14.08.2013

Die Freiheit in der Wüste

Kommentar von Brendan O’Neill

In Las Vegas darf gespielt, geraucht, gefressen, geballert und gesoffen werden. Darin liegt eine Form von Zivilisiertheit, die uns in Europa zunehmend abgeht, meint der Chefredakteur des Novo-Partnermagazins Spiked, Brendan O’Neill, hier und in der aktuellen Novo-Printausgabe.

Aus Las Vegas gibt es etliches Seltsames zu berichten, angefangen mit dem Transporter, der herumfährt, um einem „Heiße Mädels direkt ins Haus“ zu liefern, bis hin zu dem klammen Jungunternehmer am Las Vegas Boulevard, der ein Schild hochhält mit der Botschaft „Für `nen Zwanziger lass‘ ich mir in die Eier treten. Kein Witz – kein Hodenschutz“. Am ungewöhnlichsten finde ich jedoch, dass man dort in den Kneipen und Spielkasinos, ja sogar in einigen Restaurants, noch rauchen darf. Wo die meisten US-amerikanischen Städte, und auch die europäischen, ihren Einwohnern das verordnet haben, was von vielen Antitabakkämpfern in brillanter Doppelzüngigkeit „Rauchfreiheit“ genannt wird, da bleibt Vegas in herrlicher Weise unfrei vom Rauch. In einem Kasino wird der Tabakmief geradezu unerträglich, zumindest für meine Augen und meinen Rachen. Und doch sehe ich selbst durch die Tränen in meinen Augen, wie zivilisiert es ist, Erwachsenen erwachsenes Verhalten zu gestatten, nämlich zu trinken, zu rauchen, zu plaudern, zu flirten – und für sich selbst zu entscheiden, ob sie sich eine anstecken wollen, und ob sie mit Rauchern oder mit Nichtrauchern herumhängen wollen. Schon tragisch, dass man erst in einen notorischen Sündenpfuhl in der Wüste Nevadas reisen muss, um das Ideal der Entscheidungsfreiheit anerkannt zu sehen.

Vegas bietet Einblicke, wie sich die Ideologie des Sündigens gewandelt hat. Wo dieser grelle, auf geradezu ironische Art anrüchige Außenposten einst wegen seines Glückspiels und seiner Zecherei als Stadt der Sünde galt, da wird er heute dadurch sündig, weil er das Rauchen in der Öffentlichkeit erlaubt, und Restaurants beheimatet, die einen zum Konsum von mehr Kalorien verleiten als die durchschnittliche körperliche Verfassung eines Menschen überhaupt verarbeiten kann. Während Vegas‘ alte Sünden – das Spielen und das Trinken – in den letzten Jahren zunehmend einer Pathologisierung anheimgefallen sind, indem man sie von moralischen Schwächen in bemitleidenswerte „Süchte“ umdeutete, die der Intervention unserer heutigen Therapeuten-Priesterschaft bedürfen, werden das Ziehen an der Kippe oder das sich Vollstopfen mit Burgern immer noch ausdrücklich als unmoralisch betrachtet, als Zeichen einer gierigen Selbstverachtung. Das Ausmaß, in dem sich die Sünde aus dem Reich der Moral in das der Gesundheit verlagert hat, von der Beschäftigung mit dem Seelenheil zu einer Besessenheit mit der eher primitiven Frage, wie wir mit unseren Lungen und Mägen umgehen, drückt sich sehr prägnant in der Umdichtung eines alten Las Vegas-Slogans durch eine Anti-Raucher-Lobbygruppe aus: „Was in Las Vegas passiert, bleibt in Euren Lungen.“

„Man verweigert sich der Dämonisierung krankhaft Übergewichtiger und spendiert Personen mit einem Gewicht von mehr als 159 Kilogramm ein Freiessen.“

Im innerstädtischen „Heart Attack Grill“ ermuntert man uns, auf ekelhafteste Weise unersättlich zu sein. „Vorsicht! Dieser Laden schadet Ihrer Gesundheit“, so ein Schild an der Tür. Die Kellnerinnen, als aufreizende Krankenschwestern verkleidet, ziehen einem erst mal ein Patientenlaibchen über, um dadurch zum Ausdruck zu bringen, dass die verabreichten Speisen dermaßen fett sind, dass man im Anschluss durchaus im Krankenhaus landen könnte. Und man verweigert sich dort auf recht anrührende Art der Dämonisierung krankhaft Übergewichtiger, die heutzutage in großen Teilen des respektablen Amerikas üblich ist. Das Restaurant spendiert Personen mit einem Gewicht von mehr als 350 amerikanischen Pfund (ca. 159 kg) ein Freiessen. Ihre riesige, an prominenter Stelle platzierte Personenwaage enthüllt, dass ich lediglich 174 Pfund wiege, bedauerlicherweise also für meinen „Bypass-Burger“ und meine „Herzstillstands-Fritten“ (in purem Fett frittiert) bezahlen muss. Es fühlt sich einfach gut an, sich ein Verhalten zu gönnen, das die „Fünfmal-Obst-und-Gemüse-am-Tag“-Brigade als garstig bis geradezu erzböse auffassen würde. „Möchten Sie eine Schachtel Lucky Strike zum Nachtisch“, fragt mich eine vollbusige Krankenschwester. Da ich für diesen Tag ausreichend gesündigt habe, lehne ich das Angebot dankend ab.

Als Barack Obama wiedergewählt worden war, und das Rauchen von Marihuana nach Volksabstimmungen in einigen Bundesstaaten legalisiert wurde, benannten Angehörige der Ostküsteneliten die Vereinigten Staaten in „Liberales Amerika“ um. Es ist schon ein eigenartiges liberales Land, in dem man Gras rauchen kann, das Rauchen einer Zigarette aber zunehmend schwieriger wird; wo jemand wie der New Yorker Bürgermeister Bloomberg Geld in Kampagnen für das Recht auf Schwulenehe steckt, gleichzeitig den New Yorkern aber verbietet, eine große Limonade zu kaufen. Tatsächlich ist das Liberale Amerika liberal, wenn man zur Mittelklasse gehört und Mitteklasse-Lastern wie dem Grasrauchen frönt, aber gar nicht mehr so liberal, wenn man zur Arbeiterklasse gehört und Zigaretten oder die gelegentliche eimergroße Cola mag.

Ich habe immer schon den zweiten Verfassungszusatz der US-Verfassung bewundert. Was für ein außerordentlicher Vertrauensbeweis einem Volk gegenüber, ihm das Recht zuzubilligen, als Schutz gegen eine tyrannische Regierung Waffen zu tragen. Auch ich durfte dieses Recht zeitweise ausüben, bei „Machine Gun Vegas“, einem Schießstand betrieben von tadellos höflichen Waffenenthusiasten (nicht, wie in vielen Medienlegenden dargestellt, von rohen Hinterwäldlern), und attraktiven Ex-Soldatinnen, die im Irak gedient haben. Mit einer Faustfeuerwaffe, einer Schrotflinte und einer Thompson-Maschinenpistole aus den Zwanzigern habe ich Hackfleisch aus Postern von Osama bin Laden gemacht. Obwohl das recht aufregend war, verzehrt mich in der Folge doch nicht der Drang, mir eine Knarre zuzulegen und meine Mitbürger abzuknallen, wie es strenggläubige Anti-Schusswaffen-Aktivisten von Nervenkitzel-Schützen wie mir eigentlich erwarten würden. Was auf dem Schießstand passiert, bleibt auch auf dem Schießstand.