11.12.2017

Die Kriminalisierung der Leidenschaft

Von Josie Appleton

Titelbild

Foto: Joanna Malinowska via Freestocks / CC0

Die #metoo-Kampagne fördert ein steriles Verständnis von Sexualität. Spontanität ist tabu, alles muss vorher abgesprochen werden. Verführung und Leidenschaft gehen so verloren.

Bevor eine Prostituierte und ihr Freier miteinander schlafen, besprechen sie ausführlich die Akte, die sie ausführen werden. Es ist eine Art mündlicher Vertrag, der im Voraus eindeutige Grenzen festgelegt. Einige von Harvey Weinsteins sexuellen Übergriffen verliefen nach demselben Muster: Du erfüllst mir diesen Wunsch, im Gegenzug werde ich dir einen Gefallen tun. Sexualität als Geschäftsabschluss.

Das #Metoo-Phänomen, das als Reaktion auf die Weinstein-Enthüllungen entstanden ist, greift nun aber genau das Gegenteil an: Die spontane sexuelle Annäherung, den impulsiven Ausdruck von Verlangen. Einige Personen haben ihre Jobs verloren, weil sie irgendwann in der Vergangenheit jemanden angebaggert haben – sie haben jemandem die Hand aufs Bein gelegt oder ihr Gegenüber ohne ausdrückliche vorherige Einwilligung berührt oder geküsst. So ist der britische Verteidigungsminister Michael Fallon zurückgetreten, weil er vor 15 Jahren eine Journalistin am Bein anfasste. Ein freischaffender Journalist hat seine Auftraggeber verloren, da er eine Frau vor einem Pub mit einem Kuss überfiel.

Es geht hier nicht nur um Interaktionen zwischen Männern und Frauen, und es handelt sich auch nicht um ein komplett neues Phänomen. Vor einigen Jahren trat die LGBT-Studentenvertreterin Annie Teriba zurück. Es ging um angeblich nicht-einvernehmlichen Sex mit einer anderen Frau. Teriba gestand ein: „Ich habe mit jemandem geschlafen. Das Gegenüber teilte mir später mit, dass der Geschlechtsverkehr nicht gewollt war. Ich habe versäumt, vor jeder Handlung angemessene Zustimmung einzuholen. Ich entschuldige mich aufrichtig für meine Taten.“ Teriba gab auch „unangemessenes Verhalten“ in einem Nachtclub zu. Dort habe sie vor zwei Jahren „jemanden ohne deren Zustimmung auf sexuelle Weise berührt“.

„Einige Personen haben ihre Jobs verloren, weil sie irgendwann in der Vergangenheit jemanden angebaggert haben.“

Es entwickelt sich ein neues Modell sexueller Beziehungen: steril, durchdacht, vertraglich abgesichert; gleich der Beziehung zwischen Prostituierter und Freier. Alles muss im Voraus abgesprochen und Zustimmung erteilt werden. Während des Geschlechtsakts wird dieser Vertrag dann „nachgespielt“. Die Universität Michigan lehrt uns, dass das Einverständnis „verbal, nüchtern und enthusiastisch erteilt“ und die Zustimmung des Partners durchweg eingeholt werden muss. „Jeder von uns ist dafür verantwortlich, bei jeder sexuellen Annäherung das Einvernehmen sicherzustellen. […] Von großer Bedeutung ist es, zu klären, wie sich der Partner angesichts der sexuellen Annäherung fühlt, bevor eine sexuelle Aktivität initiiert oder fortgeführt wird.“

Menschen werden hier als getrennte, isolierte Atome betrachtet, die sich im Normalfall nicht berühren oder miteinander in Beziehung treten. Ganz normaler Geschlechtsverkehr wird als Verletzung dieser Konvention, dieser zwischenmenschlichen Grenzen, betrachtet. Daher auch die Obsession mit ausdrücklicher Zustimmung: „Jede Person“, erklärt die Universität Michigan, „hat das Recht auf Selbstbestimmung. Das Recht, nicht ohne ausdrückliche Erlaubnis Gegenstand sexueller Handlungen zu werden. Die Verantwortung, dieses Einverständnis einzuholen, liegt bei der Person, die die sexuelle Handlung initiiert.“

Hier wird also davon ausgegangen, dass Menschen, die andere zum „Gegenstand sexueller Handlungen“ machen, dazu verpflichtet sind, ausdrücklich um Erlaubnis zu bitten. Das unterstellt nicht nur Schuld. Es nimmt auch an, dass Menschen grundsätzlich voneinander getrennt sind und gegensätzliche Interessen haben.

„Es entwickelt sich ein neues Modell sexueller Beziehungen: steril, durchdacht, vertraglich abgesichert.“

Frauen entbindet diese Sichtweise von der Verantwortung, Ablehnung deutlich zu äußern. Wir haben es mit einer Generation schwacher Wesen zu tun, die anscheinend nicht in der Lage sind, „Nein“ zu sagen. Sie bleiben stumm, fühlen sich anschließend missbraucht und posten darüber in den Sozialen Medien. Die Frau, die den Journalisten Sam Kriss der sexuellen Nötigung beschuldigte, schilderte ausführlich den fraglichen Abend. Sie sagte: „Hier nicht, andere Leute könnten uns sehen“, oder: „Wir könnten die alten Leute neidisch machen“. „Nein“ oder „Ich mag das nicht“, sagte sie nie.

Beim neuen Kampf gegen die Leidenschaft geht es nicht um Prüderie: Das „vertragliche“ Modell lässt durchaus extreme Sexualpraktiken zu. Die Onlineplattform Grindr ermöglicht einvernehmliche Verabredungen zwischen schwulen Männern. Vorher werden Fotos und präzise Angaben zu den bevorzugten Praktiken ausgetauscht. Ähnlich läuft es beim sogenannten „Sexting“. Anstelle einer klassischen Anmache schicken Männer den Frauen Penis-Selfies. Sie geben damit eindeutig zu verstehen: „Das habe ich anzubieten. Wie wärs?“

Diejenigen, deren Anmachversuche zu Vorwürfen sexueller Gewalt führen, geben fast immer einen sündigen und beschämenden Fehltritt zu. Sie nutzen Formulierungen wie „suboptimal“, „absolut inakzeptabel“ oder „den eigenen Standards nicht gerecht geworden“. Annie Teriba sagte: „Zweifellos mangelt es mir an Selbstwahrnehmung. Ich fühle mich sexuell berechtigt, wenn ich betrunken bin.“ Tatsächlich hat sie sich wahrscheinlich einfach hinreißen lassen: Teriba fühlte sich von einer Person angezogen. Diese fand sie nicht anziehend, verdeutlichte dies gegenüber Teriba aber nicht. Solch einseitiges Verlangen ist eigentlich eine ganz normale Sache. Heute wird es jedoch als steriles Gefühl „sexueller Berechtigung“ dargestellt, als die Vorstellung, über eine andere Person zu verfügen und sie als bloßes Mittel zur Befriedigung sexueller Bedürfnisse zu missbrauchen.

„Das Ideal der sinnlichen Verbundenheit – Romantik, Verführung, Betörung – geht verloren.“

Das Ideal der sinnlichen Verbundenheit – Romantik, Verführung, Betörung – geht dabei verloren. Als die Liebe im antiken Griechenland entdeckt wurde, erlangte sexuelles Verlangen eine neue Bedeutung: Es wurde zu einem Akt der Hingabe und des Rausches. Auf dem Pfad der Lust hoben zwei Personen ihr Getrenntsein auf und vereinigten sich im Geiste.

Das neue Verständnis von Verlangen unterschied sich deutlich vom rohen Sexualtrieb, bei dem das Gegenüber nur der eigenen Befriedigung dient. Leidenschaft richtet sich an eine andere autonome Person. Griechische Verehrer versuchten das Objekt ihrer Begierde zu gewinnen, nicht zu drängen. Den Göttern, die in den Sagen Homers auf die Erde kamen, um Jungfrauen zu rauben, war der Willen der Mädchen egal. Ebenso wenig interessierte man sich für die Gedanken der Sklavenmädchen, die wie Beute herumgereicht wurden. Im klassischen Athen hingegen wurde das Objekt der Begierde (meist eine frei geborene Kurtisane oder ein schöner Jüngling) nicht geraubt oder vergewaltigt, sondern umworben und verführt.

Dieser Unterschied ist entscheidend, wenn es um die Definition sexueller Gewalt geht. Sexuelle Gewalt ist die bewusste Verletzung eines Anderen; der Andere wird dabei wie ein Objekt behandelt, ein Mittel um den eigenen Sexualtrieb zu befriedigen (Tatsächlich empfinden die Täter oft keinen sexuellen Genuss. Was sie wirklich befriedigt, ist die Gewalt, die Möglichkeit, eine andere Person zu einem Objekt zu reduzieren.). Dies war die Vorgehensweise von Weinstein und Co. Mit Leidenschaft hat das nichts zu tun.

„Wenn du nicht geküsst werden willst, sage nein. Damit sollte die Angelegenheit erledigt sein.“

Nach der klassischen Antike blieb die Leidenschaft Teil des gesellschaftlichen Lebens. Ausdruck fand sie vor allem in außerehelichen Affären und dem mittelalterlichen Ideal der Minne. Trotz der aktuellen Gesellschaftstrends gibt es noch heute Räume, in denen diese Vorstellung von sexuellem Verlangen weiterlebt. Wolfgang Tillmans Fotografien aus Nachtclubs zeigen, wie Menschen in diesen abgeschlossenen Räumen ihr Getrenntsein überwinden. Hände berühren sich, sind auf Hintern oder zwischen Beinen. In der sinnlichen Umgebung eines Nachtclubs, einem Meer aus Alkohol, Musik und Licht, sind Menschen keine Atome mehr. Grenzen verschwinden, Trennung wird aufgehoben.

Und das ist wundervoll. Also: Nein, Menschen sollten nicht immer um Erlaubnis bitten, bevor sie jemanden küssen. Und sie sollten sich auch nicht dafür entschuldigen, sich von jemandem angezogen zu fühlen. Wenn du nicht geküsst werden willst, sage nein. Damit sollte die Angelegenheit erledigt sein. Poste es nicht online. Sobald du es postest, verletzt du die Sphäre, in der Leidenschaft möglich ist. Du ruinierst sie für die kommende Situation, in der du geküsst werden willst.

Wir sollten für das Ideal des Verlangens kämpfen – und gegen ein steriles Vertragsmodell der Sexualität, das jeden Mann zu einem Freier macht und jede Frau zu einer Prostituierten.