06.03.2026
Mietpreisbremse – alter Irrtum in neuem Gewand
Warum wendet sich die Wohnungspolitik in Deutschland hartnäckig gegen die Fakten?
Die Nachricht, dass erneut Verfassungsbeschwerde gegen die Mietpreisbremse eingelegt wurde, überrascht kaum. Überraschend ist vielmehr, dass wir im Jahr 2026 noch immer so tun, als handle es sich um eine offene Frage. Denn das ist sie nicht.
Die Wirkung von Mietpreisregulierungen gehört zu den am besten untersuchten Themen der Wirtschaftspolitik. Und das Ergebnis ist seit Jahrzehnten eindeutig: Mietpreisbremsen verschärfen Wohnraummangel, sie lindern ihn nicht.
Es geht hier nicht um Ideologie, nicht um „neoliberal vs. sozial“, nicht um moralische Haltungen. Es geht um Kausalzusammenhänge, die seit über hundert Jahren immer wieder beobachtet, beschrieben und empirisch bestätigt wurden.
- Eine Mietpreisbremse wirkt wie jeder Preisdeckel:
- Sie senkt nicht die Kosten der Bereitstellung.
- Sie reduziert Investitionsanreize.
- Sie verknappt das Angebot.
- Sie verschlechtert Qualität und Allokation.
Das ist keine These, sondern eine Regelmäßigkeit. Wer heute noch behauptet, Mietpreisbremsen könnten das Problem mangelnden Wohnraums lösen, argumentiert nicht gegen offene Fragen – sondern gegen einen abgeschlossenen Erkenntnisstand. Der Schutz von bestehenden Mietern, ein mitunter bemühter Einwand, verschärft die Angebotsverknappung und ist letztlich Klientelismus.
„Mietpreisregulierung führt zu weniger Neubau, zu Unterinvestition, zu Fehlbelegung, zu sinkender Mobilität – und langfristig zu genau dem, was sie angeblich verhindern soll: Wohnungsnot."
Ein besonders eindrückliches Dokument dieses Konsenses ist der Sammelband Rent Control: Myths and Realities (1981), herausgegeben von Walter Block und Edgar Olsen. Das Buch ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Theoretisch fundiert (Preistheorie, Wohnungsökonomie). Empirisch reichhaltig (USA, Großbritannien, Schweden, Frankreich u. a.). Lagerübergreifend – mit Beiträgen und Zitaten von Ökonomen, die politisch kaum weiter auseinanderliegen könnten. Zu den Autoren zählen unter anderem Milton Friedman, George Stigler, Friedrich August von Hayek – zitiert wird mit gleichem Tenor der sozialistische Ökonom Gunnar Myrdal, Sven Rydenfelt, Bertrand de Jouvenel.
Was sie verbindet, ist nicht Ideologie, sondern Ergebnis. Der Befund ist überall derselbe: Mietpreisregulierung führt zu weniger Neubau, zu Unterinvestition, zu Fehlbelegung, zu sinkender Mobilität – und langfristig zu genau dem, was sie angeblich verhindern soll: Wohnungsnot. Der Band enthält zahlreiche Abbildungen bei denen der Betrachter entscheiden kann, ob der Zustand von Immobilien und Straßenzügen Folge von Mietpreiskontrollen oder Bombenangriffen (sic!) ist.
Der Streit zwischen Ludwig von Mises und Otto Bauer über die Mietpreisbindung vor über 100 Jahren war mehr als ein ideologischer Konflikt – er drehte sich um ökonomische Wirkungen. Mises lehnte Mietpreisbindungen strikt ab, weil sie Investitionen hemmen, den Verfall der Bausubstanz beschleunigen und langfristig Wohnraummangel erzeugen. Preisdeckel im Wohnungsmarkt, so seine Einsicht, untergraben Angebot und Eigentumsrechte gleichermaßen.
Bauer hingegen verstand die Mietpreisbremse als Instrument der Umverteilung. Im „Roten Wien“ wurden niedrige Mieten bewusst genutzt, um über die Hauszinssteuer kommunalen Wohnungsbau zu finanzieren und Wohnen teilweise der Profitlogik zu entziehen. Entscheidend ist jedoch: Das Wiener Modell beruhte nicht auf einer dauerhaften Lähmung des Wohnungsmarkts durch Mietpreisfixierung, sondern auf Neubau, Finanzierung und institutionellen Lösungen.
„Wohnungsversorgung stabilisiert sich nicht durch Mietpreisbremsen, sondern dort, wo Neubau und Investitionsanreize erhalten bleiben."
Gerade darin liegt die Pointe: Wien widerlegt nicht die Kritik von Mises – es bestätigt sie. Wohnungsversorgung stabilisiert sich nicht durch Mietpreisbremsen, sondern dort, wo Neubau und Investitionsanreize erhalten bleiben. Die Antwort ist politisch, nicht analytisch.
Mietpreisbremsen:
- erzeugen sichtbare, kurzfristige Gewinner
- verschieben Kosten zeitlich und räumlich
- erlauben es Politikern, „Handlungsfähigkeit“ zu demonstrieren
Die Schäden treten verzögert ein, diffus verteilt, oft bei Gruppen ohne politische Stimme: zukünftige Mieter, mobile Arbeitskräfte, junge Familien, Zuziehende. Das macht die Maßnahme politisch attraktiv – aber ökonomisch fatal.
Man kann über Ziele diskutieren.
Man kann über soziale Ausgleichsmechanismen diskutieren.
Man kann über Wohnungsbaupolitik, Baurecht, Bodenpolitik, Transferinstrumente diskutieren.
Was man nicht mehr ernsthaft diskutieren kann, ist die Frage, ob Mietpreisbremsen geeignet sind, Wohnraummangel zu beheben. Das sind sie nicht. Das wissen wir seit langem. Und jedes weitere Experiment bestätigt nur, was längst belegt ist. Der Erkenntnisgewinn liegt nicht mehr im Ob, sondern im Warum wir es trotzdem tun.