17.06.2022

Die lässige Brutalität der Cancel Culture

Von Jan Macvarish

Titelbild

Foto: Michael de Groot via Pixabay

Die Cancel Culture zielt auf die sozialen Bindungen und wirkt damit entmenschlichend. Die Betroffenen verlieren ihr Leben – im übertragenen Sinne oder, bei islamistischen Attacken, wortwörtlich.

Wenn ich über einen Gedanken schreiben soll, der mir fremd erscheint, versuche ich mich immer zu fragen, ob ich diesen Gedanken selber schon einmal gehabt habe. Ich muss also ein Geständnis ablegen: Wenn es die Cancel Culture schon zu meiner Studienzeit gegeben hätte, wäre ich vielleicht bei denen gewesen, die sie vorantreiben. Damals, 1989, in einer meiner ersten Vorlesungen im Grundstudium der Geschichte, war mein Dozent ein ziemlich aufgeblasener junger Mann in einer Tweedjacke. Wenn ich ehrlich bin, fand ich ihn ziemlich einschüchternd und auch das Geschichtsstudium sehr schwierig. Bei der Vorlesung muss es um den frühen Kolonialismus gegangen sein und ich erinnere mich daran, dass er den Begriff „Wilde“ für die kolonisierten Menschen verwendete. Als ich den Hörsaal verließ, sagte ich empört zu einigen meiner Kommilitonen: „Das darf doch wohl nicht wahr sein, dass er ein solches Wort benutzt.“

Ich ging nicht zu dem Dozenten hin, um herauszufinden, warum er diesen Begriff benutzt hatte, denn das hätte wahrscheinlich den Schauer der Betroffenheit, den ich genoss, verwässert. Diese Betroffenheit war kein negatives Gefühl, sondern etwas, das ich freudig annahm, weil es ein Aufblitzen von Gewissheit erzeugte. Inmitten meiner Unsicherheit über Geschichte dachte ich, ich hätte etwas verstanden. Nicht über Geschichte an sich – oder gar über die Fähigkeiten dieses Mannes als Historiker. Vielmehr war es, als ob mir etwas über diesen Mann als Person und über meinen Platz in einem moralischen Universum im Verhältnis zu ihm offenbart worden wäre. Es ging mir nicht um intellektuelle Neugier. Auch nicht darum, mich zu vergewissern, dass ich in einem intellektuell begründeten Sinne „richtig“ lag. Es ging mir darum, dass ich das Gefühl hatte, in einem persönlichen Sinne Recht zu haben. In einer moralisch-politischen Hierarchie stand ich, nach meiner Einschätzung, weiter oben als er.

Zum Glück gab es 1989 weder Twitter noch Facebook. Ich war nicht gut genug vernetzt, um Journalisten zu kennen, die ich hätte kontaktieren können. Auch kam ich nicht auf die Idee, die Universitätsleitung zu benachrichtigen. Wenn wir mit unseren Professoren sprechen wollten, mussten wir an ihre Bürotüren klopfen und in acht von zehn Fällen waren sie nicht da. Damals wurden die Studenten auch noch nicht gebeten, ihren Professoren ein Feedback zu geben oder sich über sie zu äußern. Zum Glück verpuffte also meine Empörung. Damals sprach niemand davon, irgendjemanden zu canceln. Den Begriff „Cancel Culture“ gab es nicht. Es ist also hilfreich, darüber nachzudenken, wie wir das Wort heute verwenden. Wir nutzen es nicht nur für Zensur, sondern sagen vielleicht ebenfalls, eine Veranstaltung oder ein Flug seien gecancelt worden. Das klingt ziemlich trivial, doch ich möchte hier argumentieren, dass das, was dieser eher trivial klingende Begriff bewirkt, etwas viel Ernsteres ist.

Vom Canceln zum Mord

Mein Argument ist, dass Cancel Culture teilweise oder ganz die Existenz eines menschlichen Individuums angreift. Darin ähnelt der Begriff der Art und Weise, wie wir in der Physik von einer Kraft sprechen, die eine andere „aufhebt“ oder negiert. Darin erkenne ich die brutale Realität der Cancel Culture. Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich behaupte, dass ihre logische Folge das ist, was wir vor zwei Jahren in Frankreich mit der barbarischen Enthauptung des Lehrers Samuel Paty erlebt haben. Wir werden nie mit Sicherheit wissen, was sein Mörder Abdullakh Anzorov dachte, denn er wurde von der Polizei erschossen. Vermutlich aber fühlte er sich durch die Existenz von etwas Tinte auf einem Papier – einer Karikatur – so beleidigt, dass er es für gerechtfertigt hielt, einem Mann am helllichten Tag den Kopf abzuschneiden.

„Mein Argument ist, dass Cancel Culture teilweise oder ganz die Existenz eines menschlichen Individuums angreift.“ 

Nun gibt es viele Debatten über die Cancel Culture, und meistens wird ihr eher eine negative Konnotation zugeschrieben. Die wenigsten Menschen würden sich offen für sie einsetzen. Meine Sorge ist jedoch, dass wir sie dennoch nicht ernst genug nehmen und dass es uns nicht gelingt, die jüngere Generation davon zu überzeugen, wie wichtig es ist, sich ihr zu widersetzen. Widersetzen sollten wir uns ihr überall, wo sie auftaucht – bei Prominenten genauso wie bei Lehrern oder anderen.

Es gibt einen Grund für mein Sorge: Kürzlich sprach ich mit einigen Universitätsstudenten und Hochschulabsolventen, die mir sagten, dass der Begriff „Meinungsfreiheit“ für Menschen ihres Alters abschreckend klinge. Er habe eine negative Konnotation und erinnere an ein grundlos beleidigendes Verhalten. Ist die Redefreiheit also etwas, das den Jüngeren suspekt geworden ist? Bei meinen Gesprächspartnern handelte es sich um junge Menschen, die die Meinungsfreiheit eigentlich grundsätzlich bejahten. Keiner von ihnen sagte, sie gehe zu weit. Aber selbst sie schienen doch wieder Grenzen zu ziehen und nicht wirklich bereit zu sein, z.B. über die Bedeutung des Mordes an Samuel Paty weiter nachzudenken. Noch beunruhigender war für mich, dass es fast schien, als hätte dieser Mord sie nicht schockiert. Man erinnerte sich und redete über den Fall mit einem Schulterzucken.

Wir müssen aber nicht beim radikalen Islam bleiben, sondern uns die Stimmung insgesamt anschauen, um zu sehen, dass sich in den letzten Jahrzehnten etwas verändert hat. Ein Satz, den man heutzutage sehr oft hört, ist, dass man seine Meinung nicht mehr frei aussprechen könne. Eine in Deutschland viel zitierte Allensbach-Umfrage vom Frühjahr 2021, in der mehr als die Hälfte der Befragten angab, sich nicht mehr frei zu allen Themen äußern zu wollen, scheint diesen Satz zu bestätigen. 1 Meist begleitet diese Aussage ein Anflug von Resignation. Vor allem ältere Menschen sind der Meinung, es habe einen starken und unwiderstehlichen Kulturwandel gegeben: Die Zeit, in der wir noch frei heraus sagen konnten, was wir denken, sei vorbei, sagen viele – und die Parameter der akzeptablen Rede würden immer enger. All dies zeigt mir, dass diejenigen, die die Cancel Culture vorantreiben, schon viele ihrer Ziele erreicht haben. Der Wunsch, Ideen frei zu erörtern, wurde gedämpft und ein Klima der Abneigung gegen die freie Meinungsäußerung geschaffen.

Nun behaupten manche, dass es so etwas wie eine „Cancel Culture“ gar nicht gebe, dass es sich dabei um einen Mythos handele, der erdacht wurde, um es bigotten Menschen zu ermöglichen, sich als Opfer darzustellen und ihre hasserfüllten Ideen und Vorurteile weiter zu verbreiten. Andere wiederum behaupten, dass die Cancel Culture die einzige den Machtlosen zur Verfügung stehende Möglichkeit darstelle, sich „durchzusetzen“. Cancel Culture sei ein Aufschrei oder ein Aufruf zum Boykott und es gehe darum, den Machtmissbrauch der Mächtigen aufzudecken.

„Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich behaupte, dass die logische Folge der Cancel Culture das ist, was wir vor zwei Jahren in Frankreich mit der barbarischen Enthauptung des Lehrers Samuel Paty erlebt haben.“

Manchmal wird sogar argumentiert, dass die Cancel Culture niemanden wirklich cancelt, weil der Markt der Ideen ja unendlich sei und Menschen, die von einem Ort verdrängt würden, immer noch Bereiche fänden, in denen sie von anderen gehört werden könnten. Gelegentlich wird sogar argumentiert, dass es sich bei der Cancel Culture nur um die Ausübung der Redefreiheit handele – dass die Aufzählungen oder Listen derer, die gecancelt werden sollten, lediglich dazu dienten, den Ansichten anderer im öffentlichen Raum entgegenzutreten. Wer das Canceln anderer fordere, mache somit von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch.

Die Art und Weise aber, wie die Cancel Culture auf Einzelpersonen abzielt, bereitet mir mehr als nur ein mulmiges Gefühl. Sie richtet sich immer gegen einzelne Personen. Die außerordentlich destruktiven Angriffe auf Individuen beginnen meist damit, dass sie als Teil einer größeren Kraft oder eines breiteren Problems identifiziert werden. Ein Beispiel, mit dem ich dies verdeutlichen möchte, ist der Umgang mit dem britischen Professor für Biochemie und Träger des Medizin-Nobelpreises Tim Hunt. Auf einer Konferenz von Wissenschaftsjournalisten, die 2015 in Seoul, Südkorea, stattfand, sagte er, wohl einen Witz machen wollend: „Lassen Sie mich Ihnen von meinem Problem mit Mädchen erzählen. […] Drei Dinge passieren, wenn sie im Labor sind. Man verliebt sich in sie, sie verlieben sich in einen, und wenn man sie kritisiert, weinen sie.“ 2

Jagd auf Hunt

Eine Journalistin im Publikum nahm Anstoß an dieser Äußerung. Sie verbreitete sie über Twitter und schrieb dazu, sie sei typisch für den Sexismus und die Frauenfeindlichkeit, mit denen Frauen in der Wissenschaft konfrontiert seien. Innerhalb weniger Tage berichteten die Zeitungen in Europa von dem Fall und der Professor wurde gezwungen, von seiner Universität in London und vom Europäischen Forschungsrat zurückzutreten. Damit wurde ein Mann, der entscheidend zu unserem Verständnis der Zellteilung und der Entstehung des Lebens beigetragen sowie jahrelang an der Erforschung des Wachstums von Krebstumoren gearbeitet hatte, über Nacht zur Unperson erklärt. Als Redner mag er sich geirrt oder Teile seines Publikums falsch eingeschätzt haben. Trotzdem hat er aufrichtig und in gutem Glauben versucht, mit den Menschen im Saal in Kontakt zu treten und die Bedeutung der Wissenschaft sowie des Strebens nach Wahrheit hervorzuheben. Als man ihm schließlich erlaubte, sich zu erklären, sagte er:

„Ich habe mich in Menschen im Labor verliebt, und die Menschen im Labor haben sich in mich verliebt. Das ist sehr störend für die Wissenschaft, denn es ist furchtbar wichtig, dass die Menschen in einem Labor sich auf Augenhöhe begegnen […]. Ich fand, dass diese emotionalen Verstrickungen das Leben sehr schwierig gemacht haben […]. Es tut mir wirklich sehr leid, dass ich andere beleidigt habe, das ist furchtbar. Das habe ich sicher nicht gewollt. Ich wollte eigentlich nur ehrlich sein […]. Es ist unglaublich wichtig, dass man die Ideen der Leute kritisieren kann, ohne sie als Person zu kritisieren, und wenn sie in Tränen ausbrechen, bedeutet das, dass man dazu neigt, sich davor zu drücken, der Wahrheit näher zu kommen.“ 3

Sein Fazit über das Vorgefallene lautete: „Ich bin am Ende. Ich hatte gehofft, viel mehr zur Förderung der Wissenschaft in diesem Land und in Europa beitragen zu können, aber ich sehe nicht, wie das geschehen kann. Ich bin zu einer Person geworden, die andere als toxisch betrachten.“ 4

„Die außerordentlich destruktiven Angriffe auf Individuen beginnen meist damit, dass sie als Teil einer größeren Kraft oder eines breiteren Problems identifiziert werden.“

Nun hat Professor Hunt sein Leben zum Glück nicht in einem biologischen Sinne verloren. Er lebt sogar noch, während diese Zeilen zu Papier gebracht werden. Aber er hat sein Leben im übertragenen Sinne des Wortes verloren: Sein Ansehen in der Öffentlichkeit, seinen guten Ruf, seine Fähigkeit, innerhalb der Gemeinschaft, die er mit aufgebaut hat, weiterzuarbeiten – und seine Freiheit, das zu tun, was er als Forscher noch tun wollte. All das, was ihn wirklich einzigartig machte, war von einem Tag auf den anderen dahin. Er zog nach der Kontroverse nach Japan, um dort zu arbeiten. Obwohl ich sicher bin, dass Okinawa sehr schön ist, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein Mann seines Alters es vorgezogen hätte, seinen Lebensabend näher an der Heimat zu verbringen. Er hätte sicher lieber frei von öffentlicher Demütigung die Früchte seiner Arbeit genossen und aus nächster Nähe zugeschaut, wie seine ehemaligen Studenten – viele von ihnen waren Frauen, die er als Mentor betreute – seine Arbeit fortsetzen.

Cancel Culture entmenschlicht

Die Cancel Culture verurteilt also nicht nur die Worte, sondern auch den Sprecher und damit den Denker, der die Worte geäußert hat. Sie versucht nicht nur das gesprochene Wort, sondern auch die Person, die es benutzt, aus dem öffentlichen Leben zu verbannen, ihr den Platz in der Öffentlichkeit zu verweigern. Sie ist die entmenschlichendste aller Kräfte, weil sie den Einzelnen aus der menschlichen Gemeinschaft ausschließt, seine sozialen Bindungen durchtrennt und seine soziale Existenz vermindert. Sie sagt auf bemerkenswert unverfrorene Weise, dass weder der Geist noch der Körper dieser Nicht-Person einen Platz in unserer Gemeinschaft hat.

Ich wage zu behaupten, dass der Mörder, der Samuel Paty nur wenige Meter von seiner Schule entfernt enthauptete, genau dies im Sinn hatte. Dieser Mörder glaubte, dass Samuel Patys Körper nicht länger lebend geduldet werden konnte. Warum? Weil sich sein Geist der Aufgabe verschrieben hatte, seinen Schülern beizubringen, dass es möglich ist, über die Vorzüge der Redefreiheit – und ironischerweise auch der Toleranz – zu diskutieren.

„Die Cancel Culture ist die entmenschlichendste aller Kräfte, weil sie den Einzelnen aus der menschlichen Gemeinschaft ausschließt, seine sozialen Bindungen durchtrennt und seine soziale Existenz vermindert.“

Ich glaube also nicht, dass der Unterschied zwischen 1989 und heute in erster Linie durch die neuen Technologien zu erklären ist. Ich denke, wenn ich mich 1989 als junge Studentin beim Fachbereich Geschichte über die Verwendung des Wortes „Wilde“ durch meinen Dozenten beschwert hätte, hätte man mir wahrscheinlich einen weiteren Vortrag über die Notwendigkeit, Geschichte richtig zu verstehen, gehalten. Man hätte auch über die Notwendigkeit gesprochen, sich aus der nötigen Distanz und Reife heraus mit den Besonderheiten der betrachteten Epoche auseinanderzusetzen. Und man hätte mir sicher gesagt, ich solle mehr Bücher lesen, damit ich den Unterschied zwischen dem 18. und dem späten 20. Jahrhundert erkennen könne.

Heute würden sich die Verantwortlichen der Universität wohl eher bei mir für die Beleidigung, die ich zu ertragen hatte, entschuldigen und den Dozenten tadeln. Worauf ich hier hinaus will: Den Impuls, sich mit Worten zu beschäftigen, anstatt Ideen zu hinterfragen, gibt es schon lange. Er ist nicht neu und ich kenne ihn auch aus früheren Zeiten. Anders als manche heute glauben, war die Redefreiheit schon immer umkämpft. Trotzdem hat sich etwas verändert, das dazu geführt hat, dass sich dieser Impuls so deutlich durchsetzen konnte. Ich glaube, es ist die Feigheit gegenüber denjenigen, die – wie ich als 19-Jährige – versuchen, der Diskussion von Ideen aus dem Weg zu gehen, indem sie Anstoß an der Sprache und der Person, von der sie ausgeht, nehmen. Das ist es, was den Aufstieg der Cancel Culture ermöglicht hat.

Wir haben zugelassen, dass die Behauptung „Ich fühle mich beleidigt“ den höchsten sozialen und moralischen Wert erhalten hat. Damit haben wir die unverzichtbare Freiheit des Einzelnen geopfert, seine Gedanken mit anderen zu teilen, um Kontakte zu knüpfen, zu kommunizieren und menschliche Beziehungen aufzubauen. Wir können also nicht einfach die Cancel Culture „canceln“, sondern müssen sie aktiv mit einer Reihe neuer Argumente hinterfragen, die die Redefreiheit über den Wert des Beleidigtseins stellen.

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