23.01.2026
Der Limes der Selbstbehauptung
Von Mark Feldon
Angesichts von Herausforderungen wie Massenmigration und Islamisierung muss Europa sich begrenzen und zugleich seine Zivilisation selbstbewusst verteidigen.
Im Jahr 1969 strahlte die BBC eine monumentale Dokumentationsreihe über die Geschichte des Westens aus: „Civilisation: A Personal View“. Die erste Episode, „By the Skin of Our Teeth" – „um Haaresbreite“ –, begann an den zerklüfteten Küsten Ionas, einer Insel der Inneren Hebriden Schottlands, wo Autor und Moderator Kenneth Clark inmitten der Ruinen einer mittelalterlichen Abtei eine simple Frage stellte: Was macht unsere Zivilisation aus?
Für Clark bestand die Antwort in einer dauernden Ordnung, einer kulturellen Kohärenz, die sich auch in handwerklichen, künstlerischen und architektonischen Zeugnissen offenbarte. Doch diese Ordnung war zu keinem Zeitpunkt selbstverständlich, sondern musste immer wieder erkämpft werden. Die monastischen Gemeinschaften auf Iona bewahrten im Frühmittelalter, als heidnische Wikinger die Küsten plünderten, die christliche Zivilisation – nicht durch militärische Macht, sondern durch kulturelle Beharrlichkeit und Selbstvertrauen: durch das Abschreiben antiker Manuskripte, durch liturgischen Gesang, durch die Aufrechterhaltung einer geordneten Lebensweise inmitten feindlicher Belagerung.
Mehr als ein halbes Jahrhundert später stellt sich die Frage erneut, dringlicher als je zuvor.
Massenmigration aus islamischen Nationen, die Flucht aus dem öffentlichen Raum vor Terror und Gewalt, verlorene Gebiete, in denen das Recht des Stärkeren oder des Propheten gilt, die Zwei-Klassen-Justiz einer beginnenden Anarcho-Tyrannei, islamischer Sektarismus in den Parlamenten, Verfolgung von Oppositionellen – diese Entwicklungen markieren eine Krise der europäischen Ordnung. Das Dogma der Offenheit hat die Grenzen aufgelöst, die eine Kultur zur Selbstbehauptung benötigt.
Eine besondere Zivilisation kann nur dann bestehen, wenn sie nicht universal ist. Identität entsteht durch Unterscheidung. Der Ursprung des Begriffs „Europäer" macht dies deutlich. Seine früheste bekannte Verwendung findet sich in der Mozarabischen Chronik von 754, einer christlichen Schrift aus dem islamisch beherrschten Spanien. Dort wurden die Kämpfer Karl Martells, die 732 bei Tours und Poitiers den Vormarsch moslemischer Heere stoppten, als europenses bezeichnet. Der Begriff war weder ethnisch noch geografisch – er bezeichnete jene, die eine bestimmte Ordnung gegen eine existenzielle Bedrohung behaupteten.
„Als der Limes fiel, verschwand das römische Selbstverständnis.“
Diese Ordnung hatte ihre Wurzeln in der römischen Antike. Die Befestigungen des Limes markierten mehr als einen militärischen Grenzweg – sie definierten eine zivilisatorische Besonderheit. Auf der einen Seite stand die civilitas mit ihrem Rechtssystem, ihrer Stadtkultur, ihrer Literatur, ihrer Redekunst. Auf der anderen Seite das barbaricum – anders organisiert, grundlegend anders strukturiert. Rom verstand sich durch diese Unterscheidung. Als der Limes fiel, verschwand das römische Selbstverständnis.
Nach dem Untergang Roms blieb diese Grenzlogik erhalten. Europa definierte sich durch seine Fähigkeit, die christliche Tradition zu verteidigen: Tours und Poitiers, die Rückeroberung der spanischen Halbinsel, die Abwehr der Osmanen vor Wien, der Kampf gegen die islamischen Barbaresken-Piraten, deren Jagd auf weiße Sklaven sie bis nach England und Island führte – dies waren Momente, in denen Europa sich durch den Gegensatz zu einer expansiven feindlichen Ordnung konstituierte.
Der liberale Kosmopolitismus der Nachkriegszeit hat diese Logik als reaktionär verworfen. An ihre Stelle trat die Idee der universellen Offenheit. Migration wurde zum faktischen Menschenrecht erklärt, Differenz als Ausschluss gedeutet, die Forderung nach Assimilation als rassistisch gebrandmarkt.
Ein Europa, das sich jedoch als grenzenlos begreift, verfällt einem Zustand, den Émile Durkheim Anomie nannte – strukturlose Auflösung. Was Menschen über Jahrhunderte nach Paris, Rom, London oder Berlin zog, war nicht die Grenzenlosigkeit der amorphen Global City. Es war das Europäische: die Ordnung des öffentlichen Raums, die Verlässlichkeit des Rechts, der Schutz des Eigentums, das Zurückdrängen privater Gewalt. Europa war anziehend, weil es unterscheidbar war. Die Trauer über das veränderte Stadtbild ist auch Ausdruck eines Verlustes dieser Unterscheidbarkeit.
„Die islamische Rechtstradition ist mit dem europäischen Rechtsstaat nicht vereinbar.“
Norbert Elias hat in „Über den Prozess der Zivilisation“ beschrieben, wie sich in der Neuzeit eine spezifische Form des Zusammenlebens entwickelte: Ausbildung von Selbstkontrolle, Fähigkeit zur Empathie, Monopolisierung der Gewalt und rechtliche Bindung. Joseph Henrich beschrieb später, wie Europa durch spezifische institutionelle Konstellationen und neuartige soziale Normen – Inzestverbot, Kleinfamilie, Individualismus – eine einzigartige Form sozialer Kooperation und Individualverantwortung beförderte. Diese Zivilisationsleistung ist weder selbstverständlich noch universell. Sie ist historisch kontingent – und reversibel. Es ist dieser Prozess der Entzivilisierung, der in den Innenstädten Westeuropas augenscheinlich wird.
Die große Bedrohung für den Westen ist der radikale Islam. Wir stehen womöglich nicht am Ende einer Terrorserie, die am 11. September 2001 begann, sondern erst an ihrem Anfang. Westliche Geheimdienste haben zwei Jahrzehnte lang Taliban, al-Qaida, al-Shabaab, den Islamischen Staat und all die anderen jihadistischen Gruppen als separate Bedrohungen behandelt, die sich in theologischen Grabenkämpfen selbst zerfleischen. Diese Trennung scheint obsolet. Die Organisationen wurden durch geschickte Heiratsallianzen, gemeinsame Kommandostrukturen und operative Netzwerke verbunden. Die frühere CIA-Analystin Sarah Adams warnt vor einer bevorstehenden dschihadistischen Offensive, die den Massenmord vom 7. Oktober in Israel in den Schatten stellen würde.
Wie in den Jahren vor dem 11. September ignoriert der Westen die gegen ihn gerichtete Kriegserklärung. Die Zeichen sind sichtbar, doch die Bereitschaft zur Verteidigung fehlt. Radikale Muslime greifen Weihnachtsmärkte, Kirchen und Juden an, weil sie dadurch zeigen, dass die westlichen Staaten ihre Bürger nicht mehr schützen können. Sie verfolgen eine Politik der Spannung, die den Staat nicht als faschistisch, sondern als „postheroisch", also impotent entlarven soll. Dies ist eine Folge der unbedingten Offenheit und der Weigerung, die eigene Ordnung durchzusetzen. Europa hat die Erkenntnis verloren, dass außerhalb seiner zivilisatorischen Ordnung eine Barbarei umgeht.
Die islamische Rechtstradition ist mit dem europäischen Rechtsstaat nicht vereinbar, weil sie auf göttlicher Offenbarung statt menschlicher Gesetzgebung beruht. Ihre Geschlechterordnung ist das Gegenteil der europäischen Gleichberechtigung. Mit ihr kehren soziale und kulturelle Praktiken zurück, deren Eindämmung den von Elias und Henrich beschriebenen Prozess der Zivilisation erst ermöglichten. Die Einführung von Scharia-Räten in Großbritannien, die alltägliche Gewalt gegen Frauen, Juden und Christen, die No-Go-Zonen – all dies sind Symptome einer Zivilisation, die ihre Selbstbehauptung aufgegeben hat.
„Grenzen müssen kontrolliert, illegale Migration unterbunden, Abschiebungen durchgesetzt, das Asylsystem grundlegend reformiert werden.“
Der Ökonom Thomas Sowell führt die tiefe Spaltung der westlichen Gesellschaften auf einen fundamentalen Konflikt der Weltsichten zurück.
Die begrenzte Weltsicht geht davon aus, dass der Mensch von Natur aus fehlerhaft ist. Seine Leidenschaften sind nicht zuverlässig moralisch, seine Vernunft nicht omnipotent. Ordnung entsteht daher nicht aus guten Absichten, sondern aus stabilen Institutionen, gewachsenen Traditionen, Recht und Begrenzung. Fortschritt ist möglich, aber stets prekär und reversibel.
Die unbegrenzte Weltsicht hingegen unterstellt, der Mensch sei im Kern gut und unbegrenzt formbar. Wenn er destruktiv handelt, so liegt das nicht an ihm, sondern an falschen Strukturen. Nicht der Mensch muss sich der Ordnung anpassen, sondern die Ordnung dem Menschen. Gesellschaftliche Probleme erscheinen in dieser Perspektive nicht als tragische Spannungen, sondern als technische Aufgaben, die sich durch politische Planung, moralische Umerziehung oder administrative Steuerung lösen lassen.
Sowell zeigt, dass aus dieser utopischen Anthropologie zwangsläufig eine Politik der Entgrenzung folgt. Wenn es keine dauerhaften menschlichen Beschränkungen gibt, erscheinen Grenzen selbst als illegitim: Staatsgrenzen, ökonomische Zwänge, kulturelle Normen, energetische Realitäten. Die unbegrenzte Weltsicht produziert daher jene politischen Großexperimente, die den Westen seit Jahrzehnten prägen. Es ist diese unbegrenzte, utopische Weltsicht, die den Westen nicht reformiert, sondern unterminiert hat.
Der Limes nach außen ist physisch: Grenzen müssen kontrolliert, illegale Migration unterbunden, Abschiebungen durchgesetzt, das Asylsystem grundlegend reformiert werden.
„In Europa gilt europäisches Recht, nicht Scharia. Assimilation ist keine Option, sondern Pflicht.“
Der Limes nach innen ist normativ: Keine alternative Rechtsordnung darf geduldet werden. In Europa gilt europäisches Recht, nicht Scharia. Assimilation ist keine Option, sondern Pflicht. Wer hierherkommt, muss sich der europäischen Ordnung unterwerfen – in Sprache, Recht und Lebensweise.
Der Limes setzt der unbegrenzten Weltsicht eine Grenze: Gegenstand der Politik ist weder die psychologische Zurichtung der Bürger (Maßnahmen gegen „Hass“ oder andere unwillkommene Emotionen) noch die Rettung des Weltklimas, die Beseitigung aller „Fluchtursachen“ oder globale Armut. Ihre Sorge gilt zuerst der Sicherheit, der Freiheit und dem Wohlstand der Staatsbürger.
Die Mönche auf Iona bewahrten die Zivilisation nicht durch visionäre Gesellschaftsmodelle, sondern durch die Aufrechterhaltung von Ordnung inmitten des Niedergangs. Europa muss seine Vergangenheit neu und selbstbewusst lesen. Die griechische Philosophie, das römische Recht, die christliche Caritas, die Aufklärung, die Menschenrechte sind keine universellen Selbstverständlichkeiten, sondern konkrete europäische Leistungen. Dieses Erbe zu verteidigen, verlangt den Mut zu sagen: Dies ist unsere Zivilisation, und wir haben das Recht, sie zu bewahren.
Europa braucht beides: die beharrliche Arbeit der Mönche von Iona und die Grenzanlagen des römischen Limes. Die Mönche bewahren durch kulturelle Disziplin die Flamme der Zivilisation. Der Limes schützt durch physische Präsenz eine gesellschaftliche Ordnung. Kulturelle Beharrlichkeit ohne Grenzschutz ist wehrlos. Grenzschutz ohne kulturelle Substanz ist vergeblich.