15.09.2021

Die Grünen und das Risiko

Von Jörg Michael Neubert

Titelbild

Foto: Stephan Röhl via Flickr / CC BY 2.0

Die Klimapolitik der Partei Bündnis 90/Die Grünen geht zu viele Wagnisse ein, während ihre Wirtschaftspolitik Risiken zu stark vermeidet.

Annalena, wie hältst du es mit dem Risiko? Diese Gretchenfrage muss sich natürlich nicht nur Frau Baerbock, sondern auch jeder andere Politiker stellen. Da aktuell aber die Chance sehr groß ist, dass die Grünen an der nächsten Bundesregierung beteiligt sein werden, sollen sie hier im Zentrum stehen. Es werden exemplarisch zwei Themenfelder aufgegriffen, die die grundsätzlichen Linien grüner Politik gut nachzeichnen, und in Bezug auf die Risikokompetenz der Grünen analysiert. Als Grundlage der Analyse dient der Entwurf des Wahlprogramms der Grünen zur kommenden Bundestagswahl. Natürlich ist ein Wahlprogramm lediglich eine Absichtserklärung, und nicht alle Punkte können in einer Regierung umgesetzt werden, aber als Orientierung ist es akzeptabel. Zumal viele der hier skizzierten Punkte im jüngsten Triell der Kanzlerkandidaten fast wortwörtlich von Annalena Baerbock geäußert wurden. Es ist also legitim anzunehmen, dass ihre Politik die Richtung des Wahlprogramms einschlagen würde.

Zunächst zwei kurze Begriffsklärungen:

  • Risiko: In diesem Text ist damit ein mit einem Vorhaben verbundenes Wagnis gemeint, dessen Folgen nicht sicher feststehen, sondern nur mit einer nicht immer zu bestimmenden Wahrscheinlichkeit eintreten. Die Folgen können sowohl positiv als auch negativ sein.
  • Risikokompetenz: Eine Entscheidung ist dann risikokompetent, wenn sie unter Einbezug gesicherten Wissens für den bekannten Teil des Problems und einer rationalen Abwägung von Chance und Risiko in Hinblick auf den unsicheren Teil erfolgt.

Das Klima-Problem

Ein zentraler Punkt des grünen Wahlprogramms ist die Bekämpfung des Klimawandels. Dieses Thema durchzieht es wie ein roter Faden.

Hier geht es nicht darum, ob es einen menschengemachten Klimawandel (verstanden als globales Phänomen) gibt oder wie gefährlich dessen Folgen sind. Es soll lediglich überprüft werden, ob die vorgeschlagenen Maßnahmen der Grünen eine realistische Aussicht auf Erfolg haben und damit risikokompetent sind.

Beginnen wir damit, dass wir uns die Grundstruktur des weltweiten „Marktes“ für klimawirksame Emissionen ansehen. Im Zuge des weltweiten Wachstums und des wirtschaftlichen Aufstiegs von ehemaligen Entwicklungsländern ist auch der Ausstoß von CO2 und anderen Klimagasen gestiegen. Unterstellen wir, dass es für die gesamte Menschheit besser wäre, wenn alle ihre CO2-Emissionen verringern würden. Das Problem dabei stellt sich aus verhaltensökonomischer Sicht als soziales Dilemma dar. Die spezielle Ausprägung hier ist als Tragik der Allmende bekannt. Kurz zusammengefasst: Es besteht eine – unterstellte – rationale Gesamtperspektive, die Emissionen zu verringern. Jeder einzelne Akteur (in diesem Fall vor allem Staaten) hat aber einen Anreiz, von diesem Gesamtziel abzuweichen. Warum? Ganz einfach, weil die Kosten für die Klimaerwärmung der gesamten Weltgemeinschaft aufgebürdet werden können. Der Nutzen für den Einsatz z.B. kostengünstiger, aber „klimaschädlicher“ Energiegewinnung dagegen kommt nur dem jeweiligen Land zugute. Ökonomisch gesprochen wird also der Nutzen internalisiert, während die Kosten externalisiert werden.

„Menschen sind kaum in der Lage, einen in der Zukunft liegenden Schaden heute korrekt zu bewerten.“

Nehmen wir die EU mit ihren ca. 450 Millionen Einwohnern als Zahlenbeispiel. Nehmen wir weiter an, die Nutzung billiger Energie würde jedem Bürger eine Nutzeneinheit von 1 bringen. Die Klimakosten können wie schon beschrieben aber der gesamten Weltbevölkerung angelastet werden. Rechnen wir mit einer Weltbevölkerung von 7 Milliarden Menschen und unterstellen, dass Nutzen und Schaden pro Nutzeneinheit gleich hoch sind. Das ist bezüglich des Schadens wahrscheinlich deutlich zu hoch gegriffen, wir wollen es aber als Rechengrundlage akzeptieren.

Die EU hat ca. 450 Million Einwohner. Wir gehen davon aus, dass der Schaden gleichmäßig auf die gesamte Weltbevölkerung verteilt wird. Die EU-Bürger müssen dann 450 Millionen geteilt durch 7 Milliarden Euro Schaden hinnehmen. Das entspricht einem Schaden von 0,064 Euro pro Bürger. Damit also der Schaden als gleichwertig zu 1 Euro Gewinn gewertet wird, müsste er (1 durch 0,064) 15,6 Euro betragen. Hochgerechnet auf alle EU-Bürger bedeutet das, dass einem Gewinn von 450 Millionen Euro ein zurechenbarer Verlust von guten 7 Milliarden Euro (450.000.000 mal 15,6) gegenüberstehen müsste. Natürlich verteilt sich der Schaden in der Realität nicht gleichmäßig auf jeden einzelnen Erdenbürger, aber die Berechnung zeigt das Grundproblem sehr gut auf.

Es ist also für die Akteure individuell rational, sich so zu verhalten, auch wenn das zu einer kollektiven Irrationalität führt. Verstärkt wird dieser Effekt auch noch durch die Tatsache, dass der Nutzen direkt erlebt wird und der in der Zukunft liegende Schaden zum einen deutlich weniger salient ist und zum anderen überproportional abgezinst wird. Oder einfach ausgedrückt: Menschen sind kaum in der Lage, einen in der Zukunft liegenden Schaden heute korrekt zu bewerten. (Im Falle des Klimawandels kommt hinzu, dass es zwar allerlei Modelle und Szenarien gibt, aber keineswegs verlässliche Voraussagen der Folgen einer globalen Erwärmung.)

Was wäre eine mögliche Lösung dieses Problems? Die klassische Literatur geht davon aus, dass die Tragik der Allmende zu lösen ist, indem die Kosten nicht länger externalisiert werden. D.h. die Emission von CO2 muss einen Preis bekommen. Dieses System ist teilweise bereits über den europäischen Emissionshandel erfüllt. Diesen auszubauen wäre also rational. Unternehmen würden ihre Emission mit in ihre Kalkulation aufnehmen und hätten daher einen Anreiz, diese zu senken.

Natürlich würde das auch weltweit funktionieren, wenn es denn ein entsprechendes System gäbe, aber auch hier haben Länder wieder einen Anreiz, dem System nicht beizutreten. Es verursacht schlicht und ergreifend im Jetzt Kosten, die Emissionen zu senken, während der Nutzen in einer nicht bekannten Höhe in einer fernen Zukunft liegt. Aktuell gibt es Überlegungen auf EU-Ebene, dieses Problem zu lösen, indem man Importe mittels eines CO2-Grenzausgleiches bepreist. Das ist eine denkbare Lösung, die allerdings mit sehr großen Unsicherheiten behaftet ist. Die risikokompetente Lösung dieses Problems kann folglich nur darin liegen, die Kosten der Folgen oder der Vermeidung zu reduzieren. Wir müssen klimaneutrale Energieerzeugung verbilligen. Wir müssen Technologien entwickeln, mit denen wir die Kosten der Anpassungsmaßnahmen an veränderte Wetterverhältnisse (Hitze, Stürme, etc.) senken können. Und ggf. sollten wir auch Technologien entwickeln, mit denen wir kostengünstig die Erde kühlen können. 1 Risikokompetent wäre es also, an diesen Technologien zu arbeiten, während die jetzigen den Übergang gestalten.

„Risikokompetent wäre es, an Technologien wie klimaneutraler Energieerzeugung oder Anpassungsmaßnahmen an veränderte Wetterverhältnisse zu arbeiten, während die jetzigen den Übergang gestalten.“

Was ist der Plan der Grünen? An vielen Stellen fordern diese einen Ausbau von regenerativen Energien, namentlich Wind- und Sonnenenergie. Ansätze zu den oben skizzierten Möglichkeiten finden sich im Wahlprogramm nicht. Das heißt konkret: Es wird zwar der Ausbau von Wind- und Sonnenenergie gefordert, aber es wird kein Plan skizziert, wie diese oder andere regenerative Energien den Energiebedarf der Zukunft günstig decken können. Das einzige, was man sicher sagen kann, ist das es für den Steuerzahler teuer werden wird. Baerbock äußerte sich zu diesem Thema relativ konkret im aktuellen Triell. So sollen laut ihr 50 Milliarden Euro in erneuerbare Energien investiert werden. Wo dieses Geld herkommen oder für was es verwendet werden soll, blieb bis zum Ende der Veranstaltung allerdings offen. Ist dieser Ansatz also auch mit einer rationalen Lösung vereinbar? Nur bedingt. Sicherlich ist es möglich, rechnerisch eine Menge an derartigem Strom zu produzieren, um den Energiebedarf in Deutschland zu decken. Allerdings werden hier mehrere Punkte übersehen.

  1. Technische Risiken. Hier geht es vor allem um die Probleme der Versorgungssicherheit (Was tun, wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint?) sowie der Netzstabilität (Erneuerbare Energien sind nicht grundlastfähig.).
  2. Negative externe Effekte. Das sind unerwünschte Nebeneffekte, die durch die Nutzungen auftreten. Zu nennen wären hier die Dezimierung des Vogelbestands durch Windräder oder auch der „Flächenfraß“ durch die benötigten Freiflächen. Zu erwähnen wäre auch die Entsorgungsproblematik bei Solarzellen.
  3. Das Problem des Innovators. Bekanntermaßen ist Deutschland nur für ca. zwei bis drei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Selbst wenn Deutschland komplett auf erneuerbare Energien umstiege, wäre die weltweite Wirkung vernachlässigbar. Als Gegenargument hört man immer, dass der Rest der Welt dem deutschen Vorbild dann schon folgen werde. Sehen wir uns dieses Argument daher genauer an. Wie bereits vorher beschrieben, handelt es sich hier um ein Kostenproblem. Deutschland würde sich die Reduktion der Treibhausgase sehr viel kosten lassen, da auf die abmildernde Wirkung von Übergangstechnologien verzichtet werden soll. Was ist das Signal an andere Länder? Sie sehen hohe Kosten, dem ein ungewisser Nutzen gegenübersteht. Das wird vermutlich die meisten nicht überzeugen. Interessant wäre diese Möglichkeit lediglich, wenn es gelingt, eine saubere Technologie zu entwickeln, die die Energieproduktion billig macht. Das wäre aber dann eine neue Technologie und keine bekannte, zumindest aber eine Weiterentwicklung bisheriger CO2-neutraler Technologien, die mit anderen Problemen zu kämpfen haben, wie etwa die Atomkraft. Wenn man in diese Richtung ginge, könnten die heute gezahlten Preise dafür als Investition verstanden werden und der Verkauf dieser neuen Technologie als ROI (Return on Investment). Es würden also jetzt Investitionskosten für Forschung, Entwicklung etc. anfallen, aber in Zukunft könnte diese Technologie an andere Länder verkauft werden und die zukünftigen Gewinne würden die jetzigen Kosten amortisieren. Damit wäre allen geholfen und das System anreizkompatibel gestaltet. Diese Möglichkeit wurde im Triell zumindest von Armin Laschet kurz angerissen. Aber weder Frau Baerbock oder Herr Scholz konnten sich dafür erwärmen.

Leider finden sich derartige Vorschläge nicht. Das Wahlprogramm setzt einseitig auf die Nutzung bekannter Technologien mit hoher Unsicherheit. Das wurde im Triell auch noch mal deutlich, denn alle Teilnehmer forderten einmütig den Ausbau regenerativer Energien. Alternativen, die die Grenzen der Möglichkeiten berücksichtigen, wurden nicht genannt.Zwar wird an anderer Stelle im Programm auch die Investition in Spitzenforschung gefordert 2, aber eine explizite Erwähnung der oben genannten Überlegung findet kaum statt. Zumal man ja, wie angedeutet, in die Weiterentwicklung der Kernenergie investieren könnte. Hier befinden sich die Grünen aber in einem Dilemma, das nicht thematisiert, sondern kategorisch ausgeschlossen wird. Ansonsten findet sich lediglich ein Bekenntnis zum Ausbau des europäischen Emissionshandels. Dieser alleine ist jedoch, wie oben dargestellt, nicht ausreichend. Der Plan der Grünen ist also nicht risikokompetent, da er einseitig auf eine Lösung setzt, die sowohl national als auch international mit nicht zu kalkulierenden Unsicherheiten behaftet ist. Es wird nicht viele Länder geben, die uns hier folgen. Einige werden schlicht die Kosten scheuen. Andere werden klug auf den Weg der Technologieentwicklung setzen, der uns hier aus ideologischen Vorbehalten zum beträchtlichen Teil versperrt ist.

„Es wird zwar der Ausbau von Wind- und Sonnenenergie gefordert, aber es wird kein Plan skizziert, wie diese oder andere regenerative Energien den Energiebedarf der Zukunft günstig decken können.“

Wirtschafts- und Handelspolitik

Aktuell befinden sich die entwickelten Industrienationen in einer Niedrigzinsphase mit schwachem oder stagnierendem Wachstum. Betrachten wir zunächst die Situation in Europa, die sich mehr oder minder auf Deutschland übertragen lässt. Europa lebt schon seit über zehn Jahren in einer wirtschaftlichen Situation, die durch geringes Wachstum und geringe Produktivitätszuwächse gekennzeichnet ist. Viele Unternehmen können nur überleben, da die historisch niedrigen Zinsen ihnen eine Refinanzierung zu sehr geringen Kosten erlauben. In der Wissenschaft hat sich für diese Unternehmen der Begriff der Zombieunternehmen herausgebildet, weil diese eigentlich bereits vom Markt verschwinden sollten, es aber aufgrund der billigen Kredite nicht tun. 3 Sobald die Corona-Krise überwunden ist und auch das Insolvenzrecht wieder wie früher greift, wird hier sicherlich auch Bewegung entstehen. Um für die Zukunft den Wohlstand zu sichern, wäre es nötig, die Produktivität wieder zu steigern. Zombieunternehmen, die sich nicht auf dem Markt behaupten können, würden dann verschwinden, während sich andere weiterentwickeln und neue innovativere und produktivere entstehen. Diesen Übergang flankierend zu gestalten, kann als risikokompetent gelten.

Wie stehen die Grünen zu derartigen Überlegungen? Grundsätzlich streben sie eine Hinwendung zu einer nachhaltigeren Wirtschaft an – was das genau sein soll, wird nicht erläutert. Es folgen dann diverse Konzepte, die mehr oder minder aus dem „linken“ Werkzeugkasten kommen. So werden höhere Steuern für Reiche, Bekämpfung der Steuerhinterziehung etc. gefordert. So weit, so bekannt. Typischerweise geht es hier vor allem darum, einen existierenden Wohlstand anders zu verteilen, nicht aber darum, mehr Wohlstand für alle zu schaffen. Konkrete Aussagen zum Thema Wohlstandssteigerung finden sich nicht. Um es auf den Punkt zu bringen: Das Parteiprogramm beinhaltet gar keine richtige Wirtschaftspolitik. Wirtschaftliches Handeln steht hier vielmehr unter einem „Klimavorbehalt“. Sämtliche wirtschaftlichen Maßnahmen sollen vor allem klimaneutral sein. Das ist wohl das, was Frau Baerbock „Klimapolitik ohne Aber“ nennt. Damit wird deutlich, dass die Grünen überhaupt kein Interesse an wachsendem Wohlstand haben und damit auch nicht am Verschwinden von Zombieunternehmen. Einzig und allein wichtig ist, ob ein Unternehmen möglichst klimaneutral ist. Ob es dabei unproduktiv ist und den nötigen Wandel blockiert, ist nachrangig. Es gibt im Programm zwar einige Stellen, an denen von „guten Arbeitsplätzen“ und Sicherung des Wohlstands gesprochen wird. So soll der deutsche Mittelstand führend in der Klimatechnologie werden. Allerdings zeigt dieses Beispiel sehr schön, wo das Problem liegt. Alles steht unter dem „Klimavorbehalt“ und es geht nur um Sicherung, nicht aber um den Ausbau von Wohlstand. Eine solche Wirtschaftspolitik ist daher als risikoavers und nicht risikokompetent zu bewerten.

Betrachten wir nun nach der Wirtschaftspolitik im Allgemeinen noch das Feld der Handelspolitik im Speziellen. Diese bietet die Chance, wieder Druck zur Produktivitätssteigerung aufzubauen. Im Gegensatz zu den Industrienationen haben die Schwellenländer nämlich noch hohe Produktivitätsfortschritte, und wenn man ihnen die Möglichkeit eröffnete, die Industriemärkte mit ihren Gütern zu beliefern, dann würde das ihr Wachstum begünstigen und die Unternehmen in entwickelten Märkten müssten innovativer werden, um ihren technologischen Vorsprung zu halten. Wie würde solch eine „produktivitätssteigernde“ Handelspolitik aussehen? Zunächst wären freie Zugänge zu allen Märkten zu erlauben. Damit ist nicht gemeint, dass schlagartig alle Zölle und andere Handelshemmnisse abgeschafft werden, sondern eine schrittweise Öffnung der europäischen Märkte. Bestehende Handelsabkommen sollten erweitert und neue geschlossen werden. Was wäre die Folge? Schwellen- und Entwicklungsländer würden einen besseren Zugang zu einem weltwirtschaftlich bedeutenden Markt erhalten. Da sie aufgrund ihrer niedrigeren Lohnkosten etc. Massenware deutlich billiger anbieten können, wären europäische Unternehmen dazu gezwungen, sich von bestimmten einfach produzierten Produkten zu verabschieden und stattdessen innovative neue zu entwickeln, was den technologischen Wandel voranbrächte.

„Der Plan der Grünen ist nicht risikokompetent, da er einseitig auf eine Lösung setzt, die sowohl national als auch international mit nicht zu kalkulierenden Unsicherheiten behaftet ist.“

Eine derartige Politik wäre auch risikokompetent. Durch Übergangsfristen hätten europäische Unternehmen genügend Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen und zu reagieren. Natürlich gäbe es auch Verlierer, aber es darf nicht vergessen werden, dass unproduktive Unternehmen auch Mitarbeiter binden (Stichwort: Fachkräftemangel), die in anderen Unternehmen produktiver wären.

Was sagt das Grüne Wahlprogramm zum Thema Handelspolitik? Die Vorstellungen der Grünen sind insgesamt als protektionistisch zu bewerten. Dabei fordern sie nicht direkt Handelsschranken für ausländische Güter. Es findet sich kein Wort zu direkten Zöllen. Die Einschränkungen sind vielmehr indirekter Natur. Die Grünen wollen bestehende Handelsabkommen wie CETA und das kurz vor dem Abschluss stehende EU-Mercosur nicht ratifizieren. Zusätzlich soll der Handel auch über den Weg der Produktregulierung eingeschränkt werden. Dies lässt sich gut an zwei Punkten zeigen.

Zum einen wird gefordert, dass in die EU eingeführte Produkte deren Mindeststandards in Hinblick auf Qualität und Umweltschutz genügen müssen. Das klingt erst einmal gut und im Sinne des Verbrauchers, übersieht aber einen entscheidenden Punkt. Gerade für Schwellenländer ist es schon allein wegen der notwendigen Überwachungs- und Kontrollregime sehr schwer, derartige Forderungen zu erfüllen. Damit soll nicht dem hemmungslosen Freisetzen von Schadstoffen oder der Produktion von gefährlichen Gütern gehuldigt werden. Es ist aber entweder blauäugig oder berechnend, armen Ländern derartige Vorgaben zu machen, von denen klar ist, dass sie diese nicht erfüllen können, zumal die Standards der EU nicht per se gut oder zumindest besser als anderswo sind. Sie sind vielmehr Ergebnis eines politischen Prozesses, der dem Verbraucher nicht immer nur Nutzen bringt. So wären, um ein stark diskutiertes Beispiel zu nennen, kurz mit Chlorlösung behandelte Hühner in Bezug auf bakteriellen Befall deutlich sicherer für die Verbraucher. Trotzdem sind sie in der EU nicht erlaubt. Sicherlich ist es möglich und wünschenswert, dass der Aufstieg von Entwicklungsländern „sauberer“ als in den heutigen Industrienationen verläuft; über Umwege aber einfach zu verlangen, dass sie quasi von 0 auf 100 kommen, ist unrealistisch.

Der zweite Punkt ist die Forderung nach einem Lieferkettengesetz, so wie es aktuell in Deutschland diskutiert und wohl auch bald umgesetzt wird. 4 Es geht darum, dass Firmen für die Arbeitsbedingungen ihrer Zulieferbetriebe verantwortlich gemacht werden sollen und dafür sorgen müssen, dass bestimmte hier geltende Standards auch in anderen Ländern eingehalten werden. Teilweise ist auch ein Klagerecht vorgesehen.

„Das Parteiprogramm beinhaltet gar keine richtige Wirtschaftspolitik.“

Daraus ergeben sich mehrere Probleme:

  • Unabhängig von der Tatsache, dass kein Unternehmen der Welt alles kontrollieren kann, würden derartige Praktiken europäische Waren verteuern. Auch wenn man dies zum Nachteil der Verbraucher hinnähme, wird hier wieder die Rechnung ohne die anderen gemacht. Wie schon beim Klimaschutz würden die Verbraucher in Nicht-EU-Ländern auf andere Waren ausweichen, die mit Standards produziert worden sind, die sich nicht in Einklang mit den europäischen Richtlinien befinden. Im Fall, dass ein Zulieferer nur für Kunden in der EU produziert, würde er das Geschäft verlieren und müsste z.B. Personal entlassen, was vor Ort keinem hilft. Wenn er sich dem Druck beugt und es schafft, entsprechende Standards zu implementieren, hat der Zulieferer aber möglicherweise ein weiteres Problem: Durch die Umstellung entstehen ihm Kosten, die er zumindest teilweise an seine Kunden weitergeben muss. Diese kommen vermutlich nicht nur aus der EU. Er hat damit einen Wettbewerbsnachteil gegenüber Betrieben, die nicht für den EU-Markt, sondern für andere Länder, die er auch bedient, produzieren. Er wird hier also Umsatz verlieren, was zu entsprechend negativen Rückkopplungen führt.
  • Zu beachten ist außerdem, dass bei aller berechtigten Kritik an den Arbeitsbedingungen vor Ort diese Unternehmen einen wichtigen Wirtschaftsfaktor darstellen. Sie sichern u.a. auch das Einkommen von Familien. Betrachten wir dazu gleich das besonders emotional besetzte Thema der Kinderarbeit. Das Ziel, Arbeit von Unter-14-Jährigen abzuschaffen, ist ein wichtiges Ziel und wird auch vom Autor dieser Zeilen unterstützt. Allerdings darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade in armen Ländern das Einkommen der Kinder zentral für die Familie ist. Wenn die Kinder nicht mehr in der Fabrik arbeiten dürfen, müssen sie etwas anders tun und werden in Grauzonen abrutschen. Das ist sicherlich nicht schön, aber eine umsichtige Politik muss sich eben auch an Realitäten und dem Machbaren orientieren.

Nun muss man fairerweise gestehen, dass die Grünen Entwicklungsländern im Gegenzug sogar Rechte einräumen würden. So soll es ihnen erlaubt sein, die eigenen Märkte zu schützen, damit sie ihre heimischen Produkte selbst verkaufen können. Das klingt erst einmal gut, wird aber mit dem oben Gesagten zum Bumerang. Die Länder könnten dann zwar innerstaatlich ihre Produkte anbieten, aber es gäbe für sie keine Möglichkeit, die europäischen Märkte zu erreichen. So wird jedoch auch hier kaum eine Verbesserung zu erreichen sein, weil sie ihren oben beschriebenen komparativen Vorteil nicht nutzen können.

Es ist also offensichtlich, dass die Grünen sich im Fall der Handelspolitik nicht risikokompetent, sondern risikoavers verhalten. Offiziell soll zwar der Handel gefördert werden, aber bei genauerem Hinsehen wird der Protektionismus über die Hintertür verstärkt.

An zwei Beispielen wurde aufgezeigt, dass sich die Grünen in zentralen Feldern nicht sehr risikokompetent verhalten. Dabei machen sie Fehler – sowohl in die eine wie auch in die andere Richtung. Sie gehen ein unvernünftig hohes Risiko beim Thema Klima ein, während sie in der Wirtschafts- und Handelspolitik nahezu jedwedes Risiko vermeiden und sich so Chancen entgehen lassen.