19.01.2017

Der Kampf um den Stall

Kommentar von Klaus Alfs

Titelbild

Foto: Xocolatl via Wikimedia Commons

Die Kampagne gegen die Massentierhaltung ist weltfremd und verlogen. Das zeigt sich auch am neuen Buch des grünen Spitzenpolitikers Anton Hofreiter.

Anton Hofreiter, Grünen-Fraktionschef im Bundestag, hat ein Buch geschrieben: „Fleischfabrik Deutschland“, Untertitel: „Wie die Massentierhaltung unsere Lebensgrundlagen zerstört und was wir dagegen tun können“. Die Grundaussage bringt folgendes Zitat auf den Punkt:

„Beim Umgang mit Tieren darf es kein Diktat der Kosteneffizienz geben [...]. Es gibt ein eigenes Tierschutzgesetz, das besagt, dass keinem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden dürfen. Doch welchen Grund gibt es für das Kükenschreddern, als einen rein ökonomischen? Ist das ein vernünftiger Grund? Ganz klar nein. Es kann nicht sein, dass jedes Jahr 45 Millionen Küken direkt nach dem Schlüpfen getötet werden, weil sie schlicht unrentabel sind. Das ist Ausdruck eines pervertierten Systems, in dem industrielle Maßstäbe über ethischen Grundsätzen stehen. Und das müssen wir umkehren.“

Dass rein ökonomische Gründe unvernünftige Gründe seien, ist eine bizarre Ansicht. Wer das ökonomische Prinzip anwendet, handelt rational, da Güter knapp sind. Die Grünen berufen sich ständig selbst auf dieses Prinzip, zum Beispiel, wenn sie gegen die Verschwendung von Ressourcen oder Lebensmitteln protestieren.

„Das rein ökonomische Gründe unvernünftige Gründe seien, ist eine bizarre Ansicht“

Nicht nur beim Konsum, sondern auch bei der Produktion von Lebensmitteln sollte nichts verschwendet werden. Männliche Küken von Legehennen zu päppeln ist jedoch pure Verschwendung. Man müsste für sie viermal mehr Futter einsetzen als bei Rassen, die für die Fleischproduktion ausgelegt sind. Deshalb werden diese „Bruderhähne“ übrigens auch bei der Zucht von Bio-Legehennen nicht älter als einen Tag.

Der sinnvollste Zeitpunkt für das Schlachten ist daher bei den deshalb so genannten Eintagsküken direkt nach dem Schlüpfen. Sobald sie aus dem Ei sind, wird das Geschlecht festgestellt. Den weiblichen steht ein Leben als Legehennen bevor, den männlichen Küken ein schneller, aber deshalb nicht leidvollerer Tod. Sie werden üblicherweise nicht geschreddert, sondern mit Kohlendioxid erstickt und als ganze Kadaver u.a. an Zoos, Falknereien oder Heimtierhalter als Futter verkauft.

Für das Oberverwaltungsgericht Münster ist die effiziente Eierproduktion jedenfalls sehr wohl ein vernünftiger Grund. Das juristische Informationsportal Rechtsindex referiert die Urteilsbegründung des Gerichts vom 20. Mai 2016 folgendermaßen:

„Die Tötung der Küken sei daher Teil der Verfahren zur Versorgung der Bevölkerung mit Eiern und Fleisch. Die wirtschaftliche Gestaltung dieser Verfahren sei für die Brütereien als Erzeuger der Küken unvermeidbar. Hiervon seien auch die für den Tierschutz verantwortlichen staatlichen Stellen über Jahrzehnte hinweg unter Geltung des Tierschutzgesetzes einvernehmlich mit den Brütereien ausgegangen.“

„Hofreiter bewirft das uneinsichtige Volk nun mit faulen Ethik-Eiern“

Das von Hofreiter als „Diktat der Kosteneffizienz“ gebrandmarkte ökonomische Prinzip, das bei der Eierproduktion angewendet wird, hat u.a. den gesellschaftlichen Nutzen, dass sich auch ärmere Menschen hochwertige Nahrungsmittel leisten können. Für die Grünen als eine Partei der Besserverdienenden zählt das nicht. Hier gilt die Devise: Nur teure Lebensmittel sind (moralisch) gute Lebensmittel. Wo kommen wir hin, wenn jeder Prolet einfach Eier in die Pfanne schlägt, ohne sie zuvor von grünen Glucken teuer erbettelt zu haben. Deshalb bewirft Hofreiter das uneinsichtige Volk nun mit faulen Ethik-Eiern.

Das Kükentöten sei „Ausdruck eines pervertierten Systems, in dem industrielle Maßstäbe über ethischen Grundsätzen stehen.“ Wie kann ein Maßstab über einem Grundsatz stehen? Diese Frage hat sich Hofreiter offenbar nicht gestellt. Maßstab ist allerdings ein gutes Stichwort: Wäre nämlich Hofreiters Ethik maßstabsgerecht, müsste er dafür plädieren, seine innig geliebte Biohaltung sofort abzuschaffen. Denn in der Biohaltung haben die Tiere im Schnitt einen schlechteren Gesundheitsstatus als in der konventionellen – und zwar aufgrund der Biovorschriften.

Bioschlachttiere haben mehr Würmer, Lungenentzündungen, Leberschäden. Bioschweine haben mehr Knochenbrüche und weit höhere Ferkelverluste als konventionelle. Sie leiden beträchtlich unter der schlechten Futterversorgung mit eiweißarmem Futter von stickstoffarmen Böden. Freigang von Hühnern ist im ökologischen Landbau vorgeschrieben und mit höherem Krankenstand und höheren Todeszahlen verbunden als Käfig- bzw. reine Stallhaltung.

Warum plädiert Hofreiter nicht dafür, den Hermannsdorfer Landwerkstätten – einem Bio-Vorzeigebetrieb mit bis zu 63 Prozent Ferkelsterblichkeit pro Wurf – die Tierhaltung zu verbieten? Wie sieht es aus mit dem Kupierverbot bei Schweinen? Gibt es einen vernünftigen Grund, das Schwanzbeißen zu fördern (dieses kommt in jeder Haltungsform vor)? Gibt es einen vernünftigen Grund, mit der Ebermast auch das Penisbeißen zu fördern (ein natürliches Verhalten übrigens)? Gibt es einen vernünftigen Grund, die Tiere im Krankheitsfall nicht angemessen zu behandeln, sondern erst mit homöopathischen Mittelchen herumzuquacksalbern (EU-Bioverordnung Art. 14 e 2)? Nein. Es sind rein ökonomische Gründe, nämlich die Angst, mit dem Verlust des Biostatus einen weit geringeren Preis für die Produkte zu erzielen.

„Für ein Huhn ist es ganz natürlich, bereits als Ei oder Küken getötet zu werden“

Man sieht: Hofreiter hat gar nichts gegen Tierleid als solches. Er hat nur etwas gegen Ökonomie, Industrie und „pervertierte Systeme”. Doch was wurde durch die Praxis pervertiert, männliche Küken zu töten? Landwirtschaft und damit auch die Eierproduktion dienen dem Zweck, Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Dieser Zweck ist weder durch Effizienz noch durch Industrie noch durch Eintagsküken pervertiert, also ins Gegenteil verkehrt oder verfälscht worden. Er wird heute besser erfüllt denn je.

Die wörtliche Übersetzung von pervers lautet widernatürlich. Doch für ein Huhn ist es ganz natürlich, bereits als Ei oder Küken getötet zu werden. Ebenso wie es für Arten ganz natürlich ist, auszusterben. Die meisten Wildhühner leben in Kleingruppen von etwa zwanzig Hennen und einem Hahn. Was passiert mit den vielen überzähligen Junghähnen? Sie werden von den Hühnern vertrieben und landen rasch in den Mägen der Beutegreifer. Wer natürliche Verhältnisse für Hühner wollte, müsste genau das machen, was in freier Wildbahn auch geschieht: die überflüssigen Männchen aussieben. Der Ausdruck Perversion ist also fehl am Platz.

Da Biohaltung keineswegs mehr Tierwohl bedeutet, bleibt in dieser Logik als Konsequenz nur noch die Abschaffung der Nutztierhaltung. Dies deutet sich bei Robert Habeck bereits an, dem grünen Umwelt- und Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein, der sie generell für nicht mehr erforderlich hält, um die Lebensmittelversorgung sicherzustellen.