20.06.2017

Die Mär vom amerikanischen Rassismus

Analyse von Lukas Mihr

Titelbild

Foto: John Lucia via Flickr / CC BY 2.0

Obwohl der Rassismus in den USA stetig abnimmt, behaupten deutsche Medien das Gegenteil. Eine empirische Spurensuche

Mit großer Leidenschaft wird in der deutschen Medienlandschaft regelmäßig versucht, die USA als rassistisches Land darzustellen. Zur Begründung werden etwa der Völkermord an den Ureinwohnern, Sklaverei und Rassentrennung angeführt. Fällt denn niemandem auf, dass man mit ähnlichen Argumenten, nämlich Kolonialismus und Holocaust, auch Deutschland als rassistisches Land brandmarken könnte und dass sich die Lage der Minderheiten in den letzten Jahren deutlich verbessert hat?

Aber bei dieser Erzählung stören Fakten nur. Jüngstes Beispiel: Spiegel Online berichtete, dass Minderheiten unter den Facebook-Angestellten unterrepräsentiert seien. Nur 4 Prozent von ihnen seien hispanisch und 2 Prozent schwarz. Dass aber 38 Prozent aller Angestellten Asiaten sind, erfuhr der Leser nicht. Ohnehin ist diese Verteilung nichts Ungewöhnliches – sie entspricht schlicht der Verteilung, die auch anhand der schulischen Leistungen der verschiedenen Ethnien zu erwarten wäre. Firmenchef Marc Zuckerberg taugt kaum zum Rassisten: Schließlich ist er Jude und mit einer Chinesin verheiratet.

Im Monatstakt lesen wir, dass die US-Polizei erneut einen Schwarzen aufgrund seiner Hautfarbe kaltblütig ermordet hat. So wurden 2015 und 2016 491 Schwarze erschossen. Aber welcher deutsche Zeitungsleser weiß schon, dass im gleichen Zeitraum auch 960 Weiße bei Polizeieinsätzen starben und die überwältigende Mehrheit der Erschossenen (ungeachtet der Hautfarbe) bewaffnete Kriminelle sind? Seit 1987 stieg die Zahl der Schwarzen im Polizeidienst von 9 Prozent auf 12 Prozent, die der „Hispanics“ von 4 Prozent auf 12 Prozent und die der Asiaten von 1 Prozent auf 3.5 Prozent. Dieser Trend ist nicht auf den Streifendienst beschränkt, wie der Blick auf die fünf größten US-Städte zeigt: New York und Los Angeles hatten jeweils zwei schwarze Polizeipräsidenten, Chicago sogar vier, Houston einen und Philadelphia drei.

„22 Prozent der US-amerikanischen Oscar-Gewinner der letzten 20 Jahren waren schwarz – während nur 12 Prozent der US-Bevölkerung schwarz sind.“

Schwarze würden bei der Oscarverleihung diskriminiert, heißt es. Tatsächlich aber waren 22 Prozent der US-amerikanischen Oscar-Gewinner in den Schauspielkategorien der letzten 20 Jahre schwarz – während nur 12 Prozent der US-Bevölkerung schwarz sind. Filme, die Rassismus und Sklaverei anprangern, wurden ausgezeichnet. 2008 und 2012 zählten Hollywoods Studiobosse zu Obamas wichtigsten Wahlkampfspendern.

Selbst der Wahlsieg Barack Obamas wurde in den Medien nicht als Überwindung des Rassismus gefeiert, sondern ins Gegenteil verkehrt. Angeblich habe die weiße Bevölkerungsmehrheit sich angesichts des ersten schwarzen Präsidenten marginalisiert gefühlt und radikalisiert.

Indizien für diese These finden sich genug. Im rechten und im christlich-fundamentalistischen Lager wurden die abwegigsten Verschwörungstheorien verbreitet. Obama sei in Wirklichkeit ein Kenianer, seine Wahl zum US-Präsidenten daher nicht verfassungsgemäß. Außerdem wurde er durch einen Indonesien-Aufenthalt islamisch indoktriniert und wolle ein Kalifat erschaffen. Unter Obama drohten zudem die Deportation aller Weißen in Konzentrationslager, ein Rassenkrieg, eine amerikanische Sowjetrepublik oder die Beschlagnahmung aller Schusswaffen. Auch die Gesundheitsreform sei nichts anderes als die Neuauflage des Euthanasieprogramms T4 der NSDAP, in dem über hunderttausend Behinderte vergast worden waren.

„Wenn man nur Rassisten beobachtet, wird man immer zu dem Ergebnis kommen, dass Rassismus auf einem besorgniserregend hohen Niveau ist.“

Spätestens mit dem Abschied Obamas aus dem Weißen Haus musste auch dem härtesten Rassisten langsam dämmern, dass keines dieser Schreckensszenarien eintreten würde. Tatsächlich aber hatten sich während dessen Amtszeit eine Vielzahl neuer „patriotischer“ Milizen oder Gruppen besorgter Waffenbesitzer gegründet. Selbstverständlich verdient diese Entwicklung eine ernsthafte Betrachtung – doch eine reine Beobachtung von Rassisten wird immer zu dem Ergebnis kommen, dass Rassismus auf einem besorgniserregend hohen Niveau ist. Gleichermaßen wird eine Studie über rote Ferraris immer „herausfinden“, dass Ferraris eben rot sind. Eine Betrachtung des rechten Rands allein lässt deswegen keine Aussage über die gesamte amerikanische Gesellschaft zu.

Aber ist nicht der Wahlsieg Donald Trumps der unwiderlegbare Beweis, dass die Amerikaner nach wie vor unverbesserliche Rassisten seien?

Ganz so einfach ist es eben nicht, wie der genaue Blick auf das Wahlergebnis zeigt. Hillary Clinton hatte schließlich 3 Millionen Wähler mehr für sich gewinnen können als Trump. Durch diese Besonderheit des Electoral College verbieten sich Aussagen über die „Mehrheit“ der Amerikaner oder gar über „den“ Amerikaner von selbst – mal ganz davon abgesehen, dass lediglich knapp 60 Prozent der Amerikaner überhaupt gewählt haben.

Und auch der Blick auf die Exit Polls, die das Wahlergebnis nach Ethnien aufschlüsseln, enthüllt erstaunliches:

Stimmen für Trump 2016: Stimmen für Romney 2012:
Weiße: 58 Prozent Weiße: 59 Prozent
Schwarze: 8 Prozent Schwarze: 6 Prozent
Latinos: 29 Prozent Latinos: 27 Prozent
Asiaten: 29 Prozent Asiaten: 26 Prozent

Abbildung 1: Stimmen für Trump vs. Stimmen für Romney

Obwohl Trump bei Weißen deutlich besser Abschnitt als bei Nicht-Weißen, erzielte er im direkten Vergleich mit Romney Verluste bei Weißen und Zugewinne bei Nicht-Weißen. Ohnehin gaben die meisten Trump-Wähler an, dass für sie die wirtschaftliche Lage wichtiger als die Einwanderungspolitik gewesen sei. Und haben nur weiße, heterosexuelle Männer Angst vor islamistischen Terror? Immerhin starben beim größten amerikanischen Terroranschlag der letzten Jahre mehrheitlich schwarze und hispanische Besucher eines Gay-Clubs in Orlando.

„Die steigende Zahl nicht-weißer Parlamentarier ist ein stabiler Trend.“

Zeitgleich zu den Präsidentschaftswahlen fanden auch die Kongresswahlen statt (Abgeordnetenhaus und Senat). Dabei wurden 106 nicht-weiße Parlamentarier gewählt. Bei den Kongresswahlen 2012 hatte diese Zahl noch bei 82 gelegen. Der 1980 gewählte US-Kongress war zu 6 Prozent nicht-weiß, der derzeitige ist es zu 19 Prozent. Zwar stellen Nicht-Weiße 38 Prozent der US-Bevölkerung, diese Differenz kann jedoch in Teilen auch damit erklärt werden, dass Parlamentarier älter und Nicht-Weiße jünger als der Schnitt der US-Bevölkerung sind. Unter den neuen Kongressmitgliedern machen Nicht-Weiße bereits 34 Prozent aus. Obamas Wahlsieg ließe sich als Einzelfall – als absolute Ausnahme im Wahlverhalten der ansonsten stets rassistischen Amerikaner – abtun. Die steigende Zahl nicht-weißer Parlamentarier ist jedoch ein stabiler Trend.

Zwar entstammen die meisten nicht-weißen Parlamentarier auch nicht-weißen Regionen, doch etwa jeder sechste von ihnen konnte in einem mehrheitlich weißen Wahlkreis gewinnen. Zum Vergleich: Noch um 1950 waren nahezu alle Abgeordneten aus nicht-weißen Wahlkreisen weiß. Obwohl die nicht-weißen Parlamentarier überwiegend Demokraten sind, sind zumindest die nicht-weißen Parlamentarier aus weißen Wahlkreisen etwa zu gleichen Teilen demokratisch und republikanisch. Die beiden Republikaner Tim Scott und Allen West gewannen dank Wahlempfehlung der Tea-Party-Bewegung in Wahlkreisen mit 75 Prozent bzw. 80 Prozent weißer Bevölkerung. Konservative Weiße wählen also durchaus schwarze Politiker – wenn diese entsprechend konservative Werte vertreten.

Senatoren und Gouverneure werden im gesamten Staat gewählt – verdienen ihr Amt also nicht geschickt zugeschnittenen Wahlkreisen (sog. Gerrymandering). Republikaner stimmten in den letzten Jahren für die Gouverneure Bobby Jindal und Nikki Haley (indisch), sowie Susana Martinez und Brian Sandoval (mexikanisch) und die Senatoren Ted Cruz und Marco Rubio (kubanisch), sowie Tim Scott (schwarz). Alle entstammen dem als besonders konservativ geltenden Süden der USA.

Man mag vermuten, dass Tim Scott als Schwarzer hauptsächlich schwarze Wähler für sich begeistern konnte, aber dieser Vorwurf läuft ins Leere: Beide Male gewann Scott in South Carolina gegen ebenfalls schwarze demokratische Kandidaten. Die besten Ergebnisse erzielte er in mehrheitlich weißen Counties.

Jindals Wahlsieg 2007 im konservativen Louisiana ist umso erstaunlicher. Dort trat 1991 David Duke an, der den Holocaust leugnet und die Rassentrennung befürwortet. Er unterlag bei den Gouverneurswahlen nur knapp – aber immerhin die Mehrheit der Weißen hatte sich für ihn ausgesprochen.

Nikki Haley wurde von der neuen US-Regierung zur UN-Botschafterin ernannt. Ben Carson, schwarzer Neurochirurg und im republikanischen Rennen um die Präsidentschaftskandidatur einer der schärfsten Gegner Trumps, dient nun in dessen Kabinett als Wohnungsbauminister.

„Im Jahr 2015 waren 17 Prozent aller neuverheirateten Ehepaare ethnisch gemischt.“

Entscheidend für den Wahlausgang war vor allem die gesunkene Wahlbeteiligung. Trump hatte im Vergleich zu Romney 2012 leicht an Stimmen verloren, Clinton im Vergleich zu Obama sogar deutlich. Es gab also keine vermehrte Zuwendung zu Trump – vielmehr konnte Clinton die eigene Stammwählerschaft nicht mobilisieren. Wohl zu widersprüchlich und inhaltlich zu wenig überzeugend galten ihre Positionen, die sie in ihrer langjährigen politischen Karriere mehrfach austauschte.

In den deutschen Medien war zu lesen, dass Trumps Wahlsieg zu einem sprunghaften Anstieg der sog. „Hass-Verbrechen“ (dazu zählen auch Beleidigungen) geführt habe. Soweit korrekt: Das linksgerichtete Southern Poverty Law Center vermerkte für den 9. November, den Tag nach der Präsidentschaftswahl, 220 derartige Fälle. Was hingegen nicht berichtet wurde: Einen Monat später war diese Zahl auf 1 gesunken. Eine Trendwende sieht anders aus. Auch nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hatte es eine Zunahme der Hass-Verbrechen gegeben, die jedoch ebenso schnell verebbte.

Ein untrügliches Abbild der Beziehungen zwischen den Ethnien sind – Beziehungen. Erst 1967 – also vor 50 Jahren – hob der Oberste Gerichtshof das Verbot „gemischtrassiger“ Ehen auf. Seitdem hat sich viel getan. Im Jahr 2015 waren 10 Prozent aller Ehepaare ethnisch gemischt, unter den neuverheirateten sogar 17 Prozent. 1980 hatten diese Zahlen noch bei 3,2 Prozent bzw. 6,7 Prozent gelegen. Dieser Anstieg ist zum Teil auf das Bevölkerungswachstum der nicht-weißen Minderheiten zurückzuführen, belegt aber dennoch, dass sich die Beziehungen zwischen den Ethnien deutlich entspannt haben. Auch wenn der durchschnittliche Weiße in den USA weiterhin mit einer Weißen verheiratet ist, ist die Chance, dass er eine schwarze Schwägerin, einen asiatischen Cousin oder einen hispanischen Neffen hat, deutlich gestiegen.

„In Deutschland gibt es pro Kopf mehr rechtsextreme Morde als in den USA.“

Der beste Indikator für die Prävalenz von Rassismus bleibt jedoch die Zahl der rechtsextremen Morde. Wohl jeder hat in einem Film schon Lynchmorde durch den Ku-Klux-Klan gesehen. Dieses Klischee basiert auf Fakten: Im Zeitraum von 1877-1968 hatte es über 5000 Lynchmorde in den USA (vor allem im Süden) gegeben. Dabei starben vor allem Schwarze, aber auch Weiße, die als zu „schwarzenfreundlich“ galten.

Über die Jahrzehnte hinweg haben sich diese Zahlen jedoch gewandelt. Bei weit größerer Einwohnerzahl gibt mittlerweile deutlich weniger Morde. Offizielle Statistiken zählten in den Jahren 1990 bis 2014 413 Fälle in den USA. Im gleichen Zeitraum ereigneten sich laut der Amadeu-Antonio-Stiftung 179 Fälle in Deutschland. Zwar gab es in den USA mehr als doppelt so viele rechtsextreme Morde wie in Deutschland, bei Berücksichtigung der unterschiedlichen großen (weißen) Bevölkerung in beiden Ländern liegt die Gewalt leicht unter dem Niveau in Deutschland – umso erstaunlicher angesichts der insgesamt höheren Mordrate und des freien Waffenbesitzes in den USA!

Zudem wird immer wieder darauf verwiesen, dass die hohe Rate der inhaftierten bzw. hingerichteten Schwarzen, sowie deren hohe Armutsrate Rassismus beweise. Diese Rate ergibt sich allerdings aus der höheren Anzahl schwarzer Krimineller. Oft heißt es, dass schwarze Kriminelle für die gleichen Verbrechen, z.B. Drogenvergehen, härter bestraft würden als Weiße, doch dieser Vorwurf bleibt zu unscharf. So müsste man zudem kontrollieren, welche Droge und in welchen Mengen der Drogendealer verkaufte, ob er vorbestraft oder bewaffnet war, ob er geständig war, ob er mit den Behörden kooperierte usw. Eine Studie aus dem Jahr 2015 über Gefangene im Bundesstaat Georgia kam zu dem Ergebnis, dass schwarze Kriminelle unter Berücksichtigung aller Einflussfaktoren 4-5 Prozent längere Haftstrafen erhielten als Weiße. Diese Zahlen beweisen Rassismus im US-Justizsystem – nur eben keinen besonders starken. Auch konnte nie gezeigt werden, dass schwarze Mörder häufiger zum Tode verurteilt werden als Weiße. Zweifelsfrei bewiesen wurde hingegen ein anderer Effekt. Ist das Opfer weiß, wird der Täter mit höherer Wahrscheinlichkeit hingerichtet.

„Der moralische Zeigefinger gegenüber den Barbaren des großen Teichs ist aber nicht angebracht.“

Auch der Verweis auf das niedrigere Durchschnittseinkommen verfängt nicht. Historisch bedingt leben die meisten Schwarzen im Süden der USA. Dort ist die allgemeine Wirtschaftsleistung niedriger als im Landesschnitt. Die Bewohner des Südens verdienen daher – egal ob schwarz oder weiß – weniger als der Durchschnittsamerikaner. Dieser Effekt – Statistiker sprechen vom Simpson-Paradoxon – erklärt einen guten Teil der Gehaltslücke zwischen Weißen und Schwarzen. Zum anderen erklärt sich die Differenz auch aus dem unterschiedlichen Schulerfolg. Nach wie vor schneiden Schwarze im Bildungssystem am schlechtesten, Asiaten am besten ab. Weiße befinden sich im Mittelfeld. Langzeituntersuchungen haben gezeigt: Kinder aus dem ärmsten Fünftel der US-Gesellschaft schaffen nur selten den sozialen Aufstieg. Der korreliert vor allem mit Intelligenz. Dabei gilt: Intelligente schwarze Kinder steigen fast genauso häufig auf wie intelligente weiße Kinder. Viel Spielraum für Diskriminierung bleibt da nicht.

Natürlich gibt es nach wie vor Rassismus in den USA – wie übrigens auch in Deutschland. Der moralische Zeigefinger gegenüber den Barbaren jenseits des großen Teichs ist aber nicht angebracht. Rassismus ist auf einem vergleichsweise niedrigen Level – bei anhaltend abnehmender Tendenz. Am Ende verrät die einseitige Berichterstattung über die USA mehr über die Vorurteile in deutschen Redaktionsstuben als über die amerikanische Wirklichkeit.