03.09.2018

Der Große Panda in der engen Sackgasse

Von Peter Heller

Titelbild

Foto: PredragKezic via Pixabay / CC0

Der niedliche Panda ist ein Irrweg der Evolution. Für das Ökosystem spielt er keine Rolle, sein Aussterben wäre folgerichtig und unproblematisch. Doch der Mensch hält ihn am Leben.

Dem Großen Panda geht es besser. Knapp zweitausend Exemplare soll es in freier Wildbahn wieder geben. Folgerichtig wurde sein Erhaltungszustand im Jahr 2016 von „gefährdet“ (endangered) auf „verletzlich“ (vulnerable) hochgestuft. Dies ist zweifellos ein Erfolg von Artenschutzbemühungen. Die aber mit dem hierzulande populären Dogma von der „zu bewahrenden Schöpfung“ nichts zu schaffen haben. Tatsächlich entlarvt der Panda jede Vorstellung von der Existenz eines „Schöpfers“ als Aberglauben. Es sei denn, dieser wäre entweder ein Idiot oder ein Witzbold, der uns absichtlich einen fehlkonstruierten Bären aufbindet, um sich über unsere Bemühungen zu amüsieren.

Selbst jedenfalls wirft sich der Panda nicht für seine Rettung ins Zeug. Obwohl ihm als Bär vielversprechende Optionen offenstünden. Aber er nutzt keine davon. Ihn motiviert nur der Bambus. Zu selten verleibt er sich andere Pflanzen oder Kleingetier ein, um wie sein ferner Verwandter, der Braunbär, Lebensräume auf der gesamten eurasischen Landmasse besetzen und mit seinen Babys füllen zu können. Nein, der Panda möchte nur dort sein, wo auch der Bambus ist.

Vor wahrscheinlich fünfzehn Millionen Jahren erklommen seine Vorfahren die zentralchinesischen Berghänge und wagten sich bis in Höhen von mehreren tausend Metern vor. Kalt, feucht und dicht bewaldet, so kann man diesen Lebensraum beschreiben, eine im Grunde karge Umgebung, die zwar Ruhe vor Fressfeinden oder Nahrungskonkurrenten bietet, aber eben auch kaum mehr. Vom Bambus einmal abgesehen. Den zu vertilgen den Ahnen der heutigen Pandabären daher einen Fortpflanzungsvorteil gegenüber jenen Artgenossen verschaffte, die dieser neuen Speise mit größerer Zurückhaltung begegneten und mehr Mühen bei der Suche nach Verpflegung auf sich nahmen. Konsequent eliminierte die natürliche Selektion deswegen die Anlagen Letzterer aus dem Genpool der Population. Und begünstigte phänotypische Anpassungen, die letztlich in die Bildung einer neuen Art in geographischer Isolation mündeten.

„Wer sich einer ‚nachhaltigen‘ Lebensweise verschreibt, der verliert und verschwindet.“

So funktioniert Evolution. Sie belohnt Individuen für ein Verhalten, das die Unsterblichkeit der eigenen Keimbahn befördert und bestraft jene, deren Benehmen in dieser Hinsicht weniger effektiv ist. Mutation und Selektion werden nicht gesteuert. Man kann diese Prozesse nicht an- oder abschalten. Sie finden einfach statt und sortieren Gene ganz so, wie die Gravitation Massen anordnet oder der Elektromagnetismus Ladungen. Und so wenig, wie in der Schwerkraft ein Plan verborgen ist, Gesteinsplaneten wie die Erde zu erzeugen und sie mit Sonnenlicht zu versorgen, so wenig arbeitet die Evolution auf ein bestimmtes Ziel hin. Ob Einfachheit oder Komplexität, ob Spezialisierung oder Flexibilität, alle Wege, die der Physiologie oder dem Verhalten innerhalb des durch die jeweilige Umwelt vorgegebenen Rahmens offenstehen, können beschritten werden. Ob sie sich langfristig als sinnvoll erweisen, ist dabei unerheblich, es entscheidet allein der unmittelbare, kurzfristige Nutzen hinsichtlich der Erzeugung überlebensfähiger Nachkommen in ausreichender Zahl. Gier und Opportunismus helfen da sehr; wer sich bescheidet und zurücknimmt, sich einer „nachhaltigen“ Lebensweise verschreibt, der verliert und verschwindet. Die Natur kennt nur Maßlosigkeit und Verschwendung. Das Leben ist eine Entropieschleuder und gestaltet durch seinen Stoffwechsel selbst die Bühne ständig um, auf der es seine Geschichte erlebt.

Lithosphäre, Hydrosphäre und Atmosphäre dieses Planeten werden durch die Biosphäre ununterbrochen neu geformt. Das bevorzugt Arten mit großen Anpassungsspielräumen. Den Bambusbären aber hat es in eine Sackgasse verschlagen, aus der es kein Entkommen mehr gibt.

Seine körperlichen Adaptionen an die Lieblingsspeise, vor allem im Verdauungstrakt, ändern nämlich am geringen Nährwert des Bambus nichts. Entsprechend groß ist der Tagesbedarf eines ausgewachsenen Exemplars. Dutzende Kilogramm braucht ein Panda, was ihn bis zu sechzehn Stunden beschäftigt. Da bleibt nicht viel Zeit für andere Aktivitäten, für erotische Abenteuer, Expeditionen in neue Gebiete oder das Erproben neuer Nahrungsquellen. Zumal er ausgerechnet die jungen, frischen Sprossen bevorzugt, die ihn langsam, aber sicher mit Blausäure vergiften. Entsprechend träge tappt er durch die Bambuswälder, ausgebremst von einer Stoffwechselrate, die weniger als die Hälfte derjenigen anderer Säugetiere vergleichbarer Größe beträgt. Seine Unlust zu allen Anstrengungen, Geschlechtsverkehr inklusive, ist legendärer Anlass zur Verzweiflung für die Mitarbeiter in den diversen Nachzucht- und Auswilderungsprogrammen.

„Wer ausstirbt, kann nicht wichtig sein, sonst wäre es nicht soweit gekommen.“

Angesichts all dessen wäre ein baldiges Aussterben des Großen Panda keine Überraschung. Jede Änderung der Umstände, in denen er sich mehr schlecht als recht eingerichtet hat, kann für ihn die Katastrophe bedeuten. Es mag ein Wettbewerber sein, der den Bambus effektiver und effizienter verwertet, es mag eine Pflanze sein, die den Bambus verdrängt, es mag eine Mikrobe sein, die ihn dahinrafft, oder gar ein Räuber, der sein Fleisch als äußerst schmackhaft empfindet. Ob solche oder andere Szenarien eintreten: Unter nahezu allen denkbaren Entwicklungen stünde der Große Panda vor keiner großen Zukunft. Sein Verschwinden würde auch niemandem auffallen, denn er erfüllt keine Funktion und dient keinem höheren Zweck. Ob es Pandas gibt oder nicht, spielt für den Rest der Welt keine Rolle. Außer vielleicht für den Bambus. Und der wäre eher entzückt denn betrübt, hätte er denn ein zu Emotionen fähiges Zentralnervensystem.

Bei näherem Hinsehen gilt das für alle Arten auf diesem Planeten. Wer ausstirbt, kann nicht wichtig sein, sonst wäre es nicht soweit gekommen. Wer ausstirbt, hinterlässt höchstens neue Optionen für andere, aber keine betrauerte Lücke. Wo manche Beobachter Harmonie zu sehen glauben und ein fein aufeinander abgestimmtes System gegenseitiger Bedarfserfüllung, herrschen in Wirklichkeit Krieg und Chaos. Das Leben ist auf Unordnung angewiesen, es ruft sie sogar selbst hervor. Schon sein Ursprung, der langsame, aber stetige Übergang von geochemischen zu biochemischen Prozessen, erforderte dauerhafte energetische und stoffliche Gradienten in Umgebungen, in denen sich reaktionsfreudige und katalytische organische Moleküle räumlich konzentrierten und daher immer komplexere Strukturen durch immer mehr unterschiedliche Reaktionsketten bildeten. Zu leben verlangt, diese Energie- und Stoffströme aus eigener Kraft erzeugen und aufrechterhalten zu können. Sind solche doch zwingend notwendig, um eine molekulare Maschinerie anzutreiben, die sich selbst erhält und vervielfältigt.

Leben ist also Folge und Ursache von Ungleichgewichten, die sich von der Zellatmung ausgehend bis in makroskopische, ja sogar globale Dimensionen erstrecken. Stabile Ökosysteme gibt es nicht. Auf Dauer trifft es zwingend entweder den Panda oder den Bambus – oder beide. Momentan verfügt der Panda über die schlechteren Karten. Zu ineffektiv nutzt er die Ressourcen seiner Umgebung, um sich halten zu können. Nur eine unwahrscheinliche, aus Sicht des Bambusbären äußerst glückliche Fügung würde ihn retten. Tatsächlich ist genau diese bereits eingetreten, als ausgerechnet der Mensch in seinen Lebensraum vordrang. Denn an diesen ist der Panda, ohne sich je darauf vorbereitet zu haben, ausgesprochen gut angepasst. Die im Grunde einfachen Regeln der Evolution erzeugen automatisch eine Komplexität der Formen und ihrer Beziehungen zueinander, die dem Zufall einen großen Spielraum bietet.

„Sterben die Menschen, sterben auch die Pandas. Nicht andersherum.“

Drei Talente machen den Panda für uns, und nur für uns, für ausgerechnet die einzige Art auf diesem Planeten, die ihm wirklich aus der Patsche helfen kann, überaus kostbar. Müde schaut er aus seinen schwarzumrandeten Augen in die Welt, gelangweilt kugelt er sich über den Boden und mühevoll knabbert er sitzender Haltung am Bambus, die vorderen Gliedmaßen wie Hände benutzend. Dem können wir nicht widerstehen. Was die chinesische Regierung dazu bewegt, in diesem Zusammenhang wie ein gewinnorientiertes Privatunternehmen zu handeln und ihn mit großem Aufwand zu pflegen und zu hegen. Der Panda ist diplomatisches Kapital und wertvolle ökonomische Anlage zugleich. Deswegen wird er nicht aussterben können, nicht aussterben dürfen, solange es Menschen gibt.

Es war also ein Irrtum, den Panda überhaupt auf die „rote Liste“ zu setzen. Stattdessen hätte er schon immer auf eine „grüne Liste“ gehört, die die Arten umfasst, die es nur noch oder überhaupt nur deswegen gibt, weil der Mensch durch die direkten und indirekten Auswirkungen der von ihm geschaffenen Technosphäre zu einem bedeutenden Faktor der natürlichen Selektion aufgestiegen ist.

Vor allem umweltbewegte Wohlstandsbürger westlicher Prägung, durch einen Schutzschild artifizieller Kulturlandschaften der Wildnis entzogen, mögen diese Perspektive nicht. Viele Zeitgenossen sehen im Menschen einen Zerstörer, wo er doch in Wahrheit nur Lebensräume verändert und neue erschafft. Sie meinen, der Mensch gefährde seine natürlichen Lebensgrundlagen, obwohl es solche doch gar nicht gibt. In Wahrheit behauptet sich Homo sapiens seit mindestens 300.000 Jahren in einer ihm feindlich gesonnenen Umwelt, in der nichts auch nur das geringste Interesse daran hat, von ihm gegessen oder auf sonst eine Art genutzt zu werden. In der die Evolution ihm deswegen keine andere Chance bot, als eben den Weg zu beschreiten, auf dem er sich bis heute halten konnte. Den Weg, der ihn erst dazu in die Lage versetzte, den Panda zu bewahren. Eine grundsätzlich andere Richtung einzuschlagen, wäre also nicht nur für die Menschheit verheerend. Sterben die Menschen, sterben auch die Pandas. Nicht andersherum.