16.09.2026

Die deutsche Freiheit lieben

Von Gunter Zimmermann

Titelbild

Foto: Andreas Nunzer via Wikicommons

Bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen lassen sich Ansätze in Deutschland, eine gewisse Freiheit und Vielfalt gegen die Ansprüche zentralistischer Gewalt zu verteidigen.

Seinen Kommentar in der Welt vom 9. August beendet Harald Martenstein mit dem einerseits resignierenden, andererseits aufrüttelnden Satz: „Es wird Europa zerstören, für immer. Das ist schade.“

„Es“ – das sind im Grunde zwei Dinge. Auf der einen Seite die Eroberungsmigration, die vorerst Diktatoren an den Rändern Europas wie Putin, Lukashenko, Erdogan und vermutlich auch Marokko als Instrument gegen das dumme, schwache Europa einsetzen, die aber auch noch andere Mächte als hervorragende Waffe entdecken werden. Der Journalist erinnert in diesem Zusammenhang an einen Beststeller, den der französische Autor Michel Houellebecq als Inspiration für seinen Roman „Unterwerfung“ benutzt hat. In „Das Heerlager der Heiligen“ schildert Jean Raspail 1973, wie eine Armada aus Handelskähnen, beladen mit 800.000 Armen, in Kalkutta aufbricht und in Südfrankreich landet. Europa ist angesichts dieser Invasion ratlos. Es werden Komitees gegründet, die wie immer um den heißen Brei herumreden. Die üblichen Reaktionen werden zelebriert, Gebetskreise, Schweigemärsche, Kindermalwettbewerbe mit dem Thema „Wir und die Gäste vom Ganges“, die keinerlei Wirkung zeigen. Währenddessen werden die Supermärkte geplündert, weil die aufgebotenen Soldaten sich aus Mitleid weigern, auf die Plünderer zu schießen. Im Ganzen ist es eine unverfrorene aggressive Landnahme, die entgegen allen historischen Beispielen unter dem Beifall der Eingeborenen stattfindet.

Darum ist in dem „es“ eine zweite Wirklichkeit enthalten, die Jean Raspail später im Gespräch über seine Erzählung ansprach. Er erklärte in diesem Zusammenhang, dass sein Buch – wie auch der Roman Houellebecqs – von der Feigheit der Europäer handle. Wie ist diese Feigheit zu erklären?

Martenstein sieht die Fiktion in dem Ansturm zehntausender junger Männer aus der Dritten Welt verwirklicht, die in die spanischen Städte Ceuta und Melilla eingedrungen sind. Er hält es für verständlich, dass diese Invasoren Wohlstand wollen. Es ist auch wahrscheinlich, dass es ihnen letzten Endes gleichgültig ist, wo sie ihn finden. Doch wesentlich ist, dass diese jungen Männer aus dem Nahen Osten, Afrika und Asien keine Europäer werden wollen. Viele von ihnen verachten den europäischen Lebensstil, weil sie ihre Religion und ihre Regeln für die einzig wahren und einzig akzeptablen halten. Sobald es ihre Zahl hergibt, werden sie – nochmals sei an „Unterwerfung“ erinnert – das gesellschaftliche Leben und die politische Ordnung bestimmen. Darum erneut die Frage: Warum lassen europäische Staaten, europäische Gesellschaften und europäische Regierungen das zu, warum wehren sie sich nicht?

Eine Erklärung der Feigheit und Schwäche

Eine einfache Antwort ist nicht leicht zu finden und vielleicht auch gar nicht möglich. Der eklatante Schuldkult, die mitleidlose Selbstanklage und der unbarmherzige Selbsthass lassen sich teilweise, aber nicht ganz auf einen pervertierten Protestantismus zurückführen, der das Sünder-Sein des Menschen, in diesem Kontext des europäischen Menschen, in den Mittelpunkt seiner Theologie, seiner Verkündigung und seiner Predigt rückt und freudig die Sünden jedes Europäers kritisiert und tadelt. Dass dies weder mit der Botschaft des Neuen Testaments noch mit der Entdeckung der Reformatoren zu vereinbaren ist, die die Vergebung und Rechtfertigung der Sünden als den Kern des Evangeliums ausgemacht haben, kann an dieser Stelle leider nicht vertieft werden.

„Ich will ein positives Geschichtsbild skizzieren.“

Aufgrund dieses au fond mörderischen Schuldkults wird von den entsprechenden Kreisen, nicht zu Unrecht als rot-grüne Bourgeoisie bezeichnet, bereitwillig den Erzählungen der Aggressoren und Invasoren geglaubt, die das angebliche Fortbestehen imperialer Strukturen in der westlichen Zivilisation anprangern. Die „Woken“ folgen auch ohne Widerrede der Auffassung, dass durch die westlichen Kolonisatoren die einheimischen Kulturen der Dritten Welt nicht nur entmündigt und marginalisiert, sondern zerstört und vernichtet worden seien. Das müsse gerächt werden, wobei Verjährung nicht möglich sei. Darüber hinaus würden die Gesellschaften der Dritten Welt weiterhin durch eurozentrische Sichtweisen beherrscht, von denen sie nicht nur durch wissenschaftliche Forschung, sondern auch durch aktiven Widerstand befreit werden müssten. Wenn europäische Politiker, Schriftsteller und Wissenschaftlicher dieses Narrativ akzeptieren, muss dies im Sinne Houellebecqs als Unterwerfung begriffen werden.

Ich will mich im Folgenden nicht mit der negativen Darstellung der westlichen Kolonial- und Missionsgeschichte auseinandersetzen, obwohl dies sicher angebracht und sinnvoll wäre. Stattdessen will ich ein positives Geschichtsbild skizzieren, jedoch nicht der gesamten westlichen Welt, was ebenfalls wünschenswert wäre – es ist leider kein Zufall, dass die Geschichte der westlichen Zivilisation, ehemals das Zentrum des Lehrplans, aus den Curricula US-amerikanischer Colleges weitgehend verschwunden ist –, sondern der ebenfalls sehr vernachlässigten nationalen Geschichte des deutschen Volkes. Zu diesem Zweck soll in aller Kürze zunächst geklärt werden, was Geschichtsschreibung ist, d.h. was sie erreichen will und welche Ziele sie sich setzt.

Wahrheit und Geschichte

Die Bedeutung einer Geschichte, ob dies nun die Geschichte des deutschen Volkes oder irgendeiner anderen Gruppe ist, hängt nicht davon ab, dass die Geschichte „wahr“ ist oder dass ihr „Wahrheit“ zukommt. Geschichte ist Erzählung, und Erzählung in jeder Form, fiktiv oder nicht-fiktiv, ist viel zu komplex, als dass das Attribut „wahr“ auf sie angewandt werden könnte. Mit anderen Worten: Jede Geschichte des deutschen Volkes kann konsequenter- und stringenterweise nicht „wahr“ sein.

Um dies zu verdeutlichen, sei in aller Kürze auf offenkundige Bedingungen der Geschichtsschreibung hingewiesen: Zum Ersten muss jeder Historiker aus Milliarden von Fakten, wahren Begebenheiten, wahren Sachverhalten, die Ereignisse auswählen, die er in seiner Geschichte (des deutschen Volkes oder irgendeiner anderen Gruppe) aufnehmen will. Für diese Auswahl gibt es keine Richtlinien und keine Kriterien, der Historiker muss mehr oder weniger subjektiv entscheiden, was er überliefern, was er „zitieren“ und wiedergeben will. Das (hörende oder lesende) Publikum fällt durch seine Rezeption letzten Endes das Urteil, ob die unzähligen, vom Historiker getroffenen Entscheidungen überzeugend und attraktiv waren oder nicht.

„Der Konflikt ist gewissermaßen ein Grundelement jeder Gesellschaft.“

An dieser Stelle muss noch angemerkt werden, dass in der Regel kein Historiker die Fakten, wahren Begebenheiten, wahren Sachverhalte selbst erlebt hat, die er in seiner Geschichte erzählt. Er ist auf Quellen, in diesem Fall in erster Linie auf Zeugnisse, angewiesen, die ihm die Ereignisse nahebringen, die er schildern will. Begreiflicherweise ist die Professionalität des Historikers an das Geschick und das Talent gebunden, mit denen er mit seinen Quellen umgeht. Das ändert aber nichts daran, dass kein Historiker einen unmittelbaren, unverstellten, unvoreingenommenen Zugang zur Vergangenheit, zu vergangenen Geschehnissen besitzt; er kann nicht darstellen, ‚was vor Augen liegt‘.

Nach der Auswahl der Fakten hört jedoch die originelle, kreative Leistung nicht auf, die vom Historiker gefordert wird. Jedem Hörer oder Leser ist klar, dass eine reine Zusammenstellung der wahren Begebenheiten, der wahren Sachverhalte, jede Auflistung von Ereignissen, jede additive Reihenfolge von Fakten in Form einer Zeittafel oder von Annalen oder gar einer Chronik keine Geschichte ist. Es bedarf der Kompetenz und Fähigkeit der ‚historischen Vernunft‘, um aus dem ‚Stoff‘ und den Materialien eine strukturierte, geordnete Erzählung zu konstruieren, um auf dieser Grundlage ‚die Geschichte zu erzählen‘. Historisches Wissen beruht auf Konstruktionen, die ‚die Historiographie‘ oder ‚die Geschichtswissenschaft‘ entworfen hat.

Konflikt und Geschichte

Diese Konstruktionen, d.h. diese Erzählungen, die die vergangenen Fakten strukturieren und ordnen, sind jedoch wiederum bestimmten Schemata, bestimmten Mustern unterworfen, denen sich kein Geschichtswissenschaftler entziehen kann. Anfang, Mitte und Ende sind ein Raster, das für jede Geschichte konstitutiv ist. Darüber hinaus aber steht im Mittelpunkt jeder Erzählung, auch jeder historischen, sich „an die Fakten haltenden“ Erzählung, ein Konflikt, der gewissermaßen den Zusammenhalt der Sachverhalte und Ereignisse verbürgt. Ohne einen Konflikt gibt es keine Geschichte; wo es keinen Konflikt gibt, gibt es nichts zu erzählen. Dabei sind unter „Konflikt“ alle möglichen Formen der Auseinandersetzung, nicht nur militärische Spezialoperationen zu verstehen: Kriege, Kämpfe, Streitigkeiten, parlamentarische Debatten, Diskussionen am „runden Tisch“, Gerichtsprozesse, Aussperrungen, Streiks usw. Der Konflikt ist gewissermaßen ein Grundelement jeder Gesellschaft.

Konflikte der Vergangenheit sind bereits an den Überresten zu erkennen, z.B. an zerstörten Burgruinen, verlassenen Schlachtfeldern, niedergebrannten Siedlungen, auffälligen Massengräbern usw. In der Regel findet der Historiker seinen die Geschichte hervorrufenden Konflikt jedoch in denjenigen Zeugnissen der Vergangenheit, die ihrerseits bereits das Geschehen in ihrem Verständnis und in ihrem Sinne interpretieren und insofern auf keinen Fall ohne kritische Reflexion und sorgfältige Prüfung wiedergegeben werden können.

Per definitionem setzt sich ein Konflikt aus Handlungen und Gegenhandlungen zusammen, die sich aus den unterschiedlichen Intentionen der beteiligten Akteure ergeben. ‚Der Held‘, der eine Handlung aus bestimmten Motiven initiiert, stößt in jeder Geschichte auf den Widerstand seines Opponenten, der aufgrund seiner Interessenlage eine Gegenhandlung einleitet. Der Reformator, der mit seinen 95 Thesen zu einer akademischen Disputation über das Ablasswesen einlädt, trifft auf die Antwort, die Gegenhandlung der Kurie, die ihn als Ketzer verurteilt. Eine Regierung, die aufgrund ihrer politischen Strategie und ihres Rechtsverständnisses Steuern erheben will, provoziert den Protest, die Reaktion, die Gegenhandlung von Kolonisten, die „No taxation without representation“ rufen. Der französische Kaiser, der einen diplomatischen Triumph einfahren will, ruft die Gegenwehr des preußischen Königs und des preußischen Ministerpräsidenten hervor, die sein anmaßendes Ansinnen ablehnen. Der Konflikt ist keine untergeordnete und vielleicht sogar überflüssige Zutat der Geschichte; er ist ihr Zentrum, er ist unvermeidbar, wenn überhaupt eine Geschichte erzählt werden soll.

„Der Historiker beschreibt nicht Geschichte, er erzeugt Geschichte.“

Im Großen und Ganzen gibt es drei Möglichkeiten, die weitere Konfliktgeschichte zu entfalten. Die erste Möglichkeit, den Konflikt zu bewältigen und zu lösen, besteht darin, dass der den Konflikt bewusst oder unbewusst initiierende „Held“ siegt und seine Auffassung durchsetzt. Zum Zweiten ist es möglich, dass der Protagonist eine Niederlage erlebt, unterliegt und aus der Konkurrenz und dem Wettbewerb für immer ausscheidet. Diese beiden Szenarien entsprechen dem Wesen eines Machtkampfs, in dem einer gewinnen und einer verlieren muss. Eine dritte Möglichkeit ist jedoch dadurch gegeben, dass die Kontrahenten auf den Gebrauch ihrer Macht mehr oder weniger verzichten und einen Kompromiss suchen, der für beide zufriedenstellend ist. In diesem Fall wird der Konflikt bewältigt, ohne dass die eine Partei siegt und die andere unterliegt. Am Ende steht möglicherweise sogar die Versöhnung, die eine neue Grundlage des Zusammenlebens und der Koexistenz schafft.

Der Historiker kann zwischen diesen drei Szenarien wählen, um vergangene Ereignisse in die Form einer Erzählung zu bringen. Dabei ist es ihm unbenommen, seine grundlegende Entscheidung für den Abenteuer-Roman, die Tragödie oder die Komödie – um die literaturtheoretischen Begriffe zu gebrauchen – zu nuancieren und zu modifizieren. Wesentlich ist jedoch, dass die vergangenen Geschehnisse „an sich“ weder abenteuerromanhaft, tragisch oder komisch sind. Sie werden erst durch den Geschichtsschreiber mit der Auferlegung der Struktur des betreffenden Geschichts-Typs dazu gemacht, um der Vergangenheit Sinn und Bedeutung zu verleihen. Das heißt, dass ohne die Unterordnung der vergangenen Ereignisse unter die jeweilige Form der Erzählung die Fakten, die wahren Begebenheiten, die wahren Sachverhalte irrelevant und bedeutungslos sind. Erst die Entscheidung des Historikers, sie in der Struktur eines Abenteuer-Romans, einer Tragödie oder einer Komödie zu erfassen, gibt ihnen Sinn und Bedeutung.

Um dies kurz an einem Beispiel zu erläutern: Für die traditionelle kleindeutsch-borussische Geschichtsschreibung war die Reichsgründung 1871 der Triumph, der definitive Sieg des Königreichs Preußen, das sich auf das Abenteuer der deutschen Einigung eingelassen hatte. Der australische Historiker Christopher Clark sieht dagegen in ihr die entscheidende Niederlage Preußens, die den endgültigen Untergang einleitete. Die Gründe für sein Urteil kann ich hier nicht anführen; es sollte nur gezeigt werden, dass ein und dasselbe vergangene Ereignis völlig unterschiedlich bewertet und in eine völlig divergente Erzählung eingeordnet werden kann.

Zusammengefasst: Der Historiker beschreibt nicht Geschichte, er erzeugt Geschichte. Wohlgemerkt: Er erzeugt nicht die Vergangenheit, er erzeugt nicht die vergangenen Ereignisse, aber er macht aus den Fakten, den wahren Begebenheiten, den wahren Sachverhalten „die Geschichte“.

„Teutsche Libertät“ gegen „spanisches Servitut“

Von der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges bildet der Konflikt zwischen der „teutschen Libertät“ und dem „spanischen Servitut“ einen Kerngehalt, um den die Geschichte des deutschen Volkes in dieser Periode gestaltet werden kann. Dem Königreich Spanien, regiert durch den Habsburger Karl I. (von Spanien), wurde in Deutschland besonders von den Protestanten, aber nicht allein von ihnen, vorgeworfen, aufgrund seiner Eroberungen in der „Neuen Welt“, aufgrund des damit verbundenen Besitzes, speziell des unerschöpflichen Reichtums an Edelmetallen, und aufgrund des geschlossenen Handels- und Wirtschaftssystems nach der Weltherrschaft, nach der Universalmonarchie zu streben. Die Unterdrückung „ketzerischer“ Konfessionen und die Abschaffung weltlicher Freiheiten, die in diesem Rahmen realisiert werden sollten, wurden von den Gegnern als „spanisches Servitut“ bezeichnet, das das Ende der „teutschen Libertät“ bedeuten würde.

Besonders die habsburgischen Kaiser Karl V. (reg. 1519-1556), Ferdinand II. (1619-1637) und Ferdinand III. (1637-1657) betrieben einen aggressiven Zentralismus, mit dem sie sowohl die Konfessionsfrage im römisch-katholischen Sinne als auch die Verfassungsfrage im Sinne des absoluten Dominats lösen wollten. Einerseits waren sie der Überzeugung, dass sie als (vermeintliche) Oberhäupter des christlichen Abendlands kraft kaiserlicher Autorität festlegen könnten, was zu glauben sei und welches Glaubensbekenntnis allein zu gelten habe. Andererseits wollten sie das Steuerbewilligungsrecht des Reichstags dadurch aufheben, dass durch ein System genau festgesetzter Kontributionen der Kaiser über die Mittel für ein „stehendes Heer“ verfügen sollte, das jeden ständischen Widerstand im Keim ersticken könnte. Dies waren die Grundgedanken des „spanischen Servituts“, das auf seinen Gegner wartete.

Der Opponent, die „teutsche Libertät“, implizierte im Gegensatz zum „spanischen Servitut“ das Selbstbestimmungsrecht der Reichsstände, die sich wie der Kaiser als von Gott eingesetzte Obrigkeiten betrachteten und das Reichsoberhaupt nur als „primus inter pares“ anerkannten. Sie verlangten deswegen im Sinne der „teutschen Libertät“ vom Kaiser eine verfassungskonforme Herrschaft, die sich an den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit orientiere und die Gleichberechtigung der Konfessionen achte. Besitz und Bekenntnis waren unter diesem Gesichtspunkt an die deutsche Freiheit gebunden, die vom Reichsoberhaupt treuhänderisch zu verwalten und zu garantieren sei.

„In der Gegenwart bedeutet der Kampf für die deutsche Freiheit vor allem, sich gegen einen übergriffigen Staat zu wehren.“

Mit diesem Herrschaftsverständnis war ein ‚republikanischer‘ Anspruch verknüpft, nach dem das Reich in den entscheidenden Fragen dem Kaiser übergeordnet war. Die durch die Reichsstände repräsentierte Gemeinschaft des Volkes steht nach dieser Auffassung über dem Reichsoberhaupt, dessen Befugnisse sich nach der Verfassung und nach dem von den Ständen als einer Art Staatsbürgern zusammen mit ihm erlassenen Gesetzen richten. „Reichsabschiede“, die Zusammenfassungen der auf einem Reichstag getroffenen Beschlüsse, mussten vom Monarchen und den Ständen gemeinsam verabschiedet werden, was im Übrigen der Praxis der Reichstage entsprach. Die „maiestas realis“ des Reiches ist deswegen in der Wirklichkeit der Verfassung von der „maiestas personalis“ des Kaisers zu trennen, die als eine nachgeordnete Autorität zu betrachten ist.

In dieser Verfassung der deutschen Freiheit war ein föderativer Geist angelegt, der für die Berücksichtigung aller Anliegen und Interessen sorgen sollte. Damit sollte des Weiteren die Freiheit bewahrt werden, die schließlich der wesentliche Inhalt der „teutschen Libertät“ war. Weitere Prinzipien waren Respekt und Toleranz, durch die die Vielfalt der Bekenntnisse und Konfessionen nicht als die Schwäche, sondern als die Stärke eines florierenden Gemeinwesens angesehen wurde. Dass im Stolz auf diese politische Konstitution der Patriotismus eine wichtige Rolle spielte, muss nicht besonders betont werden. Nach dem Urteil der Reichsstände handelte es sich bei der vielgerühmten „teutschen Libertät“ um eine Friedensordnung im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, die in einem Rechtsverhältnis auf Vertragsbasis bestand.

Bei Anerkennung der Geschichtlichkeit der entscheidenden Begriffe ist festzustellen, dass der Konflikt zwischen „teutscher Libertät“ einerseits und „spanischem Servitut“ andererseits die gesamte moderne Vergangenheit des deutschen Volkes durchzieht. Deshalb sollte eine liberal-konservativen Prinzipien verpflichtete Geschichtsschreibung die Ereignisse in der Neuzeit des deutschen Volkes herausarbeiten, in denen die föderative Tradition ihre wesentliche Ausprägung erfuhr. Diese Überlieferung ist in Deutschland tatsächlich immer präsent gewesen; die Deutschen wissen es allerdings zu einem großen Teil noch nicht.

In der Gegenwart bedeutet der Kampf für die deutsche Freiheit vor allem, sich gegen einen übergriffigen Staat zu wehren, der durch Steuern und Abgaben Selbstständige, Angestellte und Arbeiter der Unter- und Mittelschichten beraubt und ausbeutet. Die Bedrohung durch den Islamismus, durch das ‚islamistische Servitut‘, offenbart sich eher in polemischen, letzten Endes sinnleeren Begriffen wie „Islamophobie“ und „anti-muslimischer Rassismus“, durch die jede Kritik an der Theologie und Praxis des Islam unterbunden werden soll. Ein Alarmzeichen ist es begreiflicherweise auch, wenn der dem Kandidaten der AfD für die Landratswahl in Friesland, Martin Sichert, wegen „islamfeindlicher Tendenzen“ das passive Wahlrecht entzogen wird.

Was die Zukunft betrifft, wird die rot-grüne Bourgeoisie, wie von Houellebecq vorausgesehen, sich bereitwillig dem Islamismus unterwerfen. Aufgabe der liberal-konservativen Kräfte im deutschen Volk wird es dann sein, sich für die „teutsche Libertät“ gegen das ‚islamistische Servitut‘ zu engagieren. Möge der Kampf gelingen!

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