13.03.2015

Die Wahrheit über den Zionismus

Essay von Brendan O’Neill

Der derzeitige Abscheu vor Zionisten ist alles andere als fortschrittlich. Ein differenzierter Blick auf die Geschichte von Zionismus und Antizionismus hilft bei der Einordnung. Bei beidem hat auch der Westen eine problematische Rolle gespielt

Israelkritiker behaupten oft, dass man Antizionist sein kann, ohne Antisemit zu sein. Sie haben Recht. Eine Ideologie zu kritisieren, ist nicht dasselbe wie den Hass gegenüber einer Menschengruppe zu artikulieren. Aber während Widerspruch gegen Zionismus völlig legitim ist, lautet die interessante Frage, was die Politik des Antizionismus heute motiviert. Kritik am „zionistischen Staat“ Israel ist weit verbreitet, nicht nur in arabischen Regimen, sondern auch in den besseren Kreisen in Europa. Und die Sprache, mit der man den Zionismus angeprangert, wird heftiger.

Der australische Autor John Pilger nennt den Zionismus „eine expansionistische, gesetzeswidrige und rassistische Ideologie“ [1]. Andere sagen, der Zionismus sei anderen „rassistischen Ideologien, wie Nazismus und Apartheid“ [2] ähnlich. In ganz Europa fordern viele Studentenvertretungen an Universitäten und linksradikale Gruppen, keine „Plattform für Zionisten“ zu bieten, und zwar auf der Basis, dass sie „rassistisch“, „kolonialistisch“ und sogar „faschistisch“ seien. [3]

Die unermüdliche Konzentration auf den Zionismus als die angeblich widerlichste Form des Kolonialismus und die widerlichste rassistische Ideologie in der Welt geht so weit, dass Antizionisten oft westliche Regierungen heranziehen – die Erfinder des modernen Kolonialismus –, um den Zionisten eine Lektion zu erteilen. Anti-Israel-Aktivisten fordern US-Präsident Barack Obama auf, die Zionisten „unter Kontrolle“ zu kriegen. In Großbritannien haben radikale Linke sich an die Regierung gewandt, um den israelischen Botschafter wegen der Verbrechen seines Heimatlandes aus dem Land zu weisen. [4] Das heißt, dass sogar die britischen Machthaber, die in den Irak und in Afghanistan einmarschiert sind und als erste den Zionismus für „perfide“ kolonialistische Zwecke genutzt hatten [5], als weniger schlimm gelten als die bösen Zionisten.

„Es liegt kaum etwas Fortschrittliches in der derzeitigen Mehrheitspolitik des Antizionismus.“

Die Botschaft ist klar: Zionismus ist anders. Er ist böse. Er ist nicht tolerierbar. Es liegt kaum etwas Fortschrittliches in der derzeitigen Mehrheitspolitik des Antizionismus. Er wird von doppelten Standards getrieben. Er ist von mangelndem Wissen über die Vergangenheit und von politischer Richtungslosigkeit in der Gegenwart gestützt. Zionismus ist in europäischen Debatten über internationale Angelegenheiten zum Staatsfeind Nummer eins avanciert, weil er als explizitester Ausdruck dessen angesehen wird, was heute als überholt gilt: Nationalismus, Souveränität und die Vorstellung eines homogenen Volkes mit gemeinsamer Vergangenheit und gemeinsamem Schicksal. Außerdem bietet die Forderung radikaler Antizionisten, dass westliche Regierungen die Verbrechen des Zionismus in Angriff nehmen, europäischen Führern eine fantastische Gelegenheit: Sich gegen die Übel des Zionismus zu positionieren, erlaubt den zynischen Staatschefs Europas, sich von ihrer eigenen kolonialistischen und rassistischen Vergangenheit und Gegenwart reinzuwaschen und sich selbst als erhaben und weltgewandt darzustellen, als Wächter der internationalen Moral.

Die Tragödie des Zionismus

Die Behauptung, Zionismus sei eine „rassistische Ideologie“, ist krude. Sie basiert auf dem Unvermögen, zwischen Zionismus in der Theorie und dem in der Praxis zu unterscheiden. Während Zionismus in der Praxis – gerade der vom Ende des Zweiten Weltkriegs zur unübersichtlicheren Gegenwart – ohne Frage zur Vertreibung von Menschen aus ihren Häusern und der Kolonisierung Palästinas geführt hat, ist der Zionismus in der Theorie nur eine nationalistische Ideologie, wenn auch eine merkwürdige. Und wie andere nationalistische Ideologien ist er separatistisch und, ja, reaktionär – aber nicht mehr als viele andere moderne Bewegungen zur Schaffung eines Heimatstaats.

Kritiker wie Unterstützer Israels machen sich schuldig, hinsichtlich der Ursprünge und der Bedeutung des Zionismus historischen Analphabetismus zu verbreiten. Manche Anti-Israel-Aktivisten betrachten den Zionismus in stark vereinfachenden Begriffen als eine weitere Nazi-Ideologie. Unterdessen stellen Israel-Unterstützer den Zionismus als uraltes Bekenntnis dar, das sich von der Bibel herleitet, als rechtmäßige Erfüllung eines 2000 Jahre alten Traums, für Juden ein Heimatland auf dem Gebiet des historischen Palästina zu errichten. Tatsächlich ist der Zionismus eine moderne Bewegung, nicht von biblischen Träumen zusammengehalten, sondern von dem verzweifelten Wunsch, den Folgen des Antisemitismus in der dekadenten kapitalistischen Gesellschaft zu entkommen.

Theodor Herzl (1860–1904) gilt manchen als der „Vater des modernen politischen Zionismus“ [6]. Der in Ungarn geborene jüdische Journalist schrieb 1896 Der Judenstaat. Dabei handelte es sich um ein feuriges politisches Traktat, das als Antwort auf einen plötzlichen Aufschwung des Antisemitismus in Europa argumentierte, dass die Juden sich niemals vollkommen in die Mehrheitsgesellschaft assimilieren könnten und deshalb ihren eigenen Sonderstaat gründen müssten, um überleben und gedeihen zu können. Herzl und andere neuzionistische Denker – die namhaftesten unter ihnen Moses Hess und Max Nordau – übernahmen die Führung der frühen zionistischen Bewegung am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts und wollten Unterstützung für ihren Gedanken gewinnen, Juden von Nichtjuden zu trennen.

Wie Nathan Weinstock in seinem Buch Zionism: False Messiah (1979) (deutsch etwa: Zionismus: Falscher Messias) darlegt, war der frühe Zionismus eine Lehre mit der „Unvereinbarkeit von Juden und Nichtjuden“ als Ausgangspunkt, die die „massive Auswanderung in ein unterentwickeltes Land mit dem Ziel, einen jüdischen Staat aufzubauen“, befürwortete. Diese neue Bewegung führte zwar alte jüdische Vorstellungen von einer „Rückkehr nach Zion“ und in das „Heilige Land“ in Palästina an, Vorstellungen, die bis zum späten 19. Jahrhundert eher religiöse Sentimentalitäten oder Beschwörungen darstellten, weniger maßgebliche politische Ziele. Tatsächlich war der Zionismus eine sehr moderne Bewegung, die Weinstock zufolge angesichts offener und hasserfüllter Formen des Antisemitismus im Europa der Jahrhundertwende gegründet wurde. Er schreibt: „Jüdischer Nationalismus, vor allem seine zionistische Variante, war ein komplett neues Konzept, geboren aus dem soziopolitischen Kontext Osteuropas im 19. Jahrhundert“. [7]

In Die jüdische Frage. Eine marxistische Darstellung (zuerst 1946 auf Französisch erschienen), dem wahrscheinlich besten Text des 20. Jahrhunderts über das Dilemma der Juden, hat Abraham Léon in ähnlicher Weise die moderne, reaktive Natur des politischen Zionismus analysiert. Diese Bewegung wurde „geboren im Widerschein zweier Ereignisse […]: der russischen Pogrome des Jahres 1882 und der Dreyfus-Affäre [ein antisemitischer politischer Skandal im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts]“, schreibt Léon, Geschehnisse, „die Ende des 19. Jahrhunderts die zunehmende Verschärfung des jüdischen Problems widerspiegelten“. [8]

„Das Aufkommen antisemitischer Pogrome im Osten und die Zunahme antisemitischer Stimmungen im Westen formten die Bedingungen für das Entstehen des Zionismus“

Sowohl in West- als auch in Osteuropa hat sich Léon zufolge die unvorhersehbare und regelmäßig zerstörerische Natur der kapitalistischen Entwicklung besonders schwer auf die jüdischen Gemeinschaften ausgewirkt. In Russland machte „[d]ie schnelle Kapitalisierung der russischen Wirtschaft nach der Reform von 1863 […] die Situation der jüdischen Massen in den Kleinstädten unerträglich [die sich ihren Lebensunterhalt auf feudalistische Weise verdienten]“. Und in Westeuropa „begannen die Mittelklassen, von der kapitalistischen Konzentration zerrieben, sich gegen das jüdische Element zu wenden, dessen Konkurrenz ihre Situation verschärft“ [9]. Das folgende Aufkommen antisemitischer Pogrome im Osten und die Zunahme antisemitischer Stimmungen im Westen formten laut Léon die Bedingungen für das Entstehen des Zionismus – eine Bewegung, die „beansprucht […], [ihren] Ursprung in einer mehr als zweitausendjährigen Vergangenheit zu haben“, die aber tatsächlich „eine Reaktion gegen die für die Juden so verhängnisvolle Verknüpfung feudalistischer und kapitalistischer Auflösungstendenzen ist.“ [10]

Der politische Zionismus blieb aber unter den europäischen Juden des frühen 20. Jahrhunderts eine ziemlich marginale Bewegung. Ihm wurde von zwei anderen Strömungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaften entgegengewirkt: Assimilierte der Mittelklasse, die noch daran glaubten, dass sie in der kapitalistischen Massengesellschaft ihr Glück machen könnten, und, viel wichtiger, eine wachsende sozialistische Bewegung innerhalb der Arbeiterklasse, die auch die Juden der Arbeiterklasse einschloss.

Viele Sozialisten des frühen 20. Jahrhunderts – sowohl Nichtjuden als auch Juden – sprachen sich gegen Antisemitismus wie Zionismus aus. Sie beschrieben den Antisemitismus, in den Worten des deutschen Sozialisten August Bebel, als den „Sozialismus der dummen Kerls“, wo jüdische Gemeinschaften als Sündenböcke für das Versagen und die Krisen des Kapitalismus herhalten mussten. [11] Und sie betrachteten den Zionismus als eine nicht akzeptable Einigung mit dem Antisemitismus, da er ebenfalls die Juden als eine Rasse behandelte, als ein merkwürdiges Volk, das idealerweise von der Mehrheitsgesellschaft getrennt werden sollte.

Sozialisten haben den dem Zionismus innewohnenden defätistischen und fatalistischen Anstrich erkannt, nämlich dass diese Ideologie implizit auf dem Gedanken fußt, dass die Gesellschaft niemals grundsätzlich verändert werden kann. Deshalb müssten die Juden sich, sollten sie irgendeine Hoffnung hegen, zu prosperieren oder einfach nur zu überleben, sich selbst aus dieser Gesellschaft entfernen. Jüdische und nichtjüdische Sozialisten haben darauf hingewiesen, dass der Zionismus die Möglichkeit einer echten Veränderung, einer Revolution, die Möglichkeit künftiger Gleichheit und von Wohlstand für alle verweigert.

„Bei den europäischen Juden wurde Zionismus zum Nutznießer des politischen Verfalls wie des Kriegsausbruchs und des Genozids“

In den 1920er Jahren wirkte der Zionismus wie ein exzentrischer Minderheitenglaube. Im revolutionären Russland nach 1917, wo einst der Zar den Antisemitismus dafür instrumentalisiert hatte, die Arbeiter zu spalten, nahmen Juden wie Leo Trotzki verantwortungsvolle Machtpositionen ein. Die revolutionäre Regierung erklärte die Religionsfreiheit für alle und schaffte frühere Einschränkungen für Juden hinsichtlich Bildung und Aufenthaltsrecht ab. Einzelne oder Meuten, die Juden angriffen, wurde schwer bestraft. [12] Inzwischen wanderten Juden weiterhin in westliche Länder aus und zeigten damit ihre Überzeugung, dass sie sich dort, trotz aller Übel des Antisemitismus, ein besseres Leben aufbauen könnten. 1927 sind mindestens so viele Leute aus Palästina emigriert – namentlich von Herzl und anderen Zionisten als der Ort genannt, an dem Juden sich selbst aus der Welt entfernen sollten –, wie dorthin eingewandert sind. [13] Politischer Zionismus sah nach Verliererkarte aus.

Was hat sich also verändert? Wie konnte der Zionismus unter den drei gedanklichen Strömungen bei den europäischen Juden erfolgreich werden? Er wurde zum Nutznießer des politischen Verfalls wie des Kriegsausbruchs und des Genozids.

Die Strömung der jüdischen Assimilation, wo die Juden der Mittelschicht selbstbewusst daran glaubten, sie könnten in der europäischen Gesellschaft gedeihen, wurde von der unnachgiebigen Intensivierung des Antisemitismus in den 1920er und 1930er Jahren zerstört. Als sich die Krise der kapitalistischen Gesellschaft in Folge der russischen Revolution von 1917 und des Trends zu ökonomischer Rezession vertiefte, kam es in West- und Osteuropa zu einer heimtückischen rechten Gegenreaktion. Ziel dieser Gegenreaktion waren die Organisationen der Arbeiterklasse, sie zeigte aber auch ihren Zorn über die Juden, von denen behauptet wurde, sie wären der Hauptgrund für die „bolschewistische Verschwörung“ und den wirtschaftlichen Niedergang. Mit der Verbreitung des Nazismus im Europa der 1930er und 1940er Jahre und der Entscheidung, die Vernichtung der Juden auf die Ebene der Regierung zu heben, verlor die Idee von der jüdischen Assimilierung ihre gesamte Glaubwürdigkeit.

Unterdessen erlitt der positivste Strang, der Sozialismus – dessen jüdische Anhänger sich einfach weigerten, sich in die kapitalistische Gesellschaft zu assimilieren oder sich absichtlich davon fern hielten – in den 1920er und 1930er Jahren unzählige Rückschläge. Attacken auf die Arbeiterklasse in Europa und der schleichende Niedergang Russlands unter den Stalinisten versetzten dem Ideal des Internationalismus und der sozialistischen Solidarität gemeinsam einen schweren Todesstoß. In den späten 1920er Jahren war die Solidarität der Arbeiterklassen mit den Juden zurück- und sogar in neue Formen des Antisemitismus übergegangen. Vorurteile gegen Juden waren in Stalins Sowjetunion gewachsen. Bis 1930 hat sich die Deutsche Kommunistische Partei sogar schamhaft geweigert, ihre jüdischen Anführer öffentlich sprechen zu lassen, aus Furcht, dass solch ein Spektakel die Nazis aufregen könnte. Die deutschen Kommunisten brachten stattdessen feige nur „Nicht-Juden“ zu öffentlichen Diskussionen. [14]

„Zionismus ist kein altes Bekenntnis oder eine prinzipiell rassistische Ideologie, sondern das Ergebnis komplexer historischer Zwänge und der Erfahrung einer grundsätzlichen politischen Niederlage“

Unter diesen Umständen war es möglich, dass der Zionismus – begründet im späten 19. Jahrhundert, aber im frühen 20. Jahrhundert ziemlich marginal – für die europäischen Juden attraktiv wurde. Schikaniert von Regierungen und vom Sozialismus desillusioniert, haben viele Juden verständlicherweise die von den Zionisten angebotene Sicherheit und Gewissheit akzeptiert, die vollständige Abspaltung. Das ist die Tragödie des Zionismus. Er entstand als Reaktion auf den Antisemitismus des späten 19. Jahrhunderts und wurde durch die Intensivierung des Antisemitismus und den Niedergang der Linken in den 1920er und 1930er Jahren beliebter. Der Erfolg des Zionismus bei europäischen Juden war eine Antwort auf den Verfall der kapitalistischen Gesellschaft und das Versagen der Linken, den Internationalismus aufrechtzuerhalten.

Da die Assimilation in Verruf geraten und der internationale Sozialismus offensichtlich erschöpft war, haben die europäischen Juden sich dem Antisemitismus wirksam angepasst und nicht versucht, ihn zu bekämpfen. Der Zionismus basierte auf der Überzeugung, dass für Juden in einer nichtzionistischen Gesellschaft kein Platz ist, da, in den Worten des frühen zionistischen Denkers Leo Pinsker, der Antisemitismus unüberwindbar ist. Er ist „angeboren“, eine „Krankheit“, die seit „zweitausend Jahren [...] unheilbar“ [15] ist. Also müssten die Juden sich selbst abschotten. In diesem Sinne weist der Zionismus den Gedanken zurück, dass der Antisemitismus bekämpft und überwunden werden kann, und verleiht tatsächlich der Sichtweise Akzeptanz, dass die Juden irgendwie unnormal sind. Das ist ein guter Grund, gegen den Zionismus zu sein. Aber er ist kein altes Bekenntnis oder eine prinzipiell rassistische Ideologie, sondern das Ergebnis komplexer historischer Zwänge und der Erfahrung einer grundsätzlichen politischen Niederlage.

Zionismus und Imperialismus

Diejenigen, die heute behaupten, dass der Zionismus „eine expansionistische, gesetzeswidrige und rassistische Ideologie“ sei, verdrehen die Tatsachen. Es stimmt, dass der Zionismus sowohl vor als auch – vor allem – nach dem Zweiten Weltkrieg von imperialistischen Kräften abhängig war, um seine Träume von einem jüdischen Heimatland wahr werden zu lassen. Der Grund ist, dass der Zionismus implizit mit der imperialistischen Zeit verbunden war, und es gab mächtige Kräfte im Westen, besonders Großbritannien und die USA, denen daran gelegen war, den Zionismus für politische Zwecke zu verwenden. Derzeit haben wir aber, was man einen „defensiven Zionismus“ nennen könnte – eine Form des Zionismus, die weniger an Expansion interessiert ist als am Rückzug hinter eine Sicherheitsmauer. Dieser Zionismus rechtfertigt sich weniger durch den Verweis auf künftig zu verwirklichende Träume von einem Land Zion, sondern eher durch Appelle an eine „jüdische Identität“ der Opferrolle.

In der aktuellen Politik des Antizionismus scheint es verzeihlich, den Zionismus für die einzige und die schlimmste Form des Imperialismus zu halten. Viele denken auch, dass er die westlichen Spielarten des Imperialismus antreibt. In ihrem kontroversen Text „The Israel Lobby and US Foreign Policy“ (deutsch etwa: „Die Israel-Lobby und die US-Außenpolitik“) haben die US-Autoren John Mearsheimer und Stephen Walt ein zunehmend beliebtes Argument vorgebracht: dass die US-Außenpolitik von den Erfordernissen und Bedürfnissen der Zionisten vorgeschrieben wird, dass der zionistische Staat der Schwanz ist, der mit dem Hund wedelt. [16]

Solch eine Sicht auf den „zionistischen Imperialismus“ verkennt die untergeordnete Beziehung, die der Zionismus zum Imperialismus immer hatte. Es stimmt, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die zionistische Bewegung ihr Heimatland Israel nur dank der Hilfe und Unterstützung mächtiger westlicher Staaten schaffen, gründen und erhalten konnte. Das zeigt aber eher, dass es die Zionisten sind, die vom Imperialismus abhängig sind, und dass weniger der Imperialismus seinerseits dem Zionismus und den Juden verpflichtet wäre.

Abraham Léon hat überzeugend dargelegt, dass den Zionismus von anderen bürgerlichen nationalistischen Ideologien kein eingebauter Rassismus oder eine integrierte Gesetzeswidrigkeit unterscheidet [17], sondern vielmehr seine Entstehungsbedingungen. Während die meisten bürgerlichen nationalistischen Projekte entstanden, als der Kapitalismus in überlegener Stellung war, was den Wunsch der neuen kapitalistischen Eliten ausdrückte, die „nationalen Grundlagen der Produktion“ auszuhöhlen und schließlich den „Feudalismus zu beseitigen“, entstand der Zionismus, als der Kapitalismus sich in einer Krise und im Abstieg befand.

Léon schrieb: „Weit davon entfernt, Ergebnis der Entwicklung der Produktivkräfte zu sein, ist der Zionismus gerade Konsequenz des totalen Stillstands der Entwicklung, das Resultat der kapitalistischen Erstarrung. Während die nationale Bewegung das Ergebnis der Entfaltung des Kapitalismus ist, ist der Zionismus ein Produkt der imperialistischen Ära“. [18]

„Erst mit Einsetzen von Krise und Niedergang des Kapitalismus begannen Juden, die ‚nationale Bewegung‘ anzunehmen“

Tatsächlich weist Léon darauf hin, dass zu der Zeit, als die bürgerlichen nationalen Bewegungen wuchsen, Juden dazu tendierten, einer Assimilationshaltung beizupflichten. Der Kapitalismus war damals relativ stabil, der Antisemitismus daher eher schwach, und deshalb sahen sie sich als Teil von bereits existierenden Gesellschaften und nicht als auf nationaler Ebene von ihnen separiert. Erst mit Einsetzen von Krise und Niedergang des Kapitalismus, einmal im späten 19. Jahrhundert und dann viel schrecklicher in den 1920er und 1930er Jahren, begannen Juden, die „nationale Bewegung“ anzunehmen. Ihr Nationalismus ist ein Produkt des Kapitalismus (und des imperialistischen Zeitalters) im Niedergang und nicht des Kapitalismus im Aufwind. Der Zionismus hatte mehr Gemeinsamkeiten mit den kleineren, rückständigeren nationalen Bewegungen, die ebenfalls im frühen 20. Jahrhundert entstanden waren, etwa den aus dem Untergang Österreich-Ungarns entsprungenen, als mit dem klassischen Nationalismus – ihm fehlte sogar einiges ihrer historischen Vorgeschichte.

Folglich würde sich das Projekt eines zionistischen Staats nicht durch Juden verwirklichen lassen, die unabhängig agieren, um ihren eigenen bürgerlichen Nationalstaat zu gründen, sondern eher durch die Intervention und die Unterstützung imperialistischer Mächte. Léon hat erkannt, dass genau die Umstände, die den Zionismus hervorgerufen haben, auch seine Verwandlung in ein erfolgreiches Staatsprojekt nahezu verunmöglichten. „Der Niedergang des Kapitalismus, Grundlage für das Wachstum des Zionismus, ist auch die Ursache für die Unmöglichkeit seiner Verwirklichung“, schrieb er in den frühen 1940er Jahren. „Das jüdische Bürgertum ist verpflichtet, mit allen Mitteln einen eigenständigen Nationalstaat zu schaffen und den objektiven Rahmen für die Entfaltung seiner Produktivkräfte zu sichern – und das zu einer Zeit, wo die Bedingungen einer solchen Entwicklung längst vorüber sind“. [19]

Er stellt scharfsinnig fest, dass der Zionismus nur mit Unterstützung des Imperialismus einen Staat gründen kann und folgert acht Jahre vor der Gründung Israels: „Man kann natürlich einen relativen Erfolg des Zionismus nicht ausschließen, derart etwa, dass eine jüdische Mehrheit in Palästina entsteht. Denkbar wäre sogar die Bildung eines ‚jüdischen Staates‘, d.h. eines Staates unter der vollständigen Herrschaft des englischen oder amerikanischen Imperialismus“. [20]

Das ist es, was eingetreten ist. Die Zionisten haben, zunächst mit der Unterstützung von Großbritannien und später mit der von den USA, den relativen Erfolg Israels erreicht. Seit seinen Anfängen war der Zionismus gezwungen, äußere Mächte um Hilfe für sein „nationales Befreiungsprojekt“ für Juden zu bitten. Eine Studie formuliert es so: „Von Anfang an war der Zionismus davon abhängig, dass europäische Mächte seine kolonialen Siedlerziele finanzierten“. [21] Frühe Zionisten sprachen gezielt den Wunsch der imperialistischen Mächte an, ihren Einfluss auf der ganzen Welt zu zementieren und zu verbreiten. Genau Anfang des 20. Jahrhunderts hat Herzl in einer seiner vielen Diskussionen mit der britischen Regierung versprochen, dass sein jüdischer Staat „ein Teil des Bollwerks der Europäer gegen Asien sein würde, ein Außenposten der Zivilisation im Gegensatz zur Barbarei“. [22]

„Großbritannien hat Juden die Einwanderung in ihr Territorium in Palästina erlaubt, um die Juden als ‚Gegengewicht gegen die Araber‘ zu nutzen“

Das reizte das Interesse imperialistischer Mächte, vor allem in Großbritannien. Die der extrem jungen Bewegung des Zionismus innewohnende Schwäche und Künstlichkeit auf der einen und die Ambitionen des britischen Empire auf der anderen Seite führten dazu, dass Großbritannien Elemente des zionistischen Anliegens übernahm. In den 1910ern und 1920ern, als der Zionismus unter den europäischen Juden immer noch relativ marginal war, hat Großbritannien Juden die Einwanderung in ihr Territorium in Palästina erlaubt, Léon zufolge vor allem als ein Weg, um die Juden als „Gegengewicht gegen die Araber“ zu nutzen. Großbritanniens Hauptinteresse war es, Juden in Palästina anzusiedeln (aber nicht zu viele), um dem „arabischen Nationalismus“ etwas an die Seite zu stellen. [23] 1917 wurde mit der Balfour-Deklaration zum ersten Mal festgestellt, dass das britische Empire das Ziel eines jüdischen Staats in Palästina anerkennt.

Winston Churchill, damals Kabinettsminister, legte die Gründe Großbritanniens für ein Interesse am zionistischen Projekt wie folgt dar: „Ein jüdischer Staat unter dem Schutz der britischen Krone [...] wäre unter jedem Gesichtspunkt von Vorteil und stünde im Einklang mit den wahrhaftigsten Interessen des britischen Empires“. [24]

Nach dem Zweiten Weltkrieg, mit dem Rückhalt der Autorität der jüdischen Erfahrung des Holocaust, haben erst Großbritannien und später die USA die Schaffung eines jüdischen Staats in Palästina unterstützt. Jüdische Guerillas haben mit britischen Kräften gekämpft, um das britische Mandat über Palästina zu beenden und die Schaffung eines jüdischen Staats zu beschleunigen. Mit der politischen, ökonomischen und militärischen Rückendeckung der USA von den 1950er Jahren an wurde das zionistische Projekt in Palästina so etwas wie ein Außenposten des westlichen Imperialismus. Der Mittlere Osten wurde die Schlüsselarena des Kalten Kriegs, mit Israel als Gendarm des Westens gegen den von der Sowjetunion unterstützten arabischen Nationalismus.

Weit davon entfernt, ein besonders böses oder hinterlistiges Projekt zu sein, hatte die Verwirklichung zionistischer Ziele in Palästina doch viel mit dem westlichen Kolonialismus im Allgemeinen gemeinsam. Sie bedeutete, dass Menschen von ihrem Land vertrieben wurden und dass umstrittenes Territorium besetzt wurde. Diese Dinge ereigneten sich nicht als Folge einer besonders gesetzlosen oder rassistischen Ideologie, sondern als Zusammenspiel von entstehendem jüdischem Nationalismus im Europa des 20. Jahrhunderts und der Ausnutzung dieses Nationalismus durch imperialistische Kräfte, die daran interessiert waren, ihren Einfluss im unbeständigen Nahen und Mittleren Osten zu erhalten und zu vergrößern.

Die derzeitige Meinung, dass die Zionisten die USA und andere westliche Staaten in der Hand hätten [25], interpretiert die Lage genau falsch herum. Wegen seiner eigentümlichen Ursprünge war der Zionismus tatsächlich immer vom Imperialismus und dessen Macht und Zielstellung abhängig und imperialistische Mächte waren regelmäßig willens, dies auszunutzen. In jüngerer Vergangenheit, vor allem seit dem Ende des Kalten Krieges, sind westliche Mächte bereitwilliger geworden, Israel zu schelten und es sogar mit Bedrohungen und Sanktionen zu bestrafen, wie sich etwa in der Warnung von US-Außenminister John Kerry an Israels Führung beobachten ließ, ein neues Friedensabkommen zu unterzeichnen. Die Zionisten bleiben westlicher Macht verpflichtet.

Defensiver Zionismus

Die Schaffung eines zionistischen Staats hat die „jüdische Frage“, die Frage nach dem Platz der Juden in der heutigen Gesellschaft, nicht gelöst. Sie hat sie nur verdrängt und in vielerlei Hinsicht intensiviert. Leo Trotzki hat 1940, acht Jahre vor der Gründung Israels, davor gewarnt, dass sich die „künftige Entwicklung militärischer Ereignisse Palästina in eine blutige Falle für einige hunderttausend Juden verwandeln könnte“. [26] Tragischerweise bedeutet die Schaffung eines „besonderen Orts“ für Juden nicht nur eine Anpassung an den westlichen Antisemitismus des 20. Jahrhunderts. Es hat auch die Haltung einiger Menschen verstärkt, dass Juden seltsam, zurückgezogen und anders als wir anderen sind.
Derzeit ist die Debatte über den Zionismus gänzlich vom Wissen über seine historischen Ursprünge oder vom Verständnis seiner veränderlichen, 100 Jahre alten Beziehung mit dem Imperialismus losgelöst. Sie ist auch gänzlich von jeglicher humanistischen Diskussion über den Platz der Juden im 20. und 21. Jahrhundert entfernt. Stattdessen ist das Z-Wort zum billigen und bequemen Codewort für „böse“, für Boshaftigkeit geworden. Das liegt daran, dass sich die derzeitige antizionistische Politik nicht auf einer Anerkennung der Geschichte oder einer sinnvollen Solidarität entweder mit den Juden oder den Palästinensern gründet, sondern dass sie ein Ventil zum Ausdruck aller Arten von Unmut und, unter westlichen Funktionsträgern, zur Rückendeckung geworden ist.

Der Zionismus gilt als ein Überbleibsel der Vergangenheit des Westens, die die meisten Menschen am liebsten vergessen möchten. Zu einer Zeit, wo Souveränität nicht länger heilig ist, wo westliche Mächte ihre jeweilige staatlichen Souveränität zu so etwas wie der Europäischen Union zusammenlegen und verlangen, dass Staaten auf der ganzen Welt sich dem Verhör durch die „internationale Gemeinschaft“ öffnen, ist der Zionismus eine hässliche Erinnerung an ein kraftvolles, immer noch ungelöstes Souveränitätsprojekt. Zu einer Zeit, wo westliche Mächte ihre militärischen Unternehmungen zynisch als Verleugnung ihres Eigeninteresses beschreiben – offenbar kämpfen sie für die humanitäre Besserstellung belagerter Völker auf der ganzen Welt –, wird der militärische Einsatz der Zionisten, um ihrem Existenzrecht Ausdruck zu verleihen und ihre Grenzen zu stabilisieren, missbilligt. In unserer Zeit des Multikulturalismus, wo westeuropäische Regierungen das Hohelied der Mischung kultureller Identitäten singen (während sie ihre Grenzen für die falsche Art der kulturellen Identität entschieden geschlossen halten), wird der Wunsch der Zionisten, ihren jüdischen Staat zu erhalten, als Relikt des 19. Jahrhunderts angesehen. Die Ernüchterung über alte westliche Werte wird stets auf den Zionismus projiziert.

„Der Aufstieg des heutigen Antizionismus beinhaltet die Zuteilung der Schuld für Fehler des Westens“

Schlimmer noch, manche westlichen Führer bemühen sich nun darum, ihr eigenes moralisches Ansehen im Weltgeschehen wieder herzustellen, indem sie die Herausforderung der Antizionisten annehmen, Israel die Stirn zu bieten. Für mich ist das Schauspiel britischer Politiker, des französischen Präsidenten und der deutschen Führung – drei Staaten mit schlimmer imperialistischer beziehungsweise rassistischer Vergangenheit –, bei dem sie vom zionistischen Staat verlangen zu zügeln, was die UN seine „rassistische und imperialistische Ideologie“ [27] genannt hat, ekelerregend. Indem sie sich gegen den Zionismus in Position bringen, hoffen westliche Politiker, ihre koloniale und rassische Schuld auf den Nahen Osten verschieben zu können und die Zionisten zu Trägern der beschämenden westlichen Vergangenheit zu machen.

Kurz gesagt, stellen die Führungen der europäischen Staaten, deren früheres Handeln den Juden kaum eine Wahl ließ, außer dem Zionismus beizupflichten (Antisemitismus war im frühen 20. Jahrhundert, von Großbritannien über Deutschland nach Polen, weitverbreitet), nun den Zionismus als böse hin. Politik kann sich kaum degenerierter verhalten.

Wenn die Beschreibung des Zionismus als „expansionistisch, gesetzeswidrig und rassistisch“ in der Vergangenheit schon die Tatsachen verdreht hat, ist dies heute erst recht weit gefehlt. Heutiger Zionismus ist defensiv. Er stützt sich nicht auf Zukunftsvisionen, sondern auf Vorstellungen von der jüdischen Opferrolle, auf die Notwendigkeit „künftige Holocausts“ gegen Juden durch ihre verschiedenen Todfeinde aufzuhalten. Das hat eine physisch noch mehr abgeschottete Form des Zionismus entstehen lassen, wo Israel gewaltige, mit Stacheldraht bedeckte Ziegelmauern baut, um die Juden von der Außenwelt zu schützen. Das ist eine Tragödie, nicht nur für die Palästinenser, sondern auch für die Juden.

Die „jüdische Frage“ war lange von besonderer Bedeutung für Progressive, weil die Stellung von Juden in einer Gesellschaft viel über diese verrät. Während die Französische Revolution dazu beitrug, viele europäische Juden zu befreien („der Triumphzug der napoleonischen Armeen [bildete] das Signal für die Emanzipation der Juden“, so Abraham Léon), verdammte der Beginn des kapitalistischen Niedergangs Juden zu Sündenböcken und zu Vernichtung. Und während das Aufkommen des Zionismus eine tragische, defätistische Anpassung an den Antisemitismus darstellte, beinhaltet der Aufstieg des heutigen Antizionismus die Zuteilung der Schuld für Fehler des Westens. Dies ermutigt die Juden, sich noch mehr abzugrenzen, was die schlimmstmögliche Antwort auf die „jüdische Frage“ ist.