19.06.2026
Die Hamas und die islamistische Maske des Faschismus
Von Jan Kapusnak
Manche im Westen, die sich Antifaschisten nennen, unterstützen die Hamas. Aufschlussreich ist daher, diese Terrororganisation an Umberto Ecos Konzept des „Ur-Faschismus“ zu messen.
Es gibt ein seltsames Paradox in Teilen der heutigen radikalen Linken. Viele Aktivisten und Gruppen, die sich über den Kampf gegen den Faschismus definieren, erkennen Faschismus sofort, wenn er in seiner vertrauten europäischen Form auftritt: als weißer Suprematismus, Nationalismus, Neonazismus, Rassismus, Autoritarismus, Militarismus und Hass auf Minderheiten. Doch viele werden ausweichend, apologetisch oder sogar sympathisierend, wenn ähnliche politische Merkmale unter der Sprache von „Widerstand“, „Antiimperialismus“ und „palästinensischer Befreiung“ auftreten.
Das ist keine Aussage über alle Antifaschisten. Die „Antifa“ ist keine einheitliche Organisation mit einem Programm oder einer Hierarchie. Es handelt sich um ein loses, dezentrales antifaschistisches Milieu, meist im äußersten linken Spektrum verortet, und viele Antifaschisten haben sich gegen Antisemitismus und radikalen Islamismus gestellt. Das Problem betrifft einen bestimmten Teil der antifaschistischen und antiimperialistischen Linken: jene Strömung, die die Weltpolitik vor allem durch den Gegensatz zwischen dem Westen und seinen Feinden betrachtet. In dieser Weltsicht wird Hamas nicht zuerst als islamistische Bewegung mit totalitärer Ideologie analysiert, sondern als Teil eines „antiimperialistischen Widerstands“ gegen Israel und die Vereinigten Staaten.
Dieser Widerspruch ist nicht abstrakt. Nach dem 7. Oktober 2023 berichtete das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg, dass Gruppen aus der linksextremistischen Szene, darunter das Offene Treffen gegen Krieg und Militarisierung (OTKM) Stuttgart und die Revolutionäre Aktion Stuttgart, eine propalästinensische Demonstration in der baden-württembergischen Hauptstadt unterstützten oder dafür mobilisierten. Auch das Offene Antifaschistische Treffen Rems-Murr-Kreis rief zur Teilnahme auf. Derselbe Verfassungsschutzbericht vermerkte Solidaritätsbekundungen mit Samidoun, einem internationalen propalästinensischen Netzwerk, das sich als Organisation der Gefangenensolidarität darstellt, von deutschen Behörden jedoch der Unterstützung extremistischer und terroristischer Milieus beschuldigt wurde. Zu jenen, die ihre Solidarität bekundeten, gehörte das genannte OTKM Stuttgart.
„Menschen, die Faschismus erkennen können, wenn er als weißer Nationalismus erscheint, wollen den Islamofaschismus nicht erkennen, wenn er sich als Antiimperialismus präsentiert.“
Samidoun wurde später in Deutschland verboten, nachdem Bundeskanzler Olaf Scholz erklärt hatte, Mitglieder der Gruppe hätten auf deutschen Straßen den islamistischen Hamas-Terror gefeiert. Die Gruppe hatte Bilder von Aktivisten in Berlin veröffentlicht, die nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 Süßigkeiten verteilten. Das Bundesamt für Verfassungsschutz berichtete, dass auch Mitglieder der Kommunistischen Organisation (KO) an einer Veranstaltung am 7. Oktober in Berlin teilgenommen und diese angemeldet hatten, bei der Mitglieder des später verbotenen Samidoun-Netzwerks den Angriff der Hamas feierten und Süßigkeiten verteilten.
Das ist das Paradox: Menschen, die Faschismus erkennen können, wenn er als weißer Nationalismus erscheint, wollen den Islamofaschismus nicht erkennen, wenn er sich als Antiimperialismus präsentiert.
Umberto Ecos Konzept vom „Ur-Faschismus“ …
Der Begriff „Islamofaschismus“ ist umstritten und sollte nicht leichtfertig verwendet werden. Islam ist nicht Faschismus, und Muslime sind oft die ersten Opfer islamistischer Bewegungen. Aber Islamismus ist nicht Islam. Islamismus ist eine moderne politische Ideologie, die eine totale religiös-politische Ordnung errichten will. Sie zielt auf die Wiederherstellung islamischer Herrschaft, die Unterordnung der Gesellschaft unter die Scharia und die Mobilisierung der Umma als politischer Körper ab. Außerdem möchte sie Dschihad, Schahada (Glaubensbekenntnis) und „Widerstand“ als Instrumente der Erlösung sakralisieren.
Die Hamas ist eines der deutlichsten Beispiele dieser Ideologie in Gestalt einer Bewegung: eine sunnitisch-islamistische Organisation, die palästinensischen Nationalismus mit der Doktrin der Muslimbruderschaft, bewaffnetem Dschihad, antisemitischem Verschwörungsdenken und Märtyrerkult verbindet.
„Die Hamas-Charta von 1988 ist ein unmissverständliches Dokument politischer Religion.“
In diesem Sinne lässt sich Hamas mit Umberto Ecos Konzept des „Ur-Faschismus“, auch bekannt als „Ewiger Faschismus“, analysieren. Eco hielt seinen Text zuerst am 25. April 1995 als Vortrag an der Columbia University; später im selben Jahr wurde er als Essay in der New York Review of Books veröffentlicht. Eco definierte darin den Faschismus nicht nur über Uniformen, Grußformen oder europäische Regime des 20. Jahrhunderts. Vielmehr beschrieb er eine Reihe wiederkehrender politischer Merkmale, die unter verschiedenen historischen und ideologischen Kostümen erneut auftreten können:
- den Kult der Tradition,
- die Ablehnung der Moderne,
- die Tat um der Tat willen,
- die Behandlung von Dissens als Verrat,
- die Angst vor Differenz,
- den Appell an soziale Frustration,
- die Besessenheit von Verschwörungen,
- die Darstellung des Feindes als zugleich stark und schwach,
- den Glauben, dass Pazifismus Verrat sei,
- die Verachtung für Schwäche,
- die Erziehung aller zum Heldentum,
- den Machismo und den Waffenkult,
- den selektiven Populismus
- sowie Neusprech: die Reduktion von Sprache auf Parolen, die kritisches Denken blockieren.
Auf die Hamas angewandt hilft dieser Rahmen, etwas sichtbar zu machen, das jene oft übersehen, die die Bewegung nur durch die Sprache des „Widerstands“ betrachten: Hinter ihrer antiimperialistischen Rhetorik liegt eine totalisierende islamistische Ideologie, die viele emotionale und politische Strukturen aufweist, die Eco mit Faschismus verband.
… auf die Hamas angewandt
Die Hamas-Charta von 1988 ist ein unmissverständliches Dokument politischer Religion. Sie erklärt, der Islam sei der Lebensweg der Bewegung, ihre Loyalität gelte Allah, und sie wolle das Banner Allahs über jedem Zentimeter Palästinas erheben. Die Charta präsentiert Hamas als universell angelegt, überall dort wirksam, wo Muslime den Islam als Lebensweise annehmen. Sie enthält auch den berühmten Leitspruch der Bewegung: „Allah ist ihr Ziel, der Prophet ihr Vorbild, der Koran ihre Verfassung: Der Dschihad ist ihr Weg, und der Tod um Allahs willen ist ihr erhabenster Wunsch.“
„Da ist der Kult der Tat: Dschihad ist nicht bloß eine Taktik, sondern der Weg.“
Allein dieser Satz enthält mehrere von Ecos Merkmalen. Da ist der Kult der Tradition: Legitimität kommt aus Offenbarung und der imaginierten Wiederherstellung einer heiligen Ordnung. Da ist die Ablehnung moderner Pluralität: Politik ist keine menschliche Aushandlung zwischen Bürgern, sondern Gehorsam gegenüber göttlicher Wahrheit. Da ist der Kult der Tat: Dschihad ist nicht bloß eine Taktik, sondern der Weg. Und da ist der Kult des Todes: Der Tod ist keine Tragödie, sondern der höchste Wunsch.
Kult der Tradition
Das erste Element, der Kult der Tradition, ist zentral für die Hamas. Die Gründungscharta der Bewegung stellt die Politik in den Rahmen heiliger Ewigkeit statt gewöhnlicher menschlicher Geschichte. Die Hamas präsentiert ihren Kampf als verwurzelt in der Autorität des Propheten Mohammed, des Korans, der „rechtschaffenen Vorfahren“ und der Vorbilder früher islamischer Herrschaft, einschließlich des Beispiels des Kalifen Umar und der Gefährten.
Palästina wird nicht als modernes politisches Territorium behandelt, dessen Zukunft durch Kompromiss, Diplomatie oder demokratisches Mandat entschieden werden kann. Es wird als islamischer Waqf beschrieben – als religiöse Stiftung, Gott geweiht und dauerhaft für muslimische Generationen bis zum Jüngsten Tag reserviert. Kein arabischer Staat, keine palästinensische Organisation, kein König, kein Präsident und kein Parlament hätten die Autorität, irgendeinen Teil davon aufzugeben. Das ist der Kult der Tradition in seiner reinsten politischen Form: Die Vergangenheit ist nicht Quelle von Erinnerung oder Identität, sondern ewiger Befehl.
Ablehnung der Moderne
Die Ablehnung der Moderne, Ecos zweites Merkmal, bedeutet nicht die Ablehnung von Technologie. Faschistische und faschistoide Bewegungen nutzen moderne Mittel oft mit großer Effizienz. Was sie ablehnen, ist die liberale Moderne: säkulare Politik, individuelle Rechte, Pluralismus, rationalen Kompromiss, Feminismus, kosmopolitische Skepsis und die Vorstellung, dass Souveränität den Bürgern gehört und nicht einem heiligen Kollektiv.
Die Hamas verkörpert genau diesen Widerspruch. Sie ist modern in ihren Methoden – sie nutzt soziale Medien, Google Maps, verschlüsselte Kommunikation, Drohnen, Propagandavideos und globale Aktivistennetzwerke –, aber antimodern in ihrem ideologischen Horizont. Ihre Gründungscharta stellt sich Politik nicht als säkulare Aushandlung zwischen zwei nationalen Gemeinschaften vor, sondern als religiösen Kampf, der durch göttlichen Befehl bestimmt wird. Das entspricht Ecos Beobachtung, dass faschistoide Bewegungen Technologie „verehren“ können, während sie zugleich die moralischen und politischen Werte der Moderne ablehnen.
Tat um der Tat willen
Ein drittes Merkmal ist der Kult der Tat um der Tat willen. Für Eco glorifizieren faschistoide Bewegungen die Tat – vor allem die gewaltsame Tat – als heroisch, reinigend und in sich bedeutungsvoll. Die Hamas-Charta folgt dieser Logik: Der Dschihad ist nicht eine Strategie unter anderen, sondern der Weg der Bewegung. Der Tod um Allahs willen wird als ihr höchster Wunsch beschrieben. Gewalt wird zum eigenen Beweis von Authentizität.
Die früheren Selbstmordanschläge der Hamas waren ein düsteres Vorspiel dieser Logik, doch der 7. Oktober war ihre brutalste, theatralischste und technologisch verstärkte Form. Das Massaker wurde nicht gefeiert, weil es den Palästinensern Souveränität oder Wohlstand gebracht hätte – es brachte Verwüstung und Krieg –, sondern weil Hamas in Zerstörung und Opfer gedeiht. Ihre Ideologie misst Erfolg nicht an der Verbesserung palästinensischen Lebens, sondern am Bruch, an der Demütigung des Feindes und an der Produktion von Märtyrern.
„Gewalt ist nicht nur Mittel. Sie wird zur höchsten Form von Wahrheit der Bewegung.“
Die Hamas-Angreifer filmten und streamten Gräueltaten mit Smartphones und GoPro-Kameras und verwandelten den Mord selbst in Propaganda und Performance. Die Tat sollte nicht nur töten, sondern gesehen, geteilt und bewundert werden. In dieser Weltsicht ist „Widerstand“ nicht bloß eine Strategie; er ist eine Identität. Gewalt ist nicht nur Mittel. Sie wird zur höchsten Form von Wahrheit der Bewegung.
Behandlung von Dissens als Verrat
Ecos vierter Punkt lautet, dass Dissens als Verrat gilt. In faschistoiden Bewegungen wird abweichende Meinung nicht als legitime Meinungsverschiedenheit behandelt, sondern als Verrat an der kollektiven Sache. Die Hamas-Charta von 1988 verwirft Friedensinitiativen und internationale Konferenzen als nutzlos, weil die palästinensische Frage, so heißt es dort, nur durch den Dschihad gelöst werden könne. In der Weltsicht der Hamas ist der Feind nicht nur Israel, sondern auch jeder palästinensische oder arabische Akteur, der Kompromiss, Verhandlung oder Normalisierung akzeptiert.
Diese Logik ist wiederholt in Gewalt umgeschlagen. 2009 zerschlug die Hamas die salafistisch-dschihadistische Gruppe Jund Ansar Allah, nachdem diese in Rafah ein „Islamisches Emirat“ ausgerufen und der Hamas unzureichende islamische Orientierung und Herrschaft vorgeworfen hatte. Die radikalere islamistische Abweichung wurde also nur so lange toleriert, bis sie das Machtmonopol der Hamas herausforderte. Nach dem 7. Oktober erschien dasselbe Muster erneut: Die Hamas nutzte Anschuldigungen der „Kollaboration“, des „Verrats“ und der „Gesetzlosigkeit“, um mutmaßliche Kollaborateure hinzurichten, rivalisierende Clans und Milizen zu bekämpfen und Herausforderer wie die Abu-Shabab-Gruppe als von Israel gestützte Verräter darzustellen.
„Faschistische Bewegungen haben solche Feinde immer gebraucht.“
In Hamas’ politischem Universum ist Opposition keine Meinungsverschiedenheit; sie ist Verrat. Politischer Pluralismus existiert nicht. Das heilige Kollektiv hat nur eine authentische Stimme – die der Hamas –, und wer sie herausfordert, ist kein Gegner, mit dem man debattiert, sondern ein Feind, der zerschlagen werden muss.
Angst vor Differenz
Das fünfte Merkmal ist die Angst vor Differenz. „Ur-Faschismus“ sucht Einheit, indem er einen Feind definiert: den Eindringling, den Fremden, den verderbenden Außenseiter. Im Fall der Hamas zeigt sich dies in ihrem Antisemitismus und in ihrer Sprache über Juden und Israelis als Kolonisatoren und Kreuzfahrer.
Artikel 7 der Charta von 1988 enthält den apokalyptischen Hadith über Muslime, die vor dem Jüngsten Tag gegen Juden kämpfen, wobei selbst Steine und Bäume Muslime auffordern würden, den Juden zu töten, der sich hinter ihnen versteckt. Das ist eine religiös codierte Vision des Juden als kosmischem Feind. Differenz wird nicht toleriert oder politisch ausgehandelt; sie wird dämonisiert. Das ist genau jene Angst vor Differenz, die Eco identifizierte: Einheit, die durch Hass auf den „Eindringling“ hergestellt wird.
Appell an soziale Frustration
Ecos sechster Punkt ist der Appell an soziale Frustration. Faschistoide Bewegungen nähren sich von Demütigung, Ressentiment und verwundeter Identität und versprechen Wiederherstellung. Die Hamas hat einen großen Teil ihrer Anziehungskraft auf dem realen Leid der Palästinenser aufgebaut, kanalisiert diese Missstände jedoch in eine totale Ideologie von Dschihad und Rache.
Gleichzeitig ist die Terrorgruppe selbst zu einem der zentralen Motoren des Elends in Gaza geworden: Ihre Militarisierung der Gesellschaft, die Unterdrückung von Rivalen, die Umleitung von Ressourcen in ein riesiges Tunnelsystem und ihr Opferkult haben gerade jenes Leid vertieft, das sie zu rächen behauptet. Statt Frustration in Institutionenaufbau oder Kompromiss zu verwandeln, transformiert die Hamas sie in permanente Mobilisierung. Palästinensisches Leid wird nicht als Tragödie behandelt, die überwunden werden muss, sondern als Rohmaterial islamistischer Macht – und durch Propaganda als Waffe, um internationale Verurteilung Israels hervorzurufen.
Besessenheit von Verschwörungen
Die Besessenheit von einer Verschwörung ist der siebte Punkt. Die Hamas-Charta behauptet, Juden stünden hinter Revolutionen, Kriegen, Geheimgesellschaften und internationalen Organisationen. Sie nennt sogar Freimaurer, Rotary Clubs und Lions Clubs als Instrumente dieser angeblichen jüdischen Macht und verwandelt gewöhnliche zivilgesellschaftliche Organisationen in Teile einer umfassenden antijüdischen Fantasie. Das ist die alte Grammatik antisemitischer Verschwörung: der Jude als verborgener Manipulator der Geschichte. Faschistische Bewegungen haben solche Feinde immer gebraucht. Sie erklären Komplexität, Scheitern und Demütigung durch einen einzigen dämonischen Akteur.
Darstellung des Feindes als zugleich stark und schwach
Das achte Merkmal ist der Glaube, der Feind sei zugleich stark und schwach. Hamas stellt Israel als monströse, koloniale, global gestützte Macht dar – und zugleich als fragil, feige, dekadent und zum Verschwinden bestimmt. Haniyehs Rede vom 7. Oktober folgte diesem Muster: Israel war mächtig genug, im Zentrum der arabischen Normalisierung zu stehen, und doch angeblich so schwach, dass es sich nicht einmal selbst schützen konnte.
„Hamas dämonisiert Israel und Juden als fremd und illegitim, während Gazas Wirtschaft seit langem vom israelischen Schekel abhängt.“
Derselbe Widerspruch durchzieht Hamas’ antisemitische Vorstellungswelt. Juden werden als nahezu allmächtige Verschwörer dargestellt, die die Weltpolitik kontrollieren, zugleich aber als schmutzige, erbärmliche und geistig minderwertige Wesen, die besiegt und gedemütigt werden. Dieser Widerspruch ist psychologisch nützlich: Der Feind muss stark genug sein, um permanenten Krieg zu rechtfertigen, aber schwach genug, um den Sieg unausweichlich erscheinen zu lassen. Die Ironie liegt auf der Hand. Hamas dämonisiert Israel und Juden als fremd und illegitim, während Gazas Wirtschaft seit langem vom israelischen Schekel abhängt.
Glaube, dass Pazifismus Verrat sei
Ecos neunter Punkt lautet, dass Pazifismus als Paktieren mit dem Feind gilt. In der Weltsicht der Hamas ist Frieden keine politische Option, sondern Kapitulation. Die Charta von 1988 weist Friedensinitiativen zurück. Dementsprechend hat die Hamas den Oslo-Prozess nie als legitimen Weg zu palästinensischer Selbstbestimmung akzeptiert. Ihre Selbstmordanschläge während der Zweiten Intifada zeigten diese Logik in der Praxis: Verhandlungen wurden mit Blutvergießen beantwortet.
Selbst in der Prinzipienerklärung von 2017 bleibt bewaffneter Widerstand zentral. Die Hamas nutzt Gewalt nicht einfach; sie sakralisiert sie. Politik wird zum Krieg mit anderen Mitteln, und das Leben selbst wird als permanenter Krieg organisiert. In einer solchen Weltsicht kann es keine normale zivile Zukunft geben, keine entmilitarisierte Politik und keinen Frieden ohne Verrat – nur endlosen Kampf, Opfer und Mobilisierung.
Verachtung für Schwäche
Der zehnte Punkt ist populärer Elitismus und Verachtung für Schwäche. „Ur-Faschismus“ erzählt den Massen, sie gehörten zu einem heroischen Volk, während er sie zugleich einer militarisierten Hierarchie unterwirft, die sie als Material für Opfer behandelt. Die Hamas wendet diese Logik auf die Palästinenser an. Sie preist sie als einzigartig standhaftes Volk des „Widerstands“, behandelt sie aber nicht in erster Linie als Bürger, die Anspruch auf Sicherheit, Wohlstand, Pluralismus oder politische Wahlfreiheit haben. Von ihnen wird erwartet, auszuhalten, zu gehorchen, sich zu opfern und Märtyrer hervorzubringen.
Erziehung zum Heldentum
Ecos elfter Punkt ist die Erziehung aller zu Helden. Faschistische Bewegungen behandeln Heldentum nicht als Ausnahme; sie normalisieren es und binden es an den Kult des Todes. Die Hamas tut dies durch den Märtyrerkult. Ihre Charta erklärt: „Der Dschihad ist ihr Weg, und der Tod um Allahs willen ist ihr erhabenster Wunsch“, und fordert, den Geist des Dschihad in die Nation einzupflanzen.
Die Hamas betrieb militarisierte Jugendcamps in Gaza, in denen Jungen in Drill, Waffen und der Sprache des „Widerstands“ geschult wurden. Bei einem solchen Camp beschrieb ein Hamas-Funktionär das Training als Vorbereitung auf die „Befreiung Palästinas“. Frauen werden in dieser Weltsicht nicht als emanzipierte Individuen behandelt, sondern als „Macherinnen von Männern“, verantwortlich dafür, Kinder für den Kampf großzuziehen.
„Für Hamas sind Waffen der eigentliche Beweis ihrer Identität und Macht.“
Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, der beigebracht wird, Opfer mehr zu bewundern als Leben. Wie der ehemalige Hamas-Führer Ismail Haniyeh nach dem Tod eigener Verwandter sagte: „Durch das Blut der Märtyrer und den Schmerz der Verletzten schaffen wir Hoffnung, schaffen wir die Zukunft, schaffen wir Unabhängigkeit und Freiheit.“ Genau davor warnte Eco: Wenn Heldentum zur Norm wird, wird der Tod zur politischen Währung – und Führer, die den heroischen Tod verherrlichen, sind oft am ehesten bereit, andere in den Tod zu schicken.
Im Januar 2025 pries der hochrangige Hamas-Führer Khalil al-Hayya den 7. Oktober als militärische Leistung und als Quelle des Stolzes, die von Generation zu Generation weitergegeben werden solle. Das ist faschistoide Pädagogik in ihrer reinsten Form: Gräueltaten werden zum Erbe, Massaker zur Erinnerung, und der nächsten Generation wird nicht Entsetzen, sondern Stolz darauf beigebracht.
Machismo und Waffenkult
Machismo und Waffenkult bilden den zwölften Punkt. Eco schreibt, der „urfaschistische Held“ neige dazu, mit Waffen zu spielen, und verwandle sie in eine „ersatzweise phallische Übung“. Die politische Vorstellungswelt der Hamas ist um genau diese Figur gebaut: den bewaffneten männlichen Kämpfer, den maskierten Militanten, den Märtyrer, der Demütigung durch Gewalt erlöst. Waffen sind nicht bloß Instrumente; sie werden zu Symbolen von Authentizität, Männlichkeit und politischer Legitimität. Gewalt beweist Männlichkeit; Märtyrertum krönt sie. Deshalb missversteht die Vorstellung, Hamas werde sich einfach freiwillig entwaffnen, die Bewegung: Für Hamas sind Waffen der eigentliche Beweis ihrer Identität und Macht.
Selektiver Populismus
Der dreizehnte Punkt ist selektiver Populismus. „Ur-Faschismus“ behandelt das Volk nicht als pluralistische Bürgerschaft mit individuellen Rechten und unterschiedlichen Meinungen. Er stellt sich „das Volk“ als einen mystischen Körper mit einem einzigen authentischen Willen vor – und die Bewegung beansprucht, für diesen Willen zu sprechen. Die Hamas spricht im Namen „des palästinensischen Volkes“, „des Widerstands“ und der Umma, während sie Palästinensern, die Kompromiss, Koexistenz oder einfach ein normales Leben wollen, die Legitimität abspricht. Wer die Hamas unterstützt, gilt als authentisches Volk; wer sie ablehnt, kann als Kollaborateur oder Agent Israels abgetan werden. Die Terrorgruppe beruft sich ständig auf das Volk, lässt es aber nicht frei sprechen. Sie spricht für es – und über es hinweg.
Neusprech
Als vierzehnten und letzten Punkt identifiziert Eco den Neusprech: die Degradierung der Sprache zu Parolen. „Ur-Faschismus“ reduziert Sprache auf Schlagworte, die kritisches Denken blockieren. Die Hamas tut dasselbe durch ihr Vokabular von „Widerstand“, „Märtyrertum“, „Befreiung“ und „Kollaboration“. Terroranschläge werden zu „Operationen“. Ermordete Zivilisten werden zu „Siedlern“ oder „Zionisten“. Selbstmordattentäter werden zu „Märtyrern“. Politische Gegner werden zu „Verrätern“ oder „Agenten“. Frieden wird zu „Kapitulation“; Kompromiss wird zu „Kollaboration“; Tod wird zu „Sieg“.
„Das Hakenkreuz wird sofort erkannt. Das grüne Stirnband wird als ‚Kontext‘ behandelt.“
Diese Sprache erklärt die Wirklichkeit nicht, sie ersetzt diese Wirklichkeit. Sie verwandelt moralisches Urteil in rituelle Wiederholung und lässt Gewalt edel, unvermeidlich und heilig klingen. Der Neusprech der Hamas erlaubt es, Massaker „Widerstand“ zu nennen, Diktatur „Standhaftigkeit“ und endlosen Krieg „Befreiung“.
Blinder Fleck
Hier wird der blinde Fleck mancher Antifaschisten so gravierend. Wenn Hamas diese Sprache spricht, hören Teile der antiimperialistischen Linken nur „Widerstand“. Sie hören nicht den Kult des Todes, die Verschwörungstheorie, den religiösen Totalitarismus, den Antisemitismus, den permanenten Krieg, den Machismo, die Verachtung für Schwäche, den selektiven Populismus oder den Neusprech. Sie sehen die „Unterdrückten“, weigern sich aber, die autoritäre Bewegung zu sehen, die beansprucht, in ihrem Namen zu sprechen.
Das Ergebnis ist eine groteske Umkehrung. Antifaschisten, die einer weißen nationalistischen Bewegung niemals verzeihen würden, dass sie den Tod verherrlicht, Juden dämonisiert, Waffen verehrt, Frauen kontrolliert und Dissens als Verrat behandelt, werden plötzlich vage, wenn dieselben Muster in islamistischer Form erscheinen. Das Hakenkreuz wird sofort erkannt. Das grüne Stirnband wird als „Kontext“ behandelt.
Das bedeutet nicht, dass jede palästinensische Sache islamistisch oder palästinensisches Leid nicht real wäre. Es bedeutet auch nicht, dass jeder Gegner israelischer Politik die Hamas unterstützt. Viele Palästinenser haben unter Hamas gelitten, und viele Muslime, Liberale, Feministinnen und Dissidenten gehören zu den ersten Opfern des Islamismus. Der Punkt ist gerade, dass die Hamas nicht romantisiert werden sollte als authentische Stimme der Unterdrückten. Sie ist eine islamistische Bewegung mit faschistoider Struktur.
Das ist die Unterscheidung, die Teile der Linken zu machen verlernt haben. Ein Antifaschismus, der Faschismus außerhalb seines europäischen Kostüms nicht erkennt, ist kein ernsthafter Antifaschismus. Die Hamas ist nicht identisch mit dem italienischen Faschismus oder dem deutschen Nationalsozialismus. Ihre Sprache ist islamisch statt „rassisch“; ihr Kollektiv ist die Umma statt der Nation; ihr Recht wird als göttlich statt als säkular dargestellt.
Umberto Ecos Rahmen wurde gerade dafür entwickelt, die wiederkehrenden Merkmale des Faschismus unter verschiedenen historischen Kostümen zu erkennen. Die Aufgabe eines echten Antifaschismus müsste breiter und ehrlicher sein, als er es heute oft ist. Faschistoide Politik ist überall dort zu bekämpfen, wo sie auftritt. Alles andere ist kein Antifaschismus. Es ist selektive Blindheit.