19.07.2010

Wir brauchen mehr Voltaire!

Analyse von Brendan O’Neill

Voltaires Glauben an die Meinungsfreiheit ist von der Mehrheit der Gesellschaft aufgegeben worden. Jetzt können sich sogar radikale Islamisten auf ihn berufen. Von Brendan O’Neill

Es war das Auffälligste am Prozess gegen sieben radikale Muslime im britischen Luton, die wegen beleidigender Äußerungen während einer militärischen Homecoming-Parade angeklagt sind: Eine Anwältin der Männer zitierte Voltaire. Sie zitierte zur Verteidigung ihres Klienten, eines bärtigen Islamisten voller Misstrauen gegenüber der westlichen Welt, den französischen Denker des 18. Jahrhunderts und Autor von Candide, dessen Passion für Vernunft und Freiheit die Französische Revolution inspirierte. Voltaire war einer der größten Denker der Aufklärung und skeptisch gegenüber organisierter Religion. Die Anwältin erklärte dem Gericht: „Voltaire hat gesagt: ‚Ich teile deine Meinung nicht, aber ich werde bis in den Tod dein Recht verteidigen, sie zu sagen.‘ Wenn Sie an die Meinungsfreiheit glauben, dann müssen Sie akzeptieren, dass einige Dinge gesagt werden, die Sie mögen, und andere Dinge, die Sie nicht mögen.“ Die Worte der Anwältin trafen auf taube Ohren – fünf der sieben Männer wurden der „Belästigung und Bedrängnis“ für schuldig befunden, weil sie den im März 2009 durch Luton marschierenden Soldaten „Mörder, Vergewaltiger und Babykiller“ zuriefen. Sie erhielten eine Strafe von zwei Jahren auf Bewährung und wurden zur Zahlung von 500 Pfund (rund 550 Euro) verurteilt.

Lässt man die Tatsache außer Acht, dass Voltaire diese Worte tatsächlich niemals gesagt hat – sie wurden von einem seiner Biografen als Zusammenfassung von Voltaires Gedanken zur Meinungsfreiheit niedergeschrieben –, so ist es doch aufschlussreich, dass ein Islamist, den die modernen Traditionen und Freiheiten der westlichen Gesellschaft beunruhigen, in der Lage ist, Voltaire zu seiner Verteidigung aufzurufen. Man sieht daran, wie verwaschen und ungewiss das Erbe der Aufklärung geworden ist. Einige der rückständigsten religiösen Elemente der modernen Gesellschaft können sich nun auf dieses Gedankengut berufen, weil es von der Mehrheit der Gesellschaft aufgegeben wurde und nur noch opportunistisch und wenig überzeugend von linksliberalen Intellektuellen zitiert wird. Tatsächlich verspotten die Islamisten in Luton die Lenker und Denker westlicher Gesellschaften, indem sie uns durch Voltaire unser Scheitern bei der Bewahrung von Prinzipien und Gesinnung der Aufklärung vor Augen führen.

Die sieben Männer nahmen im März 2009 an einer kleinen, kindischen Demonstration teil. Als die aus Irak und Afghanistan zurückgekehrten Soldaten durch Luton marschierten, sangen die Islamisten „Geht zur Hölle!“, und sie hielten Plakate in die Luft, auf denen „Schlächter von Basra“ und „Babykiller“ zu lesen war. Damit hätten sie eine Grenze überschritten, sagte die Richterin am Amtsgericht in Luton. Und weiter: „Das Verhalten der Angeklagten ging über angemessenen, legitimen Protest hinaus. Ihr Verhalten war eine offen vorgebrachte Äußerung ihrer Meinung zu einem Sachverhalt von öffentlichem Interesse, aber in Worten ausgedrückt, die unverhältnismäßig und unvernünftig waren.“ Also hat man nur dann das Recht zum Protest, wenn der Protest vernünftig, respektvoll und leise ist. Man hat nur dann das Recht zur Meinungsfreiheit, wenn die Meinung in den Augen einiger abgehobener Richter eines Amtsgerichts „angemessen“ ist. In Kürze: Es gibt kein wahres Recht zum Protest oder zur Meinungsfreiheit. Im Januar 2010 wurde folglich auch der Protestmarsch der islamistischen Gruppe Islam4UK durch den britischen Ort Wootton Bassett untersagt und die Gruppierung verboten.

Für Islamisten, die häufig argumentieren, dass die westliche Gesellschaft oberflächlich und korrupt sei und nur eine Illusion von Freiheit biete, während sie die spirituellen Instinkte und tieferen Bedürfnisse der Menschen unterdrücke, bot der Prozess in Luton die Möglichkeit, die Inhaltslosigkeit des scheinbar aufgeklärten Westens aufzuzeigen. Indem die Anwältin der Islamisten in ihrem Abschlussplädoyer kurz vor dem Urteilsspruch der Richterin Voltaire zitierte, blamierte sie erfolgreich diese Institution der britischen Gesellschaft, indem sie ihr die Werte und Ideale vor Augen hielt, die sie respektieren sollte, aber nicht respektiert. Sie forderte das Gericht gewissermaßen auf, sich ausgerechnet gegen Voltaire zu stellen und mit seinem Urteilsspruch nicht nur die Freiheitsrechte der Angeklagten, sondern auch 300 Jahre aufgeklärten Denkens in den Orkus zu befördern. Durch die Verurteilung der Männer stieß die Richterin damit Voltaire aus der Gesellschaft aus und verbot darüber hinaus zahlreiche Formen des Protests.

Für radikale Islamisten war das der Beweis, dass Freiheit eine Illusion ist und die westliche Gesellschaft sich nach etwas anderem als nach Führung durch den Schwindel der Aufklärung umsehen sollte. Einer der versammelten Anhänger vor dem Gerichtsgebäude trug ein Plakat mit der Aufschrift „Der Islam wird die Welt regieren. Die Freiheit kann zur Hölle fahren.“ „Die Verhandlung hat gezeigt, wie Meinungsfreiheit und Demokratie gescheitert sind“, kommentierten die Anhänger, „wir kannten das Urteil bereits, bevor die Verhandlung begonnen hat.“

Der Prozess deckte auf, wie geschwächt Freiheit, Demokratie, Vernunft und Rationalismus als Werte der Aufklärung sind. Er zeigte außerdem, dass diese Werte nicht von außen durch eine Handvoll bärtige Männer zerstört wurden – wie es uns so mancher Islamophobe glauben machen will –, sondern dass sie von innen zersetzt wurden, indem sie nacheinander durch die ängstlichen, zunehmend illiberalen Institutionen und Ideologien der westlichen Gesellschaft abgeschüttelt worden sind. Wie der Prozess in Luton nahelegt, spielten die Islamisten tatsächlich nicht die Rolle der Zerstörer aufklärerischer Werte. Stattdessen lachten sie bloß darüber, dass sie deren eigenhändige Zertrümmerung durch die Mehrheit der Gesellschaft entlarvt haben, welche noch immer Lippenbekenntnisse für solche Werte ablegt, aber völlig unfähig ist, diese wahrhaft aufrechtzuerhalten. Islamisten haben die Werte der Aufklärung nicht beerdigt – eher tanzen sie auf ihrem Grab.

Dass eine Anwältin, die Männer ohne jeden Respekt vor Demokratie und Freiheit repräsentiert, Voltaire zitieren kann, offenbart, wie verlassen dieser große Denker ist. Er wird nicht länger ehrlich und mehrheitlich von den Regierungen und liberalen Denkern geschätzt, sondern steht als eine historische Figur in der metaphorischen Kälte, wobei er uns ein bisschen leid tut, weil er sich „zu sehr“ mit Freiheit und Vernunft herumgeschlagen hat – genau deshalb kann Voltaire von Islamisten eingenommen und in eine Bauchrednerpuppe derjenigen verwandelt werden, die die großartigen, aber oberflächlichen Ansprüche der westlichen Gesellschaft an Freiheit und Aufklärung verspotten wollen. Die Werte der Freiheit und Vernunft wurden nicht nur von den Institutionen der Gesellschaft aufgegeben, die Meinungen als „zu gefährlich, um frei zu sein“ einschätzen und bezweifeln, dass Vernunft ein zufriedenstellendes Werkzeug für das Verstehen unserer offensichtlich unkalkulierbaren, außer Kontrolle geratenen, klimatisch wilden Welt ist. Nein, sie wurden auch von den selbst ernannten liberalen „Männern der Aufklärung“ verzerrt, welche in den vergangenen Jahren in den westlichen Kommentatoren-Zirkeln aufgetaucht sind.

Diese Zirkel sind hysterisch besessen vom radikalen Islam, von welchem sie glauben, er sei die größte Bedrohung der Moderne, und übermäßig empört über relativ unwichtige und rückständige Therapieansätze wie chiropraktische Behandlungen, welche christliche TV-Prediger oder das „Brain Gym“ Schülern aufzwingen. Was diese Leute verfolgen, kann man am besten als „reaktionäre Aufklärung“ umschreiben – eine „Aufklärung“ also, die sich selbst nur als Reaktion auf einige der verrückteren Praktiken in der gegenwärtigen Gesellschaft behaupten kann. Dazu zählt ihr enger, unreflektierter Blick auf die befremdlichen Symptome aktueller Gegenaufklärung anstatt auf deren Ursachen. Daher verharren sie häufig auf dem Appell, „schlechte Ideen“ zu unterdrücken, anstatt sie in freien und harten Debatten herauszufordern. Dazu gehören auch ihre Forderungen, radikale Islamisten auszuweisen oder medizinischen Quacksalbern öffentliche Bühnen zu verweigern. Diese Leute haben die Aufklärung verknöchert, indem sie sie von einer aufgeschlossenen Haltung und Annäherung an die Welt in eine Liste „korrekter Ansichten“ verwandelt haben, welche vor den Barbaren durch Gesetze und andere Kräfte geschützt werden muss. Diese Verunglimpfung der Aufklärung durch ihre sogenannten Verteidiger sorgt bei Islamisten für die Vorstellung, dass die Aufklärung so toll auch wieder nicht sei – sie verteidigt die Freiheit bestimmter, aber nicht aller; sie versteht Rationalismus mehr als Regel denn als Denkweise.

Die Aufklärung ist keine Sammlung von Goldstücken der Weisheit, die von den anständigen Teilen der Gesellschaft konserviert und geschützt werden muss. Auch sollten ihre Werte nicht so gedankenlos von den Lenkern demokratischer Gesellschaften vereinnahmt werden. In der Aufklärung geht es um Einstellung, intellektuelle Courage, Offenheit, Zweifel, Skepsis, Genauigkeit, um Experimente und am wichtigsten: um Freiheit, manifestiert in Gedankenfreiheit, Glaubensfreiheit und Meinungsfreiheit. Sie ist keine Liste vorgeschriebener Gedanken, sondern vielmehr eine Denkweise, also eine Methode, sich der Welt zu nähern. Voltaire wurde von der Mehrheit der westlichen Gesellschaft abgeschoben, und jetzt haben die Islamisten einen Narren aus ihm gemacht. Wir sollten ihn zurückfordern – nicht als eine Art Gottheit, die uns oder irgendjemand anderen braucht, um ihn vor blasphemischen Angriffen zu schützen, sondern als den Mann, der er war und von dessen unermüdlich fragendem Geist wir auch heute noch viel lernen können.

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Wer war Voltaire?
Am 21. November 1694 wurde Francois Marie Arouet in Paris geboren. In der Aufklärung verkörperte er die Ideen von freiem Denken und Vernunft. 1727 schrieb er: „Die Freiheit der Gedanken ist das Leben der Seele.“ Er war niemals zurückhaltend, wenn es darum ging, den Mächtigen die Wahrheit zu sagen, egal ob Monarch oder Priester. So bekam Arouet 1717 nach einer verletzenden Satire über die französische Regierung Schwierigkeiten mit den Behörden. Während seiner darauffolgenden, elf Monate dauernden Gefangenschaft in der Bastille verfasste Arouet unter seinem berühmten Pseudonym Voltaire sein erstes erfolgreiches Theaterstück: Oedipe. „Nichts kann gegensätzlicher zu Religion und Klerus sein als Vernunft und gesunder Menschenverstand“, schrieb er. Da er seine Einstellung nicht vor dem Ancien Régime verbarg, musste er, um der erneuten Verhaftung zu entgehen, mehrmals ins Exil – was auch Vorteile hatte. In den späten 1720er-Jahren vertiefte er sich in England in die Arbeiten von John Locke und Isaac Newton, und in Luneville im östlichen Frankreich konnte er in der Ruhepause, die ihm durch seine ehebrecherische Verbindung mit der Marquise du Châtelet gewährt wurde, Newtons Principia Mathematica übersetzen und sich für einige Zeit den Naturwissenschaften widmen.
Nach seiner Wahl in die Académie Française 1746 zog Voltaire 1753 an die schweizerisch-französische Grenze. Er blieb fortan die meiste Zeit seines Lebens in Ferney in der Nähe von Genf und schrieb sein wahrscheinlich bekanntestes Werk Candide, eine überzeugte Absage an jede schicksalsergebene Akzeptanz des Laufs der Dinge. „Wir müssen unseren Garten pflegen“, sagte er. Durch seinen Tod im Jahre 1778 konnte er das logische Ziel seines moralisch aufgeladenen Rationalismus nicht mehr miterleben: die Französische Revolution. (Tim Black)