20.10.2017

Aufklärung für Erwachsene

Von Susan Neiman

Titelbild

Foto: josealbafotos via Pixabay / CC0

Die Denker der Aufklärung glaubten an das Urteilsvermögen erwachsener Menschen. Noch heute haben ihre Ideen ein subversives Potential

Aufklärungs-Bashing hat Konjunktur. Die vorherrschende Rhetorik unserer Zeit ist antimodern – trotz der Tatsache, dass immer modernere Technologien unsere Welt Stück für Stück formen. Dabei ist Aufklärungsschelte so alt wie die Aufklärung selbst. Edmund Burke gab ihr die Schuld an der Französischen Revolution. Karl Marx glaubte, dass die Aufklärung lediglich wenigen gewitzten Bürgersöhnen Zugang zu feudalen Privilegien verschafft hatte und so – statt universeller Befreiung – eine neuere und subtilere Herrschaftsform zeitigte, von der sich die Welt noch befreien müsste. Hier lag Marx nicht ganz daneben. Die Aufklärung hat es nie geschafft, ihre Ideale zu verwirklichen und ihrem Anspruch nach wahrlich universell zu werden. Die aufklärerischen Ideale sind immer eben dies geblieben: ideell – und damit ein uneinlösbares Versprechen in einer Welt, deren Sterbliche an Raum und Zeit gebunden sind. Marx und seine Jünger hätten gut daran getan, zu betonen, dass aufklärerisches Denken durch das Werkzeug der Selbstkritik enorme Selbstheilungskräfte entfachen kann. Leider wurde die Aufklärung oft gerade von denen unterhöhlt, deren Pflicht darin bestanden hätte, ihre Fundamente zu festigen.

Linke und rechte Kritiken der Aufklärung unterscheiden sich in ihrem Ton, teilen jedoch ähnlich verzerrte Vorstellungen. Die stärkste Anklage formulierten deutsche Denker der Nachkriegszeit. Der Kosmopolit Theodor W. Adorno, durch die Nazis zur Flucht gezwungen, hatte in dieser Hinsicht eine Gemeinsamkeit mit dem raunenden Dorfnazi Martin Heidegger. Neben ihrer tiefen gegenseitigen Abneigung und einer kategorischen Uneinigkeit in so gut wie allen Belangen stand die geteilte Behauptung, der Faschismus sei aus der Aufklärung hervorgegangen. Kurzum: Wer plant, eine Querfront zeitgenössischer Denker aus den unterschiedlichsten Lagern zu gründen, dem sei empfohlen, das Gespenst der Aufklärung heraufzubeschwören, ein Untier, kühle Verachtung für alles Instinkthafte hegend und getrieben von blindem und dummen Optimismus und einer totalitaristischen Unterwerfungslust. Dieses Monster ist unermüdlich fröhlich, erstaunlich gutgläubig und unweigerlich naiv. Die Aufklärung mit dem bildhaften „verrückten Wissenschaftler“ gleichzusetzen wäre übertrieben; eher identifiziert man sie mit dem Zauberlehrling: ein herzloser Trottel, der blindlings Kräfte freisetzt, die uns alle ins Verderben stürzen.

Solchen Behauptungen dienen lediglich bruchstückhafte, aus ihrem Kontext gerissene, historische Fakten als Beleg. Es entsteht ein Patchwork-Wesen, das wahlweise für den Rationalisten steht, den die Aufklärung schon immer aus Erfahrung ablehnte, oder für den Fanatiker, dem die Aufklärung skeptisch gegenüberstand, oder für den Optimisten, über den sie sich liebend gerne lustig machte. Es geht hier nicht um Haarspalterei. Die Aufklärung war nicht einfach nur komplexer als es zeitgenössische Karikaturen nahelegen, sondern in vielerlei Hinsicht ihr genaues Gegenteil. Die Karikaturen dominieren trotz der Aufklärungsarbeit der Historiker des 20. Jahrhunderts.

„Ein realitätsbezogener Zugang zur Welt ist unumgänglich.“

Dabei muss man kein Gelehrter sein, um darauf zu kommen, dass die Aufklärung verzerrt dargestellt wird. Man muss dafür keine Archive durchforsten, es reicht schon aus, sich die Taschenbuchausgabe von Voltaires „Candide“vorzunehmen – hier wird man daran erinnert, dass die Kritik an der Aufklärung schon im Wesenskern der Aufklärung angelegt war. Die Vorstellung, dass das Leben schwieriger und komplexer ist, als man es selbst wahrhaben will, war für Candide, die Hauptfigur des Romans, möglicherweise ungewohnt – für dessen Urheber jedoch mit Sicherheit nicht. Voltaire ging es vorrangig um die Kritik am Candide’schen Vertrauen in die „beste aller möglichen Welten“ – eine Kritik, die Ausdruck des aufklärerischen Bemühens ist, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist, und nicht, wie wir sie uns wünschen. Ein realitätsbezogener Zugang zur Welt ist unumgänglich, möchte man die Möglichkeiten in dieser Welt realistisch abschätzen können.

Die Aufklärung wird mittlerweile mit „der Moderne“ gleichgesetzt. Das gilt für Traditionalisten, die auf Modernität mit Nostalgie reagieren, und für Postmodernisten, die der Moderne mit ironischer Distanzierung begegnen, gleichermaßen. Die Moderne ist bei weitem nicht frei von Problemen, aber es hat keinen Sinn, diese anzugehen, indem man die Aufklärung viel monströser darstellt, als sie tatsächlich je gewesen ist. Ich versuche nun schon seit einiger Zeit, die Aufklärung von den Klischees zu befreien, die sie umgeben: dass sie die menschliche Natur für perfekt halte und den Fortschritt für unumgänglich, dass die Vernunft unendlich und die Wissenschaft unfehlbar sei, dass der Glaube obsolet sei und dass Technologie all unsere Probleme in der Zukunft lösen werde.

Missverständnisse über die Aufklärung

Tatsache ist, dass es in keiner anderen Epoche ein größeres Bewusstsein für die Schattenseiten der menschlichen Natur gab, in keiner Ära ist man beim Austesten menschlicher Grenzen bedächtiger vorgegangen. Die Aufklärung nahm nie die Ehrfurcht der Gläubigen ins Visier, sondern Götzendienst und Aberglaube; nie hat sie den Fortschritt für unausweichlich gehalten, aber an dessen Möglichkeit hat sie geglaubt. Natürlich lassen sich Zitate aus dem 18. Jahrhundert auftreiben, in denen diese Ansichten grob überzogen werden, schließlich gibt es zu allem zweitklassige Zitate. Wenn wir aber die Stärken und Schwächen der Aufklärung wirklich verstehen wollen, sollten wir uns ihren intellektuellen Höhepunkten zuwenden.

So zeigt das Werk von Immanuel Kant, dass die Behauptung, die Aufklärung sei eurozentrisch, nicht stimmt. Tatsächlich handelte es sich um die erste moderne Bewegung, die Eurozentrismus und Rassismus offen attackierte, was für die Beteiligten nicht ohne Risiko war. Texte der Aufklärung wurden verboten und ihre Autoren wurden in die Arbeitslosigkeit und/oder ins Exil getrieben, weil sie darauf bestanden, die europäische Kultur und Politik aus persischer oder chinesischer Sicht zu betrachten. Trotz ihrer Unterschiede hatten die Denker der Aufklärung das Eintreten für universelle und für jedermann zugängliche Prinzipien gemein, wodurch sie für etablierte Autoritäten zur Bedrohung wurden. Daher ist es kaum verständlich, warum jeder abschätzige oder rassistische Kommentar aus der Feder eines Aufklärers schadenfroh zitiert wird, während Kants Angriff auf den Kolonialismus in „Zum ewigen Frieden“ beflissentlich übersehen wird.

„Die Denker der Aufklärung haben das theoretische Fundament des Universalismus gelegt.“

Einem, der China und Japan dafür gelobt hat, räuberische Europäer ferngehalten zu haben, sollte fairerweise nicht unterstellt werden, blind dem Rest der Welt westliche Werte aufzuzwingen zu wollen. Gewiss, die Denker der Aufklärung waren Männer ihrer Zeit, die von Männern aus noch früheren Zeiten ausgebildet wurden. Ihr Kampf, sich von Vorurteilen und Voreingenommenheit zu befreien, war nie abgeschlossen. Es wäre jedoch fatal, zu vergessen, dass es diese Denker waren, die nicht nur als erstes Eurozentrismus und Rassismus verurteilt haben. Auch haben sie das theoretische Fundament des Universalismus gelegt, auf dem alle Kämpfe gegen Rassismus stehen müssen.

Es ist zudem weit verbreitet, die Aufklärung für ihre Verherrlichung der menschlichen Vernunft zu attackieren, die angeblich religiöse Züge tragen soll. Dabei geht es im allerersten Satz von Kants „Kritik der reinen Vernunft“ um die Grenzen der Vernunft. Die Denker der Aufklärung hielten die Vernunft nie für unbegrenzt, ihnen ging es bloß darum, weder Kirche noch Staat als Denkverbote setzende Instanzen zu akzeptieren. Sie hätten sich nicht vorstellen können, dass es einmal der Markt werden sollte, der diese Funktionen der Kirche und des Staates übernehmen und diese viel effizienter ausführen würde. Werden Informationen zurückgehalten, sehnen sich die Menschen irgendwann danach. Gibt es ein Überangebot an Informationen, wollen sie einfach nur ihre Ruhe. Es handelt sich hier allerdings um keinen Einwand gegen die Aufklärung, sondern um die Aufforderung, die Aufklärung fortzuführen, um mit ihrer Hilfe die Kräfte aufzudecken, die heutzutage Autonomie verhindern.

Fremdverschuldete Unmündigkeit

Die folgende Frage ist nur eines der vielen Dinge, die wir der Aufklärung zu verdanken haben: Was willst du einmal werden, wenn du groß bist? Vor der Aufklärung war diese Frage noch vollkommen unverständlich. Man wurde einfach das von Beruf, was die Eltern waren, außer Krankheit oder Krieg kreuzten den Weg der eigenen Schicksalsbestimmung. Es bedurfte der Aufklärung und ihrer Forderung, dass das Talent über den beruflichen Werdegang entscheiden sollte, um überhaupt über die Bedeutung des Erwachsenwerdens nachdenken zu können. Obwohl diese Forderung selbst heute noch kaum realisiert ist und sie überhaupt erst im 18. Jahrhundert entstand, brachte sie den Sohn eines kaum gebildeten ostpreußischen Sattlers dazu, sich brennend für die Frage zu interessieren, was es bedeutet, mündig zu werden.

Kants bekanntester Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ wartet mit der Definition auf, dass Aufklärung die Befreiung der Vernunft aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit sei. Die eigene Faulheit und Angst lassen die Entscheidung zur Unmündigkeit nicht schwerfallen: Wie bequem es doch ist, andere für sich entscheiden zu lassen! „Mein Buch liefert mir die Erkenntnis, mein Prediger umsorgt mein Gewissen, mein Arzt verschreibt mir meine Diät, ich muss mich um nichts kümmern. Ich muss nicht denken, solange ich zahlungsfähig bin; andere werden sich schon um meine Angelegenheiten kümmern.“ Für einen Mann, der nie Vater wurde, ist Kant ungewöhnlich vertraut mit der Art und Weise, wie Kinder das Gehen erlernen. Um es zu lernen, kommt das Kind nicht umhin, mal zu stolpern und hinzufallen. Kinder vor kleineren Verletzungen zu schützen, indem man sie im Kinderwagen behielte, hieße, sie klein zu halten. Kant zielte dabei nicht auf überfürsorgliche Eltern, sondern auf autoritäre Staaten, die ein Interesse an der Unmündigkeit ihrer Bürger haben.

„Die uns umgebenden sozialen Strukturen sind dazu konzipiert, uns infantil zu halten, so Kant.“

Oft fehlt uns für selbständiges Denken die nötige Willenskraft, etwaige Risiken einzugehen – und sei es nur das Risiko, sich öffentlich bloßzustellen. Das ist der Aspekt von „Was ist Aufklärung?“, den Lehrer hervorheben, wenn sie den Essay im Unterricht behandeln. Die Jugend soll auf die Idee gebracht werden, dass es kein gesellschaftliches Übel gibt, das nicht mit ein wenig Aufwand ihrerseits behoben werden könnte. So wurde aus Kants Auftrag ein neoliberales Mantra, das die bestehende Ordnung zu stabilisieren half: Fühlst du dich unzufrieden mit der Welt, bist du selbst daran schuld. Sei weniger faul und feige, dann klappt es schon mit dem aufgeklärten Erwachsenensein und mit der Freiheit. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Deutsche eines bestimmten Alters, die den Aufsatz in der Schule behandeln mussten, bei der Rede von der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ aufstöhnen.

Obwohl es sich bei diesem Essay um eines der lesbarsten Werke Kants handelt, machen sich seltsamerweise nur wenige die Mühe, sich mit mehr als den ersten Zeilen zu beschäftigen. Wenn sie das täten, ginge ihnen vielleicht auf, dass Kant mitnichten glaubte, dass die eigene Unzufriedenheit selbstverschuldet sein muss. Man neigt immer zu Faulheit und Feigheit (ich tue das selbstverständlich auch), Kant meint aber, diese Neigungen würden missbraucht. Und zwar von Vormündern, die sich die Beaufsichtigung aller anderen zur Aufgabe gemacht haben, indem sie uns davon überzeugen, dass unabhängiges Denken nicht nur schwierig, sondern auch gefährlich sei. Kants politische Botschaft ist deutlich und radikal: Unsere Unfähigkeit, erwachsen zu werden, ist nicht – oder nicht nur – unsere Schuld. Die uns umgebenden sozialen Strukturen sind dazu konzipiert, uns infantil zu halten. Schließlich geht von mündigen Bürgern immer ein gewisses Risiko aus. Die staatliche Kontrollsucht geht Hand in Hand mit unserem eigenen Verlangen nach Bequemlichkeit – auf diese Weise werden Konflikte minimiert.

Welche Art von Bevormundung hatte Kant im Sinn? Kant lebte im feudalen Zeitalter, als sogar aufgeklärte Herrscher paternalistisch waren – und „paternalistisch“ noch keine negative Bedeutung hatte. Es ist leicht zu erkennen, wie feudale Strukturen ihre Untertanen bevormunden. Wer allerdings glaubt, dass westliche Demokratien mit dergleichen nichts zu tun haben, hat wohl Alexis de Tocquevilles Warnung über die Macht der öffentlichen Meinung in marktdominierten Gesellschaften vergessen. De Tocqueville schrieb, dass die Diktatur der öffentlichen Meinung „den Körper freilässt und geradewegs auf die Seele losgeht“. Doch wie schafft es eine moderne demokratische Gesellschaft, uns zu bevormunden, ohne dafür auf die paternalistischen und autoritären Maßnahmen von Kants Zeitgenossen zurückzugreifen?

Bevormundung in modernen Gesellschaften

Denkt man einmal daran, was es bedeutet, für ein Kleinkind zu sorgen, mag auffallen, dass es – wenn auch anstrengend – prinzipiell nicht besonders schwer ist. Ein Baby, das gerade gelernt hat, auf die Welt einzuwirken, indem es Hand und Auge miteinander koordiniert, greift manchmal nach den falschen Dingen: nach der Brille des Vaters, den Ohrringen der Mutter oder nach dem auf dem Küchentisch liegengebliebenen Messer. Dabei ist es so einfach, es davon abzulenken! Man muss ihm nur etwas anderes in den Weg legen – ein Schlüsselbund reicht normalerweise schon aus – und das Baby wird die verbotenen Objekte vergessen. Mit den Jahren wird es zunehmend schwieriger, es abzulenken, aber das Prinzip bleibt das gleiche.

„Es nahmen sich Millionen mehr US-Amerikaner die Zeit, Kim Kardashians Gesäß anzugucken, als zu den Zwischenwahlen zu gehen.“

Wie oft hat man sich schon beim gemeinsamen Gang durch den Supermarkt darum bemüht, seinem dreijährigen Kind zu erklären, dass Essen vor Verzehr erst bezahlt werden muss, dass die Entscheidung für manche Lebensmittel klüger ist als für andere und dass Verpackungen über ihren Inhalt täuschen können? Man tut sein Möglichstes, um seinem Kind die komplexen Regeln sozialer Interaktion zu vermitteln, die es braucht, um sich in einer Stadt des 21. Jahrhunderts ernähren zu können. Hat man dann endlich die Kassenschlange erreicht, leuchten seine Augen ob des grell verpackten Nahrungsmülls, der ausgerechnet auf Augenhöhe eines Kindes platziert wurde, dessen Fähigkeit, Belohnungen aufzuschieben, in der letzten halben Stunde sowieso schon stark strapaziert worden ist. Wie jetzt das Kind ablenken? Manches funktioniert bei dem einen Kind, was beim anderen nicht funktioniert, manches ist tagesabhängig: Manchmal tut es ein entschlossenes Nein und die Erinnerung, dass es gleich zum Spielplatz geht. Ein anderes Mal reicht eine Banane oder die Wiederholung der Regel, dass Dinge vor ihrem Verzehr bezahlt werden müssen. An schlechten Tagen mag man mit einem Wutanfall reagieren oder man gibt nach und erwirbt die begehrte Süßigkeit. Wichtig ist, dass Ablenkung ein wesentliches Merkmal aller Erziehungsstile ist – sehr autoritäre Eltern, die keine Skrupel vor Gewaltanwendung haben, mal ausgenommen.

Ältere Menschen von ihrem Objekt der Begierde abzulenken, gestaltet sich ein bisschen komplizierter, allerdings wird noch jede potentielle Schwierigkeit dadurch ausgeglichen, dass es nahezu endlose Möglichkeiten der Ablenkung gibt – seit der Erfindung des Internets wahrscheinlich tatsächlich unendlich viele. Obwohl es spezielle Apps gibt, die Ablenkung durch das Internet verhindern sollen, nahmen sich Millionen mehr US-Amerikaner die Zeit, Kim Kardashians Gesäß anzugucken, als zu den Zwischenwahlen zu gehen. Europäer sollten sich angesichts dieser Tatsache jedoch nicht selbstzufrieden zurücklehnen: Datenverkehrsstatistiken bezeugen, dass auch sie sich unglaublich viel mit Kim Kardashian beschäftigten anstatt, z.B. Thomas Piketty zu lesen.

Nicht, dass wir uns hier missverstehen: Tatsächlich habe ich diese Woche Thomas Piketty gelesen, ebenso schaute ich aber Kim Kardashian mit fasziniertem Entsetzen zu. Ich werde ebenso abgelenkt wie jeder andere auch. Meine Kinder sagen mir, ich könne keinesfalls die Abgründe der zeitgenössischen Kultur verstehen, weil ich keine sozialen Medien benutze. Da haben sie sicher Recht, aber es gibt schon genug Zerstreuung, auch ohne soziale Medien. Dank der zunehmenden Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes fallen mir passive Ablenkungen nur noch auf, wenn sie abwesend sind. Die Abwesenheit von Werbung in Havanna war eine köstlich-verwirrende Erfahrung und auch eine schmerzhafte, weil es nicht mehr lange so bleiben wird.

„Alles Wissen der Welt ist kein Ersatz für den Mut, den wir aufbringen müssen, um das eigene Urteil anzuwenden.“

Selbst jemand, der Konsum und Technologie auf ein Mindestmaß reduziert hat, wird sich mit vielseitigen Ablenkungen konfrontiert sehen. Als mein Computer zu stottern anfing – also gemäß seiner Programmierung, wie er nach Ablauf der Garantie funktionieren soll –, habe ich mich endlich dazu gebracht, mir einen Ersatz zuzulegen. Aber es wurden neue Funktionen hinzugefügt oder im Sinne einer Optimierung verändert, sodass ich Handlungen, die ich inzwischen auswendig konnte, wieder verlernen musste. Wenn man all die Stunden summieren würde, die wir damit verbringen, unsere Geräte aufzurüsten– wie man den neuen Wecker einstellt, wie man mit dem neuen Ofen bäckt, wie man Nachrichten auf dem neuen Smartphone oder Bilder auf der neuen Kamera abspeichert –, würden dann nicht genügend Stunden zusammenkommen, um in dieser Zeit genug Nahrung für alle hungernden Kinder der Welt zu produzieren oder vielleicht ein Heilmittel gegen Krebs zu finden?

Erwachsenwerden als subversives Ideal

Die vielen Entscheidungen, die wir täglich treffen müssen, und die vielen Optionen, die wir ausschließen müssen, lassen uns leicht vergessen, dass wir die wirklich wichtigen Entscheidungen gar nicht in unserer Hand haben. Es bedurfte der Berechnung der 17‑jährigen Malala, um herauszufinden, dass die Profite der Rüstungsindustrie in einer Zeitspanne von acht Tagen ausreichen würden, alle Kinder weltweit für zwölf Jahre zur Schule zu schicken. Die meisten von uns werden angesichts dieser Zahlen Wut verspüren, doch wer weiß schon, wie sich diese Wut in sinnvolles Handeln übersetzen lässt? Das wäre tatsächlich eine Frage für Erwachsene. Stattdessen sind wir damit beschäftigt, ständig irgendwelches Spielzeug zu horten und damit rumzuspielen. Selbstverständlich werden Smartphones nie als Spielzeug wahrgenommen, sondern als für unser erwachsenes Leben unabdingbares Werkzeug. Doch verglichen mit den wirklich wichtigen Fragen ist die Beschäftigung mit Smartphone-Modellen und Handytarifen wirklich ein Kinderspiel.

Die Smartphones sind natürlich nur ein beliebiges Beispiel. Zerstreuung – ob durch gutes Essen oder eben das neueste Hightech-Spielzeug – ist nicht per se schlecht. Das Problem besteht darin, dass durch sie falsche Bedürfnisse erzeugt werden, von denen wir abhängig werden. Die Freude am Kauf des neusten Smartphones ist kurzlebiger als die Verwirrung und Hilflosigkeit, die uns bei einem niedrigen Batteriestand ereilt. Selbst Menschen wie mir, die sich nur langsam an die neuen Technologien gewöhnen, fällt die Erinnerung an das Leben davor schwer. Die Mächtigen fördern diese Abhängigkeit und kultivieren Luxusbedürfnisse, um uns vom Nachdenken über die wahren Lebensbedingungen abzulenken. Jederzeit kann man in einen beliebigen Elektronikfachhandel spazieren und sich aus einem schwindelerregenden Angebot an Smartphones eines aussuchen. Wie viele Wahlmöglichkeiten hat man aber, wenn es um die Regierung geht, die uns repräsentieren soll, oder um die Unternehmen, in deren Schuld sie steht?

Abgesehen vom Smartphone-Beispiel finden wir das alles schon bei Rousseau, dem Philosophen, der Kant am meisten beeinflusst hat. In Anbetracht all der Kräfte, die sich gegen das Mündigwerden richten, verwundert es nicht, dass Kant das Erwachsenwerden eher als eine Sache des Mutes denn als Wissensproblem begriff: Alles Wissen der Welt ist kein Ersatz für den Mut, den wir aufbringen müssen, um das eigene Urteil anzuwenden. Urteilsvermögen ist von erheblicher Bedeutung, denn keine wirklich wichtige Frage kann durch ein vorher festgelegtes Prinzip beantwortet werden – allerdings kann Urteilsvermögen durch die Beobachtung anderer erlernt werden. Noch wichtiger ist es, den Mut aufzubringen, mit den Rissen umzugehen, die unser Leben unweigerlich durchziehen, egal, wie gut es uns oft erscheinen mag. Die Ideale der Vernunft schreiben uns vor, wie die Welt zu sein hat, aus Erfahrung wissen wir jedoch, dass die Welt in Wirklichkeit selten so ist. Erwachsen zu werden heißt, sich dieser Diskrepanz zwischen Realität und Ideal zu stellen, ohne dabei eines von beiden aufzugeben. Dieser Balanceakt ist genauso schwer, wie er sich anhört. Doch nur durch ihn können wir erfahren, dass es beim Mündigwerden nicht – wie oft behauptet – um Resignation geht, sondern dass das Erwachsenwerden an sich ein subversives Ideal ist.