26.09.2012

Der Mythos vom unaufgeklärten Islam

Analyse von Sabine Beppler-Spahl

Die Gewalttätigkeiten in der arabischen Welt im Zusammenhang mit dem Mohammed-Video sind für viele im Westen ein Beleg dafür, dass Islam und Aufklärung nicht zusammenpassen.Widerspruch und eine Warnung vor allzu simplen Deutungen. Die Aufklärung ist universell

Einige meiner Bekannten glauben, der Islam habe die Aufklärung verpasst. Vor allem jetzt, im Zuge der Gewalttätigkeiten in der arabischen Welt. Eine Dame meinte gar, die gesamte muslimische Welt verharre im geistigen Mittelalter. Sie ist nicht die einzige. Volker Kauder, Vorsitzende der CDU/CSU Bundestagsfraktion, äußerte sich schon vor Monaten, zur Zeit des Papstbesuchs, ähnlich:

„Ich sehe in Benedikt XVI. jemanden, der in seinen Reden zu Glaube und Vernunft deutlich sagt, was das Christentum auszeichnet und was etwa der Islam noch vor sich hat. Der Papst macht klar, dass das Christentum durch die Aufklärung gegangen ist. Das ist die Modernität, die dem Islam insgesamt leider noch fehlt.“ [1]

Es ist natürlich und richtig, dass Herr Kauder, als gläubiger Christ, von der Überlegenheit seiner Konfession überzeugt ist. Doch nicht das Lob des Papstes, sondern sein Urteil über den Islam trifft einen Nerv und sichert ihm Zustimmung. Fast wirkt es, als erleuchte jeder, egal wer, im hellsten Schein der Aufklärung und der Moderne, wenn er nur nicht muslimisch ist!

Doch es ist zu simpel, auf die Rückständigkeit anderer Religionen und Länder zu verweisen, um sich selber als Kämpfer für Freiheit, Fortschritt und Wahrheit fühlen zu können. Vor allem in einer Zeit, da es um die Werte der Aufklärung auch bei uns nicht allzu gut bestellt ist. Von Aufklärung ist schnell gesprochen, insbesondere vor dem Hintergrund schwer nachvollziehbarer Gewalt in anderen Ländern. Doch schon die Frage, was die Werte der Aufklärung eigentlich sind, dürfte bei uns kaum einheitlich beantwortet werden. So ist es bequemer, auf andere zu verweisen, und die eigentlich schwierigen Fragen, die den Kern unseres eigenen Zusammenlebens betreffen, zu umgehen.

Meinungsfreiheit

Das Ergebnis ist eine bloße Rhetorik der Aufklärung, die nicht selten mit einiger Theatralik einhergeht, wie z.B. bei der Forderung, das Video „Unschuld der Muslime“ öffentlich zu zeigen. Keine Frage: In einer freien und säkularen Gesellschaft sollte jeder schreiben, zeichnen und filmen dürfen, was ihm gefällt. Auch darf jeder glauben, was er will. Und jeder andere darf sich darüber mokieren. Doch schon bei diesem Grundsatz fangen die Probleme an. Das freie Wort gilt bei uns, aber eben auch nicht immer. Sobald der Grundsatz auf die harte Probe gestellt wird, werden allerorten Gründe angeführt, warum die Meinungsfreiheit eben doch Einschränkungen unterliegen müsse. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendjemand, ob Ehefrau, Behinderter, Schauspieler, Polizist, Fußballer, Umweltschützer, Christ, Jude, Muslim, Gewerkschafter, Lehrer oder sonst wer, sich persönlich beleidigt fühlt und von der Gesellschaft „Respekt“ oder Takt einfordert (ganz abgesehen von der Berufung auf bereits existierende Verfahren bei Beleidigungen von Amtspersonen). Es wäre skandalös, würde das Video „Die Unschuld der Muslime“ verboten, und doch drängt sich die Frage auf, warum ausgerechnet an diesem Beispiel der Kampf für die freie Meinungsäußerung festgemacht werden soll?

Auch der Wunsch, aus diesem Schund ein großes Spektakel zu machen, sollte nicht verboten werden. Er weist aber auf eine Fehleinschätzung hin. Die Kreuzzügler gegen den Islam unterliegen dem Irrtum zu glauben, die Religion sei die größte Bedrohung der Werte der Aufklärung. In ihren Augen untergraben die Proteste gegen anti-muslimische Filme oder Karikaturen die hart erkämpften Rechte der freien Meinungsäußerung. Die Angst, es stünden die Barbaren vor unseren Toren, die, aus fremden Ländern kommend, unsere Freiheit bedrohten, ist längst nicht mehr auf Randgruppen wie Pro-Deutschland beschränkt. Politiker, die gegen besseres Wissen und aus Angst vor Unruhen ein Verbot des Videos fordern, argumentieren im Grunde ähnlich. So spricht etwa Ruprecht Polenz (CDU), Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages, von der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ und mahnt an, dass andere Gesellschaften (die muslimischen) kulturell ein, zweihundert Jahre zurück seien. Für Menschen, so Polenz, die Jahrzehnte in einer Diktatur gelebt haben, sei es nicht vorstellbar, dass ein solches Video ohne staatliche Genehmigung verbreitet werde. Welch Ironie, diesen Irrtum widerlegen zu wollen, indem er ihn durch seine Verbotsforderung bestätigt! [2]

Die Fixierung auf den „unaufgeklärten Islam“ missversteht die Dynamik der Mohammed-Kontroverse und blendet gleichzeitig eine ganze Reihe von komplexen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Problemen der betroffenen Regionen aus. Vor allem aber sind die Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre im Westen und in den muslimischen Ländern viel enger verknüpft, als uns auf den ersten Blick erscheinen mag.

Politik des Gefühls

Ähnlich wie bei uns, haben sich innerhalb der letzten zwanzig Jahre auch in der arabischen Welt Form und Inhalt des Protests verändert. Klare Forderungen fehlen hier wie dort. Während im Westen etwa gegen einen diffusen, schwer zu fassenden „Feind“ in Form der Märkte (Banker) demonstriert wird, richtet sich der Protest der Straße in muslimischen Ländern - ähnlich diffus - gegen all diejenigen, die den Propheten beleidigen. Dies konnte zum ersten Mal im Zuge der gewalttätigen Proteste gegen die Veröffentlichung von Salman Rushdies Die satanischen Verse, Ende der 1980er Jahre, beobachtet werden. Nicht mehr Zorn über militärische Interventionen, Diskriminierung oder Armut, wie in vergangenen Dekaden, befeuerten diese neue Form von Unruhen innerhalb der muslimischen Welt (auch Indien war übrigens als eines der ersten Länder beteiligt), sondern etwas anderes.

Diese Veränderungen, so überraschend sie in den Augen der Zeitgenossen damals auch waren, gingen auch im Westen mit einer Abkehr von der klassische Politik einher. Begriffe wie „Akzeptanz“, „Anerkennung“, „Identität“ und „Respekt“ hielten Einzug in die öffentliche Debatte, während alte, polarisierende Konflikte um die großen Fragen der Politik (Sozialstaat, Abrüstung usw.) in den Hintergrund traten.

Mehr noch: Die Sorge, bestimmte Schriften, Filme oder Theaterstücke könnten andere beleidigen, war im Westen modern, bevor irgendjemand in den arabischen Ländern daran dachte. Statt Konflikte und Meinungsunterschiede offen und ehrlich auszutragen, begann man, „kulturelle Sensibilität“ zu predigen (wenn auch auf sehr heuchlerische Art, denn an eine Gleichheit der Kulturen glaubte niemand). Statt zu fragen, was die Menschheit verbindet und welches ihre universellen Werte sind, wurde der Blick auf Unterschiede gerichtet. Der Multikulturalismus festigte diese Sicht. So ist es eine Ironie der Geschichte, dass in Frankreich aus dem alten, wenig konkreten Slogan von SOS Racisme „touche pas à mon pot“ (Rühr meinen Kumpel nicht an) nun, bei den jüngsten Protesten, „touche pas à mon prophète“ wurde. Schon der alte Slogan war denkbar seicht und auf das gute Gefühl des gegenseitigen „Respekts“ gerichtet, statt z.B. gleiche Bürgerrechte auch für Immigranten zu fordern.

Universelle Aufklärung

Es ist leichter, an einen Koran-induzierten Wahnsinn zu glauben, als sich mit der komplexen Realität auseinanderzusetzen. Der Mythos des unaufgeklärten Islams lenkt ab von den vielen Unsicherheiten, Widersprüchen und Selbstbeschränkungen, die unsere eigene Gesellschaft kennzeichnen. Vor allem sind die selbsternannten Anti-Islam-Aufklärer viel abhängiger von den „protestierenden Massen“ in arabischen Ländern, als ihnen lieb sein kann. So entsteht eine seltsame Verschmelzung zwischen den verfeindeten Gruppen, denn auch die Protestler in den arabischen Ländern brauchen die anti-islamischen Karikaturen und Filme, um ihren „Kampf gegen den Westen“ aufrecht zu erhalten. [3]

Der Behauptung, die Aufklärung habe vor den muslimischen Ländern Halt gemacht, liegt ein starres und technisches Verständnis zugrunde. Die Aufklärung ist universell und nicht regional gebunden, ebenso wie die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft. In einer Zeit, in der religiöse und anti-religiöse Verbotsforderungen die öffentlichen Debatte dominieren, wäre es besser, Aufklärung als einen Prozess zu verstehen, der uns alle immer wieder auf harte Proben stellt. Wenn sie uns eines gelehrt hat, dann, dass die Realität oft anders ist als es auf den ersten Blick scheint. Vielleicht lohnt es sich, an den größten deutschen Aufklärer, Immanuel Kant, zu erinnern, der schon vor zweihundertfünfzig Jahren wusste, dass die sinnliche Wahrnehmung und das Verharren beim Schein der Dinge nicht ausreicht, um zu Erkenntnissen zu gelangen.