13.01.2022

Cancel Culture am eigenen Leib erfahren

Von Colin Wright

Als Evolutionsbiologe in den USA läuft man Gefahr, für den Hinweis auf die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen seine Karriere opfern zu müssen. Aktivisten organisieren Kampagnen gegen Wissenschaftler.

Angesichts der moralischen Autorität, die viele Progressive den Lektionen der „gelebten Erfahrung“ zuschreiben, scheint es kontraintuitiv, dass ausgerechnet sie jetzt energisch die Geißel der Cancel Culture herunterspielen. Keine Geringere als die progressive Ikone Alexandria Ocasio-Cortez, Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus für die Demokraten, hat das Phänomen mit dem Hinweis abgetan, dass es sich nur um einen Haufen privilegierter Leute handele, die für ihre problematischen Ansichten „herausgefordert“ und „zur Verantwortung gezogen“ würden. 1 Der New-York-Times-Kolumnist Charles Blow glaubt, dass Cancel Culture gar nicht existiert, außer als wünschenswertes Nebenprodukt des Graswurzel-Aktivismus. „Noch einmal: Es gibt so etwas wie Cancel Culture nicht. Es gibt die freie Meinungsäußerung. Sie können sagen und tun, was Sie wollen, und andere können sich dafür entscheiden, nie wieder etwas mit Ihnen, Ihrem Unternehmen oder Ihren Produkten zu tun zu haben. Die Reichen und Mächtigen sind nur verärgert, dass die Massen jetzt ihren Dissens organisieren können“, schrieb er auf Twitter. 2

Ein gängiges Argument lautet, dass die angeblichen Pseudo-Opfer, die sich über Cancel Culture beschweren, hochkarätige Zyniker seien, die für Klicks und Fans den Märtyrer spielten. Ocasio-Cortez beschreibt die Klagenden als Menschen, die „ihre Gedanken in den größten Medien veröffentlichen und verstärken“. Es ist schwer, darin kein rhetorisches Hütchenspiel zu sehen. Wenn gecancelte Individuen in der Versenkung verschwinden, hören wir nie ihre Geschichten. Aber wenn sie es schaffen, ihre Geschichte an die Medien weiterzugeben, werden sie als verhätschelte Wichtigtuer abgetan. Mit Hilfe dieser „Wie du es machst, machst du es falsch“-Logik können die Cancel-Culture-Truther die Existenz von Tausenden Opfern herunterspielen.

Natürlich ist es absolut richtig, dass wohlhabende Cancel-Culture-Zielobjekte wie J. K. Rowling enorme Aufmerksamkeit erhalten. Aber das liegt nicht nur an ihrem Reichtum und ihrer Berühmtheit: Es liegt daran, dass ihre Geschichten stellvertretend für die vielen anderen, eher unbekannten Personen stehen, die in der Presse, an Universitäten, in Social-Media-Foren und in Kunst- und Literatursubkulturen gemobbt werden. Die überwiegende Mehrheit der Opfer von Cancel Culture sind Menschen, von denen Sie noch nie etwas gehört haben, die nicht die Mittel haben, sich zu wehren, oder die gelernt haben, zu schweigen, um nicht den Ruf oder die Jobsicherheit zu verlieren, die sie noch haben.

„Wenn gecancelte Individuen in der Versenkung verschwinden, hören wir nie ihre Geschichten. Aber wenn sie es schaffen, ihre Geschichte an die Medien weiterzugeben, werden sie als verhätschelte Wichtigtuer abgetan.“

Ich spreche aus Erfahrung, weil ich einmal einer von ihnen war. Dies ist nicht das erste Mal, dass ich öffentlich auf meine Leidensgeschichte angespielt habe. Ich habe auf Twitter und in verschiedenen Podcasts darüber gesprochen. 3 Aber die anhaltenden Bemühungen, die Existenz von Cancel Culture zu leugnen, haben mich davon überzeugt, dass ich meine eigenen Erfahrungen systematischer darlegen muss.

Anfänge in der Wissenschaft

Im Jahr 2008 beschloss ich, eine akademische Laufbahn als Biologe einzuschlagen. Die Wissenschaft im Allgemeinen und die Evolutionsbiologie im Besonderen waren schon in jungen Jahren eine Leidenschaft von mir. Schon während meines Studiums führte ich einen Blog, in dem ich Pseudowissenschaften entlarvte und Kreationismus sowie Intelligent Design (ID) kritisierte. Ich war unverblümt und stürzte mich manchmal kopfüber in Debatten mit christlichen Konservativen. Kreationisten und IDler erwiderten mir häufig, ich läge falsch oder sei dumm, aber meine Kritiker nannten mich nie einen Fanatiker.

Das änderte sich jedoch, als ich 2013 mit dem Graduiertenstudium begann. Das war ein Umfeld, in dem ich mir keine Sorgen wegen rechter Kreationisten machen musste. Vielmehr kam die Pseudowissenschaft, die ich beobachtete, von der anderen Seite des politischen Spektrums – vor allem in Form von sogenannten „Blank Slate“-Verfechtern, also „Sozialkonstruktivisten“ die (fälschlicherweise) behaupteten, geschlechtsspezifische Unterschiede in der menschlichen Persönlichkeit, den Vorlieben und dem Verhalten seien ausschließlich das Ergebnis der Sozialisation.

In dieser Zeit begann ich auch, mich für das zu interessieren, was viele heute als „Gender-Ideologie“ bezeichnen. Diese Ideologie fordert nicht nur eine mitfühlende Behandlung für Trans-Personen (was ich unterstütze), sondern fördert auch die wissenschaftlich ungenauen Behauptungen, dass das biologische Geschlecht auf einem kontinuierlichen „Spektrum“ existiere, dass die Begriffe „männlich“ und „weiblich“ bloße soziale Konstrukte seien und dass das eigene Geschlecht durch die selbsterklärte „Identität“ und nicht durch die reproduktive Anatomie bestimmt werden könne. 4 Als ich mich gegen diese Behauptungen zu Wehr setzte, wurde ich als transphober Fanatiker beschimpft. Aus Angst vor beruflichem Schaden hörte ich auf, mich zu engagieren, und überließ das Feld denjenigen, die modische Fiktionen propagieren.

„Als ich 2013 mit dem Graduiertenstudium begann, musste ich mir keine Sorgen wegen rechter Kreationisten machen. Vielmehr kam die Pseudowissenschaft, die ich beobachtete, von der anderen Seite des politischen Spektrums.“

2018 schloss ich mein Studium der Evolutionsbiologie an der University of California in Santa Barbara mit der Promotion ab und nahm eine Postdoc-Stelle an der Pennsylvania State University (PSU) an. Ich war gerade Twitter beigetreten und beobachtete, dass die Pseudowissenschaft, die ich auf dem Campus erlebt hatte, inzwischen in die weite Welt metastasiert war und zum Stoff alltäglicher Hashtags wurde. Selbst Wissenschaftler, die ich persönlich kannte und respektierte, plapperten diesen Unsinn als wissenschaftliche Tatsache nach. Aber ich traute mich nicht, irgendetwas zu sagen. Ich wollte mich bald auf Tenure-Track-Stellen für Assistenzprofessoren bewerben; ich konnte mir nicht erlauben, öffentlich die Behauptung zu widerlegen, dass innerlich empfundene Geschlechtsgefühle die Biologie übertrumpfen.

Im Oktober 2018 kam der Skandal um die sogenannten Grievance Studies ans Tageslicht, der den intellektuellen Verfall innerhalb der akademischen Bereiche, die sich mit Gender und Sex beschäftigen, erneut in den Fokus rückte. 5 Wenige Wochen später veröffentlichte eine der renommiertesten wissenschaftlichen Fachzeitschriften der Welt, Nature, einen Leitartikel, in dem behauptet wurde, dass die Klassifizierung des Geschlechts eines Individuums anhand einer Kombination aus Anatomie und Genetik „keine Grundlage in der Wissenschaft hat“. 6 Diese Ereignisse, die so dicht hintereinander geschahen, ließen mich meine Zurückhaltung aufgeben. Trotz der Warnungen meiner akademischen Mentoren, dass es meine Karriere ruinieren könnte, wenn ich mich zu Wort meldete, ließ ich meine aufgestaute Frustration in einem Essay heraus, den ich an Quillette schickte. Er wurde unter der Überschrift „The New Evolution Deniers“ (Die neuen Leugner der Evolution) veröffentlicht. 7

Der Aufsatz ging viral. Und während ich meinen gerechten Anteil an Lob dafür erhielt, wusste ich auch, dass ich den Kritikern einen regelrechten „Gotcha“-Moment beschert hatte. („Ich habe mich nicht über ein Jahrzehnt zum Wissenschaftler ausbilden lassen, nur um still zu sitzen, während die Wissenschaft im Allgemeinen und mein Fachgebiet im Besonderen von Aktivisten angegriffen wird, die die Wahrheit einer Ideologie und einem Narrativ unterordnen“, schrieb ich.) Blank-Slate-Feministinnen und Trans-Aktivisten gleichermaßen beschuldigten mich öffentlich des falschen Denkens.

„Ich konnte mir nicht erlauben, öffentlich die Behauptung zu widerlegen, dass innerlich empfundene Geschlechtsgefühle die Biologie übertrumpfen.“

Ketzerei im 21. Jahrhundert

Was noch schlimmer war: Meine Häresien vervielfachten sich, da ich auf Twitter gegangen war, um meine Ansichten zu verteidigen und mich meinen Kritikern zu stellen. Schließlich verfasste ich zusammen mit dem Endokrinologen Dr. William Malone und der Autorin Julia Robertson einen weiteren Quillette-Aufsatz mit dem Titel „No One Is Born in ‚The Wrong Body‘“ (Niemand wird im falschen Körper geboren), in dem ich den Standpunkt vertrat, dass Kinder dem Risiko langfristiger Schäden ausgesetzt sind, wenn sie mit ideologisch verdrehten Fehlinformationen über ihren Körper und ihr Verhalten indoktriniert werden. 8

Im Oktober 2019, nach der Veröffentlichung dieses zweiten Artikels, erhielt ich die Nachricht, dass jemand eine Anzeige in EcoEvoJobs, der größten Jobbörse in meinem Bereich, veröffentlicht hatte, in der stand: „Colin Wright ist ein trans­phober Mensch, der die Rassenwissenschaft unterstützt.“ 9 Das war auf dem Höhepunkt der wissenschaftlichen Rekrutierungssaison. Der Beitrag wurde schließlich vom Betreiber des Forums entfernt. Aber es war unklar, wie lange er dort stand und wie viele meiner Kollegen ihn gesehen hatten. (Ich äußerte den Betreibern des Forums gegenüber meine Besorgnis und drängte darauf, dass sie die Einträge überprüfen, bevor sie online gehen, aber mir wurde mitgeteilt, dass dies nicht möglich sei. Glücklicherweise erklärte sich ein technisch versierter Freund bereit, ein Skript laufen zu lassen, das das Forum minütlich nach meinem Namen durchsuchte und mir eine SMS schickte, wenn es einen Treffer gab.) Zu dieser Zeit hatte ich fast hundert Bewerbungen für den Wissenschaftsbereich geschrieben, die von Findungskomitees geprüft wurden. Ich sperrte mein Twitter und beschloss, mich wieder einmal bedeckt zu halten.

Aber natürlich bin ich wieder rückfällig geworden. Wenn Sie nach gemeinsamen Merkmalen unter denjenigen von uns suchen, die zur Zielscheibe von Cancel-Attacken werden, dann sind es nicht Geld oder Privilegien. Vielmehr sind viele von uns einfach unfähig, Slogans zu murmeln, von denen wir wissen, dass sie nicht wahr sind. Mit der Zeit sind wir verärgert über die unehrliche Propaganda, die sich als soziale Gerechtigkeit ausgibt, und wir melden uns zu Wort. Es ist eine Gewohnheit, die in der Wahrheitsliebe verwurzelt ist, ein Impuls, der vor nicht allzu langer Zeit noch von Progressiven geschätzt wurde.

„Studenten und Dozenten beschwerten sich beim Diversity-Komitee meines Fachbereichs, dass ich ‚einen persönlichen Angriff auf Personen mit nicht-binärer Geschlechtsidentität‘ gestartet hätte.“

Ich brach mein Twitter-Schweigen am Valentinstag 2020, als das Wall Street Journal einen Aufsatz veröffentlichte, den ich gemeinsam mit der Entwicklungsbiologin Dr. Emma Hilton verfasst hatte und der den Titel „The Dangerous Denial of Sex“ (Die gefährliche Verleugnung des Geschlechts) trägt. 10 Obwohl durch die Platzbeschränkungen des Kolumnen-Formats eingeschränkt, waren Dr. Hilton und ich in der Lage, die Wissenschaft des biologischen Geschlechts kurz zu umreißen und detailliert darzulegen, wie dessen Leugnung verletzlichen Gruppen schadet, einschließlich Frauen, Schwulen, Lesben und insbesondere geschlechtsuntypischen Kindern. Mehr noch als andere Artikel, die ich verfasst hatte, löste dieser eine Flutwelle von Online-Hass aus – vielleicht, weil wir die teure Einbildung angegriffen hatten, dass die Gender-Ideologie Kinder rette, anstatt ihnen zu schaden. Mehrere Professoren der PSU prangerten den Aufsatz öffentlich als transphob an. Studenten und Dozenten beschwerten sich beim Diversity-Komitee meines Fachbereichs, dass ich „einen persönlichen Angriff auf Personen mit nicht-binärer Geschlechtsidentität“ gestartet hätte, und dass meine Anwesenheit an der PSU „ihnen das Gefühl gebe, sich weniger wohl zu fühlen“.

Wenn schon, denn schon, dachte ich und twitterte im Februar 2020 einen Guardian-Artikel 11 mit der Überschrift „Teenage transgender row splits Sweden as dysphoria diagnoses soar by 1,500%“ (Teenager-Transgender-Streit spaltet Schweden, während Diagnosen von Dysphorie um 1.500% ansteigen), begleitet von meinem eigenen Zwei-Wort-Kommentar: „social contagion“ (soziale Ansteckung). Mein Tweet hätte für diejenigen Sinn ergeben, die mit der Forschung der Wissenschaftlerin Lisa Littman von der Brown University vertraut sind, insbesondere mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit, in der sie einen Zusammenhang zwischen schnell einsetzender Geschlechtsdysphorie(ROGD) und der gesellschaftlichen Ansteckung innerhalb von Cliquen von Teenager-Mädchen vermutet. 12 Die Aktivisten waren jedoch in der Lage, meinen Kommentar so zu verdrehen, dass der Eindruck erweckt wurde, ich würde die Kinder selbst ins Visier nehmen oder andeuten, dass Geschlechtsdysphorie wie ein Virus sei. In dem Wissen, dass ich mich nach einer neuen Stelle umsah, beschuldigte mich ein Doktorand der Michigan State University (und Vorsitzender der Graduate Employees Union) namens Kevin Bird, „ekelhafte transphobe Pseudowissenschaft zu verbreiten“. 13 Im Gegensatz zu anderen Kritikern gab Bird nicht einmal vor, von etwas anderem motiviert zu sein als von dem Wunsch, mir eine Anstellung in meinem Fachgebiet zu verwehren.

Bird selbst bietet eine interessante Fallstudie, denn sein Beispiel illustriert, wie selbst ein einzelner ideologisch radikalisierter Troll den Anschein einer Graswurzelkampagne erwecken kann. Wenn Ihnen Birds Name bekannt vorkommt, liegt das daran, dass er derselbe Aktivist ist, der eine Kampagne gegen den Vizepräsidenten für Forschung und Innovation seiner eigenen Universität, den theoretischen Physiker Stephen Hsu, geführt hat. 14 Bird kann keine besondere Auszeichnung in seinem akademischen Fachgebiet vorweisen, hat auf Twitter seine Sympathie für das Abbrennen von Banken und Denkmälern bekundet 15 und gibt zu Protokoll, dass er kein „Interesse an der Erlangung oder Entdeckung der Wahrheit“ hat, wenn er Wissenschaft betreibt. Aber er hat auch unermüdlich daran gearbeitet, seine Online-Stellung als Cancel-Culture-Vollstrecker und als Kämpfer „gegen Faschismus“ aufzubauen. So konnte er Flashmobs von Online-Trollen mobilisieren, um bei seinen Deplatforming-Bemühungen zu helfen – weshalb Hsu trotz der fadenscheinigen Natur von Birds Rassismusvorwürfen gezwungen war, zurückzutreten.

„Anfang März informierte ein enger Freund und Forschungsmitarbeiter, der jetzt Assistenzprofessor an einer großen Forschungsuniversität ist, per SMS darüber, dass seine Kollegen begonnen hatten, ihn über unsere Beziehung zu befragen.“

Etwa zu dieser Zeit wurde ich von einem Lehrstuhlinhaber für Biologie an einem privaten Liberal Arts College im Mittleren Westen kontaktiert. Er lobte mich für meine Schriften und erzählte mir, dass er sogar meinen Aufsatz über die neuen Evolutionsleugner als Diskussionsgrundlage in seinen eigenen Klassen verwendet hatte. Aber während er und seine Kollegen aus dem Biologie-Fachbereich meine Einstellung wahrscheinlich unterstützen würden, meinte er, dass die Personalabteilung der Hochschule mich mit ziemlicher Sicherheit als „zu riskant“ ablehnen würde. Diese Erfahrungen erinnern mich daran, dass, wenn Blow „die Massen“ preist, die Leute wie mich gecancelt hätten, er in Wirklichkeit nur eine kleine Koalition professioneller Trolle wie Bird lobt, die in einem wirksamen Bündnis mit den risikoscheuen Bürokraten in Führungspositionen arbeiten, die mittlerweile in vielen Colleges und Universitäten das Sagen haben.

Kontaktschuld ist ein Markenzeichen aller sozialen Paniken. Und Anfang März informierte ein enger Freund und Forschungsmitarbeiter, der jetzt Assistenzprofessor an einer großen Forschungsuniversität ist, per SMS darüber, dass seine Kollegen begonnen hatten, ihn über unsere Beziehung zu befragen. Er erzählte, diese Art von Dingen käme so häufig vor, dass er das Bedürfnis verspürte, meine Ansichten öffentlich anzuprangern, um seinen Namen reinzuwaschen. Und genau das tat er dann auch. Fragen Sie sich selbst, welche anderen ideologischen Bewegungen und historischen Epochen wir mit solchen Aktionen in Verbindung bringen!

Später im selben Monat postete wieder jemand: „Colin Wright ist ein Transphobiker, der Rassenwissenschaft unterstützt“ auf dem EcoEvoJobs-Board. Ich kontaktierte – wieder – den Betreiber des Forums und äußerte meine Bedenken. Diesmal erhielt ich keine Antwort. In der Zwischenzeit informierte mich ein anonymer Twitter-Account, dass „präventive E-Mails“ zu meiner Person an universitäre Findungskomitees verschickt worden seien. Es ist unmöglich, diese Behauptungen zu überprüfen. Ich stelle allerdings fest, dass dieselbe Taktik bekanntlich gegen den ehemaligen Psychologieprofessor Bo Winegard angewandt wurde, der vor kurzem vom Marietta College gefeuert wurde, nachdem ähnliche (vielleicht dieselben) Aktivisten hartnäckig versucht hatten, ihn als Rassisten und „Rassenwissenschaftler“ zu verleumden. 16 Tatsächlich kann es vorkommen, dass diese anonymen „Massen“, wie Blow sie nennt, nur aus einer einzelnen Person bestehen.

„Keine der Ansichten, die ich jemals vertreten habe, ist extrem. Vielmehr werden alle oder die meisten von so ziemlich jedem, der kein Aktivist oder professioneller Wissenschaftler ist, als gesunder Menschenverstand angesehen.“

Kein Platz für wahre Intellektuelle

Im April habe ich mich entschieden, die Universitätswelt zu verlassen. Um der PSU ein Lob auszusprechen: Ich wurde nicht gefeuert. Tatsächlich hatte ich die Möglichkeit, meinen Fellowship-Vertrag um ein weiteres Jahr zu verlängern. Ich glaubte jedoch nicht mehr daran, dass noch so viel harte Arbeit oder Talent meinerseits im derzeitigen Klima zu einer unbefristeten akademischen Anstellung führen würden. Auch wollte ich meine Zeit nicht damit verbringen, ständig auf falsche Anschuldigungen von Transphobie und Rassismus zu reagieren. Ich hatte mich auf diese Reise begeben, weil ich die Wissenschaft liebe und helfen wollte, die Kräfte der Pseudowissenschaft in der Öffentlichkeit zurückzuschlagen. Aber dieses Projekt ist unmöglich, wenn Wissenschaftler selbst von kleinen Aktivistengruppen eingeschüchtert werden, die verlangen, dass die wissenschaftliche Methode dem magischen Denken untergeordnet wird, und die versuchen, das Leben derer zu ruinieren, die anderer Meinung sind. Wenn Sie in meine Fußstapfen treten, müssen Sie damit rechnen, ähnlich behandelt zu werden.

Keine der Ansichten, die ich jemals vertreten habe, ist extrem. Vielmehr werden alle oder die meisten von so ziemlich jedem, der kein Aktivist oder professioneller Wissenschaftler ist, als gesunder Menschenverstand angesehen. Ich werde sie hier wiederholen: Männlich und weiblich sind keine sozialen Konstrukte, sondern echte biologische Kategorien, die nicht in ein Spektrum fallen. Menschen sind zweigeschlechtlich, und das spielt in bestimmten Kontexten eine Rolle, zum Beispiel im Sport. Das Ignorieren der Realität des Sexualdimorphismus kann Frauen und Mitgliedern der homosexuellen Community schaden, deren Erfahrung von Diskriminierung in diesen realen Unterschieden zwischen männlichen und weiblichen Körpern wurzelt. Esoterische Geschlechtertheorien, die die Realität der Biologie leugnen oder die das biologische Geschlecht mit sekundären Geschlechtsmerkmalen oder geschlechtsspezifischen Stereotypen in einen Topf werfen, können Kinder verwirren und sind wahrscheinlich mitverantwortlich für den massiven Anstieg der selbstberichteten Geschlechtsdysphorie unter Heranwachsenden, insbesondere unter Teenagerinnen.

In den letzten Zeilen von „Die neuen Evolutionsleugner“ schrieb ich, dass die akademische Welt „nicht länger ein Zufluchtsort für unerschrockene, frei denkende Intellektuelle“ sei, und dass „man sich jetzt entscheiden muss zwischen einem Leben als universitärer Wissenschaftler mit Maulkorb oder einem Leben als vollwertiger Intellektueller“. Meine eigene Erfahrung, die durch den ständigen Strom von E-Mails, die ich von beunruhigten Akademikern erhalte, noch verstärkt wird, lässt vermuten, dass die Situation nur noch schlimmer geworden ist.

Was Sie hier gelesen haben, ist die Geschichte nur eines Ex-Universitätsforschers. Aber es sollte jeden beunruhigen, dass die gesamte wissenschaftliche Welt nun als Geisel einer lautstarken Minderheit gehalten wird, die darauf besteht, dass wir in einer intellektuellen Fantasiewelt leben müssen, die kaum mehr ist als eine ideologisch verbrämte Spielart christlicher Mythen. Täuschen Sie sich nicht: Cancel Culture ist sehr real. Und ihre Erscheinungsformen sind nicht auf die Reichen und Mächtigen beschränkt. Wie bei vielen kulturellen Prozessen wird der Kampf, sie zurückzudrängen, ein langer, harter Kampf sein. Ich behaupte nicht zu wissen, wie er enden wird. Aber ich weiß, dass er damit beginnt, dass wir unsere Augen für das Problem öffnen. Alles andere würde – wenn ich einen Ausdruck aus dem Lexikon des „Social-Justice“-Aktivismus borgen darf – die buchstäbliche Auslöschung meiner eigenen gelebten Erfahrung bedeuten.