensatz zu den anderen berühmten Philosophen, die über dieses Thema geschrieben haben, musste er persönlich unter religiöser Intoleranz leiden. Er war ein Angehöriger der protestantischen Minderheit in Frankreich und sein Bruder starb als Opfer katholischer religiöser Verfolgung im Gefängnis. Somit war seine Verteidigung der Toleranz persönlicher, leidenschaftlicher und, wie ich denke, auch besser formuliert als die bekannterer Philosophen wie Locke und Voltaire. Bayles Vorstellung von Toleranz war zudem auch umfassender. Die meisten Philosophen der Aufklärung – allen voran Locke – beschäftigten sich hauptsächlich mit der Toleranz gegenüber den verschiedenen Ausprägungen des Christentums. Locke mochte die östlichen Religionen nicht besonders. Bayles Verteidigung der Toleranz ging viel weiter, er war sogar der Idee zugetan, Atheisten zu tolerieren. Zur damaligen Zeit eine vollkommen inakzeptable Vorstellung. Viele waren der Ansicht, dass der Atheismus zum moralischen Verfall führen würde. Damals glaubte man steif und fest, dass Menschen, die nicht an Gott glaubten, schlechte Menschen seien. Bayle war einer der ersten, die diese Vorstellung in Frage stellten.

„The Dream of Reason“ räumt sehr gekonnt mit den Mythen auf, die gewisse Philosophen umgeben. Bezüglich der Vorstellungen John Lockes sprechen Sie von einem „konservativen Autoritarismus“. Müssen wir aufhören, diesen Denker als „Vater des Liberalismus“ zu betrachten?

Liberalismus war schon immer ein sehr vager, schwammiger Begriff. Er hat in verschiedenen Ländern verschiedene Bedeutungen. Bekanntlich bedeutet „liberal“ in Deutschland oder Großbritannien etwas ganz anderes als in den USA. Mein Hauptanliegen bei Locke war zu zeigen, dass er ziemlich grundlegend von den zeitgenössischen Formen des Liberalismus abweicht, einfach weil er in einer Gesellschaft lebte, die sehr anders als unsere heutige war.

„Mein Hauptanliegen bei Locke war zu zeigen, dass er ziemlich grundlegend von den zeitgenössischen Formen des Liberalismus abweicht.“

Wenn es um die Meinungsfreiheit geht, kann Locke schon liberal erscheinen. Egal, wie man nun genau „Liberalismus“ definiert: Die Meinungsfreiheit ist immer ein wesentlicher Wert, und ich bestreite auch nicht, dass Locke sie verteidigte. Darüber hinaus war Locke einer der wichtigsten Verfechter der Idee, dass das Volk das Recht hat, gegen seine Herrscher aufzubegehren, wenn diese es unterdrücken und Unrecht begehen. Ich denke, dass auch das ein wichtiger Bestandteil des Liberalismus ist. Locke als frühen Verfechter des Rechts auf Widerstand anzusehen, ist also vollkommen richtig.

Wenn man sich aber seine anderen Arbeiten anschaut – vor allem seine nicht-philosophischen Arbeiten – dann sieht man, dass er zutiefst illiberal war, und das nicht nur nach heutigem Verständnis, sondern auch nach den Vorstellungen seiner Zeit. Die Verfassung der Provinz Carolina von 1669 zum Beispiel, an deren Entstehung Locke maßgeblich beteiligt war, spricht sich im Wesentlichen für die erbliche Leibeigenschaft aus.

Um von Locke zu Spinoza zu kommen: Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich unsere Wahrnehmung dieses Philosophen gewandelt. Er wird zunehmend als politischer Denker betrachtet. In Ihrem Buch sprechen Sie von seinem „Evangelium der Toleranz und Meinungsfreiheit“. War Spinoza der politisch radikalste und weitsichtigste unter den Protagonisten der Aufklärung?

Er war radikaler und weitsichtiger als viele andere, aber nicht unbedingt in politischer Hinsicht. Eines seiner letzten Werke war ein politisches Traktat, das leider unvollendet ist. Es hört inmitten seiner Erörterung der Demokratie auf. Es wäre wundervoll gewesen, einen Einblick in die Entwicklung seiner politischen Ideen zu bekommen. Ein Aspekt aber, bei dem er auf jeden Fall radikal und modern war, war seine Einstellung zur Religion. Wie ich bereits erwähnt habe, setzte er Gott mit der Natur gleich, was ihn in die Nähe heutiger Atheisten rückt. Einstein hat bekanntermaßen gesagt, dass sein Gott der Gott Spinozas sei. Er sagte dies in einer Unterhaltung mit einem Rabbi, wollte also vermutlich höflich sein und sich nicht zum Atheismus bekennen. Aber als Einstein behauptete, an Spinozas Gott zu glauben, meinte er damit im Grunde genommen, dass er an die Natur selbst glaubte. Spinozas Vorstellung von Gott war unglaublich originell und bleibt bis heute einflussreich.

„Spinoza setzte Gott mit der Natur gleich, was ihn in die Nähe heutiger Atheisten rückt.“

Es gibt einige andere Bereiche, in denen Spinozas Ansatz sehr modern und radikal war. Ein Beispiel ist seine Herangehensweise an die Bibel. Er sagte, dass wir sie als ein von fehlbaren Menschen geschriebenes Dokument betrachten sollten, und dass sie daher nicht die Antwort auf alles enthalte. Stattdessen müssten wir lernen, die Umstände und die Intentionen derjenigen zu deuten, die an der Bibel geschrieben haben. Spinozas Behauptung, dass die Bibel von Menschen geschrieben wurde und nicht von Gott inspiriert sei, war eine sehr radikale Idee. Sie wurde rasch von Intellektuellen weltweit aufgegriffen.

Glauben Sie auch, dass Spinozas Vorstellungen von Autonomie besonders radikal waren?
In Ihrem Buch zitieren Sie ihn: „Dasjenige wird frei genannt, das bloß aufgrund der Notwendigkeit seiner eigenen Natur existiert und bloß durch sich selbst zum Handeln bestimmt wird.“ Spinoza geht es an dieser Stelle um Gott, aber er deutet auch an, dass der Mensch, wie Sie schreiben, „einen Teil der Autonomie genießen kann, die Gott besitzt.“ – durch Anwendung der Vernunft, durch unsere Fähigkeit zu ergründen, warum die Dinge so sind wie sie sind.

Ja, das ist wichtig. Ich denke, dass Spinozas Vorstellung von Autonomie viel mit seiner Verteidigung der Redefreiheit und der Freiheit zu philosophieren zu tun hatte. Aber man sollte nicht vergessen, dass Spinozas Ansichten aus heutiger Sicht sehr elitär waren. Er meinte, dass das gemeine Volk im Interesse der politischen Stabilität nicht in seinen traditionellen religiösen Vorstellungen gestört werden dürfe. Intellektuelle Betätigung war etwas für Menschen, die Latein lesen konnten und hochgebildet waren. Nur sie dürften die absolute Freiheit besitzen. Was das anging, war Spinoza mit seiner Meinung bei Weitem nicht alleine. Fast alle Hauptfiguren der Aufklärung waren in diesem Sinne elitär, was allerdings nachvollziehbar ist, da sie in Gesellschaften lebten, die sich erheblich von der unsrigen unterschieden.

„Kant war eine derart revolutionäre Figur, dass mit ihm eine neue Epoche begann.“

Immanuel Kant und die deutsche Aufklärung insgesamt kommen in „The Dream of Reason“ gar nicht vor. Warum beschränkt sich Ihre Untersuchung vor allem auf die englische und französische Aufklärung?

Dass Kant im Buch nicht auftaucht, hat einen sehr einfachen Grund. Wenn man die Philosophie in drei Abschnitte aufteilt, wie ich es tue, dann versteht es sich von selbst, dass der zweite Abschnitt mit Descartes beginnen sollte und der dritte Abschnitt mit Kant. Er war eine derart revolutionäre Figur und ein solch origineller Denker, dass mit ihm eine neue Epoche begann. Das ist also der wesentliche Grund, warum er in „The Dream of Reason“ nicht auftaucht … weil er am Anfang meines nächsten Buches stehen muss!

Außerdem gab es mehrere „Aufklärungen“ wie die jüdische, die lateinamerikanische und andere regionale Varianten. Aber die ursprüngliche Idee der Aufklärung stammt von den Intellektuellen, die das Licht als Metapher benutzten, das sind die französischen Philosophen, über die ich schreibe. Es besteht eine gewisse Gefahr, das Wort Aufklärung in einem zu vagen Sinne zu verwenden, um alle möglichen progressiven Bewegungen weltweit zu beschreiben. Es wird dadurch zunehmend unklar, worüber man eigentlich redet. Wenn man sich auf die französische Aufklärung beschränkt, hat man dieses Problem nicht.

Zugegebenermaßen waren einige Leser erstaunt, dass Kant in dem Buch nicht vorkommt, weil sie bei „Aufklärung“ sofort an Kants berühmtes Essay „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ von 1784 denken müssen. Dieses Essay ist jedoch vor allem so bekannt, weil es von Kant ist, und nicht, weil es etwas radikal Neues über die Aufklärung offenbart. Kant lieferte damit einen sehr guten Überblick über die Aufklärung, aber der Essay an sich ist von geringer Bedeutung. Auf gewisse Weise muss man also sagen, dass Kant kein wichtiger Philosoph der Aufklärung war; er trug keine neuen Ideen zu der intellektuellen Bewegung bei, die wir die Aufklärung nennen.

Kants „Kritik der reinen Vernunft“ von 1781 widmete sich Fragen, die das Aufklärungsdenken aufgeworfen hatte, von Humes Empirismus bis hin zu Leibniz’ Idealismus. Kann man das nicht als Versuch sehen, auf dem Erbe der Aufklärung aufzubauen?

Ja, Kant bezog sich auf die Denker der Aufklärung, aber wollte ein neues Zeitalter in der Philosophie einzuleiten. Genau deshalb gehört er in ein anderes Buch. Weil mit Kant eine völlig neue philosophische Epoche beginnt.